Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 31 (4.8.1905)
- Date
- 1905-08-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 31 Seite 489 Dr Dlocb's Mocbenscbrirr. Anders 'rum fährt man weit besser. Ein leuchtendes Beispiel — Hermann Bielöhlawek. Er hat es doch herrlich weit gebracht. Als Nachfolger des Oberkurators Steiner hat er in den letzten Tagen die Huldigungen der Männer der Wissenschaft entgegengenommen, welchen die Leitungen wichtiger Wohlfahrtsinstitute anvertraut sind. Es ist wunderbar, wie er sich in die feierliche offizielle Phraseologie hineingefunden hat. „Nicht allein Pflichteifer und Gewissenhaftigkeit, sondern auch Mitgefühl für die leidende Menschheit" sei da vonnöten. Er werde darauf bedacht sein, die Institute auf der Höhe der Wissenschaft und der humanitären Anforderungen zu erhalten und die Fürsorge für Leidende werde Gegenstand seiner unablässigen Bemühungen sein, bei voller Bedachtnahme auf die finanzielle Lage des Landes. — So spricht ein König. Wo wäre der Mann heute, wenn er nicht noch andere Phrasen auf seinem Repertoire hätte, die ihn erst in die Höhe gebracht haben? Wir registrieren seine hochsinnigen Worte und bewahren dabei den vollen Ernst. Korrespondenzen. Pattai und Rothschild. Der jähe Sturz des vormaligen Eisenbahnministers W i t t e k hat der antisemitischen Partei im Abgeordnetenhause in der Seele weh' getan. War er doch der hohe Protektor, der einflußreiche Schutzherr der antisemitischen Rotte Wiens, dem sie es zu verdanken hat, daß sie die Basis und die Fundamente ihres Regimes auf unabsehbare Zeit zu legen vermochte. Mit katzenartiger Geschwindigkeit ging man daran, Herrn Wittek zum Ehrenantisemiten — Pardon, zum Ehrenbürger von Wien zu ernennen. Allein auch im Abgeordnetenhause, der Stätte langjähriger Beziehungen zwischen Partei und Minister, sollte Wittek eine Quittung für dessen erfolgreiche Tätigkeit, für sein Wohlverhalten im Interesse des Antisemitismus ausgestellt werden. Anlaß hiezu bot die Beratung der Regierungsvorlage über die Alpenbahnkredite, eine Gesetzesvorlage über die Wittek gestolpert ist,, die ihn zu Falle brachte. Der ewige Ministerkandidat der antisemitischen Fraktion im Abgeordnetenhause, Dr. Pattai, war dazu ausersehen worden, für den Herrn und Meister Wittek eine warme Lanze zu brechen, dessen totale Unfähigkeit als Ressortchef zu bemänteln. In der Hitze des Gefechtes, im allzugroßen Eifer ist aber Dr. Pattai hiebei etwas höchst Unliebsames passiert, was das größte Mißfallen seiner Partei wachzurufen nicht verfehlte. Wie Bileam zog er — Pattai — aus, zu fluchen und der Fluch verwandelte sich in Segen — für die argverlästerten, verunglimpften Juden.' Um Wittek für die über hundert Millionen überschreitenden Kosten des Baues der Alpenbahnen reinzuwaschen, führte Dr. Pattai das Argument ins Treffen, man dürfe bei Bahnbauten, bei welchen unvorhergesehene Schwierigkeiten sich ergeben, nicht zaudernd und kleinlich Vorgehen, und gebrauchte hiebei einen Passus der zum besseren Verständnis wörtlich wiedergegeben werden soll. Doktor Pattai sagte diesfalls: „Blicken Sie, meine Herren, auf unsere Vorfahren zurück, welche in Oesterreich unter den Ersten am Kontinente große Eisenbahnen gebaut haben, obwohl damals die Situation viel bedenklicher und man in Ungewißheit war, ob sich diese Bahnen rentieren werden." Bravo, Herr Dr. Pattai! Diesmal ein jedes Wort wahr und richtig. Allein wer waren denn die Vorfahren, welche in Oesterreich unter den Ersten am Kontinente große Eisenbahnen gebaut haben? Die Rothschild waren es. Noch unvergessen sind die Schwierigkeiten, welche dem Finanzhause seinerzeit von der Regierung bereitet wurden, welche Kurzsichtigkeit seitens der Bureaukratie an den Tag gelegt worden war, die alle Hebel angesetzt hat, den Bahnbau zu Falle zu bringen. Nur dem weiten Blick, der Energie und dem zielbewußten Handeln des damaligen Chefs des Wiener Hauses Baron Anselm Rothschild war es zu verdanken, daß die Nordbahn, die sogenannte „I u d e n b a h n" gebaut werden konnte. Es ist eine historische Tatsache, daß der Bau der Nordbahn bahnbrechend und schulemachend nicht nur für Oestereeich, sondern auch für den ganzen europäischen Kontinent gewesen ist. Wäre Oesterreich seinerzeit nicht beispielgebend gewesen, hätte es wohl noch Jahrzehnte bedurft, ehe man an den Bau großer Eisenbahnen hier und anderwärts geschritten wäre. Bedenkt man, daß vor 70 Jahren die Technik des Eisenbahnwesens noch in den Kinderschuhen war, ja, daß eine Technik des Eisenbahnwesens noch gar nicht vorhanden gewesen, so kann man erst die Schwierigkeiten ermessen, welche dem Projekte des Baues der Nordbahn gegenüberstanden. Der Zähigkeit und Ausdauer, der Energie und dem Patriotismus Rothschilds allein ist es gelungen, alle diese Hindernisse zu überwinden, die Nordbahn sogleich als ein nach jedem Belange hin ausgezeichnetes Musterinstitut auszugestalten. Welchen Segen hat aber auch die Nordbahn für die Monarchie im Allgemeinen und für die von derselben durchzogenen Landesteile im Speziellen gebracht. Wie die Nordbahn, so verdanken ihre Entstehung jüdischer Initiative auch die anderen großen Bahnen und sie haben Wohlstand verbreitet, die Bevölkerung kultiviert und Verkehrswege erschlossen, die bislang unzulänglich gewesen. Aber nicht nur im Eisenbahnbau waren die Juden Pioniere, auch auf dem industriellen Gebiete waren sie schaffend, richtunggebend. Alle die vielen Zweige neuer Industrien, deren Priorität sich Oesterreich vindizieren kann — in der „Oesterreichischen Wochenschrift" wurden sie in einer zahlreichen Artikelserie des Ausführlichen behandelt — sie wurden von österreichischen Juden gegründet. Nahezu sämtliche Exportgebiete, welche die heimische Industrie derzeit alimentieren — Juden haben sie mit unsäglichen Mühen und Opfern geschaffen. Und wie wurde es diesen Juden dafür heimgezahlt! Doch darüber ein andermal. Eduard Beer. Die Schule in der Werderthorgasse. „Interpellation der Abgeordneten Dr. Ofner, Noske und Genossen an Seine Exzellenz den Herrn Unterrichtsminister, betreffend die Verhältnisse in der Schule Werderthorgasse in Wien in der Sitzung des Abgeordnetenhauses vom 8. Juli 1905. Die Schulnovelle vom 2. Mai 1883, R.-G.-Bl. Nr. 53, verfügt in 8 48, daß als Schulleiter nur solche Personen bestellt werden können, welche auch die Befähigung zum Religionsunterricht jenes Glaubensbekenntnisses Nachweisen, dem die Mehrzahl der Schüler der betreffenden Schule nach dem Durchschnitt der vorausgegangenen fünf Schuljahre angehört. Der Paragraph war bestimmt, den katholischen Lehrern das Privilegium auf die Leiterstellen zu verschaffen. Für einzelne Schulen führt aber der Paragraph dazu, die Schulbehörden zur Ernennung eines nichtkatholischen Leiters zu zwingen. Zu ihnen gehört die Werderthorschule in Wien, die bis vor wenigen Wochen aus zwei Schulen, einer Knaben- und einer Mädchenschule, bestand. Seit jeher war die Mehrzahl der Schüler in beiden Anstalten jüdischer Konfession. Der Bezirksschulrat der Stadt Wien ist nun, seitdem er klerikal-antisemitische Majorität hat, bemüht, die klare Vorschrift des Gesetzes zu umgehen und die Schule einem katholischen Schulleiter zu unterstellen. Der Oberlehrer der Mädchenschule, Brunner Philipp, ist am 15. Jänner 1904 gestorben, vor beinahe eineinhalb Jahren. Nach Erlaß des niederösterreichischen Landesschulrates vom 13. September 1895, Z. 8765, ist eine erledigte Schulleiterstelle sofort auszuschreiben und ehetunlichst zu besetzen. Die Stelle wurde aber überhaupt nicht ausgeschrieben. Es versteht sich nach dem Sinne der Novelle von selbst, daß der provisorische Schulleiter dieselben Erfordernisse haben muß, wie der definitive. Zum provisorischen Schulleiter der Mädchenschule ist ein katholischer Lehrer bestellt. An der Spitze der Knabenschule steht formell der Oberlehrer Rzehaczek Andreas. Er ist am 20. November 1826 geboren, also 79 Jahre alt, dient seit 1847, also 57 Jahre. Er ist seit Jahren dienstunfähig, wurde schon früher von Zeit