Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 33 (18.8.1905)
- Date
- 1905-08-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 33 Dr Dlocb's Mocbenscbritt. -Sette 517 Wir wollen nicht leugnen, daß sich manche Mythen und Sagen, auch altjüdische, wie z. B. die von Simson, auf diese Weise ganz gut erklären lassen und daß auch Phantasie und mythenbildender Volksgeist bei Juden in ähnlicher Weise wie bei anderen Völkern sich äußern und bis zur Schaffung von Heroengestalten fortschreiten konnten. So hätte auch Völter ein brauchbares Buch schaffen können, wenn er d a s Goldziehers fortgeführt und auf Grund der neueren Forschungen berichtigt, wenn er die Entstehung der jüdischen (ich sollte eigentlich sagen, hebräischen) Mythen aus dem Geiste und dem Kulturzustande des Volkes zu erklären unternommen hätte. Aber das hat er entweder aus Mangel an Wissen und philosophischer Anlage nicht gekonnt oder aus Mißgunst gegen die Juden nicht gewollt. So erscheinen diese bei ihm gewissermaßen als Betrüger, welche sich die ganze egyptische Mythologie angeeignet haben, aber, um das Plagiat oder den Diebstahl zu verhüllen, die Götter zu Menschen, zu Ahnen des jüdischen Volkes gemacht und in ihre nationale Gewandung gekleidet hätten. Sein Verfahren ist ebenso einseitig und unwissenschaftlich, wie das des von Goldzieher erwähnten Abb6 Guerin du Rocher, der in seiner Histoire vdritable des temps fabuleux den Nachweis zu führen suchte, daß die ganze alte Geschichte der heidnischen Völker nur die Wiederholung oder Nachahmung der biblischen Geschichte ist. Die aus diesem Werke von Goldzieher angeführten Beispiele machen beinahe den Eindruck einer Parodie des um fünf Vierteljahrhunderte jüngeren Werkes des Amsterdamer Theologen. In ähnlicher Weise hat vor einem halben Jahrhundert ein witziger Engländer unter dem Pseudonym Aristarchus Newlight in dem Buche „Chronicles of theLand of Ecnarf (France)“ die römische Geschichte Niebuhrs parodiert, indem er nachwies, daß Napoleon gar nicht existiert habe, daß die Geschichten aller seiner Kriege, die Flucht aus Elba, die hundert Tage nur Mythen seien. Betrachten wir nur die an manches in dem Werke des Engländers erinnernden Aufstellungen Völters im Einzelnen. Er beginnt seine Verunstaltung der Bibel mit der Unterredung Gottes mit Abraham, die nur eine Nachahmung der Unterredung des „alternden Gottes Ra" mit den andern Göttern, vor denen er sich beklagt, daß die Menschen böse Reden gegen ihn führen, sein soll. Auf ihren und seines Vaters, des, wie es scheint, abgedankten Gottes Nun, läßt er die Menschen, bis auf einen kleinen Teil, der sich geflüchtet hat, durch die Göttin Sechet vernichten, worauf er dann auch, wiesein Papa, die Regierung der Welt niederlegt. Wer sieht da nicht die auffallende Aehnlichkeit. Daß hier keine Fürbitte für die sündigen Menschen vorkommt, wie in der Bibel, das ist für Völter von keiner Bedeutung, obwohl gerade darin der hohe ethische Wert der Mythe liegt. Dagegen findet er es sehr beweiskräftig, daß beim egyptischen Gott „die Reden der Menschen wider ihn als Ursache seines Grimmes und seines Entschlusses zu strafendem Einschreiten bezeichnet werden", während der biblische Gott „das Geschrei über Sodom und Gomorrha und ihre Sünde, die sehr schwer ist, als Grund nennt." Sieht denn der Herr Professor den Unterschied gar nicht ein zwischen einem, die freie Rede wie ein russischer Zar hassenden und einem das Laster bestrafenden Gott? Aber hier und dort wird geschrieen, und das ist ihm genug. Viel Geschrei und wenig Wolle. Uebrigens findet er in der ganzen Erzählung auch persische Ueberlieferung, denn „Lot mit seiner zur Salzsäule erstarrten Frau erinnert an die persische Salzwüste Lut." Auch die Vertilgung der Städte durch Feuer ist ihm ganz persisch. „Aus Zügen der egyptischen und persischen Mythologie ist dementsprechend unsere biblische Erzählung vom Untergang Sodoms zusammengesetzt." tzuod erat demonstrandum. Im egyptischen Mythus „wird Nun derjenige genannt, der die Menschen schuf und die reinen Seelen erzeugte; dem entspricht, daß in der Genesis Abraham als der gesegnete Völkervater erscheint, dem eine ganz außerordentlich reiche Nachkommenschaft verheißen wird." Und dann doziert der Herr Professor weiter: „Ist die Gleichsetzung Abrahams mit Nun hiemit, wie uns scheint, genügend begründet, so haben wir damit einen festen Ausgangspunkt für Weiteres gewonnen.*) Uns scheint zwischen einem alten abgedankten Gott, der andere Götter und Menschen erzeugt hat, und einem Menschen, dem eine große Nachkommenschaft verheißen wird, doch ein kleiner Unterschied zu bestehen. Aber wir wenden uns nun vom gewonnenen Ausgangspunkt zum weiteren. Wenn Abraham Nun ist, dann ist dessen Gattin Nunet, die feuchte Urmaterie, niemand anders als Sarah. Das wird wohl jeder logisch Denkende unserm Autor zugeben; nur wundert es uns, daß die Bibel sie nicht deraentsprechend Abrahamet nennt. Wie Völter sich dann die weitere Erzählung der Bibel von Sarah und ihrem Sohne Ra zurechtlegt, müssen wir hier übergehen, doch wollen wir als Resultat anerkennen, daß demnach Jizchak kein Anderer ist, als der egyptische Sonnengott Ra. So S. 22, 26, 50. Aber S. 9 ist Ra wieder König von Egypten, S. 16 einer der Könige, von denen im Kapitel 14 der Genesis die Rede ist, und S. 18 ist er gar Abimelach, König von Geror, kurz ein wahrer Fregoli. Doch kehren wir zu Jizchak-Ra zurück, der die Rebekka heiratet. Diese ist natürlich keine andere als die Göttin Jusas, die gleichzeitig die Gattin, Mutter und Tochter des Ra ist; denn Jusas bedeutet „sie kam an" und in Genesis 24 wird die Ankunft Rebekkas bei Isaak beschrieben. Gern wird die Göttin Jusas in den egyptischen Texten als die Schwester bezeichnet. Geradeso wird Rebekka in Genesis 24 selbst in sehr auffallender Weise mit Vorliebe als Schwester vorgestellt." In ähnlicher Weise wird bewiesen, daß Hagar die Göttin Reit, Kutara, die andere Frau Abrahams, die Göttin Hathor ist. Esau, der Sohn Jsaak-Ra's ist natürlich Schn, der Sohn des egyptischen Ra „und diesem, wie Esau dem Isaak, als Zwilling geboren. Doch hat Schu nicht einen Zwillingsbruder sondern eine Zwillingsschwester, die Göttin Tafnut." Jakob ist also eigentlich die S ch w e st e r Esav's. Professor Völter ist aber so gütig, ihn mit der Bibel als Mann zu betrachten und ihn mit dem Erdgott Keb (Ja keb) zu identifizieren. Dieser Keb ist aber der Sohn Schu's, des vom Sonnenlicht erfüllten Luftraumes, der Gott mit dem Keb-Jakob, der Erdgott, in der Nacht kämpft. Es ist schwer, sich in diesen verwickelten Familienverhältnissen auszukennen, und ich weiß nun nicht mehr, ob Jakob der Bruder, die Schwester oder der Sohn Esau's ist. Wir haben (S. 24) die Göttin Jusas als Gattin, Mutter und Tochter des Ra kennen gelernt, aber S. 57—58 erfahren wir, daß sie unter dem Namen Asnath den Joseph, Sohn Keb- Jakobs, heiratete. Wir wollen annehmen, daß sie, als dieser nach Egypten kam, schon Witwe war und sich also nicht der Bigamie schuldig machte. Uebrigens beruhigt uns Völter mit der Bemerkung: „Eventuell könnte man Asnath auch auf die Isis deuten, welche die Schwester und Gemahlin, das Osiris und die Tochter des Gottes Keb ist." Also Josephs Frau die Tochter Jakobs. Dieser Jakob, der Erdgott, hat die zwei Töchter Labans geheiratet, der, wie schon der Name besagt, der Mondgott ist. Er wurde bei den Aramäern durch Vollmond und Sichel dargestellt. „In diesen Abzeichen haben die Israeliten seine Töchter gesehen, zwei den Hauptphasen des Mondes entsprechende weibliche Mondgottheiten, die sie zu Frauen ihres Erdgottes Jakob machten." Was diese Israeliten treiben. Erst machen sie aus egyptischen Göttern Patriarchen und nun gar Göttinnen aus bloßen Abzeichen! Und beinahe hätte ich vergessen, zu erwähnen, daß Lea der Neumond, Rahel der Vollmond ist und daß Jakob als Keb „eigentlich die egyptische Nut zur Frau hat". Auf S. 84, 86 wird freilich Lea abgesetzt und Moses zum Neumond ernannt. Mirjam aber ist die Göttin Nephthys, welche den Mondwechsel regelt und anzeigt, weil sie auf sieben Tage vom Lager ausgeschlossen wird. *) Ein anderer von Goldzieher zitierter Mytholog (S. XIV) identifiziert dagegen Abraham mit Brahma.