Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 33 (18.8.1905)
- Date
- 1905-08-18
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 33 Dr. Blocb’s MocvenscbrM. ©etu SIS bekanntlich das Christentum hervor. Lange vor der europäischen Kultur aber blühten Babylon, Ninive, Karthago, Bagdad, später Granada. Aber nicht nur in kultureller oder politischer Hinsicht, auch in militärischer Beziehung hat diese „inferiore" Rasse Kraftproben abgelegt. Assyrische Könige schufen ein Weltreich, vor Karthago zitterten die Römer und die Muselmanen eroberten beinahe die ganze Kulturwelt. Schon im Jahre 1892 hatte der Vortragende in seinem damals zu Ulm gehaltenen Vortrag darauf hingewiesen, wie ungerechtfertigt das Wort „inferior" für die semitische Rasse gewählt sei, wenn die hohe geistige Entwicklung, der Sinn für Fortschritt und geistige Freiheit in Betracht gezogen werde, wie ja an der Hand der Geschichte nachzuweisen ist. Damals erhob sich Widerspruch gegen diese Ausführungen, und speziell wurde der Vorwurf dem Vortragenden gemacht, auch russische Juden als modern und als Kulturträger bezeichnet zu haben. Demgegenüber muß festgestellt werden, daß die russischen Juden in einem typisch unmodernen Staate, unter einem Pobjedonoszew, das werden mußten, was sie sind, was übrigens nur eine vorübergehende Erscheinung darstellt. Auch für diesen unglücklichen östlichen Zweig, der unser Mitgefühl in höchstem Grade herausfordert, wird die Stunde der Befreiung schlagen, und vielleicht bricht die Morgenröte für diese unglücklichen, unterjochten Menschen bereits an. Durch die neuere Geschichte Ruppier's ist festgestellt, daß innerhalb vier Generationen der östliche Kaftanjude sich ganz auf die Höhe der modernen Kultur schwingen kann. Gerade dieser Umstand spricht aber dafür, welch furchtbaren, schweren Kampf die russischen Juden führen müssen, um sich ihre Religion zu erhalten. Abgesehen von der rein moralischen Seite, welche eine antisemitische Bewegung selbstverständlich kurzsichtig, undankbar und roh erscheinen lassen muß, zeigt sich, daß fie auch in ihrem Namen verfehlt ist, da die Identifizierung der Juden mit Semiten wissenschaftlich nicht aufrecht zu erhalten sei. Reicher Beifall lohnte den äußerst gehaltvollen, von tiefem Wissen zeugenden Vortrag, der durch gut gewählte Lichtbilder das regste Interesse der Zuhörerschaft bis zum Schlüsse fesselte. _ Das Werk Dr. Theodor Herzls. Ein Nachwort zum Kongreß. Von einem Nichtjuden. Der Zionismus hat eine schöne Zukunft hinter sich. Gestatten Sie mir, Herr Redakteur, diese Ansicht zu begründen. Sie waren schon einmal so gütig, meinen Auffassungen und Meinungen über das Lebenswerk Dr. Theodor Herzlos die Spalten Ihres Blattes zur Verfügung zu stellen. Das war vor dem Kongreß und nun, nachdem dieser mit seinen entscheidenden Beschlüssen der Vergangenheit, der Geschichte angehört, erbitte ich noch einmal das Wort zu einer Aeußerung, die möglicher- und wahrscheinlicherweise weder den Anschauungen der Zionisten von der strikten Observanz, noch Ihren eigenen nach jeder Richtung hin voll entsprechen wird, die aber doch, meine ich, gehört zu werden verdient als die Stimme eines Außenstehenden, als eine Stimme aus dem Publikum, wohlgemerkt — aus dem nichtjüdischen Publikum, das auch in dieser Frage nicht ganz gleichgiltig ist, es wenigstens nicht sein sollte. Ich meine natürlich nicht das antisemitische Publikum, sondern eines, das gerechten und menschlicher Erwägungen zugänglich ist und das schließlich doch nicht so gering ist, als man nach all dem massenhaften Kehricht, der jetzt obenauf schwimmt, oft anzunehmen geneigt wäre. Noch eine Vorbemerkung möchte ich machen. Ich habe natürlich keine Legitimation, im Namen irgend eines Publikums zu sprechen, aber ich glaube, mich nicht zu überheben, wenn ich meine Anschauung als die Durchschnittsanschauung eines leidlich gebildeten und leidlich unbefangenen Publikums hinstelle. Dabei betone ich gar nicht, daß ich Philosemit bin. Der Ausdruck gefällt mir nicht. Die Lebenserfahrung, die ich bisher zu sammeln Gelegenheit hatte, hat mir gezeigt, daß eine pessimistische Weltanschauung sehr wohl berechtigt ist, sofern man die Menschheit als solche ins Auge faßt. Es gibt viel Schlechtigkeit unter den Menschen. Der Pessimismus wird aber wesentlich gemildert, wenn man vom Individualismus abfieht und Kategorien schafft, wenn man beispielsweise die Menschheit in Völker scheidet. Wer ruhig und unbefangen zu urteilen vermag, muß daraufkommen, daß ein jedes Volk im Kern gut ist. Es steckt weitaus mehr Güte in den Völkern als Gehässigkeit, und das Unglück ist nur, daß sich immer verbrecherische Spekulanten in großer Anzahl und in hohen Stellungen finden, die unausgesetzt die letztere schüren. Und so entstehen dann die angeblich patriotischen Legenden vom „Erbfeind", während die Völker selbst in der Tiefe der Herzen von Haß und Vertilgungswut nichts wiffen. Sie müffen immer erst künstlich aufgestachelt werden, um ihre verbrecherischen Thorheiten gegeneinander zu begehen. Auch das Volk von Wien ist im Kerne ein gutes, und es wäre Sünde, es lediglich nach den fanatischen Aeußerungen zu beurteilen, zu welchen es eine ruchlose antisemüische Agitation aufgepeischt hat. Hier ist es der Jude, dort der Czeche, dort der Deutsche, der Franzmann, der Italiener u. s. f., der als Feind, als Erbfeind gehaßt und verachtet wird, und immer zu Unrecht und nur weil eine Politik, die ihre Leute nährt, es so vorschreibt. Im Grunde des Herzens wissen die Völker von einem solchen Haß nichts. Denn sie alle find im Grunde gut und aller Liebe wert. Dies also und kein anderer ist mein Standpunkt auch dem Judentum und der Judenfrage gegenüber. Und nun, nachdem das festgestellt ist, zum Zionismus, wie er sich heute darstellt. Der Kongreß hat das Anerbieten Englands abgelehnt. Es wäre müssig, jetzt darüber nachzudenken, ob es Herzl vermocht hätte, zu bewirken, daß der Kongreß anderen Sinnes werde, oder ob auch er in Verbitterung sich zurückgezogen hätte, — die Tatsache der Ablehnung besteht, und diese muß in's Auge gefaßt werden. Eine Gelegenheit ward verschmäht, die sich in zweitausend Jahren einmal darbot und die sich vielleicht niemals wieder darbieten wird. Der Kongreß hat gesprochen, und es liegt mir fern, Kritik an dem Beschlüsse zu üben und damit vielleicht Gefühle zu verletzen, die zudem ihre tiefe religii.se Begründung haben mögen. Jerusalem ist das Gebet der Juden, Palästina ihr sehnsüchtiger Traum. Zweitausendjähriges Leid hat nicht vermocht, den Sinn des Volkes von einem heiligen Ideal abzulenken. Dagegen soll man nicht eifern, aber es ist wohl wert, darüber nachzudenken, ob eine zweitausendjährige bittere Erfahrung nicht die Entschloffenheit hätte wachrufen sollen, das Erreichbare zu ergreifen. Nun steht der Zionismus wieder dort, wo er immer und von jeher stand, und damit ist er für unabsehbare Zeit wieder ausgeschaltet aus den aktuellen politischen Möglichkeiten; aus der hoffnungsvollen Aktion ward er wieder zur tiefen und hoffnungslosen Sehnsucht. Damit ist aber nun auch das aktuelle Jntereffe der nichtjüdischen Zeitgenossenschaft an dem Zionismus wieder erloschen und er ist wieder zu einer rein inneren Angelegenheit, zu einer Gefühlssache der Juden unter sich geworden. Es wird nach wie vor von frommen Gemütern der Gedanke lebendig erhalten, es werden nach wie vor in den Tempeln Gebete zum Himmel emporgesandt werden, aber von der Erfüllung der Sehnsucht ist man wieder genau so weit als jemals zuvor. Den Ausschlag bei der folgenschweren Abstimmung gaben nicht die westeuropäischen Juden, sondern die Abgesandten der Juden Rußlands, die von Haus aus die überwiegende Mehrheit im Kongreffe bildeten. Russischer Despotismus hat fie so niedergehalten,, daß sie als Kulturelement sich vielleicht nicht zur selben Höhe zu erheben vermochten, wie die westlichen Juden, — aber fie halten die Mehrheit und damit die Macht. Und so ward der moderne Zionismus begraben. Es war ein solennes Begräbnis erster Klaffe, aber es war ein Begräbnis. Als Dr. Herzl den Zionismus erfand, da hatte er kein Ahnung davon, daß er eine beträchtliche Zeit vor ihm schon erfunden war, wie er denn überhaupt als eleganter weltlicher