Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 35 (1.9.1905)
- Date
- 1905-09-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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fef;U r,46 Dr. Llocv s Mocbensebrltt. Nr 35 Dagegen erfolgt aber die Aechtung sofort, wenn einer seinen Nerven die Todesverachtung nicht abzuringen vermag, welche die Gesellschaft unter Umstanden von ihm fordert. Und meist ist es nicht einmal der Tod, der den Feigen schreckt, sondern das nervcnerregcnde Vorbercitungsstadium, das ja immerhin noch einen günstigen Ausgang erwarten läßt. Nicht der Tod ist das Schreckliche, sondern die entsetzliche Furcht vor dem Tode. Die Beispiele sind nicht selten, daß nervöse, sagen wir immerhin feige Naturen, mit voller Entschiedenheit des Willens zum Selbstmord geschritten sind, um nicht länger die Qual der Erwartung eines Duells oder einer Schlacht tragen zu müssen, Das wäre ein widersinniges Beginnen und psychologisch ganz unerklärlich, wenn man die Todesfurcht als Motiv annehmen wollte. Die Wahrheit ist, daß, wie schon bemerkt, das psychische Phänomen der Furcht weit entsetzlichere Qualen bereitet, als welche reale Katastrophe immer, deren schließlicher Eintritt sogar noch als Erlösung begrüßt werden kann. Das ist immer und überall so. Nicht das wirkliche Unglück bildet das eigentliche Leid der Menschheit, sondern die peinigende Angst, die Furcht vor bcm Unglück. Die überwiegende Mehrheit der Menschen geht sorgenbeschwert und bedrückt durchs Leben und dabei ist cs nicht das reale Unglück, das sie drückt, sondern die Sorge um das Kommende, das Zukünftige, um das „Morgen und Uebermorgen". Man lasse der Menschheit all ihr gegenwärtiges Unglück und befreie sie nur von dem Alpdruck des hohlen Phantoms der Sorge für den nächsten Tag, von den grausamen Vorspiegelungen einer verzagten Phantasie, und sie wird befreit aufatmcn und eine Summe von Glücks-? empfivdung käme in die Welt, von welcher wir jetzt keine Ahnung haben. Der Selbsterhaltungstrieb ist der stärkste, den die Natur in den Menschen gelegt. Wenn das richtig ist, dann muß auch die Furcht, insbesondere die Todesfurcht, die aller qualvollste Empfindung sein, deren die menschliche Seele überhaupt fähig ist. Es liegt also im allgemeinen kein zureichender Grund vor, eine solche Furcht zu belächeln, man müßte vielmehr von rechtswcgen Mitleid mit ihr haben. Das hat.man nun gemeiniglich nicht, weil von Haus aus wenig Wohlwollen in der menschlichen Natur steckt. Die Freude über die bessere, eigene Widerstandskraft der Nerven verleitet zur Grausamkeit gegen die schwächere der anderen. Und auf die Widerstandskraft der Nerven läuft schließlich doch die ganze Sache hinaus. Nun gibt es aber aus Gottes weiter Welt kein nervöseres Volk als die Juden. Die Nerven sind nicht etwas, was man sich selbst gegeben hat oder geben kann; man bringt sie mit auf die Welt als einen Segen oder einen Fluch. Man mache sich die Geschichte nur einmal klar. Seit fast zweitausend Jahren werden die Juden getreten, verfolgt, beschimpft, bedroht, gefoltert an Leib und Seele, nicht individuell und ausnahmsweise, sondern in ihrer Gcsammtheit. Im Jahre 1250 trifft in einer deutschen Stadt ein auf der Gasse spielender, kleiner Judenknabe einen katholischen Priester, der gerade auf einem Versehgange begriffen ist, mit einem Steinchen. Am nächsten Tage decken die Leichen von tausend erschlagenen Juden das Pflaster der Stadt und ihre ausgeplünderten Häuser rauchen zum Himmel. Ein hysterisches Frauenzimmer hat eine Vision, eine Hostie erscheint in der Farbe verdächtig, das Waffer in einem Brunnen wird trüb oder eine Kuh hört auf, Milch zu geben, oder auch gar nichts — nur weil ein Hallunke zu plündern wünscht, werden hunderte von jüdischen Männern. Frauen, Kindern beraubt, gemartert, erschlagen. Sie waren vort einem Tage auf den anderen ihres Lebens und ihrer Habe nicht sicher. Das war im finstern Mittelalter. In unserer hellen Neuzeit bedarf es nicht einmal erst eines Steines des Anstoßes, wie ihn der kleine Gassenjunge geliefert hat. Die Judenverfolgung ist einfach ein politisches Programm geworden, dem die Waffen mit Begeisterung huldigen, und man kann auch heute noch die schönsten Plünderungen erleben und man erlebt sie. Und das ist nicht einmal das Ausschlaggebende, das Entscheidende. Weftaus beunruhigender und beängstigender ist das, was sich alltäglich unter der Oberfläche abspielt, die tausendfältigen Beschimpfungen, Bedrohungen, Beeinträchtigungen, die auf Schritt und Tritt sich begeben, ohne daß sie zur Kenntnis der Oeffentlichkeit gelangten und ohne daß sie eine Sühne fänden. Man kann auch heute noch jüdischen Eltern ihre Kinder entführen und sie ihnen vorenthalten — aber wozu noch solche Details? Schließlich ist es ja doch bekannt, daß wir Staatsgrundgesetze haben und in einem Rechtsstaate leben. Man könnte sagen, daß die Juden ausgenommen seien, aber dann riskirt man, mit dem wirksamen Argument widerlegt zu werden, daß das gerade die Ausnahnie sei, welche die Regel bestätigt. Und so sind die Juden auch heute rechtlos und schutzlos, und es begreift sich: wenn man rechtlos und schutzlos ist, dann kann man leicht auch etwas ängstlich werden. Seit zweitausend Jahren kommen die Juden aus der Angst nicht heraus. Die Erinnerung haftet an dem Furchtbaren, was die Judenschaft schon erlebt, und noch keine Epoche hat die Sicherheit vor Wiederholung des Erlebten geboten. Immer war die Furcht das Element, in dem sie lebten, und da hätten sie ebenso die derben Nerven und den Raufmut züchten sollen, wie die robusten Stämme, die sich im Ackerbau und Viehzucht, aus Jagd und Kriegszügen betätigen konnten? Die Beschaffenheit der Nerven erbt sich fort. Man stelle sich doch die physische und psychische Veranlagung einer Nachkommenschaft von Leuten vor, die in der Hand von Folterknechten waren, die in ihrem ganzen Leben aus der Angst um sich, um Weib und Kind nicht herausgekommen sind. Die Tapferkeit mag eine Tugend sein, aber ziemlich sicher ist, daß man sie sich nicht erwerben, sondern nur ererben kann. Wenn nun die Feigheit so tief verachtet wird, so mußte konsequentcrweise der Mut in demselben Maße hoch gepriesen werden. Das ist nun so eine Sache! Ich wüßte kaum ein Beispiel höherer persönlicher Tapferkeit zu nennen, als das des Hingerichteten schwedischen Massenmörders Nordlund. Der Mensch begibt sich auf einen Dampfer, und auf hoher See unternimmt er es, er allein, die ganze.Schiffsmannschaft und die gesamten Paffagiere dazu zu terrorisieren und zu unterwerfen, um sich in den Besitz des Schiffes zu setzen. Das Werk gelingt auch beinahe; da kommt ein zweiter Dampfer zu Hilfe, aber so groß ist noch immer der panische Schreck, den der einzelne Mann verbreitet, daß man ihn ein Boot freimachen und in diesem ungefährdet entkommen läßt. Ein Mordgeselle von der brutalsten Sorte, aber ich weiß keine kriegerische Heldentat zu nennen, und sei sie von patriotischen Dichtern noch so schwungvoll besungen worden, die mehr Mut zur Voraussetzung gehabt hätte, als seine Schandtat. Ich denke, daß wir uns nun verstehen. Der Mut ist eine Sache der Nerven, und je roher eine Natur von Haus ist, desto leichter wird es ihr fallen, sich die Gloriole der Tapferkeit zu erringen, aber an sich beweist diese noch gar nichts. Allerdings — es gibt Umstände und Verhältnisse, wo Menschenwürde und Menschenliebe mit gebieterischem Zwange es zur Ehrenpflicht machen, die revoltierenden Nerven zur Ruhe zu weisen und eine Gefahr auf sich zu nehmen trotz des Protestes des in seiner Feigheit stürmisch gehenden Herzens. Wer kann nun sagen, daß die Juden solchen Ehrenpflichten nicht immer mit voller Hingebung und Rückhaltlosigkeit genügt hätten und tagtäglich genügten? Das erkennen selbst ihre grausamsten Feinde an, die bei allem Haß noch immer ihr Solidaritätsgcfühl und ihren tiefen Familiensinn preisen. Was aber ist für eine verfolgte, getretene Rasse eine solche Tugend sonst, als die Tugend des aufopferungsvollen Mutes? Das Schicksal dieser Rasse ist ganz beispiellos und einzig dastehend in der Kulturentwicklung der Menschheit. So durch die Jahrtausende hinzuleben und dabei nicht den Mut, den ordinären Raufmut, der brutal auf den Schwächeren losschlägt, sondern den hohen ethischen Mut nicht zu verlieren, den sie braucht, um so fortzuleben, sich zu behaupten gegen die von allen Seiten dräuende Sturmflut ungezählter Widersacher, das ist immerhin eine Leistung, die auf alles andere eher schließen läßt, denn auf mattherzige Feigheit.