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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-09-01 · 35 (1.9.1905) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
35 (1.9.1905)
Date
1905-09-01
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 35 Dr. JBloctrs MocbenscdrM. Seite 54? Mein Gott, zum Raufen sind die Juden freilich nicht aufgelegt. Denn die Juden sind arm und gedrückt und sie erschöpfen ihre moralischen Kräfte in der bangen Sorge für den Tag, in der Anstrengung, nicht der Verzagtheit zu verfallen unter solchen Lebensbedingungen! Es sind die Reichen, die Kavaliere, die sich schlagen. Der Reichtum macht üppig und das Wohlleben schafft einen Ueberschuß an Säften, der sich in Mut und Uebermut betätigen will. Die Juden sind entsetzlich arm und die Armut macht demütig, sie schafft — man blicke nur um sich — die rechte Hundedemut. Den Juden verachten, weil er feig ist, heißt ihn verachten, weil er arm ist und leidet. Das ist es, was ich über die Legende von der Feigheit der Juden sagen wollte. Wir wollen nun ein Zeugnis für unzweifelhafte jüdische Tapferkeit anführen, die nicht als Ausnahmefall betrachtet werden kann, weil es sich um eine größere Anzahl Juden handelt. Auch ist in diesem Falle kein direkter oder indirekter Zwang und Druck die zur „Tapferkeit" treibende Peitsche gewesen. In Port Arthur hatte sich ein Verein dortiger Juden gebildet zur Pflege jüdischer Verwundeter. Während der heftigsten Kämpfe, unter einem beständigen Regen von Granaten und anderen Projektilen suchten sie in den vorgerücktesten Stellungen nach verwundeten und toten jüdischen Soldaten, um sie zu verpflegen, bezw. nach ritueller Vorschrift begraben zu können. Das taten diese Juden freiwillig, ohne Zwang, ohne Aussicht auf irgend welche Anerkennung. Auf ihren Rücken trugen sie mit Gefahr ihres Lebens die Toten oder Verwundeten sieben Werst, bis sie sie in Sicherheit hatten. Wir fragen die verstocktesten Antisemiten selbst, ob sie das Tapferkeit nennen oder nicht? Wir fragen sie, welch unlauteres Motiv sie hier ausfindig machen können. Sie würden keins finden, sie könnten höchstens als Motiv religiösen Eifer nennen. Aber die Tapferkeit dieser Juden von Port Arthur können sie nicht wegleugnen, und so können auch Juden tapfer sein aus ganz freien Stücken, und die von diesen Juden gezeigte Tapferkeit ist unseres Erachtens nicht geringer, sondern viel, viel größer als die der Soldaten, die auf Kommando tapfer dem Tode entgegengehen, weil ihm entrinnen wollen meist den sicheren Tod bedeutet. Vom Zabrmarkt des Lebens. Gloffen zur Tagesgeschichte. (Das beleidigte sittliche Empfinden eines Hoflieferanten. — Der Antisemitismus als Erzieher. — Die Religion derLiebe und die Religion des Hasses. — Das Bekehrungsgeschäft.) In einem Wiener Blatte, das sich keineswegs durch besondere Judenfreundlichkeit auszeichnet, fanden wir dieser Tage folgenden Bericht: (Das beleidigte „sittliche Empfinden".) Aus Tulln wird uns vom 26. d. M. geschrieben: Vor dem Strafrichter des hiesigen Bezirksgerichtes, Adjunkten Dr. Ganzwohl, hatte sich heute der Wiener Hossischhändler Johann Singhofer wegen Ehrenbeleidigung zu verantworten. Der in Greifenstein mit seiner Familie zum Sommeraufenthalt befindliche Kaufmann. Bernhard Kleinmann aus Wien hatte folgende Klage erhoben: Am 4. d. M. wartete Kleinmann auf seine Frau und seine Kinder, die aus dem öffentlichen Bade in Altenberg, wo Singhofer wohnt, kommen sollten. Der Geklagte begann im Vorbeigehen den Wartenden zu verhöhnen und sagte: „Judenbagage, ihr kommt daher, um euch die L ... . abzuwaschen, fahren Sie nach Krakau." Als Kleinmann sagte, er wolle gar nicht baden, hob Singhofer die Faust und schrie: „Nicht reden, ich erschlage Sie." Dann befahl er dem Kutscher, mit Wagen und Pferd ins Wasser zu fahren, damit die jüdischen Badegäste auf diese Weise herausgejagt werden. Der geständige Anklagte behauptete, er sei in seinem sittlichen Empfinden beleidigt gewesen. Der Richter verurteilte ihn zu hundert Kronen Strafe. Der Bericht spricht für sich selbst, und es ist eigentlich wenig dazu zu bemerken. Immerhin verdient das kleine Genrebild aus der österreichischen Gegenwart einige Beachtung. Es ist ein kulturgeschichtliches Symptom, das, wenn es vereinzelt dastünde, kaum irgendwelche Bedeutung beanspruchen würde. Auch Dummheit und Rohheit wollen sich ausleben, müssen sich ausleben. Das liegt einmal so in der menschlichen Natur, die sich durchaus nicht lediglich aus idealen Ingredienzien zusammensetzt. Wenn aber das Symptom auf eine soziale Massenerscheinung hinweist — und wer hätte den Mut, zu behaupten, daß das hier nicht der Fall sei? — dann ist es doch wohl angemessen, es näher ins Auge zu fassen. Der Antisemitismus als Erzieher! Hier ist einmal ein weithin leuchtendes Beispiel dafür. Daß er die Massen verroht, daß er sie in der Auffassung der Dinge gut um ein halbes Jahrhundert zurückgcworfen und damit einen sittlichen und überhaupt einen kulturellen Schaden angerichtet hat, der auch in hundert Jahren nicht völlig wieder gut zu machen sein wird, das ist ja zur Genüge bekannt. Hier zeigt sich aber wieder einmal, wie der Antisemitismus als Erzieher selbst in den sogenannten besseren Kreisen zu wirken vermag. Auch das war ja übrigens schon bekannt, nur wird die Geschichte eindrucksvoller, wenn sic gelegentlich einmal auch o-. richtsordnungsmäßig bewiesen wird. Die berufenen Vertreter es Christentums begründen den weltgeschichtlichen Erfolg der c' istlichen Religion mit der These, daß es die „Religion der L be" sei. Gut; wir wollen mit ihnen nicht rechten, aber au, fällig ist es doch, daß die Patentchristen des Antisemitismus ihre schönsten und weitestreichenden Erfolge der Religion des Hasses und der Verhetzung zu danken haben. Der aufgeregte, angeblich den befferen Ständen angehörige Hoffischhändler hätte sich durch das Gebot, das die Liebe des Nächsten vorschreibt, kaum in eine so tiefe Erregung versetzen laffen, wie durch weisen Lehren des Villenbefitzers Herrn Vergant und des glorreichen Würdenträgers Bielohlawek, der bedeutsamen Erscheinung eines Mechanikers Schneider ganz zu gefchweigen. Das find die Erzieher des österreichischen Volkes, aber die Erziehungsresultate find auch darnach. Natürlich dürfte es der Herr Hoflieferant nun lebhaft bedauern, durch sein gerichtlich affichiertes Geistes- und Charakterniveau zu solcher Notorietät gelangt zu sein. Denn wenn er auch noch so sehr eingenommen ist für das Erschlagen der Juden, so mag er seine Fische doch Wohl gern verkaufen, selbst wenn ihnen die schreckliche Gefahr drohen sollte, auf jüdische Art zubereitet und in einer „langen Sauce" serviert zu werden. Der Herr Hoffischhändler wird bisher wohl die Erfahrung gemacht haben, daß die jüdische Kundschaft, auch soweit es sich um Fische handelt, keine schlechte ist. Da würde er mit dem Erschlagenwollen vielleicht nicht einmal so rasch bei der Hand sein. Das interessiert übrigens auch weniger, eher vielleicht noch die Frage, wie sie sich nun nach dem Vorgefallenen zu ihm stellen wird. Die Juden würden doch wohl daran tun, sein „sittliches Empfinden" nicht zu verletzen. Wenn man nur schon wüßte, was das eigentlich ist — sein sittliches Empfinden! Es werden übrigens noch andere Methoden zur Ausrottung der Juden versucht, als die des Wiener Hoffischhändlers, die höchstens zur Ausrottung seiner jüdischen Kundschaft führen kann; aber wesentlich wirksamer find auch diese anderen und linderen Methoden nicht. Die englische Gesellschaft zur Verbreitung des Christentums versucht es mit Geld und guten Worten. Es geht viel Geld auf dabei. Der jüngst veröffentlichte letzte Bericht weist eine Jahreseinnahme von 40.348 Psd. St. aus, also beinahe eine Million Kronen, und fast ebensoviel ist für den schönen Zweck ausgegeben worden. Man erfährt nur nicht, mit welchem Erfolg. Das gibt zu denken. Es hätte doch immerhin Interesse gehabt, zu erfahren, wie hoch sich im Durchschnitt eine „gerettete" jüdische Seele stellt. Das Resultat muß offenbar ein so klägliches gewesen sein, daß man zweifelsohne schamhafte Bedenken trägt, es zu veröffentlichen. Dagegen erfährt man, daß die Gesellschaft in den verschiedensten Teilen der Welt neunundvieWg Missionen unterhält mit zahlreichen und gut besoldeten Angestellten. Es

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