Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 33 (18.8.1905)
- Date
- 1905-08-18
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 522 Dr. Llocb's Mocdenscvrm. Nr. 33 Aufklärung über die Judenverfolgungen u. f. w. erhalten, aber sie erwarteten dann, daß Witte recht bald den Uebergang zu den Finanzfragen finden werde. Dafür spricht auch die Anmeldung nicht nur Jakob Schiffs, sondern auch M o r g a n s, dessen Dacht erwartet wird. Den angekommenen Bankiers wurde von den Russen versichert, daß, ihrer Ueberzeugung nach, die Verhandlungen wenigstens noch zwei Wochen dauern würden. Die Tatsache, daß die jüdische Frage Nebensache ist und die Finanzangelegenheiten Hauptsache, tritt immer mehr hervor. Portsmouth. Witte wurde infolge plötzlichen Temperaturwechfels von einer leichten Erkältung befallen. Er blieb in feinem Zimmer von 729 bis Mitternacht mit den hier angekommenen Bankiers; diese erklären. Witte belehrt zu haben, wie die Kulturwelt, speziell Amerika, über die Behandlung der Juden in Rußland denkt, und behaupten, überzeugt zu sein, daß ihre Unterhaltung mit Witte Früchte tragen werde. Sie sprechen nicht anders als enthusiastisch von Witte. So nennt ihn Strauß einen der erleuchtetsten.Staatsmänner der Gegenwart. Sie bleiben noch einen Tag hier und dürften eventuell Gelegenheit finden, über Finanzfragen zu sprechen. Es ist anzunehmen, daß trotz der Behauptung des Bankiers, ein Geschäft sei nicht erwähnt worden, erörtert wurde, unter welchen Bedingungen, die Vorteile für die russischen Juden bedeuten würden, Rußland aus ihre finanzielle Unterstützung rechnen dürfe. Ei« interessantes Dokument. Wie uns ein Freund unseres Blattes schreibt, wurde vor einigen Tagen in Homel (Gouvernement Mohilew) folgendes Zirkular verbreitet: Bekanntmachung. Während meines viertägigen Aufenthaltes in Homel sind zwei Bombenattentate gegen mich versucht worden, und zwar von niederträchtigen Juden. Hiemit teile ich zur Warnung mit, daß jeder Jude, der zum Auswurf der jüdischen Gesellschaft gebärt und sich Demokrat (Sozialist) nennt und sich während meiner Fahrten durch die Stadt meinem Wagen auf mehr als Schrat nähert, von dem mich begleitenden Kosaken nirdergeschofsen werden wird. In diesen vier Tagen ist auf die Patrouillen, welche die Stadt durchstreifen, von vielen Häusern aus geschossen worden, und bei den Nachforschungen bei den betreffenden Hauseigentümern leugnen letztere und geben an. daß die betreffenden Wohnungen unvermietet seien, weshalb sie für die betreffenden Wohnungen nicht verantwortlich seien. Es stellie sich aber (?) heraus, daß die Wohnungen bewohnt waren. Ich mache daher bekannt, daß in diesen Fällen die Garnisonen den Befehl erhalten haben, diejenigen, die die Soldaten beleidigen, zu erschießen, welcher Befehl auf die betreffenden Häuser Anwendung finden wird, unabhängig davon, wer dort wohnt, weshalb die Hauseigentümer verpflichtet sind, dafür zu sorgen, daß die Demokraten bei ihnen keinen Einlaß finden. Das zweimalige Attentat auf mein Leben wird uiich nicht hindern, die energischesten Maßnahmen zur Unschädlichmachung der Niederträchtigkeiten zu ergreifen, und ich wende mich an die Homeler Gesellschaft mit der Aufforderung, zum Frieden und zur Ordnung zurückzukehren, denn auch eine friedfertige Menschenmenge, welche den fteien Verkehr des Publikums hindert, wird vom Gesetze bestraft. Die letztere Erscheinung habe ich auf der Rumjanzew-Straße bemerkt, wo ich eine Anzahl von Juden, nach ihrem Alter und Stand ordentliche Bürger, sah. Auch hiergegen werden von mir Maßregeln ergriffen werden. Der stellvertretende Polizeimeister Chlebnikow. Auf diese Bekanntmachung hin begab sich eine Anzahl der angeseheneren Juden von Homel zu dem Unterzeichneten stellvertretenden Polizeimeister, um Gegenvorstellungen zu machen. Sie machten geltend, daß die Kosaken doch nicht in der Lage wären, zu entscheiden, welche Juden „Demokraten" und welche friedliche Bürger seien und demnach das Leben jedes Juden in der Stadt bedroht sei. Der Polizeimeister erwiderte, daß es den Juden freistände, gegen ihn bei der Vorgesetzten Behörde Klage zu führen. (Diese „Vorgesetzte Behörde" ist der Gouverneur Klingeuberg, deffen Benehmen bei dem Homeler Judenkrawall vom Herbst 1903 noch in Aller Erinnerung ist!) Uebrigens bemerkte der Polizeimeister, daß er seines Amtes so überdrüssig sei, daß er, wenn er nur ein Kapital von 1500 Rubel „besäße", sein Amt sofort aufgeben würde .... Kiew. (Die russischenGouverneure drohen mit einem Judenkrawall.) Am 27. Juli berief der Gouverneur von Tschernigow 20 angesehene Mitglieder der dortigen jüdischen Gemeinde einschließlich des Kronrabbiners, um an sie folgende Ansprache zu richten. Meine Herren, ich war bis jetzt stets mit Erfolg bemüht, öfters zwischen Juden und Christen entstehende Streitigkeiten nicht zu einem Krawall ausarten zu lassen. Seit einiger Zeit benimmt sich jedoch die jüdische Jugend so „frech und herausfordernd", daß ein großer Teil der nichtjüdischen Bevölkerung im hohen Grade gegen die Juden erbittert ist. Falls nunmehr die täglich vorkommenden Streitigkeiten zwischen Juden und Christen größere Dimensionen annehmen sollten, werde ich nicht mehr imstande sein, für die Juden energisch einzutreten. Ich bitte sie daher, auf die Jugend etwas mehr Acht zu geben. Die verschüchterten Juden haben auf die freche Anrede des Gouverneurs leider nicht sofort die gebührende Antwort gefunden. Einige von ihnen beeilten sich sogar, die Jugend preiszugeben und zu erklären, daß sie für Leute, welche keine Synagoge besuchen und am Sabbath öffentlich Papyrossen rauchen, nicht die Verantwortlichkeit übernehmen können. Die Mutigeren unter ihnen erlaubten sich die schüchterne Einwendung, daß ja auch die christlichen Arbeiter in der letzten Zeit sich „frech und herausfordernd" betragen, worauf aber der Gouverneur hoheitsvoll erwiderte, die Christen werden eben von den Juden verdorben. Eine ganz andere Abfertigung wurde bei gleichem Anlässe dem Gouverneur von Witebsk zuteil. Auch dieser lud die angesehensten Juden der Stadt zu sich, um ihnen im gleichen Tone wie sein Amtskollege in Tschernigow Vorwürfe über das Verhalten der jüdischen Jugend zu machen und sie unter Drohung mit einem Krawall aufzufordern, dafür zu sorgen, daß die junge Generation die Behörden nicht wefter belästigen möge. Im Gegensatz zu ihren Glaubensgenossen in Tschernigow blieben die Juden von Witebsk dem Herrn Gouverneur die Antwort nicht schuldig. Unter den Hinweis darauf, daß die Behörden nicht allein von Juden, sondern auch von Christen arg belästigt werden, erklärten sie ihm kategorisch, außer Stande zu fein, einer Bewegung, welche das gesamte russische Volk ergriffen hat und unter welcher sie selber pekuniär schwer zu leiden haben, Herr werden zu können. Es wäre unbillig, von den Juden etwas zu fordern, was selbst die Regierung mit allen ihr zu Gebote stehenden Machtmitteln fertig zu kriegen nicht imstande ist. Tiflis. (EineBittschriftderJuden.) Russische Blätter veröffentlichen folgende, dem Statthalter des Kaukasus durch eine Deputation der Juden des Terrekgebietes überreichte Bittschrift, welche in ihrer rührenden Einfachheit bei jedem Leser eine geradezu überwältigende Wirkung haben muß. Die Bitlschrift erinnert daran, daß die Bergjuden seit undenklichen Zeiten im Kaukasus wohnen und daselbst die gleichen Rechte wie der njchtjüdische Teil der Bevölkerung besessen Halen. Auch nach der erfolgten Eroberung des Kaukasus durch die Russen wurden die Rechte der Juden in der ersten Zeit nicht angetastet. Im Gegenteil haben die russischen Behörden wiederholt erklärt, daß die Maigesetze auf die kaukasischen Bergjuden keine Anwendung finden dürfen. Im Jahre 1892 trat jedoch eine wesentliche Aenderung zum Schlimmern ein. Ohne jedes gesetzliche Recht und allein aus eigener Machtvollkommenheit begann der Gouverneur von Terrek, General Kochanow, die Maigesetze auch auf die dortigen Juden anzuwenden. Nicht nur war ihnen verboten, Land zu kaufen, sie wurden im buchstäblichen Sinne des Wortes an die Scholle gefesselt. Falls sie ohne Paß ihren Heimatsort verließen, um nach irgend einer Stadt des Kaukasus zu reisen, wurden sie sofort per Schub in ihr Dorf zurückgeschickt. Die Folgen waren überaus beklagenswert. Sie konnten weder Handel noch Handwerk treiben und gehen ihrem ökonomischen Ruin entgegen. „Wir fühlen uns", heißt es in der Eingabe weiter, „auf Schritt und Tritt beengt. Wir werden von den Ortsbehörden aufs schwerste bedrückt. Wir dürfen unser Heimatsdorf nicht verlassen und können uns im Gouvernement Terrek nicht mehr ftei bewegen. Da wir in unseren Dörfern keinerlei Schulen besitzen, sind wir der Möglichkeit beraubt, unseren Kindern selbst eine Elementarbildung zu geben. Es braucht kaum gesagt zu werden, daß wir von der Verwaltung der Aulen (kaukasische Dörfer). vollständig ausgeschlossen sind." Die Eingabe schließt mit der Bitte, der alte gesetzliche Zustand, wie er bis vor dem