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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-08-18 · 33 (18.8.1905) · page 4

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
33 (18.8.1905)
Date
1905-08-18
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Sette 516 Dr. Bwch's Wochenschrift. Nr. 83 Literat kaum noch irgend eine Beziehung zum Judentum hatte. Diese Worte sollen keine Spitze gegen Dr. Herzl haben, den ich immer persönlich geschätzt und verehrt habe. Sie können sie umso weniger haben, als sie, wenigstens dem Sinne nach, von seinem Mitstreiter Dr. Max Nordau von der Präsidentenestrade des Kongresses bei dem sehr feierlichen und weihevollen Anlasse der Trauerkundgebung für den Heimgegangenen Führer gesprochen worden sind. Es war ein Genieblitz, der ihm die Dinge beleuchtete und Verhältnisse enthüllte, die andern schon bekannt waren und über welche diese schon unter schweren Kümmernissen nachgedacht hatten, ein Genieblitz aber auch, der ihm Ausblicke eröffnete, die sich den andern noch nicht erschlossen hatten. Dabei hatte Herzl sich selbst entdeckt. Er, der bis dahin sein Leben dem feinziselierten Feuilleton und kunstvoll gedrechselten Bluetten und Gastspielen gewidmet hatte, fand sich mit einemmale als Politiker und Diplomat. Das war er in großem Stile und dort lag das Schwergewicht seiner Begabung. Es war für die Welt wie für ihn eine Ueberraschung. Er wollte die Juden zu einem Volke sammeln und er wollte den Jüdenstaat auf's Neue aufrichten. Nach menschlichem Ermessen war ihm der Weg vorgezeichnet. Alle Wegweiser, die religiösen, die geschichtlichen, die wirtschaftlichen, das Herz und der Verstand gaben nur eine mögliche Richtung an, alles wies nach — Palästina, das Ziel war eine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte für das jüdische Volk. Das war das Ziel und zugleich das Programm des von ihm ins Leben gerufenen Zionismus. Seine Partei begnügte sich damit nicht. Eine gesicherte Heimstätte — in Palästina, mußte es heißen. Er stimmte zu. Natürlich in Palästina! Wo sonst? Alles wies ja darauf hin und es lag völlig außer dem Bereich menschlicher Erkenntnis, eine andere Idee zu fassen. Es galt ja nicht, einen Staatsroman zu verfassen im Stile der Utopie des Thomas Morus, der Phantasien^mn Mato und im weiteren Abstand des Jokai, Hertzka, Bellamy u. s. w., sondern praktische Politik zu treiben. Wie Herzl gearbeitet hat, ist weltbekannt. Es gelang ihm, Fühlung zu gewinnen mit mächtigen Potentaten und Diplomaten und man verkehrte mit ihm wie mit dem plenipotentionären Gesandten einer Macht. Und nun sollte sein Werk scheitern an einem ungeahnten Erfolge. In der ganzen, fast zweitausendjährigen Leidensgeschichte des Judentums hatte sich das noch niemals begeben und das war auch von dem vorsichtigsten und gewiegtesten Diplomaten nicht vorauszusehen. Die englische Regierung legte ihm ein Königreich zu Füßen. Dort sollten sich die Juden niederlassen unter eigener Verwaltung, in völliger Autonomie, unter dem Schutze des größten und mächtigsten Reiches der Welt. Und an diesem unerhörten Glücksfall ging Herzls Lebenswerk zu Grunde. Herzl selbst hat diesen Fehlschlag nicht mehr erlebt, und das mildert vielleicht die Tragik seines allzufrühen Todes. Egypten und die Kidel. Dem jungen Themistokles haben die Siege des Miltiades den Schlaf geraubt; als er älter wurde, besiegte er die persische Flotte bei Salamis und hatte nun so viel Lorbeer wie der Sieger von Marathon. Ob er dann besser geschlafen hat, weiß ich nicht. Ebenso scheinen die Erfolge des Professors Delitzsch dem Professor der Theologie Dr. Daniel V ö l t e r in Amsterdam schlaflose Nächte verursacht zu haben. Obwohl das Königreich der Niederlande eine große Flotte besitzt, zog er es doch vor, ein Buch zu schreiben, anstatt eine Seeschlacht zu gewinnen. Nach unserer bescheidenen Meinung wären ihm einige Tropfen Morphium oder Chloral zuträglicher gewesen, Denn si duo faciunt idem non est idem. Professor Delitzsch ist ein allgemein anerkannter Assyrolog, während sein über egyptische Mythologie schreibender Amsterdamer Kollege die Sprache der Originalschriften derselben gar nicht zu kennen scheint. Er nennt als Quellen seines nun schon in zweiter Auflage erschienenen Werkes*) nur neuere deutsche und französische Werke. Ja selbst Dr. Ignaz Goldzieher's „Der Mythos bei den Hebräern und seine geschichtliche Entwicklung", sowie E. A. Wallis Budge's The Gods of the Egyptians or studies in egyptian Hythology scheinen ihm unbekannt geblieben zu sein. Und noch eins: Was dem Werke Delitzsch's so ungeheuere Resonanz verschafft hat, war die Anwesenheit des deutschen Kaisers bei seinen Vorträgen, das Lob, das ihm dieser für die Zerstörung des Nimbus der Juden oder des Alten Testaments gespendet hat. Für den König Leopold hat aber vom Afrikanischen nur der Kongo, nicht Egypten Interesse. So will ich denn versuchen, was Kaiser und König unterlassen haben, mit meinem „beschränkten Unterthanenverstand" zu leisten und für das Werk des gelehrten Amsterdamer Professors ein wenig Reklame machen. Und er verdient es auch'von uns Juden; denn obwohl er seinen Berliner Kollegen nicht erwähnt und das Wort babylonisch in seinem Buche nur einmal vorkommt, so zerstört er vollständig die Delitzsche Theorie. Wenn die Juden nach dieser ihren ganzen Pentateuch, von dem Paradiesesbaum bis zu den Gesetzestafeln, von den Babyloniern gestohlen oder entlehnt haben, so beweist Völter dagegen, daß sie alles von den Egyptern genommen haben, selbst die Zehn Gebote und den Pessach. Da ist es doch sonnenklar, daß Babel damit gar nichts zu tun hat, denn zu glauben, daß die Juden etwas aus ihrem eigenen Geiste geschaffen oder gar eine göttliche Offenbarung gehabt haben, das kann man doch einem voraussetzungslosen Professor nicht zumuten. Er kann nur voraussetzen, daß die Juden geborgt oder gestohlen haben. Auch in der Beweisführung stehen die beiden Professoren einander diametral gegenüber. Der Berliner sucht mit rastlosem Spürsinn nach Aehnlichkeiten und findet solche manchmal auch dort, wo normale, gesunde Augen sie nicht zu entdecken vermögen; der Amsterdamer beweist alles aus der Verschiedenheit, insofern nämlich, als ein Mensch ganz etwas anderes ist als ein Gott. Nach Völter haben die Juden nicht etwa von Thontäfelchen mit Keilschrift abgeschrieben, was nur ein unverschämtes Plagiat wäre, sondern geradezu Gotteslästerung oder noch Schlimmeres begangen. Sie haben ein Dutzend egyptischer ßjotter, und gerade die vornehmsten von den hundert Dutzend, die im Niltal angebetet wurden, abgesetzt, zu gewöhnlichen Menschen degradiert. Schon vor mehr als zwei Jahrtausenden haben die griechischen Philosophen Paläphatus und Euhemerus sich eines ähnlichen Verbrechens schuldig gemacht. Sie erklärten nämlich, die ganze Götterwelt sei aus berühmten, um die Menschheit verdienten Sterblichen entstanden, die man zur Belohnung mit dem Göttertitel ehrte, zu Göttern erhob. Und in ebenso hausbackener Weise erklärte man alle Mythen und Sagen: Die Drachenzähne des Kadmus, aus deren Aussaat bewaffnete Männer erwuchsen, waren Elfenbein, das der Phönizier verkaufte, um mit dem Gelde Soldaten anzuwerben; Aktäon war ein leidenschaftlicher Jäger, der sein ganzes Vermögen auf Jagdhunde verschwendete, weßhalb man sagte, er sei von seinen eigenen Hunden zerrissen worden u. dgl. Diese Erklärungsweise war im christlichen Mittelalter sehr beliebt. Ja, noch im Anfänge des achtzehnten Jahrhunderts sah der italienische Historiker Francesco Bianchini in Jupiter nur den vergötterten Sesostris, in den anderen griechischen Göttern nur dessen Vasallenkönige und ihre Namen leitete er gern aus dem Hebräischen ab. So ist ihm Hephaistos der Vater des Feuers — Ab aschta. Im neunzehnten Jahrhundert kam wieder die Mode auf, alle Mythen für Darstellungen von Naturerscheinungen zu erklären; alle Götter und Göttinnen stellten nur Sonne, Mond, Wolken, Wind, Morgenröte usw. vor. Nach diesem System, das zuerst auf indoeuropäische Mythologie angewendet wurde, schrieb Goldzieher seinen „Mythos bei den Hebräern". *) Egypten und die Bibel, die Urgeschichte Israels im Licht der egyptischen Mythologie. Zweite, neubearbeitete Auflage. E. J. Brill, Leiden 1904.

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