Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 35 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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©eite 548 &t. JBlocb's Mocbenscbrm. Str. 35 ist doch seltsam, daß in einer Zeit, da dem Reichtum überall die hohläugige Not erbarmenheischend und um Gnade werbend entgegentritt, alljährlich solche Summen aufgebracht werden zu so nichtigem, geradezu albernem Zweck. Wenn die Missionäre ihre Wirksamkeit entfalten unter den Patagoniern, unter den Wilden Neuseelands oder den Hottentotten, so hat es schon wenig Sinn und, wie tausendfältige Erfahrung lehrt, ist auch kein rechter Segen dabei, ja der Segen verwandelt sich nicht selten zu einem Fluch für den ganzen Volksstamm, der da beglückt werden sollte; aber immerhin gibt es da noch immer einen Vorwand und man gibt sich den Anschein, durch das Medium der Religion die Zivilisation zu verbreiten. Die Ausrede mag mehr oder weniger plausibel erscheinen, wo es sich um wilde Völkerschaften handelt, was aber in aller Welt sollen diese insipiden Bestrebungen einem alten und geistig hochstehenden Kulturvolke gegenüber? Daß die Judenschaft geistig hochsteht und geistig von keiner anderen Völkerschaft überragt wird, das leugnen ja selbst die verbissensten Antisemiten nicht, und wenn sie es leugneten, so würde sie doch eine Konfrontation mit den tausend beweiskräftigen Tatsachen des Alltags überführen und eines Besseren belehren — und da sollen solche Mittel und Mittelchen noch ihre Wirkung haben?! Gewiß, es mag ab und zu gelingen, einen zu fangen, eine Seele zu retten. Das Judentum ist wie jede andere Völkerschaft ein Konglomerat von Menschen, von Einzelindividuen, und unter einer kompakten Masse von Menschen muß es verschiedene Charaktere geben und verschiedene Naturen, starke und schwache, gute und schlechte. Da mag es denn in der Tat wohl möglich sein, einen Inden, der ein armer Teufel oder schlechtweg gewissenlos ist, durch Geld und gute Worte zu ködern — es wird wohl selten genug der Fall sein; die Schweigsamkeit des so redseligen Berichtes in diesem Punkte beweist es — aber was ist in Wahrheit damit gewonnen? Und darum werden Unsummen aufgeboten und förmliche Armeen des Belehrungsgeschäftes mobilisiert! Das Judentum verliert an solchen Einbußen nichts und das Christentum gewinnt nichts von solchen Eroberungen. Sieht man denn noch nicht ein, daß das ein Geschäft ist, das die Kosten nicht deckt? Man spricht so viel von dem überlegenen Geschäftsgeist der Juden. Haben sich diese jemals auf solche Geschäfte eingelassen? Man könnte da ruhig von ihnen lernen. Jules Verne ein polnischer Jude. Nach dem Tode Jules Verne's, als zahllose Nekrologe in der Presse aller zivilisierten Länder dem berühmten Schriftsteller gewidmet waren, erinnerte die „Oesterr. Wochenschrift" an die Tatsache, daß Jules Verne ursprünglich Olszewicz geheißen und der Sohn eines Juden in Russisch-Polen war. Darauf erhielten wir selbst von jüdischer Seite tadelnde Zuschriften: man möge doch nicht jebejt bedeutenden Mann von vornherein zum Juden stempeln, und was die Abstammung Jules Verne's anbelangt, so stehe seine Biographie in jedem Lexikon. „Von einer jüdischen Abstammung sei gar keine Rede." Nunmehr liegen unverdächtige Zeugnisse seiner jüdischen Abstammung der Oeffentlichkeit vor. Der katholische Priester Paul Smolikowski veröffentlicht in der „Gazeta Narodowa"*) folgenden Brief: „Ueber den berühmten ftanzösischen Schriftsteller Jules Verne, der vor Kurzem gestorben ist, sind Gerüchte verbreitet, daß er in Polen geboren und ein zum katholischen Glauben übergetretener Jude war. Wie es scheint, haben nicht alle Leser diesen Gerüchten geglaubt. Nun fand ich im Archiv des katholischen Ordens der „Auferstandenen" (Amart^ellnstLÜc^) darauf bezüglich Schriften, die der Veröffentlichung nicht entzogen werden dürfen. Der Priester Semenenko schrieb aus Rom am 16. August 1861 an den Priester Jelowicki in Paris folgendes : Während des Juli und der ersten Hälfte August verblieb ich allein in Rom und diese Einsamkeit hat mich sehr hergenommen. Zur *) Auch im Warschauer „Slowo“ vom 20. August Nr. 210 und „Hazefira“ Nr. 164. Vermehrung der Anstrengungen reiste ich nach Montreuil in Gesellschaft unseres Jules Verne, der aus Konstantinopel wegen der zu großen Hitze herkam. Mich überfiel ein Fieber und in der großen Hitze, die in Rom herrscht, hat mich das Fieber sehr abgeschwächt. Da ich Jules Verne erwähnte, will ich ausführlich über ihn sprechen. Zehn Tage verbrachte ich in seiner Gesellschaft. Aus den Gesprächen, die ich mit ihm führte, ersehe ich, abgesehen von allem, was ich bereits von ihm wußte, daß er ein Mann von großen Fähigkeiten sei und sehr viel einer guten Sache nützen könne. Leider hat er keine sichere Lebensstellung, die ihm den nötigen Einfluß verschaffen könnte. Er erzählte mir, daß die Regierung ihm einige einträgliche Stellen angeboten habe. Vor seiner Abreise aus Konstantinopel habe er mit dem Ministerium des Innern und der Reichsverwaltung über eine Stelle mit 30.000 Franken Jahresgehalt verhandelt. Wenn er jedoch diese Stelle angenommen hätte, wäre er seiner persönlichen Freiheit beraubt und ein einfaches Glied in der Maschine der Regierung, die oft Dinge tut, die sich nicht mit seinen Anschauungen vertragen. Hier, in Rom, erwachte in ihm eine unüberwindliche Lust, in den Dienst des heiligen Vaters zu treten und er denkt, daß er sich nützlich machen könne. Er will hier sein Domizil nehmen und ist entschlossen, sich durchzuschlagen. Aber es ist notwendig, ihm eine sichere Stellung zu verschaffen und eine solche kann er noch durch eine bessere Heirat erreichen. Aus seinen Heiratsprojekten ersehe ich, daß er klug, vorsichtig und edel ist, aber besser ist, mit ihm selbst zu sprechen. Das ist alles, was Jules Verne betrifft. Wenn Du, lieber Pater Alexander, wie ich, der Meinung bist, daß es sich lohne, damit zu befassen, sprich doch mit ihm! Er ersuchte mich, Dir einige Worte über ihn zu schreiben. Ich glaube Dir genug geschrieben zu haben. Es genügt, Dich aufmerksam zu machen, daß ich dazu Dich ermuntern will und kann, weil solche Din^e Herzensangelegenheiten sind. Ich sage Dir nur eines, daß ich an seinem Schicksal großen Anteil nehme, und ich glaube, daß ich mich nicht irre. Noch eines:. „Jules Verne hörte längst von der jungen Frau N. die jetzt, wie verlautet, frei ist. Könnte man da vermitteln?" Anstatt des Priesters Jelowicki antwortete Semenenko der Priester Kaczanowski (am 24. August): „Der Pater Alexander las mir deinen Brief vor und ich gestehe, daß dein Projekt, an Olszewicz die Jungfrau N. zu verheiraten, auf mich einen schmerzlichen Eindruck gemacht hat. Vorausgesetzt, daß Frau N. frei ist von der ersten Ehe durch regelrechte Ehescheidung, geziemt es sich da, einer geschiedenen Frau zuzureden, daß sie eine zweite Ehe eingehe? Sollte man nicht eher eine solche Unsitte zu verhindern suchen, da leider derartige Unsitten in unserem Lande überhand nehmen? Sieht denn Pater Peter darin nicht eine große Sünde, irgend einem frischgebackenen Konvertiten zu helfen, die Bande einer Ehe zu lösen, zum eigenen Vorteil und zum Schaden der kirchlichen Lehre über die Ehe? Zu einer solchen Tat soll ein Mann wie Sie, Pater Peter, seine Hand reichen? Und wenn die Sache, gelingt — dann wird in diesem Täufling das „alte Israel" sich stärker regen, denn, wie er mir selber andeutete, bereue er, daß er sich getauft und das Volk verlassen habe, zu welchem er gehörte, ohne ein anderes Volk zu finden, das ihn in seine Mitte aufnehme. Das wären, Pater Peter, die Folgen Ihres Eheprojektes. Schade, daß Sie Pater Alexander betreffs Olszewicz in Verlegenheit brachten." Damit war der Briefwechsel nicht abgeschlossen. Am 21. August schrieb der Priester Kajszewicz dem Kaczanowski: „Auch ich sagte es dem Priester Peter, daß er sich zu sehr mit seinem Jules Verne engagiere. Besser wäre es, ihn den Polen näher zu bringen, denn es ist ein überaus fähiger Jüngling. Wir aber sollten uns damit nicht befassen; wir müssen an dem Grundsatz festhalten, keine Ehen zu vermitteln, sei es von in der Kindheit oder von später Getauften." Und der Priester Semenenko antwortete am 9. September aus Montreuil: „Ich hatte keine Zeit, aus Rom in Angelegenheit des Jules Verne zu antworten, aber ich sage es euch (dem Priester