Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 35 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 35 Dr. Mocb's Mocbenscdrm. Seite 553 Stunde stiller Andacht zu weihen. Wenn ich von stiller, weihevoller Andacht spreche, so ist dies keine Redensart, denn der Gottesdienst in dieser prächtigen Synagoge ist wirklich erhebend zu nennen. Mächtig steigt der fromme Gesang empor, erhebt den Geist und stimmt andachtsvoll das Herz. Die musterhafte Ordnung in diesem Gotteshause, der stimmungsvolle Gesang eines wohlgeschulten Chors tragen im wahren Sinne zur Heiligung des Gottesnamens bei. Dieser Gottesdienst könnte vielen Gemeinden außerhalb Deutschlands zum Muster dienen. Der Herr Rabbiner war ebenso wie in Nürnberg nicht anwesend, ein Vikar vertrat ihn. Ueber die Verhältnisse der Münchener Juden erfährt man das Beste. Sie erfreuen sich großen Wohlstandes und nehmen sehr geachtete, ja vornehme Stellungen ein. Und wieder machte ich einen Streifzug in die Vergangenheit. Vor 620 Jahren, es war im Jahre 1285, mußten sich die Münchener Juden, gegen welche die Anklage des Ritualmordes erhoben worden war, vor der wütenden Pöbel in die Synagoge flüchten, an diese wurde von dem entmenschten Menge Feuer gelegt und 180 Personen fanden den Tod in den Flammen. Diese historische Erinnerung zog an mir vorüber, als ein katholischer Geistlicher, welcher dem Gottesdienste in der Synagoge andächtig beiwohnte, mich wegen verschiedener Vorgänge bei diesem befragte. Auch über das Vorlesen aus der Thora wollte er manches wissen. Täuschen wir uns darüber nicht; gar vieles aus unserem Gottesdienste wirkt befremdlich auf den Andersgläubigen, aber auch auf unsere Jugend, die nicht mehr in den alten Üeberlieferungen aufwächst. „Alles begreifen, heißt alles verzeihen", und ich glaube, man sollte es manchem jungen Menschen von heute vergeben, wenn er unserem Gottesdienste, wie er sich im Laufe der Jahrhunderte entwickelt hat und noch jetzt besteht, nicht immer andachtsvoll folgen kann. Man schiebe den Mangel an religiösem Geiste in unserer Jugend nicht allein den vielverlästerten Religionslehrern in die Schuhe und klage nicht, wie es so oft in, fast möchte ich sagen, frevlerischer Weise geschieht, den Religionsunterricht wegen der Abtrünnigkeit vom Judentume an. Die Religionslehrer tun ihre Pflicht, aber wie vermögen sie gegen den Geist der Zeit anzukämpfend Freilich sagt Goethe: „Was ihr den Geist der Zeiten heißt, Das ist im Grund der Herren eigner Geist." Ich glaube nun, es wäre an der Zeit, wenn die „maßgebenden Herren" auch im Bezug auf unseren Gottesdienst dem Geiste der Zeit Rechnung trügen — mit diesen Gedanken verließ ich Münchens prächtige Synagoge. Das „Schalend" in einem jüdischen Restaurant der Hartmannstraße ist nicht so schlecht wie „Unter den Linden", ließ aber die Sehnsucht nach den Fleischtöpfen der heimatlichen Gefilde doch in mir erwachen. . . Was sind Bilder, Bavaria, Wagnermusik, was ist selbst Hof- und Matheserbräu, wenn der leere Magen vor Hunger nach einer gesunden Hausmannskost schreit? Man tut gut, ehe man Salzburg erreicht, in Reichenball bei einem mährischen Glaubensgenossen Einkehr zu halten. Die Berge blicken uns neugierig auf die Teller, die rasch geleert werden. Was das Publikum in diesem Kurorte anlangt, so könnte man wohl beim Gebete einige Minjanim zusammenstellen. Ich bemerkte dies insbesondere im „Wiener Kaffee", in dem fleißig die Karten gemischt wurden und Oesterreicher und Ungarn bereits den Ausgleich geschlossen zu haben schienen. Wenn man aus Deutschland nach Wien kommt, dann freut man sich hier zwar des guten Essens, aber eigentümlich mutet die Stille der österreichischen Residenz an, verglichen mit dem Gewühle der Friedrichstraße in Berlin und Kauffungerstraße in München. Wann wird auch die Donaustadt aus ihrem lethargischen Schlafe erwachen? Dr. M. G r ü n f e l d. Korrespondenzen. Zum Kapitel: Religionsschule. Der Artikel unseres vorwöchentlichen Blattes unter obiger Spitzmarke hat zahlreiche Zuschriften an uns veranlaßt, von denen wir folgende bekanntgeben: Herr Redakteur! Unter der Aufschrift „Religionsschule" konstatiert Ihr Blatt sehr zutreffend, daß die derzeitige Religionsschule ihrem eigentlichen Zwecke wenig entspricht. Mehr als das: sie macht unsere Kinder nicht allein nicht zu guten Juden — im Gegenteil, sie macht sie zu Gegnern und Verächtern alles Jüdischen, wie kommt das? — Meines Erachtens daher, daß die Kinder mit vielem Ueberflüssigen geplagt werden, aber schon frühzeitig einsehen, daß sie, auch wenn sie fleißig find, nichts Rechtes lernen. Ganz besonders gilt dies vom Hebräischen. Die Art, wie die heilige Sprache gelehrt wird, kann zu keinem Erfolg führen. Ist es möglich, daß ein Schüler von bloßen Zuhören in der Schule eine fremde und so schwierige Sprache erlerne? — Bis er aus der Schule nachhause kommt. hat er die meisten Vocabeln schon vergeffen. Wie soll er dann zu Hause repetieren? Da er bald erkennt, daß er es nie auf einen grünen Zweig bringen kann, wird ihm der Gegenstand verhaßt. — Da müßte mit einem eisernen Besen ausgekehrt werden. Die ganze Lehrweise müßte verändert werden. Ein gut jüdischer Vater. Herr Redakteur! Ich halte es für ganz richtig, daß Sie in Ihrem letztwöchentlichen Blatte die Methode des Hebräisch-Unterrichtes als für unsere Zeitverhältniffe unpassend bezeichnen. Diese Art des Unterrichtes: Lesen u. wörtliches Uebersetzen war anwendbar, solange der Schüler täglich stundenlange das Chumisch oder den Sidur vor sich hatte und dann am Sabbath den Wochenabschnitt rekapitulierte. Als dann statt des häuslichen Unterrichtes die Schule mit einstündig täglichen Unterricht eingeführt wurde, happerte es bereits sehr mit der Kenntnis unserer heiligen Sprache und als nochmals das Volksschulgesetz die Unterrichtszeit auf zwei Stunden per Woche reduzierte, hörte die Kenntnis des Hebräischen für die neue Generation fast vollständig auf. Daß der Vorstand trotz dieser kläglichen Resultate die gleiche Lehrweise fortbehält, daß unter der Schar der Religionslehrer kein Einziger aufsteht und die Zweckwidrigkeit des Unterrichtes beleuchtet, in eine andere Methode vorschlägt, ist unbegreiflich. Wir Laien haben längst eingesehen, daß die Methode nichts tauge, aber die Herren Lehrer halten sich die Augen zu und bleiben beim zwecklosen Schlendrian! Fühlen denn die Lehrer nicht daß sie durch ihr passives Verhalten sich selbst den Boden ihrer Existenz entziehen? Und der löbliche Kultusvorstand — warum schweigt derselbe und duldet diese grundfalsche Lehrweise, welche den wichtigsten Gegenstand, die Sprache unseres Gebetes und unserer Thora den Kindern zum Ekel macht? Da wäre es hohe Zeit umzukehren und an eine gründliche Umwandlung zu denken. F. P. Herr Redakteur! Ich habe mit Jntereffe den Artikel über die Religionsschule in Ihrer letzten Nummer gelesen und glaube ebenfalls, daß es nötig wäre, den öffentlichen Unterricht in der hebräischen Sprache von Grund aus umzuändern. Daß sich mit einem anders gearteten Unterricht, der sich dem modernen Sprachuntericht anschmiegt, weit bessere Resultate erzielen lassen, das kann Jedermann, der sich dafür interessiert, aus den Erfolgen einiger Vereinsschulen erkennen, welche schon seit mehreren Jahren im X. und II. Bezirke bestehen. In diesen Schulen, welche aus Privatmitteln erhalten werden und daher nicht gezwungen sind, den Lehrplan des Kultusvorstandes einzuhalten, lernen die Schüler das Hebräische, wie sie in einer Sprachschule das Französische lernen würden. Sie lernen die wichtigsten Regeln der Grammatik und sammeln einen gewissen Wortschatz. Da der letztere größtenteils Worte umfaßt, welche in der Bibel oder in den Gebeten Vorkommen, so hilft ihnen dies natürlich zum allmäligen Verständnis der Thora und des Sidur. In beiden Schulen finden sich 13- und 14jährige Knaben, welche leichtere Stellen prima vista übersetzen können. — Warum der Kultusvorstand diesen Sachverhalt einfach ignoriert und es nicht wenigstens in Erwägung zieht, ob er in seinen Schulen nicht Aehnliches versuchen solle, ist unerfindlich. Fm alter Lehrer Wien. Dem Mädchen- und Frauen-Vereine „Krankenbesuch Bikur chaulim" fiel ebenfalls aus dem Baron Rothschildfonde eine Spende von 2000 Kronen zu. Dieser in stetem Aufschwünge und schöner Entwicklung stehende Verein übt auf dem Humanitätsgebiete eine achtungswerte und dringend nötige Tätigkeit aus. Die armen jüdischen Kranken in den Wiener Spitälern fühlen in wohltuendster Art den Hauch der Menschenliebe und jüdischer Teilnahme über ihrem Krankenlager schweben durch die bereits zum Flugworte gewordenen allwöchentlichen Besuche einer wackeren Schar von Vereinsschwestern in gemischter Alltagskleidung. Kann es was Edleres geben, als die Krankensäle suchend und spähend geräuschlos zu durchwandern, um Glaubensschwestern und -Brüder zu entdecken, welche einsam, ohne freundliche Ansprache liegen und nicht in der Lage find, ihrer lechzenden