Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 31 (4.8.1905)
- Date
- 1905-08-04
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Ulli «eit< 486 Dr. Dlocb's MocdenscbrM. Nr 31 Wahlprotesten konnten die während des Kongresses eingelaufenen nicht mehr berücksichtigt werden (Unruhe) und so kommt der Ausschuß dazu, zwei Mandate ungiltig zu erklären, (wachsende Unruhe) und die Delegierten, die gewählt wurden, ohne daß sie das vorgeschriebene 24. Lebensjahr erreicht hätten, zu ersuchen, von ihrem Mandat keinen Gebrauch zu machen. (Gelächter und Geschrei.) Als dann das Präsidium, welches Marmorek führte, erklärte, daß der Kongreß laut Geschäftsordnung die Validierung der Wahlen ohne Debatte vorzunehmen habe, und als er einem Redner zur Geschäftsordnung das Wort entzog, erhob sich ein furchtbarer Lärm. Ein Protest hebt die Tatsache hervor, daß nach der Summa der ausgewiesenen Schekelgelder nur 300 russische Mandate zu vergeben waren; es sind aber beinahe 500 Delegierte gewählt!! Der Lärm dauert bis 3 Uhr morgens. Und als dann der Präsident die Validierung der Wahlen vornchmen ließ und an der Abstimmung auch diejenigen Delegierten teilnahmen, deren Mandate beanstandet waren, kam es zu einem regelrechten Skandal. Die sozialistischen Zionisten begannen zu schreien; der Präsident klopfte unaufhörlich mit dem Hammer oder schwang die Glocke; die Mehrheitspartei suchte die Minderheit zu überbrüllen, und es herrschte ein Wirrwarr, daß man das eigene Wort nicht verstand. Auch der Galerie bemächtigt sich die Unruhe, einzelne Damen klatschen Beifall und in den Sitzungssaal flattern ganze Stöße Flugblätter und Plakate, in denen gegen jenen Passus der Rede Dr. Nord aus Protest erhoben wird, wo der Redner den Sympathien der Zionisten für die russische Revolution Ausdruck gab, da N o r d a u dies nicht ernstlich meine. Seine Worte seien nur ein unaufrichtiger Zoll an den Zeitgeist. Plötzlich ertönt von Seite der Territorialisten und Sozialisten ftenetischer Jubel und man bemerkt unter ihnen die markante Gestalt Zangwills. Er hat sich aus Gewissensgründen der Opposition, welche jetzt Obstruktion ist, angeschlossen. Einen Augenblick sieht man ihn auf seine Gesinnungsgenossen einsprechen und es scheint, als wollten sie den Saal verlassen. Plötzlich werden die Kronleuchter gelöscht und eine Minute herrscht ungewohnte Stille. Wie aber das Licht wieder leuchtet, erheben sich die Sozialisten und singen den „Schwur an das Volk". Von neuem geht der Lärm los. Alles befindet sich in aufgeregter Stimmung. Ein Mitglied der Zione-Zion will mit dem Stock auf die Gegner los und kann nur mit Mühe zurückgehalten werden. Die Lichter werden noch einmal gelöscht und da der Skandal nach einer Stunde eher ärger tobt, muß auch diese Sitzung 43/4 Uhr früh aufgehoben werden, ohne daß die Resolution des großen Aktionskomitees zur Abstimmung gekommen wäre. Der Beginn der Sonntag-Vormittagsitzung war auf 11 Uhr festgesetzt, sie begann aber erst zwei Stunden später. Infolge der stürmischen Szenen, welche sich während der letzten Sitzung ereigneten, sah sich heute die Polizei veranlaßt, die Abhaltung von Nachtsitzungen zu untersagen. Die Tribünen waren geleert, um einen Skandal, wie gestern zu vermeiden, nur nach Vorweisung der Legitimationskarte wurden auch die Delegierten in den Saal des Kongresses eingelassen, und Präsident Nordau appellierte an das Ehrgefühl des Kongreffes, damit in der Folge Exzesse, wie am gestrigen Abend, vermieden würden und man die Abstimmung über das Ostafrikaprojekt endlich vornehmen könne. Da verlangte Zangwill das Wort zur Geschäftsordnung. Er bestreitet dem Kongreß überhaupt und nicht nur diesem inkonstitutionell gewählten Kongreß die Kompetenz, endgültig zum Ugandaprojekt Stellung zu nehmen, reicht eine Resolution ein, die diesen Beschluß mit den Statuten der vom dritten Kongreß geschaffenen jüdischen Kolonialbank, zu deren Aktionären Christen und Juden gehören, als nicht im Einklang stehend bezeichnet. Artikel 3 dieser Statuten sehe die Gründung von Industrien, Unternehmungen und Kolonien neben Palästina und Syrien auch in anderen Teilen der Welt vor. Der Kongreß könne nicht ohne weiteres mit diesen Statuten brechen. Die Resolution Zangwills wird vom Präsidenten nicht zur Abstimmung gebracht. Zangwill nennt den Vorsitzenden Dr. N o r d a u einen'Verräter des jüdischen Volkes, aber seine Proteste hatten keinen Erfolg und der oben erwähnte Antrag des großen Aktionskomitees mit überwältigendem Mehr angenommen. Damit ist das Ostafrikaprojekt in ablehnendem Sinne erledigt. Dr. S yrkin ergreift das Wort und erklärt, daß dieser Kongreß für die große Masse des russischen Proletariats, dessen Vertretung seine Gruppe führe, weder Sinn noch Verständnis habe. Das jetzige System der Zione-Zion sei eine Verdunkelung des Zionismus, und deswegen fordere er alle Gesinnungsgenossen auf, den Kongreßsaal zu verlassen. Mit Z a n g w i l l an der Spitze verlassen die Territorialisten und Sozialisten unter den höhnischen Zurufen der Mehrheit den Saal. Die Nachmittagssitzung war der Beratung und teilweisen Revision des Organisationsstatuts (Referenten: Kokesch und Bodenheimer) gewidmet. Die Sezessionisten tagen im Safransaal und konstituierten sich als „Jüdisch-territorialistische Organisation", sie bezweckt, ein Territorium zu finden für Juden, die an ihrem Wohnsitz nicht bleiben können; sie zählt 150 Delegierte unter dem Präsidium Zangwill's. Zangwill richtete an den englischen Ministerpräsidenten namens der Territorialisten eine Depesche, in welcher er der englischen Regierung den Dank dafür ausspricht, daß dieselbe den Bemühungen der politischen Zionisten, ein Territorium in Ostafrika zur Ansiedlung der Juden zu gewinnen, kräftig unterstützt, jedoch das Bedauern darüber ausspricht, daß das den Zionisten zur Verfügung gestellte Ugandagebiet sich so ungeeignet zur Kolonisation erwiesen hat, und der Hoffnung Ausdruck gibt, daß die englische Regierung auch weiterhin den auf Er- * werb eines geeigneten Territoriums gerichteten Bestrebungen der politischen Zionisten ihre wertvolle und wirksame Sympathie angedeihen lasse. Die Majorität hielt Montag zwei Sitzungen. Vormittags waren die Referate des Professors Marburg und Dr. Soskins über die Arbeit in Palästina und die Organisationsdebatte, nachmittags wurde stellenweise heftige Kritik an der zionistischen Palästinakommission und der zionistischen Nationalbank in London geübt. Das Schlußreferat war das Kremenezkys (Wien) über den jüdischen Nationalfonds, der auf mehr als eine Million Kronen angewachsen ist. 'Dienstag, 1. August. Heute vormittags hat eine außerordentliche Generalversammlung der jüdischen Nationalbank zum Zwecke der Statutenänderung stattgefunden. Auch diese gestaltete sich ungemein stürmisch, da die politischen Zionisten, sowie die Territorialisten gegen die beabsichtigte Aenderung des Bankstatuts, durch die die Tätigkeit der Bank auf Pälästina und dessen Nebenländern beschränkt werden soll, in heftigster Weise Stellung nahmen. Als Führer der Minorität sprachen Zangwill sowie Dr.^ Syrkin. Sie protestierten in längeren, von heftigen Zwischenrufen wiederholt unterbrochenen Reden gegen die Aenderung der Banksatzungen. Die Majorität versuchte durch Schreien und Toben die beiden Redner am Sprechen zu ver- . hindern. Infolgedessen griffen die Territorialisten zum Mittel der technischen Obstruktion. Dr. S y rk i n führte in seiner Rede aus, die Türkei sei ein barbarisches Land und vollkommen zur Ansiedlung des jüdischen Proletariats ungeeignet, niemals werden sich jüdische Arbeiter auf türkischem Gebiete ansiedeln wollen. Sollte es der Majorität des Kongresses gelingen, ihren Willen durchzusetzen und die Mittel der Bank einzig und allein für das utopische Ziel der Besiedlung Palästinas zu reservieren, so sei dies gleichbedeutend mit der Vernichtung des politischen Zionismus. Die Majorität möge bedenken, daß die letzte Entscheidung dieser Frage bei dem jüdischen Volke liege. Dieses werde urteilen — aber nicht im Sinne der Kongreßmehrheit. — Zangwill erklärte, die Beschlüsse des Kongresses könnten für die Generalversammlung der Bank nicht präjudizieren; er empfehle daher dringend, von der beabsichtigten Statutenänderung abzusehen.