Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 34 (25.8.1905)
- Date
- 1905-08-25
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Sette 534 Nr. 34 Dr. Mocb's MocbenscbrM. Eine erfolgreiche Verbesserung setzt allerdings eine Reform an Haupt und Gliedern voraus und die ist derzeit nicht durchzusetzen. Wahre und falsche Rücksichten hindern den Vorstand, an diese Herkulesarbeit zu schreiten. Allein, wenigstens auf theoretischem Gebiete, wo es Niemandem ans Brot geht, könnte immerhin ein Anfang gemacht werden. Kann der Arzt am Krankenbett mit der kalten Kur nicht helfen, so ändert er die Methode und versucht es mit der Wärme. Vielleicht entschlösse sich der Kultusvorstand, bei der Religionsschule ähnlich vorzugehen und die Methode zu ändern? Da es über die Richtigkeit der Methode verschiedene Meinungen gibt, so mag es dem Vorstande entsprechen, zuvörderst Meinungen und Gutachten einzuholen, etwa eine Enquete einzuberufen und damit einige Jährchen zu verbringen. Solche Enqueten haben in den letzten Jahrzehnten zwei oder drei stattgefunden, schließlich hat man in Form von Lehrerkonferenzen eine Art Enquete in Permanenz erklärt. Das mag zutreffend erscheinen für sekundäre Fragen, nicht aber für die Beurteilung der Methode, die den bisher Gehörten schon zur zweiten Natur geworden ist. Soll schon der langwierige Weg einer Enquete betreten werden, so berufe man Experten, denen die Sache ohne Rücksicht auf Standesehre und persönliches Interesse am Herzen liegt, Kenner des Judentums und der Juden, Psychologen, Pädagogen, Methodiker. Ohne auf die Einladung des Vorstandes zu einer Enquete zu warten, sei im Nachstehenden eine Aenderung der Methode vorgeschlagen, kein neuer Weg, für den ein Patent erstrebt wird, sondern ein schon betretener, der auf anderen Gebieten zu Erfolgen geführt hat. II. Mehrere Lehranstalten in der Schweiz, im Deutschen Reich und neuestens auch in Oesterreich zielen darauf ab, das Lehrziel rascher und wirksamer zu erreichen, als dies der staatliche Lehrplan ermöglicht. Aller Ballast, jedes entbehrliche Detail wird gestrichen, jede Verbreiterung des Stoffes Unterlasten, der Unterricht soll nur das absolut Erforderliche, dieses aber intensiv den Schülern zum Verständnis bringen. Dazu kommen noch äußerliche Hilfen: Unterricht in Gruppen ähnlich Befähigter, Correpetition, sorgfältige Auswahl von Lehrbüchern und Einschränkung der Ferialzeiten. — Manche dieser Anstalten haben einen Weltruf erlangt z. B. das Technikum Mittwaida; sie erzielen notorische Erfolge. Daß diese Grundgedanken für jede Disziplin anders praktiziert werden und daß erst die Praxis zur richtigen Methode führt, ist gewiß. Ebenso gewiß ist, daß hierzu auch' die geeigneten Personen gehören. Improvisieren lassen sich dergleichen epochemachende Neuerungen nicht, wohl aber vorbereiten und anbahnen. Wie wäre es, wenn der Kultusvorstand — nach hinreichenden, nur nicht gar zu lange zu verschleppenden Vorstudien — sich mit diesen Prinzipien befreunden und versuchsweise einige Religionsschulen nach denselben betreiben würde? Es gibt unter ihren Religionslehrern treffliche Pädagogen, tüchtige Gelehrte und gute Juden, denen die Versuchsmisfion übertragen werden könnte. Unter Zuziehung bewährter Methodiker könnte ein Plan entworfen werden, der die Lehrziele, welche man derzeit vergebens anstrebt — auch tatsächlich erreichen ließe. Es kann sicherlich erreicht werden, daß die Bürgerschüler, noch mehr die Mittelschüler befähigt werden, am jüdischen Gottesdienste teilzunehmen, die Geschichte der Juden zu kennen und das Judentum hochzuhalten. Bedenkt man, daß der Bürgerschüler gegen 400 Unterrichtsstunden, der Gymnasialschüler gegen 900 Unterrichtsstunden in der Religionsschule zubringen muß, so erscheint der Gegensatz zwischen den jetzigen Mißerfolgen und den möglichen Erfolgen ein so weitgehender, daß ein Versuch, Wandel zu schaffen, gar nicht abgelehnt werden kann. Es gibt vielleicht keine Disziplin in unseren Schulen, bei der der rote Stift des Zensors so leicht erkennen läßt, was abzustreichen wäre, wie bei derjenigen, die man bei uns Religionsunterricht nennt. Man frage doch, ob die Geschichte vieler Richter, die der meisten Könige irgend einen religiösen oder didaktischen Wert für die Schüler hat? Ob der Schüler ohne tiefergehende Studien die Nomenclaturen der talmudischen Literatur überhaupt erlernen könne? Und im Gegensatz zu diesem Unnützen — ob es möglich ist, daß der Schüler sich für seinen Volksstamm interessire, wenn ihm die wunderbare, tief tragische, kulturell und soziologisch so wichtige Geschichte der europäischen Juden nicht zum Verständnis gebracht werde? Und in religiös ethischer Beziehung, was wird den Schülern geboten, um auch nur ahnen zu können, wie unendlich viel die moderne Gesittung dem Judentume dankt? Schwieriger ist es, den zum Ziele führenden Weg für den Unterricht im Hebräischen zu finden. Daß der bisherige nichts tauge, kann ehrlicherweise nicht bestritten werden. Was die heutige Schule lehrt, ist beim Austritt aus der Schule sofort der Vergessenheit geweiht. Unsere Maturanten sind nicht fähig, am Gottesdienste teilzunehmen — das Hebräische ist ihnen fremd geblieben, trotz 12 jähriger Lehrzeit. Viele können kaum lesen, die Wenigsten ein Gebetstück, einen Psalm übersetzen. Daß ihnen das hebräische Gebet eine Andachtsübung sei, daß sie sich an einem Psalm erheben und erbauen — davon ist keine Spur. Es kann auch nicht anders sein. Die jetzige Lehrmethode stammt aus der Zeit, welche täglich mehrere Unterrichtsstunden dem Hebräischen widmen durfte. Man ging ans Uebersetzen, sobald das Lesen bewältigt war. Der Text wurde meist auswendig gelernt; die unaufhörliche Uebung im Gebet und in der Bibel schloß das sprachliche Verständnis in sich. — Daß diese Methode bei einer Unterrichtszeit von 2 Wochenstunden nicht anwendbar sei, zeigt der Erfolg. Dazu kommt noch die halbschlächtige „Instruktion", welche aus Rücksicht auf die Gegner des Hebräischen jeden grammatikalischen Unterricht verbietet. Eine . Sprache kann aber nicht erlernt werden, wenn die Grammatik beiseite bleibt. Solche Spiegelfechterei in einer heiligen Sache erscheint als ein Frevel an Lehrern und Schülern. Für den hebräischen Unterricht gibt es keine andere Methode, als für jeden anderen Sprachunterricht: Ansammlung eines Wortschatzes und wenigstens notdürftige Kenntnisse der Grammatik. Nenne man die Methode nach Berlitz oder Langenscheid oder Ollendorf — jede ist gut und jede taugt für den Zweck: in wenig Wochenstunden soviel Sprachkenntnis zu erlangen, daß die Liturgie und der Pentateuch erfaßt werden kann. Der bisherige Weg aber war es, der die Schüler zum Hasse gegen alles Jüdische geführt hat, wie es die Taufregister zeigen. Ltigrna. Vom Zabrmarkt des Lebens. Die rreirernanrrten holländischen Minister. Ueber die neuen Minister schreibt mir auf eine Anfrage Herr Sigmund Seeligmann in Amsterdam: Der Marineminister I. W. Cohen-Stuart stammt wohl von Juden. Sein Großvater hieß James Cohen und hat sich 1803 taufen lassen, und zwar durch einen Prediger Martinus Stuart. Dieser letztere ließ bei dieser Gelegenheit erscheinen: „Dooprede over de bekeering vanlsrael by de openbare inwyding eens joodschen huisgezins in de cbristelyke Kerk op den 20 van den Slagtmaand 1803. Amsterdam 1804. 8°. Außerdem erschien hierüber: „Vaers (-Gedicht) ter gelegenheid op de bediening van den heiligen christelyken waterdoop der remonstrantsche Gereformeerde gemeente alhier aan het joodsche hiusgezin, met name Cohen, thans Elix. Amsterdam 1804. 4°. (Beide zitiert von L. G. Visscher : Chronologische Tafel voor de Geschiedenis der Israelieten in Nederland. Utrecht 1850. 8°, p. 61.) Nach seiner Taufe verheiratete sich dieser James Cohen mit der Tochter des Predigers Stuart, der ihn getauft. Sie hatten neun Kinder, die sich alle, nach Vater und Mutter, Cohen-Stuart nannten, vgl. I. I. van Oosterzee in der Biographie des Dr. M. Cohen-Stuart (ein Sohn dieses James Cohen) in Levensberichten . . van de Maatschappy d. Ned. Letterkunde, Leiden 1879, p. 106. Auch