Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 35 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Gette 554 Nr. 35 Dr. Mocb s Moebenscdrirr. Zunge und trockenem Gaumen eine Labung zu gewähren, denen kein freundlich Dienender sich nähert, um Wünsche zu erfüllen und das gedrückte Gemüt durch freundliche Worte aufzurichten? Solche Betätigung ist Parole und Devise des Vereines und wo es nötig ist, erstreckt sich seine Fürsorge auf die Genesenden dann weiter. Die jüdischen, verlassenen Patienten sehen mit Sehnsucht, Zuversicht und Hoffnung diesen obligaten, allwöchentlichen Besuchen entgegen, wenn Kummer, Leid und Sorge neben den physischen Leiden sie bedrücken, Bangigkeit und das Gefühl der Verlassenheit die Fremden quält. Nebst freundlichem Zuspruch und Trostworten wird ihnen Labung verabreicht und das Versprechen wieder zu kommen, muntert die Aermsten auf und bannt ihre Verzweiflung. Aber die Anforderungen und dringenden Humanitätspflichten wachsen im gleichen Maße wie der Verein, und fühlt sich die Vereinsleitung derzeit dringend bewogen, ein Asyl zu schaffen für diejenigen, welche, aus den Spitälern entlasten, noch zu schwach sind, um gleich die Heimreise anzutreten, oder einige Tage brauchen, um die Mittel zur Reise zu beschaffen; gar oft, auch wegen Platzmangel hinausgedrängt und auf ambulatorische Weiterbehandlung für kurze Zeit verwiesen werden, um ganz zu gesunden. Mögen sich doch edle Menschenfreunde und Gönner bei geeigneten Anlässen diesen Vereinsbestrebungen fteundlich zuwenden und Bestrebungen solcher Art durch Legate und Widmungen fördern! Der Vereinsvorstand. Auskünfte erteilt aus Gefälligkeit die Redaktion dieses Blattes. Aus zwei Religionen klassifiziert. In der Gemeinde Proschwitz bei Gablonz hat sich in dem eben abgelaufenen Schuljahre ein ganz merkwürdiger Fall ereignet. Ein neunjähriges Schulmädchen, welches katholisch geboren, aber gleichzeitig mit dem Austritt der Mutter vor 6 Jahren Jüdin wurde, besuchte zuerst die Volksschule in einer anderen Stadt, genoß daselbst den jüdischen Religionsunterricht in der 1. und 2. Klaffe, hat auch Zeugnisse aus der jüdischen Religion erhalten und kam dann infolge Versetzung des Vaters des Mädchens in die 3. Klaffe in Proschwitz. Dort ist nun der merkwürdige Fall eingetreten, daß das Kind nicht allein den jüdischen Religionsunterricht genoß, sondern auch veranlaßt wurde, am katholischen Religionsunterrichte teilzunehmen und daß dasselbe auch aus dem katholischen Religionsunterrichte klassifiziert wurde, so daß am Schluffe des Schuljahres das Kind sowohl aus der jüdischen, als auch aus der katholischen Religion Klassen erhielt und daß die Folge davon war, daß in das Zeugnis bei Religion eine Null beigesetzt wurde, da offenbar der Schulleiter in Verlegenheit war, was er in das Zeugnis beim Absätze „Religion" hineinsetzen soll. Wie wir erfahren, hat der hievon verständigte Vertreter unserer Konfession im Landesschulrate, Herr Dr. Ludwig Ben dien er in Prag, die schleunigste Abhilfe und Herstellung der gesetzlichen Ordnung veranlaßt. Berlin. Eine unserer vornehmsten Privatfirmen, das Banchaus Meyer-Cohn, wird am 1. September die Feier des fünfzigjährigen Bestehens begehen. Die Firma wurde 1855 von dem im Jahre 1891 verstorbenen Geheimen Kommerzienrat Meyer-Cohn begründet. Von kleinen Anfängen ausgehend, hat die Firma im Laufe der Jahre immer mehr an Bedeutung gewonnen und sich einen vorzüglichen Ruf nicht nur im Jnlande, sondern auch außerhalb Deutschlands erworben. In erster Reihe hat sich die Firma der Pflege des regulären Bankgeschäfts zugewendet. Von erheblichem Umfange ist ihre Tätigkeit im Börsenkommissionsgeschäft für Rechnung einer weit ausgebreiteten Klientel, die sich namentlich aus begüterten aristokratischen Kreisen rekrutiert. Die jetzigen Inhaber des Bankhauses sind die Herren Emil Heymann, ein Schwager des Begründers der Firma, und Herr Justizrat Dr. Heinrich Meyer-Cohn. Worms. (Preisausschreiben.) Der Vorstand der hiesigen israelitischen Religionsgemeinde hat aus Anlaß des 800-jährigen Todestages R a s ch i s einen Preis von Mk. 300 gestiftet für eine Schrift über: „Was bedeutet Raschi für seine Zeit, wie wirkte er in der Folge und von welchem Werte sind seine Schriften noch für die Jetztzeit?" Die Schrift soll 48 Oktavdruckseiten nicht überschreiten und in allgemein verständlicher volkstümlicher Fo:m verfaßt werden. Sie muß ein Kennwort enthalten, das sich auch auf dem beizugebenden, den Namen des Verfassers enthaltenden Briefumschläge befindet. Die preisgekrönte Schrift wird Eigentum der Wormser israelitischen Gemeinde, die sie nach der Drucklegung weiten Kreisen zugängig machen wird. Einsendungstermin bis 1. Jänner 1906. Preisrichter die Herren: Rabbiner Dr. Salfeld-Mainz, Dr. Steckelmacher-Mannheim, Dr. Stein-Worms. Das Andenken Emil Zolas zu trüben, versucht im Augenblicke die sogenannte nationalistische Presse in Paris, indem sie ostentativ die Aeußerungen des italienischen Journalisten Lumbroso zitiert (der nicht zu verwechseln ist mit dem italienischen Gelehrten Lombroso), Aeußerungen, die darauf hinauslaufen, daß Frau Emile Zola irgendwo gesagt habe, ihr Mann hätte für seine Artikel über Dreyfus 50.000 Francs jährlich vom „Figaro" bekommen. Hierauf entgegnet der „Figaro": „Madame Zola hat diese Mitteilung dementiert und wir können uns diesem Dementi nur beigesellen. Außer seinen literarischen Arbeiten, die ihm natürlich gezahlt werden mußten, hat Herr Zola drei Artikel geschrieben, die sich auf die Angelegenheit Dreyfus' bezogen. Auf seinen Wunsch — und unsere Bücher beweisen es — hat er für diese Artikel keinerlei Honorar erhalten, und übrigens hörte nach seinem dritten Artikel aus verschiedenen Gründen seine Mitarbeiterschaft beim „Figaro" aus. Herr Lumbroso war also in dieser Sache schlecht unterrichtet." — Frau Zola machte den Besitz ihres Mannes in Mädan dem öffentlichen Armeninstitut von Paris zum Geschenke. Gestern fand die Uebergabe der Besitzung statt. Brüssel. Professor Leo E r r e r a ist hier am 6. August im 47. Lebensjahre verstorben. Leo Errera stammte aus der bekannten altangesehenen Familie. Er war Botaniker von Beruf und hat sich, in seiner Wissenschaft einen angesehenen Namen erworben. Für das nächste Studienjahr wurde er zum Rektor der Universität gewählt; außerdem war er Mitglied der Akademie der Wissenschaften.' Seine innige Liebe zu seinen Glaubensgenossen führte ihn zur Zeit der Judenhetzen in Rumänien in die Arena des Kampfes. Sein Buch über die Lage der Juden in Rußland, dessen deutsche Uebersetzung Theodor Mommsen mit einer Vorrede begleitet hat, ist ein flammender Protest gegen das Moskowitertum. Die Beerdigung des hochangesehenen und beliebten Mannes fand am 8. August unter zahlreicher Beteiligung weiter Kreise statt. Zahlreiche Reden wurden am Grabe gehalten, die die Verdienste Errera's nach allen Richtungen seiner Tätigkeit würdigten. Es sprachen Chev. Marchart für die Akademie, Vanthier für die Universität, Reichler für. die Fakultät, der der Verstorbene angehörte, Durand, Direktor des Botanischen Gartens, und verschiedene Andere. Am Grabe hielt der Großrabbiner von Brüssel, Armand Bloch, die Leichenrede. Bukarest. Endlich gehen den rumänischen Politikern die Augen auf und sie erkennen, daß sie mit der Unterdrückung der jüdischen Bevölkerung dem Vaterlandc einen schlechten Dienst erwiesen haben. Während durch die seitens der rumänischen Regierung gegen die Juden geübte systematische Vernichtungspolitik mehr wie 60.000 Juden — lauter kräftige, arbeitsame Leute, die kein anderes Vaterland als Rumänien kannten — zur Auswanderung gezwungen wurden, ließen sich an deren Stelle Griechen als Kaufleute, Dorfwirte, Gutspächter häuslich nieder. Obgleich verschiedene bekannte Antisemiten in ihren Schriften wiederholt festgestellt haben, daß die Griechen die Bauern aufs Schlimmste ausbeuten, zogen sie doch daraus keine Konsequenzen und hetzten gegen die Juden weiter. Die Bevorzugung der Griechen ging so weit, daß, während Juden von den Kammern stets mit der Forderung der Bürgerrechte zurückgewiesen wurden, die Griechen dutzendweise das rumänische Bürgerrecht erlangten, ja, bereits in ihrer ersten Generation als Abgeordnete, Bürgermeister ufw. die Geschicke des Landes