Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-08-25 · 34 (25.8.1905) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
34 (25.8.1905)
Date
1905-08-25
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021602-3021637--14750-3039477
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 542 Dr. Dlocb s MocvenscvrM. Sir. 34 Gerade so ist es mit der friedlichen Salm, die durch ein tiefes und sehr enges Felsental der Mosel zufließt. Geht der Eifelschnee ab, so ist's mit dem Frieden zu Ende und die schönen Forellen mögen sich schnell in ihre Höhlen machen und die Krebse in die chrigen, sonst können sie eine Reise in die Mosel, den Rhein und, je nach Belieben, ins Meer machen, ohne daß es etwas kostet, als etwa das Leben. Den Leuten, die am Ufer hin wohnen, kann's aber ebenso gehen, wenn sie nicht bei Zeiten sich retten und das, was ihnen lieb und wert ist. Allermeist kommt, in solchen Zeiten das Dorf Klüfferat ins Gedränge, denn da ist die Wassermasse der Salm dann am größten und wildesten. So gerade war's Anno 1784 am 28. Februar. Der 1784er Winter hatte sein besonderes Pläsir am Schnee und gab dessen, nebst ansehnlicher Kälte, der Erde mehr, als ihren Bewohnern lieb war. Da läßt sich's denken, daß, als das Tauwetter mit Macht kam, auch die Salm anschwoll und ihre gelben Wellen schäumend daher wälzte. Und so war's auch; und wer's sah, dem stiegen die Haare zu Berge, und es wurde ihm mit Recht bänglich ums Herz. Das Wasser ist ein rechter Segen Gottes; aber wenn es wild wird, kann's eine Geißel Gottes werden, die ordentlich züchtigt, und ist ihm nicht zu entlaufen, wie etwa dem Feuer. Die Salm war weit über ihre Ufer getreten und hoch angeschwollen, und brüllte, als wolle sie Alles verschlingen, was ihr begegnete. Da möchte man fragen: Ihr Klüsserater, die Ihr den Schneefall kanntet, habt Ihr in der Zeit gesorgt für die kommende Not? Leider lautet die Antwort: Nein! So ist der Mensch! Er denkt in Bezug auf drohende äußerliche Gefahr: Es ist noch Zeit, und kommt dann regelmäßig ins Gedränge, und geht oft drinnen unter. Ist's etwa mit Tod und Gericht anders? Da denkt er auch: Es ist noch lange hin Zeit, mich zu bessern! Aber das Wort Gottes sagt: Der Herr und sein Gericht komme unerwartet und überraschend, wie ein Dieb in der Nacht, und könne vor Abend leicht noch anders werden. Denkt an die törichten Jungfrauen — und an die Klüsserater! Da könnet Ihr auch noch etwas für die Ewigkeit lernen, wenn's auch hier nur äußerlich entgegentritt. Das Dorf hat etwa achthundert Seelen und die Häuser sind auch nicht so gebaut, daß sie einer so gewaltigen Flut und ihrer Wut zu widerstehen im Stande wären. Das Wasser kam wie ein Blitz so schnell und mit solcher Macht und Gewalt, dag den armen Leuten nichts übrig blieb, als Alles preiszugeben und nur ihre Kinder, Weiber und das eigene Leben zu retten. Das arme Vieh banden sie schnell los und überließen es dem eigenen Triebe, sich zu retten. In der Hoffnung, daß sich die Flut bald wieder verlaufen würde, flohen vierzig Menschen von allen Altersklassen und Geschlechtern in ein ziemlich hochgelegenes Haus. Da hielten sie sich sicher und blickten getrost in die wildtobende Flut, die Bäume, Sträucher und Steine von ansehnlicher Schwere rauschend daherführte. Anfangs waren sie guter Dinge in ihrem Zufluchtsort; aber bald kehrte denn doch Angst und Sorge in ihre Herzen ein, denn das Wasser stieg von Minute zu Minute; die Wellen wurden wilder und gingen höher mit ihren weißen Schaumkämmen; der ganze Strom wendete sich gegen das gebrechliche Haus, wo die vierzig, jetzt laut aufjammernden Menschen saßen und brach fich wild an den Fachwänden und Balken. Lange konnte solchem Andrange das Haus, ohnehin alt und wackelig, nicht widerstehen und dann begrub die wilde Flut vierzig Menschenleben! Sie ringen jetzt die Hände! Ihr Jammergeschrei ist herzzerreißend — denn das Haus kracht in seinem Gebälke unter den Stößen der Flut. Bald muß es sinken. O weh! Auf einer erhöhten Stelle, die völlig sicher war, stand eine große Zahl Einwohner und es war gar nicht weit von dem Hause, wo das Jammergeschrei mit jedem Augenblicke größer wurde; aber Alle hatten nur Weheklagen; Keiner Mut, Umsicht, Aufopferungsfähigkeit für die Rettung der Unglücklichen das eigene Leben einzusetzen. Unter der Menge stand auch ein Jude aus Klüfferat, Moses Gumperich, dem die Lage der Verzweifelnden durch das mcnschenliebende Herz ging und dem es weder an Umsicht, noch an Mut und Aufopferungsfähigkeit gebrach. Mit dem Jammern, rief er Plötzlich aus, werden sie nicht gerettet und wenn wir länger zaudern, sind sie ohnehin Alle Kinder des Todes! Auf, folgt mir, Ihr Männer und Burschen! Mit Gottes Gnade und Hilfe retten wir sie, ehe das morsche Haus bricht! Das Wort des braven Kindes Israels traf Alle wie ein Blitz, der durch die Seele fuhr. Ohne weiter ein Wort zu reden, eilte der brave Mensch die Anhöhe hinab und schreitet durch die tobende Flut. Es gelingt ihm, das Haus zu erreichen. Ohne zu säumen, ergreift er dort eine junge Frau und trägt sie zur Anhöhe, wo er sie kaum niedergesetzt, als er schon wieder den Rückweg zu dem Hause des Jammers antritt. Dies Beispiel wirkte so gewaltig, daß in demselben Augenblick alle Männer und Burschen in dem Haufen die Höhe hinabgleiten und in das Wasser waten. Sie erreichen das Haus und Jeder ergreift Einen oder Eine der Bedrohten und trägt sie ans Ufer; aber das können sie sich nicht verhehlen, daß mit jedem Augenblicke der Gang gefährlicher wird, weil der Boden aufgelöst, der Tritt unsicher und die drängende Gewalt der Flut immer heftiger wird. Das Haus aber kracht immer drohender, das Jammergeschrei wird herzzerreißender! — Die Gefahr für die Retter wie für die zu Rettenden wird mit jedem Augenblick augenscheinlicher! Vorwärts! ruft der brave Jude, und zum drittenmale schreitet er durch die wachsende Flut, und Alle mit ihm. Auch jetzt gelingt der Rettungsgang — aber es ist kaum ein vierter möglich. — Aber — dort jammern noch Einige! Verzweifelnder wird ihr Hilferuf! Die Retter zaudern! — Sie vermögen's kaum mehr. Es ist dem reißenden Strome kein Widerstand mehr zu leisten. — Sollen die dort umkommen? Soll unser Werk nur ein halbes sein? ruft Moses Gumperich aus. Soll ihr Tod auf unserm Gewissen brennen? Gott lebt noch! Der uns bis jetzt half, hilft auch noch einmal! Auf mit Gott! Das Wort schlägt auch dieses Mal ein und durch. Der brave Jude ist wieder der Erste voran. Mit riesenhafter Anstrengung und sich an den Händen haltend, damit sie gemeinsam stärkeren Widerstand leisten, erreichen sie endlich das wankende Haus und — retten auch die Letzten; aber kaum haben sie die Höhe erreicht, so schlägt, vom Winde gepeitscht, eine mächtige Sturzwelle wider das Haus. Es kracht, wankt, und stürzt dann, auseinanderbrechend, in die tobende Flut, die Dach, Wände, Giebel in ihrer Wut mit sich fortreißt und in ihrem tiefen Schooße begräbt. Jetzt aber sinken, überwältigt von der Macht des gewaltigen Eindrucks, Alle auf ihre Kniee nieder, erheben Herzen, Augen und Hände zu foem. Gott aller Gnade und Christ und Jude preist den Herrn. Groß und herzlich war der Dank der Geretteten und ihrer Familien gegen ihre Retter, besonders gegen den wackeren Moses Gumperich, dem sie, nächst Gott, ihre Rettung verdankten; aber auch die Gemeinde Klüfferat hat sich ein Denkmal der Ehre gesetzt durch die Art und Weise, wie sie den edlen Juden auszeichnete. Moses Gumperich wurde mit seiner Familie von allen Abgaben befreit, und allgemeine Liebe und Achtung wurde ihm, wohlverdient, weit und breit bewiesen. Literatur. Ein jüdischer Forschnnasreisender aus dem XVI. Jahrhundert. Im Aufträge der Hakluyt-Gesellschaft ist soeben in London ein interessantes Werk herausgekommen; es ist dies eine mit einer sorgfältigen Biographie versehene Ausgabe der

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.