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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-09-01 · 35 (1.9.1905) · page 11

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
35 (1.9.1905)
Date
1905-09-01
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 35 Dr. Bloch's Wochenschrift. Seite 555 zu leiten berufen wurden. In einer liberalen Kammer befand sich ein Abgeordneter aus Galatz, ein Herr Sekiaris, der noch nicht einmal die rumänische Sprache erlernt hatte, und es sollen sehr viele angesehene rumänische Politiker, die, wenn nicht der rumänischen Sprache unkundig, doch es vorziehen, unter sich und in ihren Familien griechisch zu sprechen. Diesen Griechen wurde die Erwerbung der bürgerlichen Rechte dadurch erleichtert, daß sie — wie der hochoffiziöse „Conservatorul" selbst konstatiert — auf Grund falscher Atteste als Kutzowalachen sich ausgeben und derart die Vorteile ausnutzen, die ein Absatz der Verfassung den Rumänen, die nicht rumänische Staatsbürger sind, bei Erwerbung des Bürgerrechtes gewährt. Dieser selbe „Conservatorul" findet jetzt sein Herz für die Juden wieder. Er hebt hervor, daß die Juden Wohl ihre Fehler hätten, was ja niemand bestreitet, daß sie aber doch gute Patrioten feien, die im Lande bleiben und zur Vermehrung des Wohlstandes und des Fortschrittes desselben im Gegensatz zu den Griechen redlich ihr Teil beitragen. Ob danach zu erwarten ist, daß man den Juden mehr Gerechtigkeit widerfahren lassen wird, ist fraglich. Aus dem Leben eines Judenfressers. Das vor einigen Jahren verstorbene Stadt überhaupt von Odessa, General Seljone, konnte keinen Juden riechen. Zwar verkehrte er in den Häusern der jüdischen Millionäre von Odessa sehr gerne, da diese sich nicht lumpen ließen und an ihn im Kartenspiel freudig einige tausend Rubel jährlich verloren. Umsomehr haßte er aber solche Juden, denen man im Kartenspiel nichts abnehmen konnte. Der kleine öffentliche Park in der Nähe seines Palais, der aus den Beträgen der christlichen wie der jüdischen Steuerzahler unterhalten wurde, durfte von keinem Juden betreten werden. Der betreffende Befehl lautete ebenso?ur§ wie drastisch. „Saujuden ist der Zutritt verboten". Eines Tages erblickte General Seljone auf einer Bank des verbotenen Paradieses einen älteren bärtigen Mann fitzen, der, in die Lektüre eines Buches vertieft, das gestrenge Oberhaupt von Odessa nicht bemerkte und auch bei seiner Annäherung den Hut nicht lüftete. „Wie heißt du!" schrie Seljone den Mann an, „und wie heißen Sie" lautete die ruhige Gegenfrage. „Du Schwein, Du Saujude" brüllte der Judenfresser, außer sich vor Wut., „Polizei her! . . . Wer hat es gewagt, diesen Juden hineinzulassen? . . . Nehmt ihn fest! ... Diese Frechheit! . . . Mich das Stadtoberhaupt von Odessa, nicht kennen zu wollen!..." „Ich bin weder ein Schwein noch ein Saujude", lautete die gemessene Antwort. „Ich bin General wie Sie und heiße K." Tableau! „Eine verfluchte Stadt", knirschte Seljone, „in der man einen General für einen Juden halten kann". Einen zweiten Reinfall erlebte Seljone mit einem Mitglied der russischen Hocharistokratie, einem Fürsten G. Letzterer hatte einen Offizier 1000 Rubel auf einen Wechsel geborgt, den er an einen jüdischen Kaufmann weiter zedierte. Letzterer, der von dem Offizier das Geld nicht in Güte erhalten konnte, klagte den Wechsel ein und erhielt vom Gerichte eine Pfändungsvollmacht. Der Offizier aber eilte zu Seljone und teilte ihm mit. daß ein ihm unbekannter Jude einen Wechsel von ihm zu besitzen vorgibt, den er niemals ausgestellt hat. Sofort ließ Seljone den Kaufmann zu sich bestellen. „Schuft, du Sohn einer Hündin", schrie er ihn an. „Sofort gibst du die Pfändungsvollmacht her oder du fliegst binnen 24 Stunden aus Odessa". Der eingeschüchterte Jude gab, ohne sich erst darnach zu erkundigen, ob Seljone das Recht habe ihn, ohneweiters auszuweisen, das verlangte Dokument heraus. Kurz darauf schrieb Seljone einen Brief an den Fürsten G., in welchem er diesen sein Erstaunen darüber ausdrückt, daß er als Christ und russischer Fürst sich mit einen Saujuden in Geschäftsverbindung einläßt. Die Antwort, die Seljone erhielt, hatte er nicht hinter den Spiegel gesteckt. Der Fürst dankte ihm für den gut gemeinten Rat und teilte ihm gleichzeitig mit, daß er einen Odessaer Rechtsanwalt beauftragt hat, ihn, den General Seljone, wegen Mißbrauch der Amtsgewalt und Erpressung zu verklagen. Darauf beeilte sich der General, dem Kaufmann K. die Pfändungsvollmacht zurückzusenden. Solche unerhörte Gewalttätigkeiten, welche selbst das Privateigentum nicht respektierten, durfte sich ein russischer Würdenträger selbst sogar in den friedlichsten Zeiten den Juden gegenüber erlauben. Was erst die Juden in den heutigen unruhigen Tagen vom Tschinowniktum zu erdulden haben, ist ja aus der famosen Bekanntmachung des Homeler Polizeimeister Chlebnikow bekannt. Kein Wunder, daß unseren armen vielgeplagten russischen Glaubensgenossen die Geduld reißt und sie überall Gewalt mit Gewalt vergelten. Die Bevölkerung Rußlands. Angesichts der gegenwärtigen Lage Rußlands und des speziellen Interesses, das wir Juden durch die in diesem Lande schmachtende Hälfte unseres Volkes an Rußland haben müssen, ist eine Zusammenstellung der französischen Zeitschrift „Mouvement Geographique" interessant, der wir das Folgende entnehmen : In völkerkundlicher Hinsicht gebührt dem russischen Reiche die Eigenschaft, das bunteste und in seiner verschiedenartigen Herkunft interessanteste Völkergemisch zu enthalten. Rußland hatte bei der letzten Zählung 125,640.021 Einwohner. Obenan stehen an Zahl die eigentlichen Russen mit 83,933.567, die bekanntlich aber auch noch in Groß- und Kleinrußland, in Weiß- und Rotrußland unterschieden werden, kommen an zweiter Stelle die Polen mit 7,931.307 Seelen, an dritter die Juden mit 5,063.156. Erhebliche Teile der Bevölkerung stellen außerdem noch dar die Kirgisen und Kosaken mit 4,084.139, die Tataren mit 3,737.627, Deutsche mit 1,790.489, die Baschkiren, Tegtjahren mit 1,438.136, die Letten mit 1,435.937, Georgier, Jmmeretier und Mingrelier mit 1,336.448, Littauer mit 1,210.510, Armenier mit 1,173.086, Moldavier und Rumänen mit 1,121.669. Morduanten mit 1,023.841 und Esten mit 1,002.738. Mit geringeren Ziffern, unter einer Million, treten hinzu die Sorten mit 968.655, die Chuwaschen mit 843.755, die Tschetschensen mit 819.576, die Karakirgisen mit 802.807, die Usbeken mit mit 727.534, die Kalmücken und Buriäten mit 469.311, die Schmuden mit 448.022, die Tateten und Tadschicks mit 445.153, die Wotjaken mit 420.970, die Tscheremissen mit 375.439, die Finnen und Korelen mit 351.169, die Turkmenen mit 281,357, die Kurden und Osseten mit 271665, die Sirjanen und Permjaken mit 258.305, die Jakuten mit 227.384, Türken mit 208.822. Griechen mit 186.925, Bulgaren mit 172.726, die Kabardiner und Abchafier mit 170.572, die Kumiks und Nogais mit 147.488, endlich 66.270 Turgusen und 50.385 Böhmen. Das ergibt 48 einzelne Volksstämme, wozu noch 632.667 Vertreter verschiedener, ganz kleiner Völkerschaften treten, deren besondere Aufzählung nicht lohnt. Man ersieht aus dieser Uebersicht, welch schwierige Aufgaben die Entwirrung der russischen Völkerkunde der Wissenschaft noch vvrbehält, denn selbverständlich ist die Abstammung der einzelnen Stämme und ihre etwaige Verwandtschaft untereinander noch weitaus nicht genügend erforscht. Uebrigens entfallen von jener Gesamtzahl von 125 ‘/5 Millionen fast */-, genauer 97 Millionen auf die ländliche Bevölkerung, 14 Millionen find städtische „Bürger", 1.220.169 gehören zum erblichen Adel, 640.000 sind Beamte, 589.000 Ackerbürger, 640.000 Geistliche, 282.000 Handelsleute, 605.500 Fremde. Nur ein Drittel der eigentlichen russischen „Bürger" können ihren Namen schreiben (!), kaum ein Zehntel der eigentlichen russischen Fraueu können lesen, aber, fügt der Bericht hinzu, alle können trinken. Die Schreckenstage von Bialyftok. lieber die gräßlichen Vorgänge in Bialystok wird dem „Berliner Tageblatt" noch folgendes mitgeteilt: Am frühen Nachmittag fand eine Arbeiterversammlung statt; von Demonstrationen konnte nicht die Rede sein, weil bereits seit sechs Wochen die ganze Stadt und besonders das Arbeiterviertel stark vom Militär bewacht sind. An eine kleinere Gruppe von jungen Leuten, acht bis zehn Mann, trat eine Militärpatrouille heran und forderte sie auf, auseinanderzugehen. Die jungen Leute, mit Ausnahme dt s einen, gingen sofort von dannen; der letztere, der noch etwas stehen blieb, wurde auf der Stelle von einer Gewehrkugel durchbohrt; er

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