Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 31 (4.8.1905)
- Date
- 1905-08-04
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Sette 484 Dr. Bloch's Wochenfchrifl. Nr. 31 schwermütige Melodie einen seltsamen Kontrast zu dem lauten Straßenlärm bildete. Der Zug bewegte sich im langsamsten Marschtempo von der Klarastraße her über die Rheinbrücke und den Marktplatz nach dem Stadtkasino. Als er dort eintraf, brachen die bereits in großer Zahl daselbst anwesenden Zionisten in stürmische Kundgebungen aus. Von allen Seiten lebhaft begrüßt, hielten die Sozialisten ihren Einzug in das Kasino. * * * Im Anschluß an den Kongreß werden vom 3.—14. August Vorlesungskurse über Kolonisationsfragen überhaupt und über die Besiedelung des heiligen Landes im Speziellen gehalten. In besonders dankenswerter Weise hat das Rektorat der Universität Basel für die Vorlesungen die Räume der Universität zur Verfügung gestellt. Prof. Furrer-Zürich spricht über den gesellschaftlichen und kulturellen Zustand der Bevölkerung Palästinas, Prof. Warburg- Berlin über die Eignung Palästinas und der Nachbarländer zur Kolonisation, Dr Franz Oppenheimer-Berlin über die verschiedenen Arten der Kolonisierung neuer Landstriche, Prof. Dr. Bertholet-Basel über die Siedlungsverhältnisse Palästinas in alttestamentlicher Zeit, Dr. Joffe-Jaffa über Palästina in sanitärhygienischer Hinsicht, Dr. Leopold Kahn-Wien über türkisch- Bodenrechtsverhältnisse, Prof. Dr. Marti-Bern über Ausgrabungen und Funde in Palästina (mit Projektionen), Dr. Nossig-Berlin über die moderne Agrarftage und die mosaischen Agrargesetze, Dr. Sandler-Breslau über die hygienischen Vere hältniffe Palästinas, Dr. Soskin-Berlin über die wirtschaftlichen Verhältnisse Palästinas. * * * Donnerstag, 10 Uhr vormittags, fand die E röffnungssitzung statt, die zunächst eine Trauersitzung für den verstorbenen Führer war. Vor dem Kongreßsaal spielten sich stürmische Szenen ab. Hunderte von Personen stürmen und drängen die Treppen empor, eine gewaltige, vergebens Einlaß erbittende Menge staut sich in den Korridoren und während drinnen im großen Saal die Trauerfeier anhebt, entsteht in den Vorhallen ein wüstes Gedränge, ein Schreien und Toben; die Ordner werden überrannt, Hilferufe erschallen, das zur Sicherheit aufgebotene Feuerwehrpikett sieht sich im Knäuel der Rasenden — da rücken zwölf Landjäger auf, aber auch sie sind machtlos, bis Verstärkung erscheint, und endlich gelingt es der bewaffneten Macht, Herr der Situation zu werden. Der Saal selbst ist zum Erdrücken voll. Die Tribüne und Herzl's Bild sind schwarz umflort. Mit ehrfurchtsvoller Stille empfangen, erscheint um 10 Uhr das Aktionskomitee auf der Tribüne. Nord au hält die Trauerrede und zeichnet Herzl's Persönlichkeit in seiner ungewöhnlichen Größe als Mensch, Jude und Sohn seines Volkes. Redner macht den Oppositionellen im zionistischen Lager Vorwürfe und betont Herzl's Glauben an die Kraft und den Idealismus des jüdischen Volkes. Viel Schuld an Herzl's Tod habe die Gleichgiltigkeit und die Illoyalität vieler jüdischen Schichten. Nach dieser Rede wird zu Ehren des großen Toten die Sitzung aufgehoben. Auf besonderen Wunsch hin waren sowohl beim Eintritt des Bureaus und Dr. Nordaus, wie auch während und nach dessen Rede sämtliche Beifallskundgebungen unterlassen. Der Beginn und der Schluß der Rede war von der Versammlung stehend angehört worden. Um 12 Uhr mittags versammelte sich eine an 3000 Personen zählende Trauergemeinde in der Baseler Synagoge zur gottesdienstlichen Trauerfeier für Dr. Herzl. Eingeleitet wurde die Feier durch Gesangsvorträge eines aus Baseler Herren zusammengesetzten Chores. Die Funktionen als Vorbeter, in Ersetzung des kranken Oberk.mtors Herrn Danjan, hatte Herr Kahn aus Mühlhausen übernommen. Nach einem Präludium zu Psalm 139 sang der Oberkantor das Lebir hamaalaus in ergreifender Weise. Hierauf folgte das Schewissi. Die Trauerrede hielt Rabbiner Dr. Niemirower aus Jaffy. Er begann mit den Worten Hillels: „Ein Klageruf ertönt aus Zion: Welchen Verlust haben wir erlitten!" und schilderte die Verdienste Herzls um das Judentum. Das Kaddisch-Gebet sprach Rabbiner Reines aus Lyda, Führer der Misrachisten. In der A b e n d s i tz u n g wurde Max N o r d a u zum Präsidenten des Kongesses gewählt. Seine Rede, in der er sich für die auf ihn gefallene Wahl bedankt, wurde von einem großen Teil der russischen Delegierten, die der Nordau'schen Richtung abhold sind, stürmisch unterbrochen. Zu Vizepräsidenten wurden über Vorschlag des Permanenzausschuffes gewählt die Herren: David W o l f f s o h n, Dr. Alex. Marmorek, Ingenieur Temkin, Dr. Kohan-B ernstein und Sir Francis M o n t e f i o r e. Als Beisitzer wurden . vorgeschlagen die Herren: U s s i s ch k i n, Dr. O. Kokesch, Dr. T s ch l e n o w, Prof. Marburg, Dr. Harry Fr i ed e nw a l d, Jakobus Kann, Dr. I a s si n o w s k y, S. Pineles, Gustav G. Cohen, Dr. Edmund Wormser, Charence de Sola und Dr. Felice Ravenna. Auch dieser Vorschlag wird per Akklamation angenommen. Nur gegen die Wahl U s s i s ch k i n's, welcher als Haupt der Charkower Verschwörung der personifizierte „Anti-Herzl" genannt wird, werden von Seite der Territorialsten und Ugandisten lebhafte Proteste laut. Die Gegner U s s i s ch k i n's blieben aber in der Minorität. Dr. Nord au verliest hierauf aus dem Einlaufe: Basel, den 22. Juli 1905. Der Negierungsrat des Kantons Basel-Stadt an das Bureau des Zionistenkongresses in Basel. Hochgeachtete Herren! Die freundliche Einladung zum Besuche der Verhandlungen des VII. Zionistenkongreffes beehren wir uns Ihnen mit der Mitteilung auf das Verbindlichste zu verdanken, daß wir unfern Mitgliedern die Teilnahme an dem Kongresse freigestellt haben. Wir benützen den Anlaß, auch dem VII. Zionistenkongreß unfern aufrichtigen Willkommgruß zu entbieten und ihm die besten Wünsche für eine ersprießliche Tagung zu übermitteln. Dabei gedenken wir mit herzlicher Teilnahme des Verlustes, den Ihre Bewegung seit dem letzten Kongresse durch den Tod des Dr. Herzl erlitten hat, und sprechen es hier gerne nochmals aus, wie viele Sympathien sich die hervorragende Persönlichkeit Ihres verstorbenen Präsidenten in unserer Stadt erworben hat. Mit vorzüglicher Hochachtung Der Präsident des Regierungsrates: Alb. Burckhardt. Der Sekretär: ,Dr. A. Im Hof. Stürmischer Beifall. Dr. Nordau erklärt, dem RegierungSrat den Dank des Kongresses ausdrücken zu wollen. „Vom mandschurischen Kriegsschauplätze aus dem Hauptquartier des Oberstkommandierenden Linewitsch ist von den dort anwesenden Mitgliedern des Aktionskomitees Dr. Sapir und Dr. Schlaposchnikow-Tschita (Beifall) eine Depesche eingetroffen, in der uns die Grüße der gegenwärtig auf dem Kriegsschauplatz dienenden Zionisten übermittelt werden. Inmitten der Gefahr, inmitten der Not, inmitten einer Tätigkeit, in der der Tod ihnen fortwährend vor Augen ist, gedenken sie der Bewegung, gedenken sie des Ideals, dem auch sie Treue geschworen haben, und entbieten uns ihren Gruß vielleicht in einem Augenblicke schwerster Todesgefahr." (Anh. Beifall.) Hierauf erstattete das Mitglied des engeren Aktionskomitees Architekt Oskar Marmorek aus Wien Bericht über die zionistische Bewegung und die Tätigkeit des Aktionskomitees seit dem letzten Kongreß. Redner ging von dem Tode Theodor Herzls aus und betonte die Schwierigkeiten, die dadurch für das große Aktionskomitee eingetreten wären. Die Aufgabe der Parteileitung war eine außerordentlich schwierige. Es galt ohne mit der großen Autorität Herzl's ausgestattet zu sein, das Erworbene zu bewahren, die Partei zusammenzuhalten und insbesondere die durch das Ostafrikaprojekt gelockerten Bande der Parteidisziplin wieder straffer zn spannen. Dank der Unterstützung der Landeszentralen ist die Erreichung dieses Zieles fast durchwegs gelungen und die wenigen Ausnahmen kommen bei den überwältigenden Kundgebungen für die Einigkeit gar nicht in Betracht.