Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 33 (18.8.1905)
- Date
- 1905-08-18
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Nr. 33 Dr. Mocb's Mocbenscbrikr. Sette 585 Eine dichte Staubwolke hing in der heißen Lust, die jeden Augenblick von den verschiedenartigsten Lauten zitternd widerhallte und vibrierte. Und immer schriller wurden die Töne, immer dichter der Staub und mitsamt der Luft erzitterte das Herz in bösen, traurigen Vorahnungen. . . . Es hielt mich nicht länger; ich erstieg das sandige Ufer und sah, wie aus den Haustüren der nahen Stadt Menschen hinaussprangen, von Kindern und Hunden gefolgt, wie alles, wie toll, die Straße hinunterlief, wie die erschreckten Tauben über ihren Häuptern flatterten und die Hühner vor ihren Füßen hin- und herliefen. Ein Schrecken erfaßte mich, und ich wurde vom allgemeinen Tumult so ergriffen, daß auch ich den anderen nachrannte. — Man schlägt sich in der Elisabethstraße! hörte ich jemanden rufen. — Man schlägt die Unfrigen, Kameraden! antwortete von der entgegengesetzten Seite ein Reiter, der im schnellen Trab die ungepstasterte Straße dahinrannte. Ich bog um eine Ecke und blieb Plötzlich stehen, denn die schmale Gasse war von Menschen so überfüllt, daß sie wie ein vollgestopfter Sack aussah. Von der Ferne her ertönte das Schreien und Wimmern von Iltenschenstimmen und Klirren der Gläser; schwere, dumpfe Schläge, die wie Herbstnebel sich dicht in einander hüllten, schwollen in eine bleischwere Wolke in der Luft zusammen. — Man schlägt die Juden! rief vergnügt ein kleines altes Männlein. — Und es geschieht ihnen recht! fügte er tiefbefriedigt, die kleinen abgemagerten Hände reibend, hinzu. Ich drang immer vorwärts durch den furchtbaren Lärm und wurde von seiner Gewalt heftig angezogen. Und ich war leider nicht der Einzige, der diese Gewalt über sich ergehen ließ: alle Gesichter, die ich sah, waren von einem stumpfen, bösen Groll durchwühlt, aller Augen glänzten; man sah, daß diese unzählige, fessellose Bande zu allem fähig war; sie war bereit, Mauern zu brechen, die sie in ihrem Zerstörungszug hinderten, und den Nächsten zu Boden zu werfen, um über seine Leiche hinweg immer weiter zu toben. Ich stürzte in einen Hof, sprang von da über den Zaun in einen zweiten und fiel wieder mitten in einen Menschenschwarm. Er erfüllte den Hof eines eng gebauten Hauses und schien in sinnloser Tobsucht kaum an sich halten zu können. Wie toll, wie verhext schrieen sie und stießen erhobenen Hauptes mit geröteten Gesichtern und knirschenden Zähnen gegeneinander, um sich auf das Dach hinaufzuschwingen; sie fielen herab und krochen aufs Neue hinauf. Aber in all' diesem Wirrwar, diesem Chaos von Stimmen, Bewegungen und Gestikulationen lag doch etwas Gemeinsames, etwas, was alle beseelte und zu einem Ziele anspornte; man sah, daß sie alle von einem Wunsche, von einem Streben beherrscht waren und daß jeder sich als Glied des Gesamtorganismus fühlte. Hoch über dieser wütenden Menge auf dem Dache des Hauses stand neben dem Schornstein ein großer, hagerer Jude. Er riß mit den Fingern einzelne Ziegel vom Schornstein ab und warf sie hinunter. Der lange, graue Bart zitterte auf seiner Brust und die weißen Beinkleider waren mit Blut bedeckt. — Erschießt ihn! tobte es von allen Seiten. — Gieb ein Gewehr! Steinigt ihn! — Klettere hinauf zu ihm! In verschiedenen Fenstern des großen Hauses kamen unzählige Menschengestalten zum Vorschein, die die Rahmen ausrissen und Hausgerät durch die Oeffnung warfen. Das Glas klirrte. Da kommt ein rothaariger, breitschultriger Bursche mit einem großen Wandspiegel ans Fenster und mit dem Ruf: — Vorsicht, Kameraden! fiel das Glas, das noch im Flug die Sonnenstrahlen auffing, klirrend zu Boden. Gleich darauf sprang auch der Bursche nach. Sonderbar war, wie ernst er aussah: keine Aufregung, kein Groll ward an ihm zu merken. Im anstoßenden Fenster stand ein dunkelbärtiger Bauer mit einigen Kissen in den Händen. Im Nu riß er sie auseinander und ein dichter Regen von weißen Federn flog durch die Luft. — Es schneit, Kinder! Schaut, daß ihr nicht friert! rief der Bauer, indem er der weißen Wolke nachschaute. Da tobte es wieder in dem Hof. — Hierher, Kinder! Ich habe in einem Fasse Judenbuben gefunden! — Schlagt sie tot! — Mit den Köpfen gegen die Mauer! — Hör' Du alter Jud! oben. Komm' herunter, wir haben Deine Brut in Händen. — Komm' herab, sonst vertilgen wir Deine ganze Rasse. Eine herzzerreißende Kinderstimme durchdrang die Luft — sie wirkte wie der Blitz stechend und blendend inmitten des dumpfen Tobens des Pöbels. — Nicht anrühren, rief Jemand. — Die Kinder nicht berühren! — Nur Erwachsene totschlagen! * Wieder das markerschütternde Hilferufen eines Kindes, das in die tiefste Seele eindrang und alles ringsumher mit seinem Grauen bedeckte. — Ach, das Scheusal! wütete einer. — Hat er den Kopf abgehauen? — Nein, die Beine. — Du alter Teufel Du! — Du, Luzifer, komm her, wir hauen den Juden herab. Und zwei gewaltige Burschen drangen durch die Menge und erstiegen das Dach. Im Fenster erschien wieder der ernste Bursche und schob mit Aufgebot aller Kräfte einen Schrank oder einen Kasten in die Oeffnung: „Kinder, fangt das Geschirr." Der Kasten wollte aber nicht in die Oeffnung, der Bursche riß ihn deshalb an sich, verschwand einen Augenblick, um bald wieder mit dem Ruf: „Vorsicht, Kinder," einen Stoß Teller und einen blinkenden Samowar hinauszuschleudern. Die Menge aus dem Hof faßte sich beim Kopf und lief lachend auseinander. Nur der dicke rothaarige Bursche hob den Samowar in die Höhe, schleuderte ihn zu Boden und zertrat ihn mit den Füßen. Ein grauenvolles Wimmern ertönte vom Dach. Plötzlich kam etwas Großes am Giebel des Daches zum Vorschein; es blieb eine Sekunde in der Luft hängen. Ein lauter durch dringender Schrei! Und der Gegenstand lag am Boden. Nur noch ein leises Wimmern. ... Ich lief, wie rasend, fort und hörte hinter mir wilde Triumphrufe: Aha, Aha! — Wir haben ihn abgehauen! In den Straßen brach die Meute Stühle, Tische, Kasten und Schränke entzwei, riß Kleidungsstücke, Kissen auseinander; Bettfedern flogen nach allen Seiten in der Lust. Aus den Fenstern der beiden nächsten Häuser fielen zu Füßen der Menge Kissen, Körbe, Möbel, Kleider und der Pöbel, vom Zerstöruugsdrang erfaßt, fing die Gegenstände auf, brach und riß sie entzwei. Zwei Frauen, zerzaust, mit geröteten Wangen, ergriffen einen Kasten und zerrten ihn hin und her. Sie riefen sich etwas zu, öffneten weit den Mund, denn ihre Stimmen wurden vom Toben des Pöbels, vom Krachen und Klirren, von schauererregenden Hilferufen übertönt. Dicht an mir kam ein großer Bauer vorbei. Unbedeckten Hauptes, in zerrissenem Hemde, blutbedeckt, ging er ruhig einher und lächelte stumpfsinnig: Das Lächeln eines sattgefreffenen Tieres. Jetzt näherte er sich dem Laternenpfahle, umfing ihn und rüttelte an ihm, das Holz gegen seine breite Brust drückend. Die Laterne erbitterte und stürzte hinab. Brich' sie entzwei! rief ein anderer Bauer, sprang an die Stange heran und begann an ihr, schweratmend, zu rütteln. Plötzlich kam, wie eine Taube in eine Rauchwolke, ein junges Mädchen in zerrissenen Gewändern in die Menge hineingeflogen. Mit zurückgeworfenem Haupte, aufgelöstem Haare lief sie mit weitgeöffneten Augen und blassem Gefichtchen gerade vor sich hin. Hepp! Hepp! Haut die Jüdin! jauchzte es von allen Seiten, und bald verschwand das Mädchen in der Menge, wie