Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 31 (4.8.1905)
- Date
- 1905-08-04
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 492 Dr. Dlocb s Mocbenscbrltt. Nr. 31 Wirren und Unruhen, in deren Zeichen Rußland seit Jahren .steht, ausschließlich von Juden verursacht worden wären. Die Juden hätten einen anarchistischen Bund organisiert, um die Autokratie in Rußland zu vernichten und dadurch das russische Volk zu unterjochen. Die Proklamation erhebt hierauf die Anklage gegen die Juden, daß. sie es gewesen seien, welche die „Potemkin"-Affäre heraufbeschworen, die Unglückstage in Odessa herbeigeführt haben, und schließt mit folgenden Worten:' „Vor allem muß die kollektive Verantwortlichkeit der Juden von Odessa festgestellt werden. Es muß die Teilnahme der Juden von Odessa an der Herbeiführung des Aufstandes, der Plünderungen, der Morde, der Brandstiftungen und des Aufruhrs gegen die Regierung behufs Umstürzung der Grundpfeiler des autokratischen Regimes festgestellt werden. Nach Feststellung dieser Teilnahme muß die jüdische Bevölkerung von Odessa zur solidarischen Zahlung des durch die Unruhen verursachten Schadens herangezogen werden. Ohne aber die Ergebnisse dieser Feststellung abzuwarten, muß sofort die Entwaffnung der jüdischen Bevölkerung in Angriff genommen werden. Eine bloße Aufforderung zur Auslieferung der Waffen genügt nicht; die Waffen müssen den Juden mit Gewalt weggenommen werden. Zu diesem Zwecke soll das Volk alle jüdischen Wohnungen in der Stadt durchsuchen. Werden diese Maßnahmen nicht sofort zur Anwendung gelangen, so werden die Christen in Odessa nicht mehr leben können, denn die mit russischem Blut eroberte Stadt wird den Juden abgetreten werden müssen." Jgnatiews Hetzereien. Petersburg. Graf Jgnatiew ist aus Odessa zurückgekehrt und hat auch im Gouvernement Kiew, wo Unruhen auszubrechen drohen, Reden gegen die Juden als angebliche Inspiratoren der revolutionären Bewegung gehalten. In akademischen Kreisen ist eine Agitation im Zuge, um gegen diese, absichtliche Verfälschung der Motive der Versassungsbewegung energisch zu protestieren und die Bevölkerung darüber aufzuklären, daß lediglich die Korruption der Beamtenschaft und die Unterdrückung der freiheitlichen Bestrebungen zu den elementaren Ausbrüchen der Leidenschaft führte, an denen alle unterdrückten Völker Rußlands, Polen, Finnen, Lithauer, Armenier, gleichermaßen beteiligt seien. Jgnatiews alte Methode der Irreführung werde nicht verfangen, da die gesamte Intelligenz auf seiten der Verleumdeten stehe. Die Judenhetze in Kischeuew. In der Umgebung von Kischenew haben sich am letzten Freitag große antisemitische Exzesse abgespielt. Die Juden verteidigten sich mit Revolvern gegen die plündernden Bauern. Achtzehn Juden wurden getötet, mehrere hundert verwundet. Viele jüdische Häuser wurden geplündert und zerstört. Ein Gutshof samt allen Wirtschaftsgebäuden wurde durch eine Feuersbrunst in Asche gelegt. Auch aus dem Kiewer Gouvernement wird der Ausbruch antisemitischer Unruhen auf dem flachen Lande gemeldet. Persien. Die Juden in S ch i r a s hatten in den letzten Wochen unter heftigen Ausbrüchen des mohammedanischen Glaubensfanatismus zu leiden. Aus ganz unbedeutendem Anlasse entfeffelten mehrere Mollahs (Geistliche) eine arge Hetze gegen sie und versuchten, sie durch Einschüchterung jeder Art und offene Gewalttaten zur Annahme einer schimpflichen, sie kennzeichnenden Kleidertracht zu zwingen. Nach einem Bericht des Herrn Schouker, des Direktors der Allianceschule in Schiras, vom 10. Juni erfolgte am Sonntag den 4. Juni Morgens ein Ueberfall auf die friedlich im Bazar ihrer Beschäftigung nachgehenden jüdischen Händler. Ein Teil von ihnen wurde verwundet, vielen wurden die Hüte zerschnitten, die Kleider zerfetzt. Trotz des sofortigen Eingreifens des englischen Konsuls, der sich, begleitet von 6 bewaffneten Indiern, mit Herrn Schouker in das Judenquartier begab, und trotz des Versprechens des Gouverneurs, die Schuldigen zu bestrafen, kam es an den folgenden Tagen zu noch schlimmeren Aufruhrszenen. Am 6. Juni gegen 3 Uhr nachmittags wurden die Läden der Mohammedaner auf Geheiß des Großmollah Agha Mirza Ibrahim geschlossen. Den Gläubigen wurden alle Arbeiten untersagt, sie sollten also nur an die angefangene heilige Sache denken. Das war zugleich eine Art Absage an den prinzlichen Gouverneur; denn in Persien pflegt der Klerus die Läden schließen zu lassen, wenn er aus irgend einem Grunde eine Volkserhebung plant. Herr Schouker sandte an diesem Tage eine Depesche an das Zentral-Komitee der Alliance und begab sich mit seinem Gehilfen und einigen Söldnern in's Judenquartier, wo er auch die Nacht zubrachte, um den Unglücklichen Mut einzuflößen. Schon bestürmten Tausende den Großmollah, das Zeichen zum Glaubenskrieg gegen die Juden zu geben, da schickte Se. kais. Hoheit der Gouverneur, der für sichselbst ärgerliche Folgen fürchtete, den einflußreichsten Würdenträger, Kauwum El Mulk, nach dem Bazar und ließ zur Oeffnung der Läden auffordern. Neue Gerüchte wurden verbreitet: Man lehre in den neuen jüdischen Schulen den Koran. Um diese Lüge zu widerlegen, mußte der Gouverneur-durch seinen Chefsekretär, obwohl dieser erst-zehn Tage vorher dem gesamten Unterricht beigewohnt und ihm einen genauen Bericht darüber erstattet hatte, die Schulen nach Koranexemplaren durchsuchen lassen, natürlich vergebens. Die Verfolgungen ließen jedoch nicht nach. Am Abend vor dem Wochenfest ließ Agha Mirza Ibrahim im Judenquartier durch Anschlag bekannt machen, daß die Juden anstatt der Hüte von schwarzem Filz türkische Feze oder eine Art Mützen, die denen der Clowns ganz ähnlich sind, tragen sollten. Zugleich erhielt der Herr Schouker den Besuch eines der fanatischesten Geistlichen, der ihn aufforderte, seinen Glaubensgenossen die Aenderung der Hüte zu befehlen. Auch redete der Besucher von dem angeblichen Koranunterricht und hatte es überhaupt daraus abgesehen, aus der Stelle Händel anzusangen, wurde aber sehr höflich behandelt, daß er sich unverrichteter Sache zurückziehen mußte. Der Direktor sandte eine Abschrift der Bekanntmachung an den Gouverneur und an den englischen Konsul. Unter solchen Verhältnissen stockte jegliche Erwerbstätigkeit der Juden, die vielfach aus geschäftlichen Gründen die Umgegend auszusuchen pflegen, sich aber aus ihren Wohnungen nicht zu entfernen wagten. Not und Elend nahmen zu. Soweit der Bericht. Das Zentralkomitee der Allianc ließ auf. die erwähnte Depesche hin eine Unterstützungssumme von 1000 Franks nach Schiras telegraphisch anweisen und wandte sich an das französische Ministerium des Aeußern mit der Bitte, durch Vermittelung des Vertreters in Teheran bei der persischen Regierung vorstellig zu werden, was auch telegraphisch geschah. Die Antwort des französischen Botschafters in Teheran wurde in diesen Tagen dem Zentralkomitee mitgeteilt. Sie lautet: Die Juden in Schiras hätten unter der Roheit der Fanatiker viel zu leiden gehabt, nun aber sei die Ordnung wiederhergestellt. Der Botschafter äußert seine Sympathie gegenüber den dortigen Juden und gibt seinem Bedauern Ausdruck, daß sie so ungerechterweise der Wut eines unwissenden und gegen sie aufgehetzten Pöbels anheimgefallen wären. Er gibt sich der Hoffnung hin, daß dank seiner Intervention und derjenigen der anderen europäischen Bevollmächtigten, die sich ihm anschlossen iu. a. der englische und der italienische Botschafter), derartige Ausschreitungen nicht mehr stattfinden würden. Vermischtes.' Kranzabl'öfungsspenden zugunsten der Chewra-Kadischa I., Seitenftettengaffe 4 für arme kranke Glaubensgenoffen. Anläßlich des Ablebens des sel. Norbert Khuner: Von Karl Lemberger L 20.—, Stern und Steiner 20.—, H. Schütz 10.—, Fanny Bach 10.—, Familie Heinrich Böhm K 20.—. Zusammen K 80.—.