Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 33 (18.8.1905)
- Date
- 1905-08-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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me Sette 518 Merkwürdig ist es, daß die Hebräer, die aus egyptischen Göttern Menschen machten, doch wieder einem, ja eigentlich zweien, denn Völter unterscheidet (S. 105) einen „Jahwe der Lade" und einen „Jahwe vom Sina", ihre Göttlichkeit ließen. Der Gott vom Sina entspricht dem egyptischen Chepara, der von der Lade dem Ptah-Sokar-Osiris, welcher eigentlich die „Sonne der Winterwende und des nächtlichen Laufes ist, die werdende Sonne, was auch der Name Jahwe zum Ausdrucke bringt". Dabei dürfen wir aber nicht vergessen, daß (S. 56) auch Joseph Osiris ist. Wenn Gott den Hebräern in Gestalt einer Wolken- und Feuersäule in der Wüste voranzieht, so erinnert er an die beiden Zwilliugskinder, Schu und Tafnut des egyptischen Sonnengottes. Denn Schu ist der vom Sonnengott erfüllte Luftraum. Tafnut „die vom zunehmenden Mondlicht durchzitterte Nachtluft". Daraus erklärt sich aufs einfachste, wie Gott den Israeliten in der Wüste Wachteln sendet und Manna regnen läßt, denn Schu wird auch als Nachtwind aufgefaßt, Tafnut als Morgentau. „Und wenn nach Richter V. 4. 5, Jahwe in träufenden Wetterwolken vom Sinai kommt, so läßt sich das gleichfalls von Schu aus verstehen, da dieser als Gott der Luft und Wolkenregion sich auch in Sturm und Unwetter offenbart". (S. 79) Dieser Schu ist doch ein wahres Mädchen für alles. — Aus dem Meergott Typhon haben die bösen Israeliten wieder den Pharao gemacht und ihn im Roten Meer ertrinken lassen. (S. 83.) Man denke nur — ein Meergott, der nicht einmal schwimmen kann! Ich muß aus Rücksicht auf den beschränkten Raum dieses Blattes es mir versagen, weitere Auszüge aus Völters Werk zu geben, obwohl das, was er über Moses, das Passahfest, Rahab und die Eroberung von Jericho sagt, genug des — wie man will — Amüsanten oder Belehrenden enthält. Dagegen möchte ich noch einige Beispiele von der Art geben, wie er Bibeltexte für seine Tendenz benutzt. So übersetzt er Amos II, 7 mit „fiV ginget zu derselben Dirne, um den Namen Jahwes zu heiligen", obwohl doch bbn entweihen heißt, nicht heiligen. Aus bx“w> ns njn vvrr (Genesis 49, 24) machte er Lvnv »jntö Wenn Moses sich als Mann von schwerer Zunge und schwerem Munde bezeichnet (Exodus IV. 10), so ist das für Völter fast gleichbedeutend mit dem „starken Redner von süßer Zunge" (S. 81.). Anderes, was ihm nicht paßt, erklärt er für spätere Einschiebung. Aus dem roten Seil, an dem Rahab die Kundschafter herqbläßt, macht er im Handumdrehen das rote Gewand der Göttin Somchit. (S. 103.). Auf diese Erfindung in der Weberei sollte er ein Patent nehmen. Hat man fich durch das Werk Völters durchgearbeitet, so drängt fich die Frage auf: Warum hat er seine egyptisch-biblische Mythologie erst mit Abraham begonnen? Boten etwa die ersten Kapitel der Genesis keinen Stoff für geniale Entdeckungen, konnten nicht unter den egyptischen Göttern — das Totenbuch von Theben nennt deren über fünfhundert, ihre Zahl stieg später auf 1200*) — die Originale von Adam, Kain, Abel, Noah u. s. w. gefunden werden? Darauf gibt uns Völter keine Antwort, und wir möchten fast vermuten, es sei aus Kollegialität für Profeffor Delitzsch geschehen, denn S. 4 sagt er uns, die babylonische Sintfluterzählung habe in Kap. 6—8 der Genesis „einen Platz gefunden". dt wollte seinem Kollegen nicht ins Babylonische hineinpfuschen. Wie aber stellte er sich danach die Tätigkeit der Verfasser des Hexateuch vor? Hat der eine die Bearbeitung der babylonischen, der andere die der egyptischen Mythologie übernommen? Und wie ist letztere überhaupt zu den Hebräern gelangt? Wenn Abraham, Jakob, Joseph und Moses gar nicht existiert haben, wer ist denn in Egypten gewesen? Am Schluffe seines Werkes spricht er fteilich von Ansiedlungen semitischer Stämme im östlichen Egypten, von egyptischem Einfluß auf Palästina und für manches vermutet er sogar literarische Vermittlung. König Salomon hatte ja eine Nr. 33 egyptische Prinzessin zur Frau, und sie hat vielleicht einen Priester mitgebracht, der an seinem Hofe Vorlesungen über egyptische Götterlehre hielt. Oder fanden sich in den palästinensischen Bibliotheken Lehrbücher der egyptischen und der babylonischen Religion in Hieroglyphen und in Keilschrift? Es fällt uns nicht ein, den Einfluß der Nachbarvölker auf die jüdische Religion und das Alte Testament oder die Widersprüche, die sich in letzterem finden, zu leugnen. Aber beweisen diese Widersprüche und ungeschickten Wiederholungen nicht am besten die Ehrlichkeit und Gewissenhaftigkeit der ältesten Redaktoren. So gefcheidt wie die modernen Kritiker, um sie zu bemerken, waren sie doch auch, und es hätte ihnen keine große Mühe gemacht, sie aus der Welt zu schaffen, eine gleichmäßig fortlaufende Erzählung zustande zu bringen. Die Annahme, daß sie alles, was sich ihnen darbot, aus Pietät angenommen und aufbewahrt haben, ist keine genügende Erklärung. Eine andere von Völter kaum gestreifte Frage ist: wie hat sich aus diesen polytheistischen Religionen, aus diesem Wust von ekelhaften und gräßlichen Göttergeschichten die reine monotheistische Religion entwickelt? wie ist aus den sperberköpfigen, affenähnlichen Göttern, den wüsten Ungeheuern, dem zerstückelten Osiris, dessen Gliedmaßen man zusammensuchen muß, der eine, reine, gestaltlose unsichtbare Gott geworden? Wie kommt es, daß aus dem widerlich rohen Märchen von Bitiu und seinem Bruder eine so menschliche, ergreifende Geschichte wie die von Joseph und seinen Brüdern entstanden ist? Und dasselbe gilt von fast allen biblischen, an idyllischen, tragischen und moralischen Zügen reichen Erzählungen aus dem Patriarchenleben, wenn man sie mit ihren angeblichen Vorbildern den Göttergeschichten anderer Völker vergleicht. Was bei diesen ein wüstes ungeordnetes Chaos von Göttern, Ungeheuern und Menschen war, wird bei den Juden scharf geschieden. Das Niedrige, Tierische, Rohe, bleibt bei den Menschen, selbst die besten und edelsten haben ihre Fehler und Schwächen, rein und erhaben ist nur der eine, einzige unfaßbare Gott. Gewiß, es ist dies zum Teil Folge des Kulturfortschrittes der Menschheit; aber warum übte dieser seine Wirkung nur auf die Religion der Juden? Als die nomadischen Hebräer mit den Egyptern in Berührung kamen, hatten diese schon ihren geordneten Staat mit ihrer Staatsreligion, ihren Tempeln und Hunderten von Göttern, Höllenrichtern und Priestern, verehrten den Stier Apis und einbalsamierte Katzen und anderes Getier. Und ein Jahrtausend später, als Jesaias predigte, als die Psalmen gedichtet wurden, verehrten die Egypter noch immer ihre Götter und heiligen Tiere. Und wieder Jahrhunderte später, als die Makkabäer gegen die griechisch-syrischen Könige, als Barkochba gegen die Römer im Namen des einen Gottes kämpften, fügten die Egypter zu ihren alten Göttern noch die ptolemäischen Könige und die römischen Kaiser hinzu. Noch im zweiten Jahrhundert der üblichen Zeitrechnung kam es dort zu blutigem Streit „um den Vorrang des Ibis vor der Katze, des Krokodils vor dem Pavian."*) Selbst das Christentum hat die altegyptische Religion nicht ganz ausrotten können. Der Gebrauch, den Nil, wenn er nicht genug steigen wollte, durch das Opfern eines jungen Mädchens zu versöhnen, ist erst nach der Eroberung durch die Mohammedaner abgeschafft worden.**) Professor Völter sieht aber noch immer in Bibel und jüdischer Religion nur Entlehnung und Entstellung egyptischer Mythen. Sollte man solchen Bibelerklärern nicht ein hands off zurufen? M. L. *) Mommsen Rom. G> V. 580. **) I. I Marcel, Uistvire äs 1'LK^pte äsxnis 1a conquete des Arabes jusqu’ä l’expeditidn frangaise. S. 19. Dr. Mocb's Mocbenscbrtkt. *) Wallis Budge I. S. 18.