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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-08-11 · 32 (11.8.1905) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
32 (11.8.1905)
Date
1905-08-11
Page
– (sequence 14)
Language
German
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©eite 510 Lr. Zbwcb's Mlocbenscbrm. Str. 32 desselben festgestellt. Wenn der Eine ausging, blieben die Anderen daheim. Nun war aber das Zuhausebleiben eine noch viel unerfreulichere Notwendigkeit, als der Ausgang in: dünnen fadenscheinigen, sommerlich Hellen Ueberzieher. Der Rosch-Jeschibah hat diesen Bachurim, die sich gegen seinen Willen „zusammenfanden" die „Petroleumzettel" entzogen. Jeder andere mittellose Bocher, der vorsichtig genug war, das Wohlwollen des alten Herrn nicht zu verscherzen, bekam wöchentlich zwei Petroleumzettel. Nach dem Abendgebete wurden dieselben von ihm eigenhändig verteilt und jeder derselben lautete auf einen halben Liter Petroleum, angewiesen bei einem Spezereihändler im Herzen der Judengasse. Rosenstein, Schwarz und Freimann waren dieser Wohltat nicht teilhaftig und so mußten sie an den langen Winterabenden im Dunkeln bleiben. Dazu kam noch ein anderes Uebel. Der Kohlenhändler stellte den Kredit ein, weil er von dem allgegenwärtigen Haupt der Talmudjünger hörte, daß diese jungen Leute nicht mehr als in den Verband der hohen Schule gehörig betrachtet werden. So bildeten sie tatsächlich ein Dreigestirn ohne Licht und Wärme. Was konnten sie nun tun, um ihr Schicksal erträglicher zu machen? Wenn der Eine den Ueberzieher trug, lagen die Anderen zuhause in ihren Betten ob es nun Tag oder Nacht war, Abend oder Morgen. So lange es hell war, ging es noch an, wenn es aber um 3 Uhr nachmittags zu dämmern begann, da befiel die beiden zum Zuhausebleiben Verdammten eine unsagbare Oedigkeit. Der jeweilige Träger des Ueberziehers hatte die Pflicht, die Nahrung zu besorgen. Bei neuen Gläubigern wurden neue Schulden gemacht und das Nötigste — Brot, Käse und Tabak — konnte glücklicherweise stets aufgebracht werden. Rosenstein und Schwarz bewahrten ihren wohl etwas bitteren Galgenhumor und wußten sich mit ihrem Gesänge die Langweile teilweise zu bannen. Freimann hingegen konnte sich durchaus nicht in seine Lage fügen. Er war sentimentaler Natur. In seinen schönen blamn Augen spiegelte sich aller Harm seiner Jugend ab. Bleichwangig und schwermütig machte ihn der unfteiwillige Aufenthalt im Bette. Auch hatte er mehr Kulturdrang als seine Stubengenossen. Ost zitierte er aus Don Karlos, den er recht eingehend gelesen hatte, auch Heines Lieder gehörten zu seiner Lieblingslektüre und nicht selten verglich er sein Lager mit der Matratzengruft des großen Lyrikers. Er war so ganz zu Träumereien und — zur Liebe angelegt und weil es eben in der Judengasse nie an liebenslustigen und liebenswerten Mägdelein mangelte, geschah gar bald das, was seine Seelenanlage erheischte und begrüßte, die Liebe, die keusche, heilige, wortlose Talmudistenliebe kam zum Fenster hineingeflogen. Woher? Das will ich unumwunden sagen. Die Gasse, wohin das Fenster ihres Zimmers schaute, war kaum 2 Meter breit und im gegenüberliegenden Hause, genau vis-ä-vis auch im zweiten Stocke klapperte fleißig eine Nähmaschine. Dort wohnte ein alter Herr, ein braver, simpler Schneidermeister und mit ihm wohnte seine Tochter. Sie war nicht schön und auch nicht gar so ftühlinglichen Alters, jedoch die erwachende Liebe, der Nebel und die überlaufenen Fenster verhüllten alles Unhübsche dieses Mädchens vor den Augen Freimanns. Er blickte zu chr wie zu einer holden Priesterin ins Heiligtum hinüber. So stand der Arme oft eine lange Stunde im eisigen Zimmer beinr Fenster und heftete unverwandt sein Auge auf die drüben hin- und herschwebende Holde. Stumm und scheu war sein Minnen, doch das erfahrene Auge der Priesterin merkte bald die nicht unterdrückbare Verzückung des Anbeters und suchte einen Vorwand, mit ihm zu sprechen. Es war am Tage seines Ausganges , er trat eben aus dem Haustor, da kreuzte sie ihm den Weg und sprach ihn mit den Worten an: „Bocher, wollten sie nicht für meine Mutter Mischnajeß14) lernen?" Das Blut strömte ihm ins Antlitz, er stotterte, und als sie die Frage wiederholte, war ein tiefergebenes „Ja" seine Antwort. Sie sagte ihm noch den Namen ihrer seligen Mutter, gab ihm 20 Kreuzer für seine Mühe und eilte nach Hause. ") Für das Seelenheil mehrere Mischnah lernen. Von diesem Tage an wurde Freimann mutiger und gesprächig, ja zuweilen redete er das Mädchen vor dem Tore an, plauderte mit ihr ein schönes Viertelstündchen, und weil die Sprache der Liebe sich so rasch erlernt, waren sie bald ohne jedes ausdrückliche Bekenntnis ihrer gegenseitigen Zuneigung gewiß. Ein Seufzer, ein Zitat, eine Anspielung, ein langer, inniger Händedruck — das waren die beredten Dolmetscher der Liebe. Freimann fand das Mädchen schön und lieb und gut, nur zu wenig „Bildung" schien sie ihm zu haben. Sie sprach ein schlechtes Deutsch und den Namen Schiller hatte sie kaum nennen gehört. Eines Abends nahm er eine lange Besenstange und band an das Ende derselben „Werthers Leiden" in der Reklam'schen Ausgabe, streckte die Stange hinüber und klopfte damit ans Fenster. Rasch wurde dasselbe geöffnet und voll- Entzückung über diese romantische Situation nahm sie „Werther" von der Stange, deutete jedoch mit den Fingern, er möge den Besen noch eine Weile liegen lassen. Sie eilte vom Fenster. Im Nu war sie zurück und band dann ihrerseits ein kleines Paket an die Stange. Freimann zog dieselbe zurück und sieh und sieh — eine stattliche Portion warmer Gansgrieben war die wohlriechende Sendung der Auserkorenen. Rosenstein und Schwarz umjubeln die Leckerbissen, jedoch Freimann — war tief gekränkt. „Auf jener Stange, wo ich „Werthers Leiden" schicke, darf sie keine Gansgrieben schicken. Das ist eine Roheit, eine Kulturlosigkeit, eine Entheiligung der hehren Poesie." So wühlte es in seinem Herzen, von den Grieben hatte er auch keine einzige gekostet. Und weil man im menschlichen Leben nie die Wirkung der Dinge weiß, geschah nun das, woran die Schneiderstochter selbst in ihren schlimmsten Träumen nicht gedacht hätte, an den heißen Grieben der Stopfgans ist die Liebe des Talmudjüngers erkaltet. Freimann ging nimmer zum Fenster, so sehr es auch seine Freunde im Interesse der Grieben gerne gesehen hätten und das Mädchen betrauerte wieder einmal ihr gebrochenes, entschwundenes Liebesglück. Durch diese Episode wurde für Freimann das Zigeunerleben noch unerträglicher und nach einem längeren Selbstkampfe begab er sich zum Rosch-Jeschibah, bat ihn demütigst um Gnade und Vergebung und versprach, fleißig, fromm und tugendhaft zu sein. Der alte Herr nahm ihn in Liebe auf, gab ihm gleich Petroleum- und Brotzettel und ließ ihn nimmer zu seinen Freunden zurück. Rosenstein und Schwarz setzten ihr Bohßmeleben unbeirrt noch eine Zeitlang fort. Wie lange? vermag ich nicht zu sagen, da mich die Berufswahl bald nach diesen Geschehnissen aus ihrer Nähe in's ernste Leben hinausführte. Literatur. Dr. Ernst Franz Weist. Die Auswanderungsfrage. (Mit besonderer Berücksichtigung der Auswanderung aus Deutschland, Italien, Oesterreich und Ungarn. Verlag Wilhelm Süsserott, Berlin, W. 30, Goltzstaße 24. Vorstehend genannte, durch die Deutsche Kolonialge s e l l s ch a f t publizierte Broschüre des bekannten Wiener Hof- und Gerichtsadvokaten und ersten Vizepräsidenten der österreichisch-ungarischen Kolonialgesellschaft Herrn Dr. E. F. W e i s l ist eine überaus wichtige und bedeutsame Literaturerscheinung, auf welche wir unsere Leser besonders aufmerksam machen. Die hier zusammengestellten statistischen Daten sind nicht bloß vollständig neu, wir sehen hier auch ganz besonders die Ergebniffe der vergleichenden Studien über Akklimatisierungs¬ und Besiedlungskapazität der verschiedenen österr.-ung. Völker verwertet. Diese Methode der Vergleichung auf Grund der Summe der Kriminalitäts-, Kranken- und Armenunterstützungsfälle wurde von Dr. Weist zum e r st e n m a l e in die Kolonialwissenschaft eingeführt und könnte das frappierende Resultat derselben vielleicht eine Aenderung der transatlantischen Einwanderungspolitik zu Gunsten der österreichisch-ungarischen Auswanderer resp. der Auswanderungsbewegung zu Gunsten Triests und Fiumes zur Folge haben. In der Broschüre ist zum

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