Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-09-01 · 35 (1.9.1905) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
35 (1.9.1905)
Date
1905-09-01
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3020846-3021602-3021638--14761-3039489
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

(Sette 652 Dr. BLvch's Wochenschrift. Nr. 35 Wahrend die Versuche anderer, in die formelhafte und schwierige Sprache der babylonisch-assyrischen Kontrakttäfelchen einzudringen, vielfach aus Mangel an juristischem Verständnis gar seltsame Blüten zeitigten, richtete sich Opperts Bemühen vor allem darauf, diesen Zeugnissen des täglichen Verkehrslebens rechtlich mögliche und geschäftlich denkbare Verhältnisse abzugewinnen und so von dem sachlichen zum engeren Wortverständuis vorzudringen. Meist und oft hat dieser divinatorische Weg zum Ziele, hin und wieder freilich auch auf Abwege geführt. Die Auffindung von Hammurabis großem umfassenden Gesetzbuch muß für Oppert in zweifachem Sinne erfreulich gewesen sein: hatte doch der Begründer der babylonisch-assyrischen Rechtskunde vorzeiten auch das erste der Dokumente richtig gewürdigt, die von der Existenz jenes altbabylonischen Herrschers, der sich allmählich als der eigentliche Begründer babylonischer Reichseinheit und Größe herausstellte, Kunde gaben. Auf sein an wissenschaftlichen Erfolgen und an äußerer Anerkennung reiches Leben durste Julius Oppert mit gerechtem Stolze zurückblicken. Dessen blieb er, wie sein gesamtes Auftreten erkennen ließ, allezeit eingedenk. Von den vielen Bonmots und Anekdoten, die von Julius Oppert zirkulieren, möchte ich eine, wie mir scheint für seine Art besonders charakteristische hier anführen. Sie hat den Vorzug voller Beglaubigung : Mein verstorbener Bruder weilte 1883 in Paris. Oppert machte mit ihm eine Droschkenfahrt. Beim Verlassen des Gefährtes ruft Oppert dem Kutscher zu: „Vous etes le triple cube de treize.“ Dieser, höchst beleidigt, erwidert gereizt: „Vous m'jnsultez, Llonsieur." Er ahnte nicht, daß ihm Oppert, in seiner mit Stolz gemischten Freude an mathematischen Exempeln und Spielereien, lediglich eine arithmetische Eigenschaft seiner Droschkennummer 6591 zu Gemüte geführt hatte. Verhältnismäßig spät hat Oppert eine Familie gegründet; der Gemahlin, den Stieftöchtern und ihren Angehörigen und dem eigenen einzigen Sohne ist er, wie .auch seinen zahlreichen jüngeren Geschwistern und ihren Familien, allezeit das treu sorgende und liebevolle Familienhaupt geblieben. Auch Julius Oppert hat die verjüngende und jung erhaltende Kraft erfolgreicher wiffenichaf licher Arbeit an sich erfahren dürfen Freilich, die Schärfe seiner Augen hatte er dem Studium der enggeschricbenen keilinschriftlichen Tontafeltexte zum Opfer bringen müssen. Die ihm daraus erwachsenden empfindlichen Entbehrungen trug er gelaffen, und mit großer Mühe setzte er seine umfangreiche schriftstellerische Tätigkeit und Korrespondenz fort. In Kissingen war ein regelmäßiger Kurgast und wie auf den internationalen Orientalistenkongreffen — eine wohlbekannte typische Erscheinung. Aber ein eigentlicher Krasteruckgang, ein Aufhören der geistigen Regsamkeit sind ihm erspart geblieben. Sir Henry Austen Layard, Sir Henry Rawlinson sind der eine etliche, der andere nur wenige Jahre vor ibm dahinaegangen, aber wie lange schon standen sie dem geistigen. Leben der Oeffentlichkeit fern! Oppert hat bis. zuletzt — manche seiner Schüler, namentlich die beiden bedeutenden Stanislaus Guyard und Arthur Amiaud überlebend — rüstig unbearbeitet an dem Ausbau des Gebäudes, das er hat schaffen helfen. Und wie er äußeren Jeinden und inneren Störungen gedeihlicher Entwicklung mit markigen Worten und wuchtigem Schlage zu begegnen wußte, davon hat er wiederholt Proben gegeben. Mitten aus voller Tätigkeit ist Oppert abgerufen worden, in einer Sitzung der Akademie befiel ihn am 18. August eine Ohnmacht aus der er in den nächsten Tagen nur noch auf Augenblicke wieder erwachte. Ein gesegnetes Leben und ein beneidenswerter Tod! So steht Julius Oppert vor uns als ein Vollendeter, dem es beschieden war, die Wissenschaft bahnbrechend und nachdrücklich zu fördern und dafür die Anerkennung der Zeitgenossen zu ernten. Auch den Nachlebenden wird sein Wirken und sein Beispiel Mahnung und Ansporn sein. _ „Die Zeit." Reisedriefe aus Deutschland. Ende August 1905. In Leipzig wurde Kronrat gehalten. Vorsitzende war meine dortige Hauswirtin, die mich für wenige Stunden in dem „Klein- Paris" Goethes beherbergt hatte. Was würde Goethe heute von Leipzig und anderen deutschen Städten sagen! Doch ich habe von unserem Kronrate gesprochen, dem meine Hauswirtin, eine biedere Warschauerin, die sich jetzt stolz als Deutsche bezeichnete, präsidierte. Es handelte sich in besagter Sitzung um Quartier und Kost. Ich hatte in Bezug auf diese für Reisende so wichtigen Gegenstände in Berlin und Hamburg gar zu traurige Erfahrungen gemacht. Die Hotels fand ich überfüllt, und, ob mir gleich überall ein, wenn auch nicht stilles Plätzchen, zum Ruhen gegönnt war. so ftage man nicht nach den Wirkungen, welche die koschere Küche Norddeutschlands auf meinen, wahrlich an bessere Kost gewöhnten Magen ausübte. Verhülle ob aller dieser Ausbrüche, bewirkt durch die „Schalendspeise", die mir ein koscherer Wirt „Unter den Linden" darbot, verhülle darob, mitleidiger Leser und erbarmungsvolle Leserin dein Haupt. Hier erst verstand ich das Wort, das Spiegelberg den „alexandrinisch flennenden" Karl Moor zuruft: „Tee. Bruder, Tee." Ohne sonst mit Rußland zu sympathisieren, trank ich in Berlin und Hamburg das russische Nationalgetränk in Mengen und, sonst ein geschworener Feind des verpestenden Alkohols, lernte ich hier die Vorzüge von Rum und Eognac schätzen; so tief sinkt der Mensch, der sich „Unter den Linden", zwei Etagen hoch, seinen Magen durch „Schalend" verdorben hat. Für weniger gebildete Leser schalte ich hier ein, daß „Schalend" nichts anderes ist, als die von Heine so gepriesene und der Götterspeise gleichgesetzte Schalet. Die oft genannte Warschauerin also meinte: „In Nürnberg werden sie trotz der vielen Fremden, die jetzt dort Tucherbräu trinken, im „Luftsprung" Backfische essen, die Frauenkirche mit ihrer berühmten Uhr besichtigen oder die Burg besteigen, Quartier bekommen, in München — ja, in München, da wird es schwerer gehen. Sie wissen wohl, das Hof- und Matheserbräu üben auf die Fremden eine große Anziehungskraft aus; im Priuz-Regeut-Theater führen sie die „Nibelungen" auf, aber die ernsten von Wagner, nicht die „lustigen" von Strauß; die Automobilisten brechen sich die Hälse und sonstigen Gliedmaßen, . um den Herkomerpreis, die katholischen Handelsangestellten haben sich in der Bier-, Bilder- und Musikstadt soeben versammelt, um über Standesfragen zu beraten. Weißwürste zu verzehren und sich am Augustiner und Franziskaner — natürlich Bräu — zu laben, die Bäcker haben soeben dort eine Ausstellung veranstaltet, da wird es für ein gewöhnliches Menschenkind, das weder ein katholischer Handelsangesteüter, noch ein Automibilist, noch ein Bäcker und nicht einmal ein Millionär ist, die grundsätzlich nur in den „Vier Jahreszeiten" wohnen, schwer sein, ein bescheidenes Hotelzimmerchen zu ergattern. Doch, hier haben sie eine Adresse, gehen sie ins „Hotel Metropole" und grüßen sie mir den dortigen Portier, und nun Gott befohlen". Mit dieser liebenswürdigen Empfehlung ausgestattet, reiste ich nach München. Wer würde aber auf dieser Tour nicht in Nürnberg halt machen? Vor 19 Jahren hatte ich in dieser Stadt Hans Sachsens geweilt, doch wie hat sie sich inzwischen gedehnt und gestreckt, diese Perle des Frankenlandes? Am Vorabend des Tischah-be-Ab kam ich in dieser herrlichen Stadt an, die ja auch für die jüdische Geschichte eine ziemlich große Bedeutung hat. Kaiser Konrad räumte sie während des zweiten Kreuzzuges den Juden als Asyl ein. Furchtbar war das Blutbad, daß unter den Juden dieser Stadt am 1. August 1298 infolge der blutigen Verfolgungen des Rindfleisch angerichtet wurde. Die von den Fremden so vielbesuchte Burg weiß etwas davon zu erzählen. Mardochai den Hillel, Ascheris Studiengenoffe. starb hier mit seinem Weibe und fünf Kindern als Märtyrer. Das sind doch rechte Nmebab-be-Ab-Gedauken. was? Doch, es kommt noch — furchtbarer! Es war im Jahre 1348 in der Zeit des „schwarzen Todes". Kaiser Karl IV. regierte damals, der seine „goldene Bulle" auf einem Reichstage in Nürnberg erlassen hatte. Die Juden in dieser Stadt hatten Reichtümer erworben, stattliche Häuser auf dem Marktplatze sich erbaut und die Mißgunst vieler verschuldeter Christen erregt. Der Kaiser, der seinen Churfürsten das Recht eingeräumt hatte, „nee uou duäaeos babere", d. i. Juden sich halten zu dürfen — oh, du schöne, alte Zeit! — konnte seine jüdischen Untertanen nicht schützen und so wurden sie auf dem „Judenbichl" verbrannt oder erschlagen.- Während diese geschichtlichen Erinnerungen mir durch den Sinn gehen, klagt der Vorbeter der prächtigen Synagoge mit den alten Jammerworten des trauernden Propheten. Der Herr Rabbiner war nicht anwesend, seiu Stellvertreter, deffen Namen ich trotz 'aller Nachforschungen nicht erfahren konnte, rüstete sich zu einer Predigt, die ich aber nicht über mich ergehen ließ, denn Jeremias und Nürnbergs Geschichte predigten laut genug. Die letztere erzählt auch, wie die Nürnberger Juden am 10. März 1499 die Stadt verlassen mußten. Dies hatte Kaiser Maximilian 1. dem Rate der Stadt, in dem auch der gelehrte Willibald Pirkheimer saß — natürlich für gutes Geld gewährt — nach dem Wortlaute der Urkunde aber, „wegen der Treue, welche die Stadt Nürnberg von jeher dem kaiserlichen Hause erwiesen". Heute gibt es in Nürnberg zwei Synagogen, eine „neue", alte möchte ich sagen, denn sie ist die orthodoxe, und eine „alte", neue möchte ich sie nennen, denn sie ist die reformierte, und in ihr wird am Vorabend Tiscbah-be-Ab gepredigt. Die Juden Nürnbergs sind übrigens, wie mir ein Gewährsmann versicherte, sehr wohlhabend und stramme Deutsche. In München empfing mich der liebenswürdige Portier des „Hotel Metropole" mit freundlichem Lächeln und der Versicherung, daß in „ganz München" kein Hotelzimmerchen frei sei. Sie wissen schon, katholische Handelsangestellte, Automobilisten, Bäcker, Kunstbummler, Engländer, Franzosen, Amerikaner u. s. w., Menschen aller Art, füllten die Stadt. Der freundliche Pförtner aber empfahl mir ein Privatquartier in der Schwantalerstraße. Eine Mesusa an der Türe sagte mir, daß mein Wirt ein „Jsraelite" sei, wie mir dies auch das frenndliche Stubenmädchen bestätigte, die sich als Protestantin und Bewuuderin der Kunst vorstellte. Sie stammte übrigens aus Bayreuth und meinte, der Frau Kosima Wagner werde nichts übrig bleiben, als den „Parsifal" freizugeben, denn im Prinz-Regent- Theater werden allabendlich Richard Wagners Meisterwerke aufgeführt, jeder Sitz koste 20 Mark und es sei stets ausverkauftes Haus. Bayreuth sei geschlagen und der „Parsifal" nicht länger für diese Stadt zu halten. Da sage man noch, die Kunst erobere sich nicht die Welt, wenn heute Stubenmädchen also über Wagner, „Parsifal" und die „Nibelungen" sprechen. Der Besuch der Pinakotheken, des Hofbräus, des Starnbergersees und der „Bavaria" hinderte mich nicht, auch der Synagoge eine

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.