Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 35 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Dr. Mocb's Mocbenscbrttt. Nr. 35 dem Handel, in welchem sie sich bislang unbehelligt bewegen konnten, zu verdrängen. Es dürste eingewendet werden, die Gefahr sei ja nicht groß und noch abwendbar, da der unheilvolle Beschluß des Permanenzausschusses ja noch nicht Gesetz..geworden, daß die Bäume nicht bis in den Himmel wachsen und daß nicht so heiß gegesien als gekocht wird. Wie jedoch die Erfahrung lehrt, streben die antisemitischen Giftpflanzen tatsächlich bis in die Sterne, und der antisemitische Brei wird auch bis zum Ersticken heiß geschluckt. In gewifler abfälliger Richtung ist auch das arme Oesterreich das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Die vollste Handels- und Gewerbesteiheit, unter der Herrschaft des krassesten Absolutismus eingeführt (1859), eine Maßregel von den weittragendsten, wohltätigsten Folgen, die das wirtschaftlich weit zurückgebliebene Oesterreich mit einem Ruck in die Reihe der fortgeschrittenen Industriestaaten emporhob, sie wurde nach und nach derart wieder eingeschränkt, daß nunmehr nur noch ein Zerrbild vorhanden ist. Aber nicht genug daran, man erfrecht sich noch, viel weiter zurückzugreifen. Der Handel, der vor 1859 vollständig steigegeben war, auch dieser soll nun eine tiefeinschneidende Einschränkung dadurch erfahren, daß der Ausübende sich mit einem Befähigungsnachweis, der durch ein sechsjähriges Lehr- und Gehilfenzeugnis zu erbringen ist, auszuweisen haben wird. Man sage nicht, daß unter dieser Erschwernis auch arische Kreise leiden werden, dies macht nichts. Mag auch Oesterreich dabei ganz zu Grunde gehen, wenn nur einige Tausend Juden davon betroffen, in ihrer Existenz vernichtet werden, dem gemeinen Instinkte des Hasses, der Wollust, den Juden einen neuerlichen Todesstoß versetzt zu haben, ist gestöhnt worden und dies genügt. Und wie, wird man stagen, benimmt sich zu alledem der maßgebende Faktor, die Regierung. Sie spielt hiebei eine ebenso zweideutige als jämmerliche Rolle. Die Regierungsvertreter im Permanenzausschusse erklären wohl, gegen die Einführung des Befähigungsnachweises für die Handelsgewerbe zu sein, beteiligen sich aber mit einem einer besseren Sache würdigen Feuereifer an der Debatte, machen tiefeinschneidende Konzessionen — alles unter Wahrung des gegenteiligen Standpunktes — und ermutigen derart die Ausschußmitglieder zu den obskursten Beschlüssen. Wenn man sich auch mit der Hoffnung tragen darf, die Beschlüsse des Permanenzausschuffes werden in den allerschärfften Belangen vom Plenum des Parlamentes einer Remedur unterzogen werden, so muß man schon jetzt damit rechnen, daß, wie bei dem Hausiergesetze, nur noch so viel übrig bleiben wird, daß den ärmsten unter den armen Juden die Möglichkeit, sich im Kleinhandel das tägliche Brot zu erwerben, wenn nicht ganz unterbunden, so doch erheblich erschwert werden wird. Aus den Jntelligenzberuscn werden die Juden verwiesen unter dem Hinweis, der Handel sei ihre „Domäne", nun werden sie auch aus dieser „Herrschaft" weggewiesen. In allen Staaten des Globus existiert eine Regierungsautorität, die in vitalen Fragen unbeugsam ist, die das Wohl der Bevölkerung als die suxiema lex betrachtet. Nur hierzulande haben die antisemitischen Allüren der Schneider, Lueger, Pacher 6 tutti quanti mehr Geltung als das Gemeinwohl. Ueberall hat der Antisemitismus abgewirtschaftet, sogar in Rußland dürfte bald sein letztes Stündlein geschlagen haben, nur in Oesterreich ist er noch immer Regierungsprinzip, unbekümmert darum, daß die Dekadenz auf allen Gebieten des staatlichen Lebens zu einer Katastrophe führen muß, daß man den zweifelhaften Ruhm genießen wird, in wirtschaftlicher Richtung unter den rückständigen Staaten der rückständigste zu sein. Es handelt sich um eine wahre Existenzstage Tausender und Abertausender, den ärmsten Schichten der Bevölkerung angehörender jüdischer Familien, die, wenn sie nicht zur ultimo ratio, zum Handel greifen können, um das tägliche Brot zu erwerben, dem Hunger und dem Elende preisgegeben erscheinen. Eduard Beer. I«1i»»s Oxxert. Von Prof. Dr. C. F. Lehmann (Berlin). Vor wenigen Wochen, am 9. Juli, ist sein achtzigster Geburtsag festlich begangen worden. Der Strauß, den der deutsche Botschafter Fürst Radolin dem in Frankreich naturalisierten deutschen Forscher persönlich überreichte, muß ihn neben und vor anderen Huldigungen aus den Kreisen der französischen Forschung und des französischen Publikums wie seitens der Vaterstadt und der heimischen Wissenschaft besonders erfreut haben, als ein spontaner Gruß und, eine offizielle Anerkennung des alten Vaterlandes, dem er, wie er in der Wissenschaft die deutsche und die französische Sprache mit gleicher Meisterschaff handhabte, ja auch im Herzen niemals entfremdet worden war. Heute stehen wir an seiner Bahre. Am 21. v. hat dieses an Früchten und Erfolgen reiche Forscherleben seinen irdischen Abschluß gefunden. Suchen wir sein Bild festzuhalten, seines Wirkens Summe zu ziehen: Am 9. Juli 1825 geboren, war Julius Oppert der älteste einer zahlreichen Klnderschar. Das Alte Testament und der Talmud waren ihm wohlvertraut, und früh zeigte er ein außerordentliches Sprachtalent, verbunden mit ungewöhnlicher Schärfe des Denkens und der Neigung und Fähigkeit, schwierigen Problemen bis zur Lösung auf den Grund zu gehen. Die Rede, mit der er sich als Abiturient der Gelehrtenschule des Johanneums zu Hamburg verabschiedete, habe ich verschiedentlich als eine ungewöhnliche Leistung rühmen hören. Oppert wandte sich zunächst in Heidelberg dem Studium der Rechte zu, das jedoch später in Bonn und Berlin gegen das der orientalischen Sprachen in den Hintergrund trat. Neben ihnen blieb einem anderen Lieblingsstudium, der höheren Mathematik, allzeit einige Aufmerksamkeit Vorbehalten — eine Kombination, die für Opperts wissenschaftliche Lebensarbeit bedeutungsvoll gewesen ist. Dem „Lautsystem des Altpersischen" galt Oppert's Erstlingsarbeit. Die Ruinen von Persepolis, der „Götterberg" Bisutun an der Straße von Babylon nach Ekbatana, die Gräber eines Darms und seiner Nachfolger in Naksch-i-Rustan tragen noch heute die Inschriften dieser achämenidischen Herrscher, deren heimische Sprache, das Altpersische, durch Grotefends Entzifferung (1802) und weiter durch die Forschungen Burnoufs und Lassens erschlossen worden war. Oppert sicherte durch diese seine Arbeit und eine treffliche Gesamtbehandlung der allpersischen Inschriften, die er im Jahre 1851 folgen ließ, der altpersischen Forschung die Mündigkeit. Er unternahm es, die Sprache der Inschriften als einen selbständigen Forschungszweig zu behandeln. Das doch nur entfernter verwandte Sanskrit, das bei dem ersten Eindringen in die Geheimnisse des Altpersischen gute Dienste geleistet hatte, wurde nach Möglichkeit ausgeschlossen. Die Inschriften wurden tunlichst aus sich selbst oder doch nur aus dem Persischen — dem Zend des zoroastrischen Gesetzbuches und den neueren iranischen Dialekten — erklärt. Nur jene erste Arbeit entstand auf deutschem Boden. Gleich nach Vollendung seiner Studien hatte sich Oppert 1847 nach Paris gewendet, da in Deutschland seines Bekenntnisses wegen auf eine Betätigung auf den ihn interessierenden Gebieten nicht zu hoffen war; im Jahre 1648 war er als Lehrer des Deutschen am Lyzeum zu Laval, 1850 in gleicher Eigenschaft in Reims angestellt worden. Von dem eisernen Fleiß, der den Lieblingsstudien Angewandt blieb, gibt ein handschriftliches Lexikon des Sanskrit Kunde, das sich Oppert in diesen Jahren zusammenstellte und in das ich, in Paris bei ihm zu Gaste, einen Blick werfen durfte. Die entscheidende Wendung in Opperts Bestrebungen und Geschicken brachte das Jahr 1851. Nachdem gegen Ende des XVIII. Jahrhunderts fast gleichzeitig nach London und Paris Backsteine aus Babylonien gekommen waren, die mit Keilschrift bedeckt waren, hatte vom Jahre 1811 ab Rich, der Resident der ostindischen Kompanie in Bagdad, die erste systematische Sammlung von babylonisch-assyrischen Denkmälern geschaffen und gleichzeitig als erster die Ruinen von Ninive, Mosul gegenüber, näher bestimmt. Richs Sammlung wurde im Britischen Museum aufgestellt. Von ihr auf das Nachhaltigste gefesselt und angeregt, hatte Julius Mohl, der, deutscher Herkunft, als Professor der orientalischen Sprachen in Paris lehrte, den Anstoß zu der ersten großen Ausgrabung auf assyrischem Boden gegeben, indem er den für Mosul designierten französischen Konsularagenten Botta zur Untersuchung der Hügel bei Mosul ermunterte. Botta entdeckte 1843 bis 1845 in dem heutigen Chorsabad, nordöstlich von Ninive, die Stadt und den Palast eines mächtigen assyrischen Herrschers — wie sich späser herausstellte, Sargons II. (722 bis 705) — dessen Wände und Fußböden mit reichlichen Inschriften bedeckt sind.-? Die Ausgrabungen wurden von Bottas Nachfolger Plaen fortgesetzt. Was an Skulpturen von dort weggeführt werden konnte, bildet den Kern der vorderasiatischen Sammlungen des Louvre. Zwei Jahre später als Botta hatte Henry Austen Layard seine Ausgrabungen auf dem Trümmerhügel Nimrud, dem biblischen Kalach, und später in Kujundschik auf der Stätte des eigentlichen Ninive begonnen. Sie hatten nicht nur zur Entdeckung einer ganzen Anzahl assyrischer Paläste mit mächtigen, ausdrucksvollen Skulpturen, sondern auch einer großen, auf Tontafeln ausgezeichneten keilinschriftlichen Bibliothek geführt.