Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 35 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 35 Dr. Dlocb s Mlocbenscvrlrr. Seite 551 Für die systematische Erforschung Babyloniens war dagegen bisher nur wenig geschehen. Dieser Aufgabe sollte eine französische Expedition dienen, für die die Assemblee Nationale im Jahre 1851 eine Summe von 70.000 Franken bewilligte und zu deren Mitglied neben Fulgence Fresnel, dem ehemaligen französischen Konsul in Dschedda, und neben dem Architekten F. Thomas unser Julius Oppert erkoren wurde — für den jugendlichen Ausländer eine hohe Auszeichnung. Nach dreijähriger Abwesenheit 1854 zuriickgekehrt, ging Oppert alsbald an die Verwertung der Erfahrungen und Ergebnisse der Reise, die, nach vereinzelten Vorberichten, in seinem umfassenden und grundlegenden zweibändigen Hauptwerke „Expedition sn Mesopotamie" niedergelegt wurden. Den Gang der Reise und deren unmittelbare Ergebnisse schilderte der erste Band. Erlitten die letzteren auch dadurch eine gewisse Beeinträchtigung, daß die gesammelten Kleinfunde an Altertümern im Mai 1855 auf dem Transporte größtenteils in den Fluten des Tigris begraben wurden, so waren doch von den wichtigsten Inschriften und Gegenständen Zeichnungen vorhanden. Auch lagen die Aufgaben der Expedition im wesentlichen in anderer Richtung. Sehr eingehend hatte sich Oppert namentlich mit der Topographie des alten Babylon befaßt — Forschungen, bei denen ihm seine ausgezeichnete Kenntnis aller einschlägigen Berichte der klassischen Autoren zu Hilfe kam. Heute gilt es als allgemein bekannt, daß der auf dem reckten Euphratufer gelegene große Trümmerhügel el Kasr — einer der größten auf dem umfangreichen Trümmerfelde von Babylon — den großen Palast Nebukadnezars und seiner Nachfolger berge, in dem auch Alexander der Große residiert hatte und gestorben war. Diese Identifikation rührt von Oppert her. An sie anknüpfend, hat die deutsche Orientgesellschaft im Jahre 1899 die noch jetzt im Fortgang begriffenen Grabungen begonnen, die denn auch den Palast mit dem schön dekorierten Thronsaal Nebukadnezars sowie die von ihm erneuerte und mit dem Löwen in bunter Emaille geschmückte Prozessionsstraße aufgedeckt haben. Ebenso wendete Oppert dem Stadtbilde von Babylon seine besondere Aufmerksamkeit zu. Nach den Schilderungen des Herodot, mit denen andere unabhängige Schilderungen im Einklang stehen, wäre die Stadt von einer quadratischen Doppclmaner umgeben gewesen, deren genau angegebene Dimensionen ein Areal von zirka 565 Quadratkilometer umzogen hätten, natürlich einschließlich unbewohnter, dem Landbau vorböhaltener Teile. Oppert glaubte ans den vorhandenen Spuren die ungefähre Richtung der Mauern bestimmen und den Umriß der gewaltigen Stadt wiederhersteUcn zu können. Seine Aufstellungen werden von den gegenwärtig in Babylon grabenden deutschen Technikern in Zweifel gezogen. Ein Irrtum Opperts in der Bestimmung der Mauerzüge würde aber keineswegs bedingen, daß diese Mauern nie existiert hätten und daß alle die verschiedenen Nachrichten über die gewaltige Größe von Babylon — zu den Zeugen gehört auch Aristoteles, Alexanders des Großen Lehrer und Freund — in das Bereich der Fabel gehörten. Den Vertretern einer so unmethodischen und unberechtigten Kritik des Herodot hat der greise Meister noch im verflossenen Jahre unter dem Titel: „Ist das Paradies gefunden?" in der „Zukunft" (l2. März 1904. S. 397 bis 406) eine kernige, witzsprühende und herzerquickende Abfertigung angedeihen lassen. Band I der „Expedition en Llesopotawie" erschien im Jahre 1863, vier Jahre vorher bereits Band II: „vechickl erneut des inscriptions cuneformes“, eine methodische Darlegung der gesamten Entzifferung der babylonisch-assyrischen Keilinschriften. Ein langer, verschlungener und mühevoller Weg, diese Entzifferung! Die achämenidischen Inschriften waren meist nicht bloß in der oben besprochenen altpersischen Keilschrift und Sprache abgefaßt, sondern in drei nebeneinander stehenden Fassungen, deren letzte die komplizierteste, an Zeichen reichste war. Dieser letzteren Gattung ähnelten die bei den Ausgrabungen in und um Ninive in ungeahntem Maße zutage getretenen Inschriften: die dritte Gattung der achämenidischen Inschriften war also babylonisch-assyrisch. Ihren Inhalt kannte man; er bot ja lediglich eine Uebersetzung der altpersischen Fassung. Jetzt galt es, in den Wortlaut einzudringen, um mit der so gewonnenen Kenntnis nunmehr die einsprachigen assyrischen und babylonischen Inschriften zum Reden zu bringen. Sir Henry Rawlinsons Entdeckung der großen Inschrift von Bisitun und seine Bearbeitung erst der altpersischen, dann (1851) der altbabylonischen Version wiesen den Weg. Man erkannte eine semitische, mit dem Hebräischen, Arabischen, Aramäischen verwandte Sprache. Aber ungeheuer kompliziert war die Schrift. Nicht eine Lautschrift wie die altpersische lag vor, sondern eine Schrift, die mit Begriffs- und Silbenzeichen, notgedrungen in erdrückender Anzahl, operierte. Dasselbe Zeichen kann als „Ideogramm" und als Silbenzeichen fungieren, und die Silbenzeichen sind zudem großenteils polyphon, haben zwei bis drei, ja sechs bis sieben Werte. So drückt ein und dasselbe Zeichen die Begriffe „Sonne", „hellsein", „leuchten" aus und kann die Silbenwerte nt, ln, u, tarn. bar, par, lach, chisch haben. Klarheit in dieses Wirrsal gebracht zu haben, ist das unsterbliche Verdienst vor allem dreier Männer, eines Rawlinson, eines Hincks und unseres Oppert. Auf ihren Schultern steht die Affyriologie allüberall, auch da, wo sie. wie jede in der Entfaltung begriffene Wissenschaft, über den Standpunkt ihrer ersten Begründer hinausgelangt ist. Sein assyriologisches Fundamentalwerk, die „Expedition“, veröffentlichte Oppert als Professor des Sanskrit an der kaiserlichen Bibliothek zu Paris — ein Amt, das er seit 1857 bekleidete. Dem Sanskrit ist, obwohl fein Forschungsgang ihn weit von diesem Ausgangspunkt seiner Studien abgeführt hat, sein Jntereffe doch allezeit zugewendet geblieben, und noch vor wenigen Jahren hat seine in deutschem Verlag erschienene Sanskrit - Grammatik eine zweite Auflage erlebt. Im übrigen aber ist Indien die Domäne seines jüngeren Bruders Gustav Oppert geblieben, der, anfangs Bibliothekar der Königin von England, dann Profeffor des Sanskrit an der Universität Madras, jetzt, nach Ablauf seiner zwölfjährigen Lehrperiode in Indien, sich nicht völlig in das Privatleben zurückgezogen hat, sondern an der Berliner Universität Sanskrit und besonders die einheimischen dravidischen Sprachen behandelt und lehrt. Bei seinem Bruder Gustav war es, wo ich Julius Oppert im vergangenen Jahre in voller geistiger und anscheinend auch körperlicher Frische sah. Professor des Sanskrit ist der Affyriologie Julius Oppert noch auf Jahre nach dem Erscheinen der „Expedition en Llesopotamie“ geblieben. Erst 1869 wurde ihm, nachdem er ein Jahr vorher die Grundzüge einer wiffenschaftlichen Behandlung der babylonischassyrischen Grammatik veröffentlicht hatte, ein Lehrstuhl der Affyriologie am College de France übertragen, der 1874 zur ordentlichen Professur erhoben wurde. Im Jahre 1881 wurde er dann zum Mitglied der Academie des Inscriptions erwählt und damit Membre de l’Institnt. Auch die kaiserliche Akademie der Wissenschaften in Wien und die königlich preußische Akademie der Wissenschaften zählten ihn zu ihren korrespondierenden Mitgliedern. Opperts zahlreiche Schriften umfassen alle Seiten des dank ihm und seinen vor ihm dahingegangenen Genossen zu so großer Bedeutung gediehenen Gebietes der Keilschriftforschung: Sprache, Geschichte, Chronologie, Kulturgeschichte, die Beziehungen zum Alten Testament wie zum Griechentum. Ueberall hat er anregend und befruchtend gewirkt. Jrrtümer sind auch ihm so wenig wie anderen Pfadfindern erspart geblieben. Aber der bahnbrechenden und bleibenden Errungenschaften, die ihm allein zu danken sind oder an denen er hervorragend beteiligt ist, sind so viele, daß wir uns mit einer andeutenden Aufzählung begnügen müffen. Der Erkenntnis, daß der babylonisch-assyrischen Keilschrift eine Bilderschrift zugrunde liege, folgte die wichtige Entdeckung, daß diese Schrift nicht von den semitischen Bewohnern des ZweistromlandeS, den Babyloniern und Affyrern, erfunden sein könne. Denn der „Fisch" heißt in deren Sprache niinn, die „Hand" idn, der „Kovf" resehn, „leuchten" naxnäru Die Silbcnwerte der betreffenden Zeichen sind aber nicht nun, id, resch, nam, sondern cna, sehn, sag und lach. Erfunden ist also die Schrift von einem Volk, in dessen Sprache der „Fisch" eba, die „Hand" sehn, der „Kopf" sag, „leuchten" lach hieß. Des Volk wurde dann auch in den Keilschriften erwähnt gefunden: es sind die Sumerier, wie Oppert sie von vornherein richtig benannte, und allmählich stellte sich heraus, daß einesteils historische Dokumente in sumerischer Sprache aus alter Zeit vorhanden waren, andererseits noch in späteren Epochen die ältere, weder semitische noch indogermanische Sprache jener Begründer der babyloniichcn Kultur von den babylonischen Priestern und Gelehrten literarisch gepflegt und wissenschaftlich behandelt wurde. Der Erschließung des Sumerischen ist Opperts Aufmerksamkeit bis zum Ende seiner Tage unausgesetzt zugewendet geblieben, und manchen grimmen Strauß hat er gegen Josef Halevy ausgefochten, der die Existenz der sumerischen Sprache mit einer an sich bewundernswerten, aber an einer verlorenen Sache verschwendeten und daher schädlichen Beharrlichkeit trotz aller Gegenbeweise Opperts und derer, die seine Ueberzeugung teilen, zu leugnen noch heute fortfährt. Der für Oppert charakteristischen Kombination des Philologen und Historikers mit dem Mathematiker bot die Chronologie ein ergiebiges Feld, um so niehr als sie bei den Bewohnern des Zweistromlandes eine ungewöhnlich ausgiebige und tiefgehende Pflege erfahren hat. Freilich stand der envgiltigen Verwertung besonders auch der keilinschriftlichen Angaben über Finsternisse, bei denen er auch die astronomischen Berechnungen selbständig ausführte, ein sonderbares Hindernis im Wege. Oppert hat mit seltsamer, wenn auch biographisch erklärlicher Zähigkeit an der Annahme festgehalten, daß die Chronologie der biblischen Königsbücher authentisch sei und daher durch die Keilinschriften wohl bestätigt, nicht aber korrigiert werden könne. An anderen Stellen der babylonisch-assyrischen wie auch der biblischen Chronologie ist Opperts philologischer, und mathematischer Scharfsinn mit größerem Glück zur Geltung gekommen. Mathematik und Geschichte reichen sich auch in Opperts metrologischen Studien die Hand. Namentlich ist sein Etalon des mesnres assyriennes für die Bestimmung und die Geschichte der Maße und der Gewichte des Zweistromlandes bedeutungsvoll gewesen, aus ihnen haben sich, wie Böckh ahnend erkannt hatte und nachmals der Schreiber dieser Zeilen im einzelnen Nachweisen durfte, die Maße und Gewichte des gesamten Altertums entwickelt — eine Entwicklung, die erst mit der Einführung des Metersystems ihren Abschluß gefunden hat. Dienten Opperts metrologische Forschungen bereits der Kulturgeschichte des Handelsverkehrs, so bat in den voonwents juridiqnes de l’Assyrie der einstige Rechtsbefiiffene das Studium des für das antike Recht so bedeutsamen babylonischen Rechtswesens angebahnt und es in vielfältigen Einzelstudien allmählich und nachdrücklich gefördert.