Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-08-04 · 31 (4.8.1905) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
31 (4.8.1905)
Date
1905-08-04
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3020846-3021602-3021634--14699-3039423
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

öe»te 494 Str. 31 wt. Dlocd's MocbenscbrM, Mitten in' der Nacht nämlich drang aus ihrer Stube ein tiefer, feierlicher, unheimlicher Gesang, der mich aus dem dumpfen Schlafe aufschreckte. Anfangs meinte ich, es sei Täuschung oder die Nachwirkung eines Traumes, doch immer deutlicher drang der Gesang aus ihrer Stube, immer feierlicher und immer unheimlicher. ... Hastig warf ich ein Oberkleid um und eilte zu Rachele ins Zimmer. Ach, welch' schauerlicher Anblick bot sich meinen entsetzten Blicken! . . . Mitten im Zimmer, das von einem Oellämpchen matt beleuchtet war, stand kerzengerade — eine Leiche. Das sah ich im ersten Augenblicke des Entsetzens, dann erst gewahrte ich, daß es Rachele war, die vom Scheitel bis zur Sohle in frisch angefertigte Sterbekleider gehüllt war und in ihren Händen ein Kleidchen des verstorbenen Goldele hielt, das sie herzte, liebkoste und wie ein Kind in ihren Armen schaukelte. Sie beachtete meine Anwesenheit nicht und sang mit weicher, tiefer, markerschütternder Stimme: „Draußen ist Nacht und Wind, Schlaf sanft, liebherziges Kind — Schlaf in Freuden Fern von Leiden. Schlaf' sanft, liebherziges Kind, Draußen ist Nacht und Wind Schreckensstarr stand ich an der Thüre und vermochte vor Angst und Entsetzen kein Wort hervorzubringen. „Rachele!" entrang es sich endlich meinen Lippen: „Was tust Du Rachele?" Sie achtete nicht darauf, schien mich nicht einmal zu bemerken und fuhr in ihrem Gesänge fort, indem sie das Kleidchen des todten Kindes an ihr Herz drückte und sanft in ihren Armen wiegte: „Draußen ist Nacht und Wind, O, fürchte nicht, liebherziges Kind! Tausend lichte Engelein Schweben um Dein Wiegelein, Singen Dir sanft und lind: Schlaf' nur, schlaf' liebherziges Kind!... „Rachele!" schrie ich, wie man nur in einem so entseßlichen Zustand schreien kann — kennst Du mich nicht, Rachele?!!" Sie riß die Augen weit auf und stierte mich wie aus einer fremden Welt an: „A, a, a!" begann sie, als ob sie wieder zu sich komme. „Es heißt, Jankele entgegengehen. Da bin ich ja schon gekleidet in den schinen, weißen Hochzeitskleid." Sie strich sich einigemale mit der Hand über die unheimlichen Gewänder. „Gut, gut, gehen loir. . . doch ... doch . . . 'fing sie wieder mit stockender Stimme an: „Goldele . . . was macht man mit Goldele? Sie schläft ja noch ... Goldele, Goldele!" begann sie wieder mit markerschütternder Stimme zu rufen; „Goldele, herzlieb Goldele! Wach auf! Wach auf?" Laut und furchtbar klang dieser Ruf in die Nacht hinaus, daß die Nachbarin im angrenzenden Hause aus dem Schlafe fuhr und mit einem Lichte in der Hand ins Zimmer stürzte: „Was ist geschehen?!" Ich brauchte ihr nicht erst zu sagen, was geschehen war. Sie wich beim Anblicke Racheles erblaßt zurück und stieß einen Schreckensruf aus. Bald war das Zimmer mit Nachbarinnen gefüllt, die schreckensbleich, wie stumme Bildsäulen umherstanden. Rachele beachtete keine von ihnen und fuhr fort, ihr Goldele zu rufen, laut und immer unheimlicher, so daß zuletzt ihre Stimme dem Heulen einer Wölfin glich, der man das Junge geraubt. „Goldele! schrie sie unausgesetzt in die Nacht hinein und schaukelte immer heftiger und ungestümer das Kleidchen des todten Kindes in ihre Arme. „Goldele, wach auf! Wach auf! Willst Du nicht mehr aufwachen? Wach auf, mein Herz, auf, auf, auf, auf. Da Plötzlich brach ein Tränenstrom aus ihren Augen und ihre Stimme klang nicht mehr mild und verzweifelt, sondern tief, unendlich tief und schmelzend. „Mein Kind," weinte sie, „mein herzsüßes Kind will ja nicht mehr aufstehen. Wie soll ich jetzt meinem Jankele entgegengehen, ohne unser Kind, ohne unser Goldele, unser süßes, unser einziges, unser goldenes Goldele?! . ." So fuhr sie ohne Unterlaß fort. In ihre wirren Reden drängte sich manches schaurige Wort. Sie sprach unter andern von einer roten Schlange, die ihr, ihrem Jarckele und ihrem Goldele ins Herz gebissen, dann sprach sie von einer Hochzeit und tanzenden Leichen — Reden, bei deren Anhören mir das Blut in den Adern erstarrte. . . . Tags darauf wurde Rachele in den Sterbegewändern, die sie sich nicht voni Leibe herunterbringen ließ, und mit dem Kleidchen des todten Kindes in den Armen in das Irrenhaus überführt. Sie befand sich dort gegen sechs Monate. Das Einzige, was ihr im Kopfe hängen geblieben und was immer in ihren Reden wiederkehrte, war, daß sie zu ihrem Jankele nicht kommen könne, weil ja ihr Goldele noch immer schläft und nicht erwachen will. Endlich kam sie doch zu ihrem Jankele. Der gute Engel aller Unglücklichen, der Tod, erbarmte sich ihrer und führte sie zu ihrem Manne, zu ihrem Jankele. . . . Sie starb mit dem Kleidchen des todten Kindes in den Armen. Und was geschah dann mit mir? Ihr wißt es meine lieben Kinder, ich-nähte weiter Totenkleider, doch nicht länger als ein Jahr. Nach und nach legte sich eine immer dichtere. Nachtdecke vor meine Augen, bis ich ganz erblindet war. Welche Augen haben auch je mehr geweint als die meinen? Die letzten Totenkleider, die ich genäht, waren die jenes Mannes, der mein Leben so vergiftet hat, die des roten Wölfele. Er starb nicht auf seinem Bette, sondern im Strafhause, wo man ihn aufgehenkt gefunden, nachdem er von den zehn Jahren, zu welchen er für allerlei Verbrechen verurteilt wurde, nur zwei abgebüßt hatte. ... So schlafen sie schon alle den süßen Schlaf des Todes, alle, die ich im Leben geliebt und gehaßt; nur ich allein blieb als verlorener Posten auf der traurigen Warte des Lebens, allein mit meinen Erinnerungen an all den Jammer, all das Weh, das mir das Leben bereitet. ... Mehr habe ich Euch, meine lieben Kinder, von meinem Leben nicht zu erzählen. Jetzt wißt Ihr ja schon Alles, was Euch von meinem Schicksale interessieren könnte; Ihr wisset, woher es kommt, daß auf einen Tag die Jahrzeit meiner Frau und meines einzigen Sohnes zusammenfällt. ..." Der Himmel fing bereits an, sich mit dem goldenen Rot der aufsteigenden Sonne zu färben, als das blinde Schneiderlein mit seiner traurigen Geschichte zu Ende war. Eine kleine Weile darauf saß er stille und in sich verloren neben uns. Dann erhob er sich, nahm fein kleines Bündelchen, das er immer mit sich trug, und legte es vor seiner Brust hinter seinen Rock, schritt gedankenvoll auf die heilige Bundeslade zu und, dieser sein Gesicht zuwendend, begann er mit einer tiefrührenden Melodie das Totengebet zu verrichten: „Gott voller Barmherzigkeit ..." Noch eine lange Zeit nachher saßen wir wie festgebannt auf unseren Plätzen, jeder für sich träumend, ja, auch unser Aristoteles, der sonst nicht eine Minute ruhig bleiben konnte und stets wie aus einem Füllhorn seine Passukim *) herausschüttete, verweilte diesmal ruhig auf seinem Sitze und starrte mit weitgeöffneten Augen wie ein Träumer vor sich hin. . . . Noch viele Tage später sahen wir das blinde Schneiderlein in der Synagoge, immer betend oder mit dem Ordnen der heiligen Bücher beschäftigt. Kein Toter in der Gemeinde wurde zu Grabe getragen, hinter dessen Bahre er nicht bis auf den Friedhof folgte. Nie hörten wir ihn über sein Schicksal klagen, nur so oft er in der letzten Zeit von einem Leichenbegängnisse zurückkehrte, hörten wir ihn fast immer wieder zu sich selber die Worte sprechen: „Wieder hat der liebe Gott Einen zu sich in den Himmel gerufen, nur ich allein muß noch da bleiben, — o, Gott, wann *) Bibelstellen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.