Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 33 (18.8.1905)
- Date
- 1905-08-18
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 620 Dr. Blocb s Mocbens^örltt. Rr. 33 Krone des Schmerzes auf das Haupt seiner mächtigen, muskelgewaltigen Cyklopengestalt. Der Bildhauer Borris Schatz hat eine Reihe künstlerischer Werke vorgeführt, eine Serie von Reliefs, welch allgemeine Bewunderung erregen. Wer die „Jüdische Mutter" gesehen hat, die ihr Kind zur Almosenbüchse emporhebt, damit es sein Kreuzerchen einlege, die Großmutter, die mit freudig bewegter Miene ihrem betenden Enkelkinde zusieht, muß diese beiden Reliefs als künstlerisch vollendete Verklärung der jüdischen Frauenseele, dieses Goldlagers geistiger Empfindungen ergriffen bewundern. Kurz, überall Talent und treibende Kräfte in Hülle und Fülle. Nun ist es aber auch an dem jüdischen Volke, seine Künstler in Evidenz zu halten, ihrer zu gedenken und sie zu fördern. Und sicherlich nicht nur die Talente von der Palette und vom Meißel, auch die des Schrifttums, der Tonkunst und der Bühne. Sie alle haben Anspruch darauf als Ersatz und Ausgleich für die Leiden, die sie um ihres Judentums willen zu erdulden haben. Die antisemitischen Zeitungen stellen Listen auf, wahre Profkriptionslisten wider die Juden. So mögen denn auch von jüdischer Seite Listen aufgestellt und in Evidenz gehalten werden, um Menschlichkeit und Gerechtigkeit zu üben. Cicerone. Die Getreuen Herzls. Die Territorialisten haben am Schluß des Zionistenkongreffes folgendes Telegramm an Frau Dr. Herzl in Alt- Auffee gerichtet: Die Getreuen Heizls verließen den Kongreß, der den von seinem Schöpfer gewiesenen Bahnen untreu geworden und haben zu einer neuen Organisation unter Führung Zangwills sich zusammengetan, um das Werk des unvergeßlichen Führers zu vollenden. Ihnen und Familie heimlichste Gruße. Dr. Jassinowski, Dr. Stein, Dr. Awinowitzki. Diese Depesche ist aus, Beschluß der Versammlung der neugebildeten Jüdisch-Territorralistischen Organisation abgesandt worden. Eine Jdioten-Anftalt. Während der heurigen Ferien suchte ich eine Sommerftische in Böhmen auf und wohnte in einem israelitischen Hause. Der Hausherr und seine Familie boten alles auf, mein Logis so angenehm als möglich zu gestatten. Die letztere besitzt einen sechzehnjährigen Sohn, der ein Idiot ist. Dieser interessierte mich sehr und ich befaßte mich mit ihm, soweit es möglich war. Seine Lübens-, beziehentlich Leidensgeschichte, ist bald erzählt. Er war als vierjähriger Knabe vollkommen gesund und körperlich wie geistig ganz normal. Da tummelte er sich mit einigen Knaben eines Tages am Ringplatze herum; einer seiner Spielgenossen bewarf ihn mit einem Steine, traf ihn wuchtig auf den Kopf; das Kind erkrankte, wurde viele Jahre ärztlich behandelt, lag auch eine zeitlang im Prager Franz Josef-Kinderspitale und ward schließlich ein Idiot. Was sollen jüdische Eltern mit einem solchen Kinde beginnen? Wir besitzen keine Anstalten für israelitische Idioten. Prag, das so reich an gutdotierten jüdischen Wohltätigkeitsinstituten ist und der Opferwilligkeit seiner israelitischen Bewohner halber vielen Hauptstädten als Muster dienen könnte, entbehrt bis jetzt einer derartigen Anstalt, und ob sich eine solche in einem andern Kronlande Oesterreich-Ungarns befindet, vermag ich nicht anzugeben; doch habe ich noch nie von einer jüdischen Jdiotenanstalt Kunde erhalten. Es war daher ganz angezeigt, daß die löbliche Prager Kultusgemeinderepräsentanz anläßlich des Kaiserjubiläums einen Fond behufs Kreierung der in Rede stehenden Anstalt gründete; doch ist dieser viel zu schwach, als daß man ans Werk gehen könnte. Ich erlaube mir daher, an die so oft bewährte Wohltätigkeit unserer Glaubensgenossen die inständige Bitte zu richten, sie mögen obigen Fond durch mildtätige Spenden stärken. Für Blinde, Taubstumme, Waisen ist schon viel geleistet worden, für israelitische Idioten noch sehr wenig. Außer einer Stiftung des mir befreundeten Herrn Adolf (Abraham) Stransky, Sadska, der für israelitische idiotische Kinder ein größeres Kapital, das die löbliche Landesjudenschastsrepräsentanz für das Königreich Böhmen in Prag verwaltet, angelegt hat, kenne ich kein Benefizium für jüdische Idioten .... Ich kehre nun zu meinem neuen Bekannten zurück. Nach vieler Mühe gelang es seinen Eltern, ihn im Prager „Ernestinum", einer Pflege- und Erziehungsanstalt für Schwachsinnige, die im Jahre 1871 gegründet und vom Skt. Anna-Frauenvereine erhalten wird, unterzubringen. Herr Direktor Vincenz Amerling nahm ihn provisorisch auf. Die jährliche Verpstegsgebühr betrug 700 Kronen, das einfür allemale zu erlegende Bettpauschale 50 Kronen. Hier blieb „unser Zögling" zirka zwei Jahre. Er war der einzige jüdische Idiot, daher wurde auf seine Konfession keine Rücksicht genommen. Er besuchte selbstredend täglich die Kirche und nahm an allen kirchlichen Exerzitien lebhaften Anteil; 'sonst war die Behandlung im Institute keine schlechte, ja man muß sagen, daß das Ernestinum für katholische Zöglinge eine vorzüglich geleitete Anstalt ist; wir aber wollen und brauchen eine jüdische. Mögen meine Worte nicht verhallen! Oberlehrer Alex. Braun (Klattau). Ehrung des Dr. Strauch er. Czernowitz. Aus Anlaß des 54. Geburtstages des Kultuspräsidenten und Reichsrats- und Landtagsabgeordneten Dr. Straucher wurden demselben am 11. August von seinen zahlreichen Anhängern und Freunden lebhafte Ovationen dargebracht. Um 11 Uhr vormittags hatte sich eine große Schar von Gratulanten im Sitzungssaale der israelitischen Kultusgemeinde eingefunden, um Dr. Straucher als jüdischen Repräsentanten und Führer aus Anlaß des Wiegenfestes zu beglückwünschen. Der Saal konnte jedoch die zahlreich Versammelten nicht fassen, so daß sie sich in den großen Hofraum begeben mußten, der sich bald füllte. In der mehrhundertköpfigen Versammlung bemerkte man zahlreiche jüdische Wähler aus allen Berufsschichten, Advokaten, Aerzte, Beamten, Deputationen sämtlicher jüdischen Studentenverbindungen, die Mitglieder des Kultusrates, viele jüdische Gemeinderäte u. v. a. Als der Jubilar erschien, wurde er mit lebhaften Hochrufen begrüßt und von allen Seiten auf das Herzlichste beglückwünscht. Gemeinderat Elias Wender hielt eine längere Ansprache, in welcher er den bisherigen Lebenslauf Dr. Straucher's schilderte, wie er seit frühester Jugend im Dienste der Oeffentlichkeit und seines Volkes mit größter Opferwilligkeit und Selbstlosigkeit stets für das Wohl der Bedrückten in den vordersten Reihen kämpfte und insbesondere für das Judentum in wahrhaft nationaler Begeisterung und Hintansetzung seines Ich stets eintrat, was ihn zum berufensten und würdigen Führer der Judenschaft prädestinierte. Redner verdolmetschte die Gefühle aller Anwesenden, die die Verdienste Dr. Straucher's anerkennen, zu ihm als Führer treu und unerschütterlich festhalten, jene Verleumdungen und Angriffe gegen seine Person, welche von unberufener Seite unausgesetzt erhoben werden, mit Entrüstung zurückweisen und den tiefempfundenen Wunsch hegen, es möge Dr. Straucher noch lange Jahre gegönnt sein, an der Spitze der Judenschaft des Landes und der Stadt in der ihm eigenen Opferwilligkeit und unerschütterlichen Treue zu wirken. Tosende Hochrufe folgten auf diese Ausführungen. Sichtlich gerührt und überrascht dankte Dr. Straucher für die ihm dargebrachten Ovationen, indem er hervorhob, daß er hierin ein erfreuliches Symptom erblicke. Es ist dies ein Beweis der Einigkeit und des in der kritischen Zeit so notwendigen Zusammenhaltens in den Reihen der Judenschaft, in welche man Zwietracht und Uneinigkeit zu tragen bemüht ist. Redner fühle sich hiedurch angespornt, mit allen seinen Kräften auch fürderhin für die jüdische Sache einzutreten, und hoffe, daß seine Arbeit von Erfolg sein wird, wenn ihn die wahren Freunde des Judentums unterstützen und seine Bestrebungen im Interesse der jüdischen Sache fördern werden. Schließlich dankte Redner nochmals für die herzlichen Glückwünsche, die ihm von Nah und Fern zukamen. Lebhafte, langandauernde Hochrufe wurden nach der Rede Dr. Strauchers laut, der sich bei den einzelnen Gratulanten bedankte, womit die erhebende intime Feierlichkeit ihren Abschluß fand. — Eine feierliche Ovation bereiteten dem Abg. Dr. Straucher anläßlich seines heutigen Geburtstages die Organe des Waisenhauses und die Waisenkinder. Herr Dr. Straucher erschien wie gewöhnlich um 12 Uhr im Waisenhause und wurde vom Waisenhausdirektor Herrn Hermann Feuerwerk am Eingänge begrüßt. Die festlich gekleideten Waisenkinder, die Spalier bildeten, sangen beim Erscheinen des Herrn r. Straucher das zweistimmige Lied: „Gott grüße dich." Hierauf wurde Abg. Dr. Straucher in den Betsaal geführt, wo der Waisenhausdirektor Herr Feuerwerk eine längere Ansprache hielt, in welcher er den Jubilar als Vater der Waisen pries, besten hauptsächliches Verdienst der Bestand und die humanitäre Wirksamkeit dieses Wohlfahrtsin^itutes ist. Doktor Straucher dankte gerührt für die an ihn gerichteten herzlichen Worte. Hierauf hielt ein Waisenmädchen an Herrn Dr. Straucher eine Ansprache und überreichte ihm einen großen Blumenstrauß. Nun hielt auch Doktor Straucher an die Kinder eine Ansprache, in der er ihnen