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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-08-11 · 32 (11.8.1905) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
32 (11.8.1905)
Date
1905-08-11
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. BÖ «eite 499 -»»'«' I—■■ u ■1»ttwi«j»sgü^)fii»iwi»tLiwii!i—BM?-i.--iir<-n,iiwirT''iiii«i"iB>ii*a i" i1 r"irnw -mm Dr. Blocb’s Mocbenscbritt. wütet gegen das eigene Fleisch und Blut mehr, als andere tausendjährige Not es vermocht hat. Und wenn nun trotz alledem und alledem die Rasse sich doch noch immer den anderen gegenüber als vollwertig erweist, so spricht das dafür, wie gut sie von Haus aus fundiert war. Wir haben gesehen, daß, nach den Höhepunkten beurteilt, die physische Leistungsfähigkeit der Juden eine gute ist. Möglich, daß eine einschlägige Statistik einen schlechten Durchschnitt Nachweisen würde. Ein Beweis gegen die Rasse wäre damit nicht erbracht. Die ungeheure Mehrheit der Juden lebt in bitterster Armut, und überall ist die Armut die Quelle der körperlichen Minderwertigkeit. Darum wird man sich auch keiner besonderen Erfolge von der Propaganda für die Pflege körperlicher Uebungen zu versehen haben. Denn für die bemittelten Schichten bedarf es einer solchen Propaganda nicht mehr. Die wohlhabenden jüdischen Kreise tun auch jetzt schon nach dieser Richtung mindestens ebenso viel, wenn nicht mehr als die anderen, und die unübersehbare Masse der Armen, die kann es einfach nicht. Die haben noch ganz andere Sorgen, als sich auch noch einen gesunden Appetit anzuturnen, den sie dann nicht stillen können. Man gewähre nur den Juden Licht, Luft, Freiheit, Arbeit, Erwerb, dann erst wird es sich weisen, was von der Fabel von der körperlichen Minderwertigkeit zu halten war. Sind mir «och Zionisten? ii?) Und diese Aufgabe, gestehen wir es nur offen, ist für unseren Fortbestand von noch tieferer, einschneidender Bedeutung als selbst die so notwendige, politisch-wirtschaftliche Hilfsaktion. Was ist ein Land ohne Volk, der autonom bewirtschaftete Gebietskomplex ohne Nation? Genügt der physiologische Kitt gemeinsamer Rasse und Blutabstammung, um ein Völkerfragment zur Staatengründung, Staatenbildung geeignet erscheinen zu lassen? Ist der kulturellen Weiterentwicklung unseres Volkes damit gedient, wenn irgendwo und selbst in Palästina ein semitischer Staat wiederauflebt, der außer der untilgbaren Abstammung mit dem geistigen Judentum und den nationalsten Emanationen urjüdischen Geistes nichts mehr gemein hat, nichts gemein haben will! Was wäre in der Geschichte der Völker Roma ohne sein Staatsrecht, der Grieche ohne seine Kunst, das Volk Israel ohue seinen göttlichen Glauben! Ist es nicht absurd, daß es jüdische „Nationalheroen" gibt, deren in Mischehe erzeugte Kinder sich nicht mehr auf das so beliebte Hauptargument zionistischen Nationalitätsdünkels: die reine Rasse und jüdische Abstammung, werden berufen dürfen. Ja, worin besteht dann noch das neuentdeckte Judentum jener gebildeten, allzusehr assimilierten Europäer? Es ist nicht die „Nation", denn die vagen, geschichtlichen Reminiszenzen an diese haben Hunderte und Tausende ihrer Brüder nicht davor zurückgehalten, durch die Taufe das Letzte Hindernis der Verschmelzung mit dem fremden Ethnos hinwegzuräumen, noch viel weniger die Religion, die für diese Ueberbildeten schon längst zur konventionellen Lüge herabgesunken war. Es ist dies zu guter Letzt höchstens noch, oder sagen wir erst der Zionismus, entsprungen einem primitiven Altruismus, sowie dem weniger idealen Angstgefühle des „proximus ardet Ucalegon“. Als Assimilation und Taufe gegen Entrechtung und Verfolgung keine Schutzwehr mehr boten, der Rassenantisemitismus seine neuen alten Opfer forderte, da wurde in stiller Stunde der Rassenzionismus geboren und ein neues National-Judäertum erblickte das Licht der Welt. Als die aus langem Assimilationsschlafe Erwachten um sich blickten, rieben sie sich verwundert die Augen; waren sie denn wirklich noch Juden? Nein, sie waren es nicht. Doch sie wollten es werden! Wie nun beginnen? Den Glauben der Kindheit hatten sie verloren; an ihre Abstammung erinnerten sie bloß gewisse physiognomische Aeußerlichkeiten, ihr „Nationalgefühl" regte sich bloß dann, wenn man *) Vergl. Nr. 30. sie mit dem Worte „Jude" beleidigte! Es galt nun, den selbst verrammelten Weg zum Judentum wieder zurückzuerlangen, die alten nationalen Güter, Geschichte, Sprache, Literatur aus dem Schutt zu heben, sie wieder zu beleben und neue Werte zu schaffen. Da man am eigenen Leibe erfahren hatte, daß Rasse und Abstammung nicht genügen, um in einem Volke das Nationalgefühl lebendig zu erhalten, daß ein Volk im fremden Lande zum fremden Volke wird, so sollte das eigene Land zum Nährboden nicht bloß des wirtschaftlichen sondern auch des nationalen Lebens werden, zum wiedergesuchten, heißersehnten Vaterlande, das man nicht sein eigen nennen konnte und doch sein eigen nennen wollte, sein eigen nennen mußte. Vom Judentume war ihnen sonst nichts übrig geblieben als die Sehnsucht nach einem Heim — nach ihrem Heim. Wie die Vorfahren im Lande ein tüchtiges Volk gewesen, so sollte erst das Land den wahren Nationaljuden, den Zionisten hervorbringen helfen. So wurde „Zion" zum Schiboleth der Bewegung. Nun hat der siebente Kongreß Uganda verworfen; der politische Zionismus existiert nicht mehr. — Der erreichbare Judenstaat wurde dem zu erreichenden Palästinastaat geopfert, der Spatz in der Hand genug geschätzt, weil „Idealisten" sich nichts schenken lassen und lieber warten, bis ihnen die Tauben, und selbstverständlich die gebratenen, in dem so lauge schon hungernden Mund fliegen. Der Zionismus hat nun umso eher Gelegenheit, der inneren, so außerordentlich wichtigen Kulturarbeit: der Judaisierung unseres Volkes, sich zu widmen. In der Majorität sind nicht mehr die politischen, sondern die Chowewe-Zionisten, das wirtschaftliche Heil liegt für diese nicht mehr im Judenstaate, sondern in der Kolonisierung Palästinas. Es wird zwar die Hoffnung und auch das Bestreben, den Palästinastaat dereinst denn doch zu erreichen, immer noch vorgeschützt, doch kein einsichtiger Realpolitiker glaubt mehr daran. Ist es denn Realpolitik oder überhaupt noch Politik, wenn die Gelegenheit, das Endziel jeder nationalpolitischen Bewegung, überhaupt politisch auftreten zu können, bei Seite geschoben wird! Der politische Zionismus ist tot, das vor seiner Erfüllung stehende Baseler Programm verworfen, entgegen der Intention seines Schöpfers von Einigen rabulistisch zerdeutelt! Diese Unaufrichtigkeit muß uns befremden. Wäre es nicht einfacher und ehrlicher gewesen, hinzutreten und zu sprechen: Den Hauptpunkt unseres Programmes, den jüdischen Staat, haben wir durch die Gunst des Schicksals erreicht; es ist nicht das Judenland, es ist auch kein Gan Eden. Doch auch Palästina ist dies nicht. Dieses besitzen wir, jenes können wir vielleicht erreichen. Was haben wir nun als ehrliche Zionisten zu tun? Den Weg hat uns ein Herzl vorgezeichnet. So sprachen auch die Zionisten, die Juden des Westens. Hingegen das Judentum des Ostens, deren Nationaljudentum viel tiefer wurzelt, als daß Zion bloß den Lockruf zur nationalen Sammlung abgebe, denen in den Pferchghettis Polens und Rußlands das Nationalgefühl nicht verblaßt war, die nicht des Landes bedurften, um erst wieder Nation werden zu können, die „ihr" Zion in blutigen Tränen erweinten, erbeteten — verloren aus Liebe zu Zion, aus unnennbarer Sehnsucht nach dem Heiligrume ihrer Heimat — den realen Boden der Wirklichkeit unter ihren Füßen. Nur so konnte es kommen, daß das Gefühl wie so oft den Verstand besiegte, als man vorgab oder glaubte, das Baseler Programm zu retten, indem man die Möglichkeit seiner Verwirklichung vernichtete. Der Judaismus hatte den Zionismus erschlagen. Was nun? Die Tafeln des Gesetzes liegen in Trümmern; Das Baseler Programm, das eigene Land existiert nicht mehr — und das Volk, ist es reif, war es reif, vom Lande der Verheißung Besitz zu ergreifen? Sind wir schon Juden? Der Baseler Kongreß hat die Antwort erteilt. Das neue Zionsprogramm muß lauten: Schaffet dem Lande der Zukunft ein Volk auch ohne Land,

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