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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-08-11 · 32 (11.8.1905) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
32 (11.8.1905)
Date
1905-08-11
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 32 Dr. Bloches Wochrnfchrifk. Sette 50g man wird sie bald „ausschaffen" ^). Alles war still in der Stube bei dem Worte „ausschaffen" zuckte es dem armen Freimann durch die Glieder. „Aber Herr .... woher wissen sie, daß ....?" wollte der erschreckte Jüngling entgegnen. „Lassen sie das, ich weiß alles", war der kurze Einwurf des alten Herrn, dem nun eine Schar devoter Jünglinge Beifall nickte. Freimann wollte noch einen Versuch machen, seine Unschuld zu beteuern, doch kaum öffnete er seine krampfhaft bebenden Lippen, übertönte ihn schon die entfesselte Beredtheit des vorurteilsvollen Jeschibahleiters; er zupfte sich den Bart und fuhr in ironischem Tone fort: „Lassen sie das, Herr Freimann, sie sind doch schon mit einem Fuß im Seminar 10), fahren sie „gesunderhat" und nehmen sie noch ein paar Chawerin mit. Nehmen sie sich Rosenstein, nehmen sie sich Schwarz mit und wie sie alle die Betelim ") heißen." „Aber Herr .... das alles ist unwahr", preßte Freimann mühsehlig heraus und suchte etwas mannhafter der Verleumdung entgegenzutreten, da eilte ein anderer Bocher hinzu und sagte in knechtsiuniger Weise, um dem allmächtigen Gönner zu schmeicheln: „Was Herr . . . sagt, ist wahr und lauter wie die Lehre Moses, vergehen sie sich nicht gegen seine Ehre! Sie sind ein Schegez!" „Ich ein Schegez?" rief Freimann schäumend vor Entrüstung und versetzte dem vorlauten Kollegen einen kräftigen Faustschlag. Dieser schrie laut auf und die Anwesenden ergriffen in heiliger Wut den zitternden Freimann, prügelten ihn und warfen ihn hinaus auf den Korridor. Mit zerschlagenen Gliedern schlich er von da in's Freie. Beschämt, vereinsamt, von Selbstanklagen gequält, stand Freimann auf der Gasse. Ein kalter Regen ging nieder, der Herbstwind blies durch seine schleißigen Kleider, es fröstelte ihn. . . . „Schwarz, Rosenstein," sagte er, „mögen mit mir kommen. Schwarz? Rosenstein? So vom Sehen muß ich sie kennen, auch sie kennen gewiß mich. Da gibt es nun nur eine Zuflucht. Ich gehe zu ihnen, zu meinen zukünftigen Schicksalsgenossen, erzähle ihnen, was sich zutrug, und verbinde mich mit ihnen." So dachte Freimann, ging unverzüglich auf die Suche und nach einigem Hin- und Herfragen entdeckte er dieselben in ihrer Wohnung am „Nikolaibergl". Als er eintrat, waren sie eben damit beschäftigt, den neuesten Marsch der 72. Jnfanteriekapelle gründlich einzustudieren. Schwarz hatte ein gutes Gehör, Rosenstein eine klangvolle Stimme und so sangen sie wie zwei muntere Lerchen lustig in den Tag hinein. Keine Sorge drückte ihr Gemüt. Zu den hohen Festtagen hatten Beide als Vorbeter in kleinen Gemeinden gewirkt. Der Eine erhielt 20 Gulden fix und 15 Gulden wurden ihm von kunstsinnigen Gönnern „geschnodert" Ki), weil er den Uneßaneh-Tokef so herzergreifend verschnörkelte, der Andere bekam alles in allem für seine kantorische Wirksamkeit 20 Gulden, er benützte aber die gute Gelegenheit des ländlichen Aufenthaltes und „schnorrte" die Gegend ab. Er kam nach Preßburg mit 32 Gulden und einem etwas „verjährten" lichtgrauen Ueberzieher, den er von einem hochherzigen Gememdemitgliede für eine freiwillig gehaltene Predigt vor „Kol Nidre" als Zeichen des Beifalls erhielt. Rosenstein und Schwarz waren also köstlichster Stimmung, als der gedemütigte Jüngling in ihrem Kreise erschien. In epischer Breite erzählte er, was sich zugetragen, und schloß mit den bedeutsamen Worten: „Man hat auch die Nachricht verbreitet, ich wolle in's Seminar gehen und der „Alte" sagte: „Gehen sie nur, je früher desto besser, damit sie nicht andere verderben und verführen. Nehmen sie sich auch Rosenstein und Schwarz mit und d) relegieren. ") Das Budapester Rabbiner-Seminar. ") Tunichtgut. '*) Gräuel, gottloser Mensch. 13) gespendet. die anderen Btelim." So bin ich nun zu ihnen gekommen, um sie zu warnen, gewiß nicht zu s'manezen." Er stülpt hiebei die Aermel zurück, wie er es sonst beim Anlegen der Gebetriemen tat und zeigt die roten Spuren der erlittenen Züchtigung. „Sehen sie, so haben sie mich ges'manezt. Erst haben sie mich gut „gedeckt" und dann zur Tür und zum Tor hinausgeschmissen." Rosenstein und Schwarz hatten während der Erzählung unverdrossen im Flüstertöne weitergesungen. Als Freimann aber die Einzelheiten des Hinauswurfes zum besten gab, lachten beide laut auf. Dann schlug Rosenstein fortsetzungsweise den Takt und sie trillerten unbekümmert weiter. „Ich will sie also fragen, ob sie geneigt wären, mit mir in's Seminar zu gehen," fügte Rosenstein in zweifelndem Tone hinzu. Nun brachen sie abermals in ein helles Gelächter aus. Freimann schien von dieser Mißachtung seines Leides und seiner Klage schmerzlich, enttäuschungsvoll berührt. Die Gleichgiltigkeit und frivole Teilnahmslosigkeit kränkte ihn unendlich, nun fühlte er sich doppelt verlassen. Alle Bitternisse und Entsagungen seiner Jugend, die trostlose Gegenwart und die ziellose Zukunft, seine Fehler und seine Leiden lasteten in diesem Augenblicke doppelt auf seinem Versehrten Gemüt. Er stand auf, wendete sich um — und weinte. ... Der Gesang verstummte. Rosenstein trat liebevoll zu ihm hin, bat ihn um Vergebung, sprach ihm Trost zu und lud ihn ein, sich bei ihnen häuslich niederzulassen. Rasch holte er aus einer Tischlade ein Stück Brot und einen Schnitt Käse herbei, das er sich schon zum Abendbrot bereitete, und bot es herzlichst dem verzagten Jüngling an. Freimann hatte an diesem Tage noch nichts gegessen, sein knurrender Magen gestattete keine längere Weigerung, er nahm daher das liebreich Gebotene dankbar an. Während er aß, entwickelte Schwarz einen Plan für die nächste Zukunft. „Ins Seminar gehen wir nicht", sagte er, dort fitzt man 7 Stunden im Tage in der Schulbank, auch wissen wir kein Lateinisch, um dort Aufnahme zu finden. Den kommenden Winter bleiben wir hier. Sie, Freimann, tun dasselbe. Damit sie aber nicht völlig ohne Mittel seien, müffen sie trachten, zu Geld zu kommen. Nehmen sie sich ihre Tefillin und gehen sie ins Neutraer Komitat — das ift eine gute Gegend — und schaffen sie sich ein paar Gulden." Der Vorschlag gefiel. Freimann ließ sich das „Sträßl", das heißt die günstigste Bettelroute, von der bewährten Hand Schwarzens zusammenstellen und noch am selben Tage verließ er Preßburg. Der Spätherbst zog allgemach ins Land. Sein Sendbote, der feuchte Wind, begegnete Freimann gar oft auf seiner kurzen, aber mühevollen Wanderung. Nicht selten hatten sie gemeinschaftliche Wege in später Nachtstunde. Der Bettelstudent wallte flüchtigen Trittes ins nächste Dorf, raffelndes Laub umhüpste ihn in tollem Reigen und der herbstliche Hauch gesellte sich zu ihm und lispelte ihm kalt und unfreundlich mit unsichtbaren Lippen zu. Freimann war des Treibens müde. Er hatte sich mühselig 18 Gulden zusammengebettelt und sehnte sich nun nach lauer, heimlicher, trauter Ruhe. Anfangs November langte er wieder in Preßburg an. Rosenftein und Schwarz begrüßten ihn mit lauter aber auch mit geheimer Freude. Ihr tönender Willkommengruß galt scheinbar nur dem neuen Genoffen, im stillen aber freute es sie, daß frisches Geld ins Haus komme, da das Ihrige, das sie zum Teil zur Tilgung von dringenden Schulden benützten, bald zur Neige ging. Einige Wochen hindurch lebten sie in wohliger Gemütlichkeit und in heiterer, sorgenloser Geselligkeit miteinander, doch als sich der Winter mit seinem ganzen frostigen Gefolge einstellte, war der letzte Kreuzer verzehrt, neue Schulden waren gemacht und der Dreibund stand da in seiner nacktsten Dürftigkeit. Alle Drei hatten zusammen nur einen einzigen Ueberzieher. Es war der lichtgraue von der Kolnidrepredigt, in den sie sich abwechselnd hüllten. Dieser Rock ist nach mehrfachen finanziellen Transaktionen Gemeingut geworden und sie hatten sich ein bindendes Reglement für den Gebrauch

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