Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 31 (4.8.1905)
- Date
- 1905-08-04
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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^ir. 31 Dr. DLocb's MocbenscvrM. Seite 491 etwas weiß. Wie soll man von solchen Häusern Sinn fürs Judentum und jüdischen Gemeinsinn verlangen? Wie sollen solche Eltern ihre Kinder im Geiste des Judentums erziehen? Hier soll nun die jüdische Lektüre mir helfen. Wie wir das Richtige getroffen, soll der folgende Bericht über unsere Bibliothek zeigen. Sie enthält bis heute 316 Bände von 226 Autoren, teils patriotischen,sagenhaften, liturgischen, geschichtlichen und wissenschaftlichen Inhaltes; für die verschiedenen Altersstufen, von der 4. Volksschulklasse an, geeignet. An 35 Entlehntagen wurden über 3000 Bücher ausgegeben. Der Parteienverkehr betrug in den 2 Bibliotheksstunden (jeden Sonntag von 10 -.12 Uhr) durchschnittlich 85—90. Es gewährt eine wahre Freude, zu sehen, wie sich von einer Blblioth'cksstullde zur anderen das lesende Publikum vermehrt. Dieses rekrutiert sich aus Frauen, Mädchen, Männern der verschiedensten Bernfszweige und Kindern. Nur eins wäre zu wünschen, u. zw., daß sich berufene Personen fänden, besonders für die Unterstufe, populäre, leichtfaßliche Bücher zu schaffen, denn an solchen ist großer Mangel, schon aus dem Grunde, damit unsere jüdischen Kinder nicht ganz auf die öffentlichen Schulbibliotheken angewiesen sind. Weiß ich ja aus eigener Erfahrung, wie oft solche in streng katholischem Geiste gehalten sind und wie streng jedes Buch zensuriert wird. Warum sollen wir weniger rigoros gegen unsere Kinder sein. Indem wir hoffen, daß die Gründung solcher Bibliotheken zahlreiche Nachahmung finden wird, drücken wir hiermit den innigsten Dank allen Denjenigen aus, welche durch Geld- und Bücherspenden uns unterstützt haben. Jnsbesonders der löblichen Kultusgemeinde, - dem löblichen Bibelschulkomitee im XVIII. Bezirke, an dessen Spitze unser verdienstvolle Vorsteher Herr Emanuel Hoffmann steht, der immer, wo es eine gute Sache gilt, unermüdlich für dieselbe einsteht. M. Zeckendorf. NB. Die Bibliothek befindet sich XVIII. Bezirk, Schopenhauerstraße Nr. 39 H. St. 11 und ist jeden Sonntag, mit Ausnahme der jüdischen Feiertage, von 10—12 Udr geöffnet. Vom 1. Juli bis 30. September bleibt sie geschlossen. Der 1. Bibliothekstag im 'Schuljahre 1905/6 ist am 8. Oktober 1905. Paris. Der berühmte Assyriologe des College de France, Professor Julius Oppert, beging seinen 80. Geburtstag und die Blätter melden, daß der deutsche Botschafter, Fürst Radolin, dem die Bedeutung des Tages für den berühmten Gelehrten bekannt war, ihm früh am Vormittage einen Besuch machte und das greise Geburtskind beglückwünschte. Oppert verließ sein Vaterland, weil er als Privatdozent nicht zugelassen wurde (sein Oheim, der Jurist Gans, wurde in Berlin erst Professor, als er sich hatte taufen lassen), während in Frankreich sein Judentum ihn nicht hinderte, Professor, Offizier der Ehrenlegion und Mitglied der Akademie zu werden. Am 4. v.. M. haben die Wahlen zur Erneuerung eines Drittels der Mitglieder des Zentralkomitees der Alliance in allen Plätzen, in denen die Alliance Mitglieder zählt, stattgefunden. An den Wahlen, die bei dem weiten Auseinanderliegen der Wahlorte erst 40 Tage nach dem für die Wahl festgesetzten Termine geschlossen wurden, haben sich 3290 Mitglieder der Alliance beteiligt. Die durch das Zentralkomitee für die Wieder- resp. Neuwahl vorgeschlagenen 25 Personen wurden sämtlich mit 2387 bis 3284 Stimmen gewählt. Neugewählt wurden in das Zentralkomitee die Herren Dr. Margulies, Rabbiner in Florenz, Louis Marshall-New-Iork, Moritz Philippson-Brüssel, Philipp Schiff - Frankfurt a. M., B. Dreyfus - Brettauer - Basel, Eugen Fellhem-Stuttgart, Edouard Masse-Paris und Sally Floersheim- Dortmund. Die übrigen 17, die aus der Wahl als Sieger hervorgingen, gehörten auch bisher schon dem Zentralkomitee an. Juden in der italienischen Diplomatie. Rom. Der Direktor der konservativen „Nazione" in Florenz, Herr Vito Mantegazza, hat unter dem Titel „L'Altra sponda Italia et Austria nell, Adriatico, Milano Libreria Editrice Lombarda“ ein Buch herausgegeben, das manche interessante Mitteilungen über die italienische Diplomatie und das Auswärtige Amt'in Rom enthält. Was Montegazza u. A. nicht gefällt, ist der Umstand, daß in der italienischen Diplomatie zu viele Juden sind. Während der Affäre Dreyfus hatte die Pariser Gesandtschaft sogar drei Juden, von denen einer, der Botschaftsrat Polacco, freilich wegen seines Taktes so beliebt war, daß sich keiner um seinen Ursprung kümmerte. Die beiden anderen waren Marchese Torre Alfina (= Cahen von Antwerpen) und Marchese di Montagliari (ursprünglich Mayer). Ein Jude ist auch die „graue Eminenz" der Consulta, Senator und Generaldirektor Malvano, Malvano ist nach Montegazza das wandelnde Archiv, der Kustos der Traditionen und der „styler“ der diplomatischen Noten. Seit Jahrzehnten unentbehrlich für alle Minister des Auswärtigen. Nur Crispi entfernte ihn jedesmal, wenn er Ministerpräsident war. Alle Depeschen gehen durch seine Hand. Er weiht niemanden in die Geschäfte ein, ist aber auch immer im Amt, ja, er nimmt auch fast nie Ferien. Bewunderswert ist seine Art, wie er die Minister behandelt. Er sagt nie nein, suggeriert aber allen Chefs seine Ansichten derart, daß diese auf ihr Können stolz werden. Was die diplomatischen Noten anbetrifft, so hat Malvano eine eigene Praxis. Wenn ein Minister in Verlegenheit ist, weil eine Note sofort beantwortet werden muß, so rät Malvano, dessen Theorie ist, daß alles sich von selbst erledigt, um Zeit zu gewinnen, etwas zu schreiben, was zu nichts verpflichtet. In dem anderen Falle, wenn Italien einem Kollektivschritt der Mächte beitreten soll, hat Malvano das Schema „Wenn alle Mächte einig find so wird auch die Regierung Seiner Majestät des Königs von Italien erfreut sein usw." Kein Wunder, daß die Sammlung all dieser Notenschemata von den Beamten der Consulta als „die Fibel für angehende Minister" bezeichnet wird. Daß hier Vieles übertrieben oder gar unrichtig, bedarf, um es zu erkennen, keines besonderen Scharfsinnes. London. Im Unterhause ftagte Mr. Sloan den ersten Sekretär für Irland, wieviel Juden infolge des Boykotts in Limerik genötigt waren, dieses Antifemitennest zu verlassen und in welcher Lage die in Limerik zurückgebliebenen Juden sich befinden. Mr. Long sagte: 37 Angehörige der jüdischen Religion haben seit dem Beginn der judenfeindlichen Agitation Limerik verlassen. Von den 121 Verbliebenen find gegen 30 sehr arm. Dem Rest jedoch geht es nach wie vor gut. Die Anfrage des Mr. Sloan, ob die Notlage der 30 armen Juden eine Folge der Hetzereien des Pastors Creah ist, ließ der Sekretär von Irland unbeantwortet. Die Judenhetzen in Odessa. Aus Odessa wird gemeldet: Ein Warnbrief einer Gruppe von Bürgern an alle fremden Konsuln kündigt für heute Freitag Nacht einen großen, von langer Hand vorbereiteten Aufstand gegen die Juden an, bei welchem Arbeiter und Soldaten gemeinsame Sache machen würden und der mit Vorwiffen der lokalen Behörden ins Werk gesetzt wird. Die Bürger fürchten, die Sache werde ungeheuere Dimensionen annehmen. Da sie außer stände sind, ihr und ihrer Mitbürger Leben zu verteidigen, bitten sie die Konsuln, Vorstellungen zu erheben, da nur so ein Unglück verhindert werden könne; ein solcher Aufstand würde gewiß nicht auf ei re Judenverfolgung beschränkt bleiben. Der Diktator von Odeffa General Jgnatiew veröffentlicht in den Zeitungen einen Aufruf an die Bevölkerung, worin er die Bürger vor Judenexzeffen warnt und erklärt, daß die Gerüchte, die Erzesse gegen die Juden seien von der Regierung inszeniert, aus der Luft gegriffen find. Der Diktator behauptet, daß die Juden, die bei den Attentaten auf Militärs und Beamte die Hauptrolle spielen, selbst die Schuld daran tragen, daß die ruffische Bevölkerung einen gewissen Haß gegen sie habe. Die „Neue Freie Presse" meldet: Wie telegraphisch gemeldet wurde, wird gegenwärtig unter den Soldaten und unter den Arbeitern in Odeffa eine Proklamation verbreitet, in der, gleich der telegraphisch signalisierten Kundmachung des Odeffaer Generalgouverneurs, die Juden für alle Unruhen und für alle nihilistischen Attentate in Rußland verantwortlich gemacht und alle orthodoxen Russen ganz unzweideutig zum Ueberfall auf die Juden aufgefordert werden. Diese Proklamation liegt uns nun im Wortlaute vor. Für den Ursprung und den Charakter der Proklamation dürfte die Tatsache von Jntereffe sein, daß sie in Moskau mit Approbation der ruffischen Zensur gedruckt und nach Odeffa importiert wurde. Die Proklamation, welche an die wahren Russen in Odessa und an das ruffische Volk gerichtet ist, führt aus, daß alle