Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 33 (18.8.1905)
- Date
- 1905-08-18
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 626 Dr. Dlocb s Mlocbenscvrm. Sir. 33 ein Stückchen Zucker unter einem Fliegenschwarm. Ein Chaos von menschlichen Körpern stürzte auf sie, Faustschläge wimmeln, Zischen wie von Schlangen, ein Winseln wie von Tieren, Bewegungen wie von Würmern — alles kam in buntem Durcheinander zum Ausdruck. — Achtung, Leute! Selmann kommt! rief ein Haufen Burschen, welche das Pflaster entlang etwas mit sich schleppten. Es war ein Mensch oder eigentlich die Leiche eines solchen — ein halbnackter, hagerer Körper, zerdrückt, halb mit Blut und Kot bedeckt. Ein Bein mit einer Schnur umringelt, so schleppten sie ihn durch die Straße; ein langer Streifen Blut bezeichnete chren Weg. Die hageren Hände schleiften, und gegen das Gestein stieß der blutüberströmte, abgerissene Kopf . . . eines Menschen. Ein Laufbursche sprang auf den Körper, vergrub seine Füße im Leib wie in einem Teig, und fiel beim hellen Aufjauchzen der Bande zu Boden. Selman war ein reicher Warenlieferant, den ich sehr gut gekannt habe; das aber, was ich da vor Augen hatte, war weder Selman noch überhaupt einem Menschen ähnlich. Betäubt und besinnungslos von Gesehenem, vor Staub und Rauch erstickend, drehte ich mich in der Menge wie ein Span im Bach und glaubte einen furchtbaren Traum zu träumen. Da hängt z. B. ein weißer Rock auf der Wasserrohre, unten steht ein altes eingetrocknetes Weib und streckt, auf die Zehen gestellt, gierig die hageren Hände danach aus. Neben ihr hüllt sich ein bärtiger Mann in einen Sammetrock ein. Kleine Buben irren zu Füßen der Erwachsenen und sammeln die Splitter zusammen; einer läuft einer fliegenden Bettfeder nach und will sie fangen. Ein Polizist kommt endlich herangeeilt, und wird von der Menge grob bewillkommt. Faßt ihn! Halt' ihn fest! Jemand wirst ihm einen Kasten in den Weg, worüber der Schutzmann zur lebhaften Beftiedigung des Pöbels laut auffchreiend zu Boden stürzt. Nun sah auch ich herab und fand ein Stück blutbedeckte Haut mit einigen Haarsträhnen zu meinen Füßen. Hierher Kameraden! erschallte es vom Hof her und überströmt die ganze Bande jauchzend und wild tobend hin. Hepp! hepp! heißt es jetzt von allen Seiten. Im zweiten Stockwerke des Hauses arbeitet man emsig, in die Mauer zwischen zwei Fenstern durchzubrechen. Ziegel, Kalk, weißer Staub fliegen durch die Luft; eine Platte stürzt durch das Fenster gerade auf den Kopf einer alten Frau die laut auffchreit und niedersinkt. Die Kosaken kommen! Rette sich wer kann, Kameraden! Die Kosaken!!! Am Eingang der Straße werden Pferdeköpfe und blaue Kosakenmützen sichtbar; die „Nagaikes" blinzeln, und eine laute rohklingende Stimme kommandiert: „Zu Dreien! Galopp! Marsch! Ein Haufen Ziegel fällt zur Erde. Die Mauer zwischen den Fenstern ist nicht mehr da und in das abscheuliche Loch wird ein kolossaler Schrank vorgerückt, wankt einen Augenblick, ruscht dann langsam die Mauer entlang und bricht dröhnend auf dem Straßenpflaster zusammen. Die Luft ist von einem unruhigen Rauschen erfüllt, als vb ein unsichbarer, wilder. Strom durch sie flösie, der alles in rasender Tobsucht und Zorneseifer mit sich fortreißt. Die Menge läuft unter den Nagaikenhieben und Pferdestößen blindlingh und stumpfsinnig wie das Rindvieh davon. Sie könnten nach den Höfen über den Zaun springen, tun es aber nicht und lasten die nicht aufhörenden Schläge auf ihre Köpfe, Nacken, Arme ruhig über sich ergehen. Der rothaarige Bauer dreht sich plötzlich im Laufen und schlägt mit voller Kraft gegen den Kopf eines Pferdes und verschwindet zwischen den Kosaken. Nun sausen auf den Ort, wo er verschollen, die Nagaiken mit verdoppelter Kraft und Zahl hernieder. Die Kosaken reiten weiter dicht aneinander gerückt, Kopf an Kopf und vor ihnen läuft die aufgelöste Menschenmenge stumpfsinnig und blind gegeneinander. Werfet Ziegel auf die Kosakenköpfe! ruft Jemand von der Höhe. Ein halbnacktes, blutüberströmtes Weib wirft sich plötzlich unter die Pferdehufe. Sie kam plötzlich, wie aus der Erde heraus, faßt den Fuß des ersten Kosaken und schmiegt sich an ihn wimmernd. Marsch! Halt! Haut die Kosaken! Die Menge tobt und läuft unaufhaltsam wie ein Bergbach. Dumpfe Fußtritte vom Klirren der Hufeisen begleitet! Kaum daß sich die Pferde zwischen den Splittern der Gläser, Möbel und verschiedenen Hausgeräten, die die Straße bedecken, bewegen können. Mit einemmale bleiben sie ganz stehen. Auch die Menge hält an und wendet sich den Kosaken zu. 50 Mann rücken heran. Die Menge brüllt und harrt. Aber hinter her am Straßenende erscheinen Kosaken und Polizisten. Jetzt erst laufen die Leute über Tor und Zaun nach dem Innern der Häuser, werden aber alsbald von den Polizisten aufgefangen. Bor einigen Augenblicken noch waren sie wilde Tiere, die sinn- und erbarmungslos solch elende und unglücklichen Geschöpfe, wie sie selbst es sind, gemartert haben, und jetzt sind diese Tiere nur elendige Feiglinge, die ebenso sinn- und erbarmungslos geschlagen werden und wie gehetztes Vieh schmählich fliehen.-1- Am selben Abend ging ich durch die Straße an einigen Kosaken vorbei und hörte einen von ihnen sagen: „Sie haben vierzehn Juden zerstückelt." Und der andere rauchte seine Pfeife ruhig weiter und erwiderte darauf kein Wort. Literatur. Grunwald M., Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde, Heft XVI, Berlin, Calvary & Co., 1905. Immer von neuem verdient es betont zu werden, daß die Geschichte unseres Volkes weit mehr als mit dem weit ausholenden Griffel der tatenkündenden Historie mit der Feder des liebevoll skizzierenden Genreschilderers gezeichnet werden muß. Wer den Juden der Vorzeit kennen lernen will, der suche ihn nicht auf dem lärmenden Markt des politischen Treibens, der suche ihn in seiner Behausung auf, lausche ihm und seinem Kinde die sinnigen, von den Vätern überkommenen Weisen und Weisheitsworte ab, studiere ihn aus seinen Briefen, in denen er dem Freunde sein Innerstes erschließt. In diesem Sinne bedeutet das neueste Heft der trefflichen Mitteilungen zur jüdischen Volkskunde, das 16. der Reihe, eine erfreuliche geschichtliche Leistung. Das Heft führt uns zunächst in das Innere eines Rabbinerhauses im 18. Jahrhundert. Rabbiner Dr. Elsaß in Landsberg a. d. Warthe schildert in erschöpfender Anschaulichkeit auf Grund eines von ihm zum erstenmale behandelten Aktenmaterials den Haushalt eines seiner Amtsvorgänger, Elias Levin, des Stammvaters einer weitverzweigten, nach seinem Amtssitz „Landsberg" genannten Rabbinerfamilie. Dieser Rabbiner in einem entlegenen polnischen Städtchen führte seinen Stammbaum auf Don Salomo Kaliphari zurück, der, als Leibarzt eines portugiesischen Königs um 1600 zur Auswanderung gezwungen, in Krakau sich niederließ. Wiederum ein Beleg für den Reichtum an wunderbaren Beziehungen, den die Geschichte des ewigen Wandervolkes auf jeder Seite aufweist. Dort der glänzende ärztliche Berater eines Königs, umstrahlt von der Märchenpracht eines Hofstaates des 16. Jahrhunderts, hier der arme polnische Gelehrte in Schubetze und Zobelmütze. Denn ärmlich, in keiner Hinsicht erfteulich bietet sich die äußere Lage unseres Rabbi dar. Nicht mit Unrecht warnt der Verfasser zum Schluß mit Hinweis auf das Wort des weisen Königs vor dem übertriebenen Preise der „guten" alten Zeit. Wie im XV. Hefte, wird auch in dem vorliegenden eine Probe eines Marschalik-Vortrages geboten. Rührend ist die