Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 32 (11.8.1905)
- Date
- 1905-08-11
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 504 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 32 reichenden Gemeinschaft bekennt, welche übrigens mit denen des Judentnms näher verwandt sind, als allgemein auf beiden Seiten bekannt ist und betont wird. Als die unmittelbaren Vorläufer der beutigen Mennoniten gelten besonders die „Waldenser" im Mittelalter und „die Täufer" oder „Anabaptisten" in der Reformationszeit. Diese Namen haben sich aber die Gemeinden nicht selber gegeben, sondern sie wurden ihnen von ihren protestantischen und katholischen Gegnern aufoktroyiert und mit der Länge der Zeit und durch die Macht der Gewohnheit allmählich von ihnen selbst akzeptiert, so ähnlich wie die in der Verwerfung des Krieges — und Militärdienstes den Mennoniten verwandten „Nazarener" in Ungarn, diese sonderbare Bezeichnung lediglich einer Entscheidung der ungarischen Regierung verdanken, welche bei dem Auftreten dieser „Heiligen" in Verlegenheit war, dem Kinde einen Namen zu geben. Ursprünglich nannten sich alle diese sukzessive aufeinanderfolgenden und geistig verwandten Gemeinschaften nur mit dem gemeinsamen, anheimelnden und wohlklingenden Namen: „Evangelische Brüdergemeinden" und wäre es an der Zeit, wenn der von dem unermüdlichen um die Erforschung der höchst interessanten Geschickte und Lehre dieser „Ketzer" und „Sektierer" hochverdienten Geh. Archiv-Nat Dr. L. Keller den Mennoniten gemachte und von dem Schreiber dieses warm befürwortete Vorschlag einer entsprechenden Namensänderung bei dieser Religionsgesellschaft endlich williges Gebär finden würde. Die Mennoniten und ihre genannten Vorläufer die „Waldenser" und ..Täufer" vertraten ursprünglich den radikalsten Standpunkt im Christentum, so ähnlich wie es bei den heutigen holländischen Mennoniten sDoops gezinde). mit welchen bekanntlich der große jüdische Philosoph Spinoza vor und nach seiner Ausstoßung aus der Synagoge die innigste Fühlung batte, und den „Rewonstranten" heute noch der Fall ist. Dadurch standen Männer wie Hans Denk, Ludwig Hetzer, Job. G r e b e l, Baltasar Hubmeier, Eitelban«, Langenmantel und viele Andere, welche Leuchten der Wissenschaften ihrer Zeit waren und leider alle der protestantischen und katholischen Verfolgungswut in der Blüte ihrer Jahre zum Opfer sielen, dem Judentum sehr nahe und waren zum Teil ganz ausgezeichnete Hebräer. Es dürfte wohl auch in jüdischen Kreisen bekannt sein, daß Hans Denk und Ludwig Hetzer zum erstenmale die bebrcnscken Propheten ins Deutsche übertrugen und dabei eine mnstergiltiae bis heute noch unerreichte Arbeit lieferten, welcke Lutber bei seiner späteren Bibelübersetzung nickt nur benützt, sondern zum Teil wörtlich ausgeschrieben hat, wobei er doch so ehrlich war zu bekennen, es sei doch höchst zu verwundern, wie auch Ketzern hier ein so vorzügliches Werk gelungen sei. Eine vollständige deutsche Bibelübersetzung besaßen bekanntlich die Waldenser schon mehrere Jahrhunderte vor Luther, deren Einflüsse in seiner sväteren llebersetzung ebenfalls auf Schritt und Tritt nachweisbar sind. Die Waldenier und die Täufer waren auch schon sehr vernünftige und gesunde Bibelkritiker, indem sie im Allgemeinen das Alte Testament und besonders die Bücher der Propheten und Psalmen weit über das Neue stellten, in welchem sie eigentlich nur die Bergvredigt mit dem Vaterunser anerkennen wollten, während sie sich aegenüber den sogenannten Paulinischen Briefen sehr skeptisch und vielfach ablehnend verhielten. Wie in der Lehre, so haben diese alten, kleinen Brüderschaften aber auch in ihrer Geschichte und in ihren Traditionen vieles mit dem Judentum gemeinsam und die alten dicken Folianten der Märtyrerbücher, welche heute noch in vielen Mennonitenfamilien wie goldene Kleinodien gehütet werden und als das kostbarste Erbe von Kind zu Kindes Kindern wandern, sie erzählen, wie die mit ihren monoton sich häufenden Zahlenreihen einen unheimlichen, niederschmetternden Eindruck hlnterlaffenden jüdischen Chroniken in blutgetränkten, schauderhaften Zügen von protestantischer und katholischer Glaubensüberwindung und allgemeiner Nächstenliebe, welche mit Beil, Strang und Schaffot, mit Messir und Schwert und Scheiterhaufen all denen den Geist, die Liebe und Duldung des Christentums sä oenlos zu demonstrieren suchten, welche das nicänische Glaubensbekenntnis als eine Absurdität der Vernunft zu bezeichnen, das Taufwasser zu verschmähen und nach dem Glauben ihrer Väter zu leben und zu sterben wagten. So erinnert sich Schreiber dieses aus den Tagen seiner Kindheit noch lebhaft der schrecklichen Einzelheiten, welche seine Mutter den Kindern über die Drangsale nnv die Flucht ihrer Groß- und Urgroßeltern vor der schweizerischen reformierten Geistlichkeit und Regierung zu erzählen pflegte. Die Geistes- und Leidensverwondtschaft der Mennoniten mit den Juden und die gegenseitigen engeren Beziehungen lassen sich übrigens bis in die neuesten Zeiten Nachweisen. Wie die Inden, so kannten auch die Mennoniten das Ghetto, und sie waren dabei noch nicht einmal so bevorzugt, wie die Juden, daß sie sich innerhalb der Stadt niederlasien durften, sondern sie mußten außerhalb der Stadtmauern ihren bestimmt vorgeschriebenen Hantierungen nachgehen; für beide gab es städtische und staatliche Pflichten, aber keinerlei Rechte. In dieser Beziehung sind aber einem Mennoniten nicht nur die eigenen deutschen Glaubensgenossen, sondern auch die deutschen Juden zu bleibendem Danke verpsiichtet. So kräftig wie Hermann v. Beckerath am 19. Mai 1847 im preußischen Landtag, war noch niemand vorher für die völlige Gleichberechtigung und die religiöse und politische Emanzipation der christlichen Dissidenten und der Juden in die Schranken getreten, darum wurde ihm auch bei seiner Rückkehr in seine Vaterstadt Krefeld seitens der dortigen Judengemeinde ein ganz begeisterter, großartiger Empfang bereitet, bei welchem ihm gleichzeitig durch den Rabbiner namens der Gemeinde eine in den wärmsten Dankesworten abgefaßte Huldigungsadresse überreicht wurde. Das jüdische Jveal des Gemeindeprinzips und der absoluten Glaubens¬ und Gewissensfreiheit gegenüber staatlicher oder kirchlicher Bevormunduna und Beeinflussung haben übrigens die Mennoniten konleguenter dnrchgeführt, als die Juden und so hoben z. B. die holländischen Mennoniten erst vor kurzer Zeit auf den Staatszuschuß zum Gehalte ihrer Prediger freiwillig und einstimmig verrichtet, um in der freien Religions- und Kottesdienstübnng in keiner Weise gehindert zu sein. Bei den mancherlei judaisierenden christlichen Richtungen, besonders in Rußland und Siebenbürgen, von denen in der ..Oesterr. Wochenschrift" schon wiederholt die Rede war, lassen sich unschwer auch Beziehungen zu der hier in Rede stehenden Gemeinschaft Nachweisen. Heute sind allerdings durch orthodox, pietistisch protestantische Einflüsse und Lektüre die hehren Traditionen und Ideale, welche dem Judentum verwandt waren, vielfach aus den Mennonitengemeinden geschwunden, was auch die Wirksamkeit des Artikelschreibers in denselben mit unmöglich machte. Ja. sehr wahrscheinlich würde er mit seinen gegenwärtigen religiösen und theologischen Anschauungen auch in den freiest gerichteten Mennonitenkreisen keine Gnade mehr finden, da er allen reliaiösen Formen und Zeremonien, also auch Taufe und Abendmahl, welche die Mennoniten bei ihrem sonst überaus einfachen Gottesdienst, bei welchem die Orgelfrage ebenfalls lange eine große Rolle spielte, noch beibehglten haben, den Abschied aegeben hat, weil er sie einem, dem höchsten Wesen einzig würdigen Gottesdienst im Geist und in der Wahrheit als hinderlich erkennt, wobei er sich übrigens auch auf viele ältere und neuere christliche Vorgänge berufen kann. Durch diesen Sckritt ist der Unterzeichnete dem Judentum geistig noch um ein gut Stück nähergekommen und wenn er bei alldem dock nickt auf den schönen Namen „evangelisch" verzichten will, io hat dock deshalb noch kein Menich das Reckt, ihn einen ..Protestanten" zu nennen oder gar zum Ueberniaß als ..protestantischen Missionär" zu titulieren. Er kann einem solchen Ansinnen gegenüber nur den Satz wiederholen. den er in einem Kontrovers-Artikel in der „Israelitischen Wochenschrift" niedergesckrieben: Schreiber dieses hat zwar nichts daaegen einzuwenden, wenn ihn der Herr 0.- Korrespondent als „evaugelisck" bezeichnet (dieses Wort stammt ja aus dem Alten Testament und hätten die Inden das erste Anrecht darauf; vgl. Jesus 52?, Nabnm 1, 15 mit der llebersetzung Röm. 10. 5 im griechischen Urtext). Den ibm weiter beigeleaten "'amen „Protestant" will er aber nur in sofern dulden, als er sich heute nicht zum erstenmale in die Lage versetzt sieht, gegen ihn von seinem persönlichen reliaiösen Standpunkt aus, energisch zu prot e st i e r e n. Um daher allem Mißverständnis, wie es die Antwort des Herrn Redakteurs der „Oesterreichischen Wochenschrift" an seinen Brunner Korrespondenten bervorznrufen geeignet ist, ein für alle Mal vorzubeugen, erklärt der Unterzeichnete kategorisch, daß er zur Zeit völlig unabhängig von jeder kirchlichen Partei, Richtung und Gesellschaft, welchen Namen sie immer tragen m ö a e. hier lebt, und daß er beim Anblick eines Inden noch niemals in die Lage kam, mit Lavater Mendelssohn gegenüber, welcher das Taukwasser scheute, ausznrufen: ..Es ist schade um die schöne Seele". Exempla doceut und terrPdt. So haben die Früchte, welche z. B. die Londoner Judenmission bis jetzt hier in Jerusalem geerntet, den Unterzeichneten auch noch niemals in Versuchung bringen können, auf dem von ihr bestellten Felde der Ehre ebenfalls ruhmvolle Lorbern zu ernten. So ist kürzlich erst der Direktor der Bnchdruckerei und Buchbinderei, ein getaufter, rumänischer Jude und Schwiegervater eines Judenmissionärs für Tiberias und Saffed, an der egyptischen Küste verduftet, nachdem er die durch verschiedene christliche, fromme, alte, englische Jungfern stets wohl aesvickte Missionskasse um ein Bedeutendes^ erleichtert und auf deren Kosten hier ein großes, offenes Haus geführt hatte. Die Krankheit des Generaldirektors der Jndustrieabteilung des Missionshauses, welcher in, April d. I. ..aus Gesundheitsrücksichten" die Enthebuna von seinem Posten nachsnchte und erhielt, soll mit den geschickten Manipulationen seines Untergebenen in ursächlichem Zusammenhang stehen. Zum Glück für die Missionskasse Hot die neugegründete zionistische Palästina-Bank von der Judenmission auf mehrere Jahre für gute Bezahlung ein größeres Lokal gemietet; so wird dem durch den Aderlaß des mit den drei höchsten Namen geweihten jüdischen Gauners der Missionskasse verursachten Schwächezustande durch den jüdischen Schekel und Nationalfond wieder nach Kräften ansg-holfen. Bisum <eneatis amici! und difficile est salyram non scribere! Wahrlich, wenn mau mit derartigen Subjekten zusammengebracht und auf eine Linie gestellt wird, wie es dem Unterzeichneten geschehen, kann man mit einem guten Christen nur beten: „Herr, vergib ihnen, sie wiffen nicht, was sie tun". ... Wenn übrigens nach all dem Gesagten der Herr Redakteur wider Erwarten noch weiterer Belehrung und Erleuchtung über die religiöse Richtung und Gesinnung, sowie über den Charakter des Schreibers überhaupt bedürfen sollte, so wird ihm vielleicht durch Herrn Rabbiner Dr. G r ü n h u t, mit dem er seit der Zeit seiner interimistischen Lehrtätigkeit an der hiesigen Länulschule freundschaftlich verbunden ist, alle erwünschte weitere Auskunft erteilt werden können, weil der genannte Herr gelegentlich seiner Reise als Dele-