Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 32 (11.8.1905)
- Date
- 1905-08-11
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 508 Dr. Mocb s MocbenscürM. Nr. 32 Mitwirkung des Mannergesangvereines „Frohsinn", der auch ein Grablied sehr schön zum Vortrage brachte, in bekannter, würdiger und vorzüglicher Weise besorgt. Am offenen Grabe hielt Herr Sekretär Adler namens der Gemeindevertretung und der Beamten einen Nachruf, in welchem er in beredten Worten die Charaktereigenschaften und das verdienstvolle Wirken des Dahingeschiedenen kennzeichnete und durch die warme und ehrliche Empfindung, welche in der formvollendeten und ergreifenden Rede zum Ansdrucke kam, nicht ohne Wirkung auf die Zuhörer blieb. Das Andenken des Verblichenen wird in unserer Kultusgemeinde stets hoch in Ehren gehalten werden. Aus Anlaß dieses Leichenbegängniffes wurden an Kranzablösungsspcnden für fromme und wohltätige Werke gewidmet: Israelitische Kultusgemeinde K 50—, Frauenverein K 10- , Männergesangverein „Frohsinn" K 10- , Chewra- Kadischa K 20'—, Moritz Weiner X 6-—, Josef Kobler Ko--, Dr. Dux K 2'—, Heinrich Bauer K 2* , Wilhelm Schweinburg, Klosterneuburg K 10' , Familie Moritz Sckweinburg K 30-—, Salomon Schweinburg, Rossitz K 20—, Dr. Markus Pisk, Wien K 10*—, Heinrich Adler K 2 —, Max Zerner, Wien K 10'-; zusammen K 187 —. Woltitz. Mit Beendigung des heurigen Schuljahres wurde die seit mehr als 50 Jahre hier bestehende israelitische Volksschule m. Oe. über Gemeindebeschluß aufgelassen. Damit scheidet auch der Oberlehrer Herr M. Neumann nach 30jähriger erfolgreicher Tätigkeit in unserer Gemeinde, deren geistlicher Führer er überdies im abgelaufenen Dezennium war, aus seinem Berufe, den er in gewissenhaftester Weise ausgeübt hat. Sein von den Behörden mehrfach belobtes pädagogisches Wirken, sein tiefgründiges Wissen wußte er seinen zahlreichen Schülern derart einzuimpfen, daß sie gerüstet ins Leben ziehen und im Kampfe ums Dasein sich ehrenvoll behaupten. Nur mit größtem Bedauern sehen wir darum unfern allverehrten Lehrer und geistigen Berater scheiden, der seinen wohlverdienten Ruhestand bei seinen Söhnen in Prag verbringen will. Tiefgefühlte Dankbarkeit, Anhänglichkeit und Freundschaft, nicht nur seiner Schüler, sondern auch der Gemeinde, wie sie sich schon anläßlich seines 25jährigen Jubiläums so schön und reichlich betätigt haben, folgen ihm nach mit dem besondern Wunsche, seine angegriffene Gesundheit möge sich festigen und er unser nicht vergessen, wie wir alle sein und seiner Gattin stets freundlich gedenken werden. Köttiggrätz, 5. August. Die hiesige Gemeinde betrauert den Heimgang ihres ehrwürdigen Seelsorgers Herrn Abraham K o h n, welcher der älteste Rabbiner Böhmens war. Sowohl als Rabbiner, wie als Religionsprofessor an den Mittelschulen genoß der Verblichene allgemeine Verehrung und das zeigte sich auch in der außerordentlichen Teilnahme aller Schichten der Bevölkerung bei dem Leichenbegängnisse am 31. Juli. Im schwarzdrapierten Tempel, wo die Leiche ausgebahrt war, hatten sich außer zahlreichen Schülern und Verehrern eingefunden: Reichsratsabgeordneter Formanek, Landtagsabgeordneter Bürgermeister Dr. Ulrich, mehrere Gemeinderäte Hofrat und Kreisgerichtspräsident von Koschin, Statthaltereirat Steinfeldt, Abordnungen der Profefforenkollegien, Vertreter der Geistlichkeit der übrigen Konfessionen und aller staatlichen und Privatbehörden, sowie Abordnungen vieler Kultusgemeinden. Die Trauerfeier begann mit einem vom Sohne des Verstorbenen, Herrn Josef Kohn, Chormeister in Jglau, komponierten Psalme, vorgetragen vom Herrn Oskar Eisner, Kantor der israelitischen Kultusgemeinde in Königgrätz. Anwesend waren: die Rabbiner Herren Kraus (Adler-Kostelez), Goldstein (Nimburg), Nähnadel (Pardubitz), Pollack (Königinhof), Schrecker (Neu-Bytschov). Der ältere Sohn des Verstorbenen. Herr Ph. Dr. Karl Kohn, Rabbiner und Prediger in Pribram, widmete seinem Vater warme Abschiedsworte. Ein Trauerchoral gesungen voni Königgrätzer Tempelchorvereine schloß die erhebende Trauerfeier im Tempel. Vor Zusammenstellung des Trauerzuges traten die Spitzen der Behörden und Deputationen sämtlicher Vereine an den Sohn des Verstorbenen heran, um ihm ihr tiefstes Beileid zu bekunden. Vor dem neuen Tempel, dessen Einweihung der Verblichene nicht mehr erlebte, widmete Herr JUDr. Josef Tauffig, Vorsteher der israelitischen Kultusgemeinde in Königgrätz, dem 41 Jahre im Dienste tätigen Seelsorger und Priester Worte der Anerkennung und des Dankes. Am offenen Grabe sprach Stud. Med. Herr Hugo Gans im Namen aller Schüler in kurzen und gefühlvollen Worten dem gewissenhaften Lehrer das letzte Lebewohl. Eine Zierde seines Standes, ein Mann der Gelehrsamkeit, ein Muster von Sanftmut und Geduld, ein nachahmungswürdiges Beispiel von Bescheidenheit und Anspruchslosigkeit, dies wäre die kurz skizzierte Biographie des beliebten Seelenhirten und Gottesmannes, der seine Familie und Gemeinde in tiefster Trauer zurückließ. Feuilleton. Gin Dreigestirn ohne Licht nnd Warme. Erinnerungen aus der Jeschibah zu Preßburg. Von Philipp Nasch. Rosenstein, Freimann und Schwarz nannten sich drei Talmudjünger, die in den Erinnerungen an meine Studienzeit in der Jeschibah ein sympathisches Plätzchen behielten. Es war nach dem Sukkothfeste. Aus allen Gauen Ungarns war die wissensdurstige Jugend zusammengeströmt, um mit dem beginnenden S'man *) zu Füßen des hochgelehrten Rabbis von Preßburg den Talmudstudien zu obliegen. Es begann das sogenannte S'manezen, dessen Schauplatz zum Teil die Wohnung des Rosch-Jeschibahs * 2), eines unwirschen alten Hagestolzes mit struppigem Barte, zum Teil aber die Judengasse und ihre Nebengäßchen waren. Der Rosch-Jeschibah war ein schlauer, tatkräftiger und tüchtiger Mann, seinen Wirkungskreis verstand er willkürlich zu erweitern und so hat er sich auch das Amt und Recht, die Talmudjünger „zusammenzustellen", selbstherrschaftlich angeeignet. Er bestimmte nämlich, welche Bachurim für den nächsten Semester ein gemeinschaftliches Zimmer beziehen sollten, und fixierte in vielen Fällen auch den Beitrag jedes Einzelnen zur Bestreitung der Miete, der Sepharim 3) und der Beheizung. Dabei leiteten ihn die mannigfaltigsten Prinzipien. Er paarte stets gerne Arm mit Reich, freisinnige Bachurim mit fanatischen, „Unterländer" mit „Oberländern", schwächere Schüler mit solchen, die geübte Schwimmer waren im wogenden „Meere des Talmuds". Wenn dann in der Wohnung des alten Herrn der Pakt geschlossen war, da begaben sich die zu Zweien oder zu Dreien „zusammengestellten" Bachurim in die Gasse hinunter, um dort gemeinschaftlich ein entsprechendes Quartier zu suchen. Dies alles ging nicht leicht von statten und das S'manezen nahm daher zum Beginne des Sommerwie auch des Wintersemesters gute 14 Tage in Anspruch. Es war also wieder einmal die Zeit des Paarens gekommen. Die Wohnung des nun viel beschäftigten Rosch-Jeschibah war voll von Jünglingen, die einen Stubengenossen suchten. Zigarettenrauch wogte durch das kleine, unfreundliche, einfenstrige Zimmer. Ein schmuckloses und tristes Junggesellenheim. Lautes Plaudern und Mäkeln begeisterte die jungen Gemüter. Da öffnete sich die Türe und Freimann trat ein. Sofort erblickte ihn der Rosch-Jeschibah und rannte auf ihn los: „Was wollen sie? Einen Chawer? 4 5 6 7) Ich stelle sie nicht zusammen; sie lernen nichts, sie waren in der Sphireh °) bei der Musik, sie haben von Schpeßeh zu Nacht b) bis Montag Mittag Karten gespielt, sie haben auch mit „Madloch" zu tun, man sagt, sie waren im Theater, sie lernen lateinisch, sie haben in der Schiurstuben ') am Sabbath öffentlich ungarisch gesprochen und gehen zu allen Gerichtsverhandlungen und „wie heißt er nur" sagte, sie spazieren viel mit dem Missionär herum. Sie brauchen keinen Chawer! Der Rebbe 8) hat schon hören lassen, ') Semester. 2) Leiter der Schule. 3) Der Talmud und seine Kommentare, für die man dem Buchhändler monatlich 2—3 fl. Leibgcbühr zahlte. 4) Kollege. Zimmergenoffe. 5) Die Zeit zwischen Peßach und Schewuoth, in der es verboten ist, Musik anzuhören. 6) Sabbathausgang. 7) Lehrsaal, zugleich Synagoge, b) Der Rabbiner.