Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 31 (4.8.1905)
- Date
- 1905-08-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 31 Dr. Blocb’s Ußocbenscbrttt veil» 488 verweichlichten Natur Herr zu werden, um den Strapatzen der ihnen völlig neuen Beschäftigung gewachsen zu sein. Ganz anders verhält es sich mit den kräftigen jüdischen Bauernburschen; keine Arbeit ist ihnen zu schwer, kein Wetter zu ungünstig, um sie von der Verrichtung ihrer Landarbeit abzuhalten, ja es ist ihnen geradezu ein unerläßliches Bedürfnis, ihre Aecker in bester Ordnung zu bewirten. Der Ackerbau ist ihnen kein lediglich materieller Erwerbszweig, sondern der Ausdruck ihres ästhetischen Fehlens und moralischen Wollens Das Lebeusideal der jungen Generation in Mauricio ist, ein tüchtiger Bauernwirt zu sein, und schon die Bejahung des Willens zum Kolonistenleben birgt in sich eine Fülle von Arbeitskraft und Energiereichtum, welch beide Hauptfaktoren das Gedeihen und Blühen ihrer Hände Werke garantieren. San Thomas besitzt keine Kinderschule, kein Bethaus und kein rituelles Bad; doch ist anzunehmen, daß die ,,Jca" die Notwendigkeit dieser wichtigsten Institutionen einsieht und die Gründung derselben erleichtern werde. Die Produktivität des Bodens in San Thomas ist gleich günstig wie die der Mutterkolonie Mauricio. Weizen, Klee, Mais, Roggen und Gemüse gedeihen daselbst in Hülle und Fülle. Die klimatischen Verhältnisse wirken auf die gesundheitlichen Zustände der Tier- und Pflanzenwelt wohltuend. Die Kleefelder sind von gut erhaltenem Hornvieh bevölkert; wäre ich Oekonom von Berns, dann würde ich es empfehlen, auch Schafzucht daselbst einzuführen, überhaupt wäre es ratsam, in jeder Provinz eine Versuchsstation zu errichten, um die Bodenbeschaffenheit zu erforschen, ohne daß man die ganze Kolonie in Mitleidenschaft ziehe. Anstatt die Kolonisation theoretisch zu studieren, halte ich es für entschieden vorteilhafter, praktisch zu probieren. Demnächst mehr. Mit Gruß Dr. Hoffmann. Der VII. Zionisterrkongreß. Am Donnerstag, den 27. Juli, dem Todestage Theodor Herzls, ist in Basel der 7. Zionistenkongreß eröffnet worden. Der erste Kongreß ohne Theodor Herzl. Auf dem Titelblatt der Journalistenkarte und der Kongreßeinladung erblickt man den verstorbenen Führer, wie er dem Einzug seines Volkes in das Land seiner Väter zuschaut. Unter dem Bilde stehen in hebräischen Lettern die Worte: „Und er (Joseph) ließ seine Väter schwören: nehmt meine Gebeine mit Euch hinaus von diesem Ort." Gegen 700 Delegierte sind in der historischen Kongreßstadt Basel anwesend, außerdem die vierfache Zahl von Zuhörern, unter denen namentlich außerordentlich viel russische Studenten und Studentinnen aus Bern, Genf und Zürich, die dem Kongreß ein gewisses charakteristisches Gepräge aufdrücken. Aus aller Herren Länder sind sie da, aus Buchara, wie die kaukasischen Bergjuden, Delegierte aus Deutschland, Oesterreich-Ungarn, Rußland, Rumänien,. Serbien. Bulgarien, Griechenland, Dänemark und Skandinavien, England, den Vereinigten Staaten Amerikas, Australien, Neu-Seeländ, Canada, Britisch-Süd-Afrika und Palästina, aus dem fernen Asien, ja aus Auckland (Neu-Seeland) hat ein Vertreter, Mister Green, eine siebenwöchentliche Meerfahrt zurücklegen müssen, um dem Kongreß beiwohnen zu können. Unter den vielen Delegierten fällt eine elegante junge Dame, eine russische Gräfin, die zum Judentum ubergetreten ist, auf. Sie ist eine eifrige Zionistin und bekennt sich zur konservativ-zionistischen Richtung. Auch Frau Zangwill, Frau Doktor Nordau und Tochter sind anwesend. Im ganzen kann man wohl die Zahl der Theilnehmer an dem Kongreß auf ca. 4000 schätzen, darunter eine große Zahl von Journalisten und Berichterstattern für fast, alle größeren Zeitungen der Welt. Neben den jüdischen Sozialisten, die zum ersten Male auf den Kongreß erscheinen, sind nun auch die Zione-Zionisten, die Territorialisten, die Ugandisten vertreten — und auch einige Zionisten. Die Zione-Zionisten stellen sich als die Vertreter des reinen Zionismus hin mit dem einzigen Zweck der Gründung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Die Territorialisten andererseits erklären, die Besitzergreifung Palästinas sei zu schwierig und dürfte so lange Zeit in Anspruch nehmen, daß man in der Zwischenzeit eine andere Zuflucht für die leidenden, hungernden, verfolgten Juden in Rußland und Rumänien schaffen müsse. Deshalb wollen die Territorial-Zionisten das Angebot der englischen Regierung, ein Gebiet in Britisch-Ost-Afrika für die Begründung einer autonomen Kolonie zu gewähren, annehmen. Die Zione-Zionisten teilen sich in zwei Untergruppen. Die eine Gruppe erklärt, die erste Bedingung des Zionismus sei die Besitzergreifung Palästinas, während dessen Kolonisierung durch Juden später erfolgen müßte. Die andere Gruppe erklärt, die Juden müssen zuerst Palästina kolonisieren und nachher, wenn der Boden tatsächlich ihnen gehöre, politische Rechte von dem Sultan verlangen. Unter anderen zionistischen Gruppen, welche hier vertreten sind, befinden sich die „Poale-Zionisten", die „Misrachi-Zionisten" und die „Kultur-Zionisten". Die Poale-Zionisten vertreten die besonderen Interessen des jüdischen Proletariats in Rußland. Die Misrachi-Zionisten fordern die Erhaltung der streng orthodoxjüdischen Richtung innerhalb der zionistischen Bewegung. Die Kultur-Zionisten glauben, man müsse das Nationalitätsgefühl unter den Juden aller Länder stärken, bevor es möglich sei, ernstlich an die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina zu gehen. Die von den Zione-Zionisten einberufene Versammlung — über 1000 Personen, in der in russischer, deutscher, hebräischer und jüdischer Sprache diskutiert wurde, beschloß in einer überaus stürmisch bewegten Debatte, alle zionistische Arbeit auf Palästina (und dessen Nachbarländer) zu konzentrieren, während die Minorität, die aus den Gegnern der palästinensischen Kolonisation überhaupt und den Sozialisten unter Führung des Berliner Zionisten Dr. Syrkin besteht, eine Vertretung im Kongreßpräsidium unter Berufung auf das Majoritätsprinzip verweigerte. Die Minorität drohte daher, den Kongreß überhaupt zu sprengen. Infolgedessen fanden zahlreiche Konferenzen der einzelnen Landsmannschaften statt, aus denen der Beschluß resultierte, der Minorität zwar eine Vertretung im Kongreßpräsidium einzuräumen, jedoch nur jenen Parteien, die aus dem Boden des Baseler Programms stehen, das ist den Ugandisten und den politischen Zionisten unter Führung des englischen Schriftstellers Zangwill. Gleichzeitig wurde beschlossen, alle Mittel zum Schutze des Kongresses anzuwenden. So kam es, daß zum erstenmal seit dem Bestände des Kongresses Polizei den Boden des Stadtkasinos betrat und an den Stiegenausgängen und beim Saaleingang Aufstellung nahm. Auch die Feuerwehr wurde herangezogen, um Gewalttätigkeiten zu verhindern, zu denen sich die erbitterte Opposition in einzelnen Fällen hatte Hinreißen lassen. In einigen Fällen mußte sogar mit Verhaftungen vorgegangen werden. Die jüdischen Sozialisten, welche sich dem Zionismus angeschlossen haben und zum erstenmal an dem Zionistenkongreß durch Delegierte vertreten sind, veranstalteten am Montag Vormittag einen Demonstrationszug durch die Straßen der Stadt Basel. Dem Zuge vorangetragen wurde das blauweiße Davidsbanner mit dem goldenen Stern, welches bekanntlich der politische Zionismus neuerdings als nationale Fahne entfaltet hat. Neben dem Davidsbanner sah man die jüdisch-sozialistische Standarte: auf blau-rotem Grunde war in großen hebräischen Lettern das Wort „Zion" zu lesen. Standartenträger waren ein junger Mann und eine mit knallroter Blouse angetane Sozialistin. Die Zugteilnehmer, meistens österreichische und russische Juden, Männer und Frauen, etwa 80 an der Zahl, sangen hebräische Lieder, darunter das jüdische „Nationallied" „Hatikwoh" (Hoffnung), dessen eigenartige,