Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 33 (18.8.1905)
- Date
- 1905-08-18
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021602-3021636--14728-3039454- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Minsk 3× ep/1000754
- Irkutsk 2× ep/2294887
OCR text
Nr. 38 Dr. Mocb's MocbenscvrLtt. Seite 52t ans Herz legte, stets darauf bedacht zu sein, der Anstalt Ehre zu machen und durch gute Aufführung die Wohltaten zu verdanken, die ihnen erwiesen werden. Er aber verspreche ihnen, auch weiter für sie väterlich zu sorgen und darauf zu sehen, daß sie zu guten Menschen herangebildet werden. Damit schloß die erhebende Feier, die auf alle Anwesenden einen tiefen Eindruck machte. — Deputativ beglückwünschten Dr. Straucher die Beamten der Kultusgemeinde, die Lehrer, Rabbiner u. s. w. Rückkehr zum Judentum. Petersburg. Immer größer wird die Zahl ehemaliger Juden, die von dem bekannten Toleranzgesetze des Zaren Gebrauch machen, um reumütig zum von ihnen verlassenen Judentum zurückzukehren. Unter diesem befindet sich auch der bekannte Kiewer Rechtsanwalt Kupernik, dessen Ruhm weit über die Grenzen Rußlands hinausstrahlt. Das jüdische Volk kann stolz auf diesen reuigen Sohn sein. Während seiner vierzigjährigen Angehörigkeit zum Christentum war er stets bemüht, den Juden nach Kräften zu dienen und in zahlreichen, die jüdische Gesammtheit tangierenden Prozessen, zuletzt auch beim Krawallprozesse in Homel, die Interessen des jüdischen Volkes zu vertreten. Auch Rechtsanwalt Bernstein aus Elisabethgrad, Mitglied der Odessaer Anwaltskammer, der vor einigen Jahren zum Protestantismus übergetreten war, hat dem Kronrabbiner die Mitteilung zugehen lassen, daß er wieder Jude geworden ist. In dem betreffenden Schreiben heißt es: Niemals habe ich die von der protestantischen Kirche vorgeschriebenen Zeremonien beobachtet. Dagegen habe ich nicht einen Moment aufgehört, mich im Herzen als Jude zu fühlen und am geistigen Leben meines schwer geprüften Volkes teilzunehmen. Sehr interessant ist auch, daß Hunde.te von Sabbathbeobachtern, sowie andere judaisierende Sekten den Zarenerlaß vom 30. April 1905 benutzen, um offiziell zum Judentum überzutreten. Ganze Dörfer solcher judaisirenden Sekten befinden sich im Gouvernement Astrachan. Die Bauern dieser Dörfer treten massenhaft zum Judentum über und viele von ihnen wandern nach Palästina aus, wo sie in den jüdischen Kolonien als Taglöhner zu arbeiten gedenken. Minsk. Der Kommandierende der 31. Artilleriebrigade der 1. Division Oberst Tomilowski ist wegen Wohnungsgeldern für sechs Offiziere mit der Verwaltung der Stadt Minsk in Streit geraten. Zwischen den streitenden Parteien wurden Schriftstücke gewechselt, wobei der Oberst in einem seiner Schreiben die Aeußerung tat, selbst Städte, in denen es voll Polen und Saujuden wimmelt, gewähren den Offizieren anstandslos die festgesetzten Wohnungsgelder. Das Schreiben wurde in der Sitzung der Minsker Stadtverordneten verlesen und hat daselbst eine furchtbare Aufregung hervorgerufen. Die Zahlung der Wohnungsgelder wurde nun definitiv verweigert und an den Obersten Tomilowski nachstehendes Schreiben gerichtet : „Die Stadtverwaltung von Minsk kann nicht umhin, den unpassenden Ton des Obersten Tomilowski zu rügen. Die beiden von ihm schwer beleidigten großen Nationen bilden den überwiegenden Teil der hiesigen städtischen Bevölkerung und der Magistrat kann unmöglich dulden, daß die jüdischen Mitbürger dieser Stadt in einem offiziellen Schreiben als „Saujuden" bezeichnet werden. Oberst Tomilowski hätte als langjähriger Bewohner dieser Stadt doch wissen sollen, daß die gesamte Bevölkerung von Minsk ohne Unterschied der Nation gleichmäßig unter den Folgen des Krieges überaus schwer zu leiden hat." Ein Kopie dieses Schreibens ist auch dem Chef des Wilnaer Militärbezirkes zugestellt worden. Gin jüdischer Held. Irkutsk. Der Kommandeur der sanitären Abteilung des gesamten sibirischen Militärrayons Generalleutnant Trepow macht folgendes bekannt. Der Bombardier der zweiten Batterie der 31. Artilleriebrigade Leiser Lichtmacher, Besitzer sämtlicher vier Orden für Gemeine, zur Zeit im Glaskower Spital des Roten Kreuzes in Irkutsk, hat sich an mich mit der Bitte gewandt, ihm, dem der linke Unterarm aputiert werden mußte, zu gestatten, zu seiner Batterie zurückkehren zu dürfen. Auf meine diesbezügliche telegraphische Verwendung beim Generalissimus der russischen Armee, General Linewitsch, erhielt ich eine bejahende Antwort. Gleichzeitig wurde mir mitgeteilt, daß sämtlichen Soldaten der russischen Armee, sowie allen in den Spitälern untergebrachten Kranken und Verwundeten folgender vom Chef der sanitären Abteilung beim Generalstab Generalmajor Chlinowski Unterzeichnete Tagesbefehl vorgelesen werden soll. „Mit wahrer Freude mache ich allen Soldaten den Heldenmut des Leiser Lichtmacher bekannt, welcher trotz schwerer Verwundungen gebeten hat, weiter in der Front kämpfen zu dürfen. Ich beglückwünsche die Batterie zum Besitz eines solchen Helden wie Leiser Lichtmacher. . . ." Judenmassakres. „Slowo Polskie" meldet: In Radziwilow, Berditschow, Zytomierz und anderen Städten des Gouvernements Wolhynien massakrieren Bauern die Juden und plündern ihre Wohnungen. In Zytomierz allein wurden über 500 Juden ermordet; überdies gibt es massenhaft Verwundete. Aus Petersburg wird gemeldet: Berichten südrussischer Blätter zufolge hat in Jekaterinoslaw am 2. d. M. eine große Judenhetze stattgefunden. Das „Schwarze Hundert" hat wieder einmal seine rohen Kräfte ungehindert wirken lassen und Verwirrung und Schrecken über Jekaterinoslaw gebracht. Zerstörte Häuser, Verwundete, Tote, Schrecken und Verzweiflung — das ist in kurzen Worten die Situation in dieser Stadt. Es war gegen 7 Uhr abends des genannten Tages, als eine Gruppe von Rowdies in der Karaimenstraße, in der hauptsächlich Juden wohnen, die Fenster eines jüdischen Hauses einzuwerfen begann. Als Antwort oder Gegenwehr sollen aus dem Hause allerdings Schüsse gefallen sein. Doch war das nur der Anfang, denn alsbald wuchs die Menge auf einige hundert Menschen an. Alle Läden wurden eiligst geschlossen. Die Menge zog zum Markt, wo eine furchtbare Judenhetze begann. Wer nicht floh, wurde niedergeschlagen und verletzt. Die Zahl der Opfer ließ sich nicht genau feststellen, da sich viele in die Häuser retteten. Schwer verwundet sind gegen siebzehn Personen; ein Schüler, namens Goldberg, wurde durch einen Schuß in den Kopf getötet. Am 3. d. M. erschien eine Erklärung des Gouverneurs an den Straßenecken, in welcher er die Bevölkerung aufforderte, sich ruhig zu verhalten, da alle Maßnahmen getroffen worden seien, um eine Wiederholung der Unruhen in energischer Weise zu unterdrücken. Sonderbarerweise hatte aber das Militär wie die Polizei am Tage vorher nichts getan, um die Unruhen zu bekämpfen und die wehrlose Bevölkerung zu schützen. Brandlegung in Biala. Die zum Zwecke der Veranstaltung von Judenhetzen gegründete bekannte Organisation „Czorwaja Sotnja" legte in Biala bei Warschau eine Feuersbrunst. 40 jüdische und 10 christliche Häuser wurden eingeäschert; 400 Juden und 40 Christen find obdachlos geworden. Nevel (Gouvernement Witebsk). Am 15. d. M. abends kam es hier anläßlich der Beerdigung jüdischer Arbeiter zu Unruhen. Als die Polizei die Ruhestörer vertreiben wollte, wurde aus der Menge eine Bombe geworfen, wodurch ein Polizeibeamter schwer, ein anderer und ein Passant leicht verwundet wurden. Kertsch. Seit drei Tagen finden hier antisemitische Ausschreitungen statt. Die Laden und Häuser werden geplündert. Viele jüdische Familien haben die Stadt verlassen. Die Judenfrage in Rußland. Ueber die Konferenzen W i t t e's mit jüdischen Finanzmännern liegen folgende Meldungen vor: Köln. Aus New-Aork meldet die „Köln. Ztg.": Aus verläßlicher Quelle verlautet, Witte habe die Bankiers Schiff. Seligmann und Strauß zwecks Besprechung einer etwaigen Kriegsanleihe zu sich berufen. Witte soll als Gegendienst Konzessionen an die russischen Juden zugesagt haben. Berlin. Aus Newcastle wird gemeldet: Hier trafen Oskar Strauß, ein bekannter Führer der jüdischen Jntereffen Amerikas, und der Bankier Jesse Seligmann ein, der erklärte, sie würden zunächst wohl die von Witte versprochene