Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 34 (25.8.1905)
- Date
- 1905-08-25
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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9tr. 34 Sette 533 Dr. Dlocb's MlocbenscbrM. züglich" hätte honorieren müssen, aber die Welt ist über das Schulespielen hinaus und sie verlangt Ernst, sie verlangt, daß Ernst gemacht wird. Mit schönen Redensarten ist sie nämlich zur Genüge und reichlich versorgt. Sie sieht den, der nur schöue Redensarten zu machen vermag, leicht für einen sentimentalen Schwächling an. Auf das Friedensmanifest ist nun das Verfassungsmanifest gefolgt, und die öffentliche Meinung ist darauf nur zu geneigt, ihr Urteil zu modifizieren, da sie mit dem ursprünglich gewählten Epitheton nicht mehr durchkommt. In der Tat, einfach sentimental ist das Unterfangen nicht mehr. Das ist schon etwas anderes und verdient eine andere Bezeichnung. Wie, das gewaltige Reich erbebt in seinen Grundfesten; ein Volk von anderthalb hundert Millionen blickt in seiner tiefsten Not hoffend und sehnsüchtig auf zu dem Throne des Zaren; die Verzweiflung mit ihren unberechenbaren Entschließungen lauert in jeder Stadt, in jedem Dorf und sinnt auf Verheerung und auf Vernichtung; der Thron ist in Gefahr und der Zar selbst und seine ganze Sippe ist nur noch sicher — und auch das ist nur eine fragwürdige Sicherheit — hinter Wall und Graben, hinter Schloß und Riegel — und das ist die Verfassung, die das Volk beruhigen, den wackeligen Thron stützen, das gefährdete Reich retten soll?! „Aus diesem Grunde haben wir, indem wir die fundamentale, staatserhaltende, autokratische Macht aufrechterhalten, es für gut befunden, eine Gossudarstwennaja-Duma zu schaffen und eine Wahlordnung dieser Duma zu bestätigen, die sich auf das ganze Gebiet des Reiches erstreckt, mit jenen Ausnahmen, die für einzelne, in besonderen Verhältnissen befindliche Gebiete notwendig sind." Das neue „Parlament" soll eine „konsultative Körperschaft" werden, die mit der vo rläufigen Ausarbeitung und Beratung der Gesetzentwürfe, sowie mit der Prüfung des Staatsbudgets betraut ist. Das ist Alles, und damit soll ein Volk, das unter jahrhundertelangem Druck geschmachtet hat, sich zufrieden geben; sich zufrieden geben, nachdem hunderttausende seiner besten Söhne planlos, brutal, verbrecherisch und dumm zur Schlachtbank geschleppt, das Volk zur Verzweiflung, das Reich an deu Rand des Verderbens gebracht, nachdem die Macht des Zarismus zu Wasser und zu Lande kläglich zerbrochen, zerschmettert worden ist! Das soll den Anbruch der neuen Aera, der Aera der Freiheit bedeuten, und dabei sollen zehn Millionen Juden noch weiterhin in Schmach und Rechtlosigkeit belassen werden, jeglicher Begaunerung und Verfolgung, jeglicher Grausamkeit von oben und unten schutzlos preisgegeben bleiben! Wäre die Sache nicht so furchtbar ernst, man könnte sich versucht fühlen, laut aufzulachen über die ungeheure Verblendung, welche weltgeschichtlichen Erschütterungen mit so albernen Mittelchen beikommen zu können wähnt. Noch ist es also nicht genug der Schmach, nicht des vergossenen Blutes l Sonst heißt es: Not lehrt beten. Hier gibt man sich den Anschein, als bete man, in Wahrheit ist es eine Lästerung. So wirbt man nicht um die Freiheit und so läßt sie nicht ungestraft um sich werben. Das skandalöse Possenspiel, das da mit dem Selbstbestimmungsrecht eines großen Volkes versucht wird, wird sich rächen, muß sich rächen; es geht gar nicht anders. Die „fundamentale" Macht der Autokratie kann sich nach Allem, was sich begeben hat, auf die Dauer nicht mehr behaupten. Diese Volksvertretung ist ein laens a non lucendo und erinnert lediglich an den berühmten Pelz, der gewaschen werden soll, aber nicht naß gemacht werden darf. Noch nicht genug also der Schmach und des Blutvergießens; es muß noch ärger kommen. Wo immer es Katastrophen gibt auf der Welt, immer sind es Juden, die am härtesten von ihnen betroffen werden. So auch hier. Die Absurdität ist aber zu kraß, als daß sie sich nicht überschlagen sollte. Es wird noch ärger kommen, und das wird die unausbleibliche Folge solcher verblendeter Versuche sein. Was haben die Antisemiten den Juden nicht alles in die Schuhe geschoben als ihren Anteil an den Katastrophen, von welchen der Zarismus bisher betroffen » worden ist! Alles war erlogen. Die Juden haben bisher nichts getan, als geduldet und gelitten. Jetzt aber bietet sich ihnen doch die Gelegenheit eines wirksamen, passiven Widerstandes. Der Zarismus kann ohne Geldmittel auch nicht mehr den Schein seiner Macht aufrechterhalten, und so viel Solidaritätsgefühl ist doch wohl bei der gesamten Judenschaft vorauszusetzen, daß wenigstens sie nicht selbst die Mittel beistellen zu ihrer eigenen Verfolgung und Bedrückung. Es muß erst noch ärger kommen, ehe der Wille der russischen Machthaber ein ehrlicher wird. Dann wird auch das Gebet ein ehrlicheres werden. Jetzt täuschen sie sich noch über die wahre Sachlage hinweg, weil die Not vorläufig noch nur das Volk drückt, nicht auch sie selbst, die sich gut gebettet und ihr Scherflein ins Trockene gebracht haben. Der Zar selbst gleicht vorläufig jener jüdischen Parvenue, die in Geburtswehen liegt und zu der man einen berühmten Professor geholt hat. Der Professor hält sich mit dem Ehemann in einem Nebenzimmer auf. Zu ihnen dringen die Wehklagen der Wöchnerin: „Ob, mon Dien, — oh, mon Dien!“ Der Ehemann ist auf's Tiefste erschreckt und drängt den Professor. Dieser aber zündet sich eine Zigarre an und sagt gelassen: „Noch hat es Zeit". Erst als sie nicht mehr französisch wehklagte, sondern die elementaren Schmerzensschreie im nationalen Idiom „8ebma lllsroöi" hervorbrachen, legte er bie Zigarre weg und rief: „Jetzt ist's Zeit!" Das Verfassungsmanifest des Zaren ist auch ein Schmerzensschrei, aber noch bedeutet es nur ein in vornehmtuender Haltung ausgestoßenes Ob, mon Oien! Es wird noch anders kommen, man kann sich ruhig darauf verlassen. Wir werden bald „8ebma cki8roö1" hören! D«m Kapitel: Religio«ssch«le. i. Daß unsere Religionsschule nach keiner Richtung hin befriedige, bedarf keines Beweises. Nimmt man die an der Leitung derselben Beteiligten, d. i. den Kultusvorstand und die Lehrer, aus, so find ziemlich alle anderen Gemeindemitglieder darüber einig, daß die Religionsschule ihrer Aufgabe nicht gewachsen sei. Einen Hauptfehler erblickt man darin, daß es ähnlich wie im Gymnasium mit dem Griechischen, so hier mit dem Hebräischen geht: die Schüler werden damit sehr geplagt, lernen aber doch nichts Rechtes. Auch im religiösen, biblischen und geschichtlichen Unterricht bleiben die Erfolge hinter bescheidenen Erwartungen zurück. Befrägt man hierob die maßgebenden Personen vom Vorstand oder aus Lehrerkreisen, so wird eigentlich die Richtigkeit solcher Angaben nicht in Abrede gestellt. Zur Rechtfertigung gibt man an: das Schulgesetz gewähre zu wenig Unterrichtszeit, um Befferes zu leisten. In zwei Stunden per Woche laffe sich eben nicht mehr zu Stande bringen. Mit diesem Argument beruhigt man sich und fügt sich in das Unvermeidliche. Wer fügt sich? Der Kultusvorstand, die Inspektoren, die Lehrer und die leider sehr große Zahl der Indifferenten. Fügt sich aber auch das Judentum? Gewiß nicht. Unsere Kinder, welche ohne Kenntnis alles deffen, was das Judentum betrifft, aufwachsen, find schon jetzt keine Juden mehr — unschwer läßt sich Vorhersagen, wie es in der nächsten Generation aussehen wird. Da drängt sich doch die Frage auf: muß sich das Schicksal also erfüllen? Gibt es gar kein Mittel dagegen? Sollen die Waffen gestreckt werden, selbst ohne den Versuch einer Gegenwehr? Soll man ruhig das Judentum in den Sand verlaufen lassen? Wer noch Herz und Sinn für den väterlichen Glauben hat, der muß energisch zum Widerstand mahnen. Um sich zu wehren, gibt es noch immer Mittel und Wege politischer, sozialer, ökonomischer Natur — allein nichts von solcher Wichtigkeit wie eine radikale Veröefferung der Religionsschule. Daß sich der Kultusvorstand mit einer solchen befaffe — anders befasse, als in der bisherigen dilettantischen Manier — wäre wahrlich seine heilige Pflicht.