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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-08-11 · 32 (11.8.1905) · page 6

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
32 (11.8.1905)
Date
1905-08-11
Page
– (sequence 6)
Language
German
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r—wp«»«. Seite 502 Dk. BlOCb'ö MOCDeitSCbCttt. Nr. 82 lichen Besitzes keinen Zweifel aufkommen läßt, so auch der Streitgruß, der die Villa ziert, und der da lautet: „Jedem zu Recht, niemandes Knecht, Den Ariern Schutz, den Juden Trutz." Die geräumige Villa, in die man über eine Treppe zunächst in den geräumigen Speisesaal tritt, ist nach den Plänen Verganis erbaut und ebenso komfortabel als praktisch eingerichtet. Während im Halbstocke die Wobnräume der Familie placiert sind, befinden sich im ersten Stocke die Wohnungen für die Gäste, und unser Bürgermeister bewohnte während seines Aufenthaltes das rechte Eckzimmer, von dem sich für den Beschauer ein entzückender Ausblick auf die Wachau, das Schloß Schönbichel und das majestätisch emporraLende Stift Melk bietet. Gegenüber liegt in der Au die Agentie der Donaudampfschiffsahrt, wo ab und zu die Post- und Lokalschiffe, sowie Frachtschiffe landen. Auf dem Strome schwimmen die Holzplätten und Steinbarken herab und kleine Boote vermitteln die Verbindung zwischen den zwei Mern. Ruhig fährt rechts gegen Weitenegg zu die schwimmende Brücke, Menschen und Fuhrwerke von Melk nach Emmersdors und zurück befördernd. Ein geräumiges, 20 Meter langes Schwimmbad sorgt für Labung und Kühlung während der Glut des Sommers. Ebenso geschmackvoll präsentiert sich die Dependance „Villa Emma", von deren in italienischem Stile gehaltenen Terrassen sich am Abend ein geradezu berückender Anblick darbietet. Längs des Gartenweges führen allegorische Figuren zu einem Plätzchen mit Palmen und zu zwei großen, mit Bosketts umsäumten Ruheplätzchen. Bürgermeister Dr. Lueger sowie die übrigen Gäste, die einen Rundgang durch die Gartenanlagen unternahmen, waren voll des Entzückens über die herrliche Anlage, die in verhältnismäßig kurzer Zeit einem steinigen Boden abgerungen wurde. Am Abend vereinigte ein Mahl die lieben Gäste mit den Mitgliedern der Familie. Frau Vergani überraschte den Herrn Bürgermeister mit einem echten Wachauer Souper. Das Menu war von der Hausfrau und ihrer Schwester Fräulein Berta Gruber so zusammengestellt, daß der Bürgermeister nur Wachauer Lpeisen zu essen bekam, und bestand in Wachauer Kartoffelbouillon, Wachauer Forellen von Aggsbach, Rehbraten vom Jauerling, Wachauer Gans mit Wachauer Marillenkompott, Wachauer Eiskoch und Obst aus Spitz. Neben Pilsener Bier gab es Wachauer Bier aus Melk, neben der Donau« perle eine Wachauer Auslese. Nach dem Souper begaben sich die Gäste auf die Terrasse, wo bei perlendem Champagner manch ernstes und heiteres Wort über die Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft zwischen den Parteimännern ausgetauscht wurde. Bürgermeister Dr. Lueger befand sich zur Freude aller in der ausgezeichnetsten Stimmung und erst in später Nachtstunde wurde zur Ruhe gegangen. Am anderen Morgen um 11 Uhr verließen Dr. Lueger und Dr. Weiskirchner das gastliche Heim ihres Freundes und fuhren nach Melk, um mit dem Schnellzuge der Westbahn die Heimreise nach Wien anzutreten. Am Bahnhofe in Melk hatte sich zur Verabschiedung Bezirkshauptmann Graf Caffis eingefunden. -i- * * Der Artikel verdient e§, auch von uns gewürdigt, auch von unseren Lesern zur Kenntnis genommen zu werden. Ein verlockendes Idyll wird dem Leser vorgeführt, dem dabei das Herz förmlich aufgeht. Ein echter Vergani, und das will schon etwas besagen. Die verführerische Ueberschrift lautet: Doktor Lueger in Emmersdorf. Vergani ist doch ein Künstler! Schon durch die Ueberschrift nimmt er seine Leser gefangen. Dr. Lueger in Emmersdorf — das liest der ganze christlichsoziale Heerbann und das wollen auch die Juden lesen, die doch auch ein gewisses Interesse an Dr. Lueger haben, aber — Vergani ist der Verfasser — es geht nicht ehrlich zu dabei. Der Leser wird angeschmiert und übervorteilt. Er durfte erwarten, etwas von Dr. Lueger zu erfahren; statt besten wird ihm unter falscher Flagge nun eine überschwängliche Schilderung der herrlichen Vorzüge Vergani's im Allgemeinen und seiner Villa im Besonderen geboten. Um das zu lesen, hätte sich vielleicht nicht' einmal der christlich-soziale Heerbann strapaziert, und darum mußte er erst „hineingeführt" werden und darum also die List im Titel, der allerdings die orientalische Phantasie der Dichtung nicht argwöhnen ließ. Was sich auf Dr. Lueger in dem Artikel bezieht, nimmt keine fünf Zeilen in Anspruch. Er fuhr vor, er machte einen Rundgang, er war entzückt, ging in später Nachtstunde zur Ruhe und verließ am nächsten Vormittag das gastliche Heim. Alles Uebrige ist Vergani und seine Villa. Daß seine Persönlichkeit eine „zaubergewaltige" sei, das ward der Welt schon früher mitgeteilt, nun mußte sie erfahren, daß das auch von seiner Villa gelte, von Allem, was in irgend einer Beziehung steht zu diesem seltenen Manne. ES geht ihm nun Gottlob doch erheblich bester unter Dr. Lueger, als eS ihm unter Georg Schönerer gegangen ist. Damals lauteten seine Dichtungen doch etwas anders. * * * Die Villa ist im „geschmackvollen Stile" erbaut, ebenso geschmackvoll ist die Dependance im italienischen Stil und die Anlagen sind herrlich, alles ist komfortabel und praktisch. Konnte man noch zweifeln? Ward doch die Villa nach den Plänen Verganis erbaut, wie ausdrücklich mitgeteilt wird. Er hat es weit gebracht. Mitbürger, nehmt Euch ein Beispiel daran. Antisemitisch und Christlichsozial ist Trumpf. Wer es auch so weit bringen will, braucht nur das glorreiche Beispiel Verganis zu befolgen. Das Rezept ist einfach und sicher. Allerdings ist es nicht jedermanns Sache, dieselben Wege zu wandeln, die den einen in die sagenumwobene Wachau zu einer herrlichen, nach eigenen Plänen erbauten Villa leiten, viele andere zwar auch in die Nähe dieser schönen Gegend, aber in einen Bau, der zwar auch recht stattlich, aber nach anderen Plänen und zu anderen Zwecken erbaut ist. * * * Vor einem Tore, das zu dieser „reizenden Villeggiatur" führt — alles im Bannkreise eines Vergani ist reizend — steht ein Marterl, das folgende sinnige Inschrift aufweist: „Die Unduldsamkeit der Juden hat Jesu, den Prediger der Nächstenliebe, ans Kreuz geschlagen. Merkt es Euch, Ihr Christen!" Machen wir vor diesem Marterl, das Andacht erwecken soll, ein wenig halt. Jesus wird da als Prediger der Nächstenliebe verehrt, und gleichzeitig, förmlich in einem Atemzuge, wird zum Nächstenhaß aufgefordert. Das ist ganz im Sinne Herrn Verganis, der die Inschrift mit so wohligem Behagen zitiert. Von der Nächstenliebe hätte er nicht leben können, während der Nächstenhaß ihm Paläste erbaut hat. Es steht nicht ausdrücklich geschrieben, daß er die Inschrift verfaßt hat, und wenn er es auch selber sagte, so würden wir es doch nicht so ohneweiters glauben; denn seinen „Verfassungen" gegenüber ist ein leiser Zweifel allemal sehr wohl am Platze, aber wir geben zu, daß der Geist der Inschrift aus seinem Geiste, ihre Moral aus seiner Moral hervorgegangen sein könnte. Sie ist nämlich ebrnso dumm, als unmoralisch. — Es ist das Volk, zumeist das Bauernvolk der Wachau, das vor diesem Marterl seine Andacht verrichten mag. Die Leute wissen sehr wenig von dem Judentum und haben wahrscheinlich nicht die mindeste Beziehung zu ihm, und da soll nun, während sie beten, ihr Haß stets auf's Neue entzündet werden. Ist das christlich, ist es menschlich? Wir wollen nicht lange herumftreiten über eine genügend aufgeklärte, historische Tatsache. Konzedieren wir die Annahme, daß die Juden Christum an's Kreuz geschlagen haben. Daß es das jüdische Volk, die Juden in ihrer Gesamtheit gewesen seien, daß behauptet nicht einmal die sinnige Inschrift. Nun denn folgt daraus, daß um eines Verbrechens willen auch noch nach fast zweitausend Jahren die brutalen Instinkte ungebildeter und roher Massen aufgestachelt werden dürfen gegen ein ganzes Volk, gegen ungezählte Generationen Unschuldiger? Das soll christliche Nächstenliebe sein? Das ist sie nicht, daß ist einfach die Politik jener, die vom Volksbetrug leben und sich dabei die Taschen füllen wollen. * * Und dann noch eins, abgesehen von der moralischen Seite: die Heuchelei ist auch zu dumm. Wir stellen uns aus den christlichen, wenn man will, auf den christkatholischen Standpunkt. Gut, die Juden haben Jesus Christus gekreuzigt. Haben sie damit die Entwicklung der christlichen Religion gehindert oder aufgehalten, haben sie ihr dadurch etwas Böses, irgend einen Nachteil zugefügt, um dessentwillen sie verfolgt und gemartert werden müßten dis ins hundertste Glied? Das hat doch gerade nach christlicher Auffassung geschehen müssen, damit das Erlösungswerk sich erfülle. Christus ist ja erschienen, um den Opfertod zu sterben: es war seine Absicht, ihn zu erleiden, um die Menschheit zu erlösen. Hätte er es nicht gewollt, er, der Sohn Gottes,

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