Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 31 (4.8.1905)
- Date
- 1905-08-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 488 Dr. Dlocb's Mocbenscbrm. Nr. 31 21 TWTi die bwi Form rrami besser als die bp Form mini Das Gebetbuch des mahr.-schles. israelitischen Lehrervereines bedürfte hinsichtlich seiner Punktation und Ausstattung einer Durchsicht und Verbesserung. Sollte vorstehende Anregung in den kompetenten Kreisen Anklang finden und zur Herausgabe solcher hebräischer Lesebücher führen, so wäre der Zweck dieser Zeilen erreicht. M. B. Vom Jahrmarkt des Lebens. Gloffe« zur Tagesgeschichte. (Graf Pückler hat wieder einen Anfall. — Die Judenfrage ist nur mit dem Knüttel zu lösen. — Eine andere, gefährliche Drohung. — Das Pathologische als Merkmal der antisemitischen Agitation und die feinen Unterschiede. — D ie Juden und die wissenschaftlichen Berufe. — Bielohlawek als abgeklärter Weiser.) Der edle Dreschgraf v. Pückler ist wieder einmal angetreten, um ein Stück Kulturarbeit zu verrichten. Es ist ja immer Kulturarbeit, die heiligsten Güter der Menschheit und so, um was es sich handelt, wenn diese Herren sich zur Arbeit stellen. Ganz endgiltig scheinen die Akten auffallenderweise doch noch nicht geschloffen zu sein, ob dem Grafen die subjektive Tauglichkeit, ein Verbrechen zu begehen, noch zuzuerkennen sei oder nicht. Die Berliner Polizei halt sich an den einmal auch menschlich empfundenen juristischen Grundsatz: in dndiis mitius. Der Zweifel soll dem Jnkulpaten, und sei er noch so verdächtig, zugute kommen. So geschieht es denn, daß Graf Pückler immer wieder seine Reden wenigstens anfangen kann. Es dauert dann freilich gewöhnlich nicht lange. Der anwesende Polizeilieutenant, affistiert häufig dem illustren Redner, der doch eine Auszeichnung verdient, sogar ein Polizei-Hauptmann, findet in der Regel schon nach den einleitenden Sätzen, daß da irgendwo eine Schraube los sein muß, und legt dem hochgeborenen Agitator durch Schließung der Versammlung das Handwerk. Dabei bleibt es dem verblüfften Auditorium überlassen, tieffinnige Betrachtungen darüber anzustellen, warum dem temperamentvollen Redner das Wort entzogen worden sei, ob er allzugröblich die Norm der gesunden Vernunft oder die Staatsgesetze — oder beides verletzt habe. So hat sich also Graf Pückler in den letzten Tagen wieder einmal einer Berliner Versammlung vorgestellt, um gleich darauf wieder zurückgestellt zu werden. Sollen wir noch sagen, wie er begann? Eigentlich überflüssig. Man weiß ja. Die jüdischen Profefforen, Privatdozenten, Theaterdirektoren und Bankiers sind anszurotten, und überhaupt sei die Judenfrage nur mit dem Knüttel zu lösen. So weit wäre die Sache ja ganz schön, er ging aber dann auch zu einer wirklich gefährlichen Drohung über: wenn man noch fortfahren werde, seine Agitation gegen das Judentum nicht ernst zu nehmen, dann werde er sich vom politischen Leben zurückziehen. Man sieht, die Sache wird ernst. Die tief bekümmerten und durch ihre schweren Besorgnisse aus's Aeußerste geängstigten Gesinnungsgenossen kamen gar nicht dazu, sich mit den Schrecknissen der angedrohten Eventualität so recht auseinanderzusetzen. Denn kaum hatte der Redner dann noch in aller Harmlosigkeit zur Plünderung der jüdischen Warenhäuser aufgefordert, als die Versammlung auch schon behördlich aufgelöst wurde. Und wieder bleibt die große Streitfrage ungelöst, ob von wegen Ueberschreitung der Paragraphe des Gesetzbuches oder des gesunden Menschenverstandes? Ungelöst dürfte diese Frage allerdings nur noch für die Berliner Polizei und ihre Organe sein. Für alle Fälle ist der edle'Graf wieder einmal, gleich nachdem er seine Rede gehalten, durchgebrannt, um sich nicht neuerlichen Unannehmlichkeiten vor Gericht auszusetzen. Bemerkenswert ist es immerhin, daß das pathologische Moment dieser antisemitischen Agitation sich nur in der Aufrichtigkeit offenbart, mit der sie betrieben wird. Organisch ist sie nicht im mindesten von der verschieden, wie sie sonst nach dem Herzen auch der antisemitischen Führer bei uns ist. Der offene Appell an den Knüttel, die direkte Aufforderung unter Verheißung lockender Prämien an die Einbrecher und Zuhälter und sämtliche lichtscheue Pennbrüder zu Gewalttätigkeiten gegen die Juden, die haben allerdings eine Offenherzigkeit zur Voraussetzung, die den andern „Führern" zum mindesten nur nicht klug erscheint, sonst aber absolut nichts. Anstößiges hat. Wenn die Wiener „Reichspost", das Organ des österreichischen Klerus, die also in erster Linie eingeschworen zu sein hat auf das Gebot der christlichen Nächstenliebe, gegen die Juden hetzt, so rät sie allerdings nicht direkt zu einer praktischen Verwendung des Knüttels im Dienste einer sittlichen Kulturarbeit. Das würde sich nicht gut machen, aber dem Wesen und der Sache nach ist sie eines Sinnes und eines Herzens mit dem bereits verschiedentlich sachverständig begutachteten Grafen Pückler. In jüngster Zeit ist neuerdings wieder der Anteil des Judentums an dem Geistesleben in Deutschland und Oesterreich zum Gegenstände statistischer Untersuchungen gemacht worden. Natürlich stellte sich dabei wieder ein starkes Uebergewicht zugunsten der Juden heraus. Das Zuströmen der Juden zu den wissenschaftlichen Berufen ist ein unverkennbares. Bei allen weltlichen Fakultäten an den österreichischen Universitäten ist das festzustellen. Siebzehn Perzent der studierenden Jugend sind Juden. Der Bevölkerungszahl nach gibt es im Verhältnis viermal so viel jüdische, als christliche Studenten. Was folgt nun daraus? Wir meinen, daß diese Tatsachen, die wir gar nicht erst auf ihre Richtigkeit prüfen, sondern ohneweiters anerkennen wollen, wenn sie auch nicht bona fide vorgebracht worden sein mögen, nicht geeignet sind, den Juden zur Unehre zu gereichen. Da wird doch selbst die „Reichspost" nicht behaupten können, daß das ein Tanz um das goldene Kalb und daß es die Sucht nach dem schnöden Mammon sei, die die Juden in die Hallen der Alma mater treibe. Von der Wissenschaft hat noch nie ein Sprichwort behauptet, daß sie einen goldenen Boden habe. Wenn das Judentum zu ihr gravitiert trotz der dürftigen materiellen Ergebnisse, die sie in Aussicht stellt, so ist neben den harten und ungerechten Verfolgungen und Bedrückungen und Benachteilungen, welchen es auf anderen Schaffens- und Erwerbsgebieten ausgesetzt ist, doch wohl ein gut Teil jener geistigen Regsamkeit und jener, trotz allen antisemitischen Geschreies, Idealität des Strebens mit daran schuld, die nun einmal das unbestreitbare und unveräußerliche Erbteil des Judentums bilden. In Wahrheit ist es eitel Spiegelfechterei, wenn die „Reichspost" gerade den Zudrang der Juden zu den wissenschaftlichen Berufen bekämpft, die ja ihren Jüngern zumeist doch nur die Aussicht auf ein kümmerliches Dasein eröffnet. Das ist nur eine Gelegenheit wie jede andere, überhaupt auf die Juden loszuschlagen. Wo gönnt denn die „Reichspost" und ihr mächtiger Rückhalt den Juden überhaupt das Feld der Tätigkeit, die Lust zu atmen. Die Welt bekommt es täglich zu lesen: die Arbeiterschaft ist verjudet; der Gewerbetreibende, der kleine Mann muß vor dem Wettbewerb der Juden geschützt werden, Handel und Industrie, Literatur und Kunst, Presse und Theater, die Wissenschaft, die Technik, der Verkehr, alles, alles steht unter der Herrschaft der Juden. Das will besagen, daß die Juden überall hinausgedrängt werden müssen. Nirgends ist aber auch nur mit einem Worte angedeutet, w o sie einen Unterschlupf finden sollen aus Gnaden der „Reichspost" und ihrer hochmögenden Patrone. Nur eines gibt es, was den Neigungen der Herrschaften entspräche — die Ausrottung. Man sieht, es ist durchaus nicht notwendig und nur eine überflüssige Offenherzigkeit, direkt den Knüttel zu predigen. Es geht auch so. Der „Reichspost" erscheint es als „die erste nationale Frage", wichtiger als alle andern, die „jüdische Uebermacht" an unseren Hochschulen zu beseitigen. „Freilich", ruft sie emphatisch aus, „Mut gehört dazu, sie energisch anzufaffen!" Ach nein, dazu gehört heutigen Tags kein Mut. Es ist nicht nur das ungefährlichste, sondern geradezu das sicherste Mittel, bei uns zu etwas zu kommen und es zu etwas zu bringen, wenn einer sein Mütchen an den Juden kühlt. Mut würde vielmehr dazu gehören, wenn die „Reichspost" einmal befolgen wollte, was auch für sie geschrieben steht von der Menschenliebe und der Milde, aber das Geschäft, wir geben es zu, wäre ein schlechtes.