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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-08-04 · 31 (4.8.1905) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
31 (4.8.1905)
Date
1905-08-04
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 482 Dr. Llocv s TRaocDcnscbrtti. Nr. 31 lautet die Proklamation nun allerdings ganz anders: die Juden sind an allem Unheil Schuld; die Juden haben alle Unruhen hervorgerufen. Ohne Juden würde es keine Potemkin-Affäre, keine Unruhen gegeben haben, wäre es nicht nötig gewesen, den Belagerungszustand über Odessa zu verhängen. Die ganze Proklamation stellt sich dar als eine in aller durch amtliche Rücksichtnahme gebotenen Höflichkeit erlassene Aufforderung, die Juden doch gefälligst zu erschlagen. Und der gute Mann hat nach seiner Logik vollkommen recht. Ohne die Juden hätte es in der Tat eine ganze Reihe von welthistorischen Verbrechen im Mittelalter und in der neuen Zeit nicht gegeben. Ohne die Juden hätte es die Judenaustreibung aus Spanien, die Folterungen und Verbrennungen von Juden, alle Blutbäder in allen Landen bis auf Kischenew, Homel, Kiew u. s. w., u. s. w. . nicht geben können. Es ist also völlig klar, daß die Juden und nur die Juden an allem Schuld sind. Es geht förmlich wie ein großer Zug der menschlichen Torheit und Niedertracht durch die Weltgeschichte. Nie hat es eine Lehre gegeben, die ruchlos oder albern genug gewesen wäre, um nicht doch eine gläubige Gemeinde zu finden. So finden denn auch die Legenden des Herrn Generalgouverneurs von Odessa ihre gläubigen Gemüter. Die Juden haben die Unruhen in ganz Rußland, haben die schmachvollen Niederlagen zur See und auf dem Festlande verursacht, sie haben schließlich auch die tragisch-groteske Potemkin-Affäre angezettelt. Habeant sibi. Wir möchten es dem scharfsinnigen Generalgouverneur verraten, daß in dem Wust seiner salbadernden Albernheiten sich tatsächlich sogar ein Goldkörnlein Wahrheit findet, von dem er freilich keine Ahnung hat. Jawohl, die Juden sind an vielem schuld. Wie überall in der Welt, so stellen die Juden auch in Rußland ein Kulturelement vor und da erst recht. Von ihnen strahlt der treibende Geist der Gesittung, der Bildung und der Freiheit aus. Und wenn nun Strahlen dieses Geistes auch in den Köpfen des russischen Volkes soviel Helligkeit verbreiten, daß die Erkenntnis von der Unhaltbarkeit und Ruchlosigkeit der herrschenden Zustände sich ihren Weg zu finden vermag, so ist das immerhin ein Verdienst, das im Namen des Judentums völlig abzuweisen wir durchaus keine Veranlassung haben. Die Geschichte wird darüber zu urteilen haben, und dieses Urteil wird etwas maßgebender, sein, als das des dermaligen Herrn Generalgouverneurs von Odessa. Der Herr General kommt mit Versprechungen, der Generalgouverneur mit Drohungen — es sind Wandelbilder aus dem russischen Reiche. Die Juden wissen ganz genau, was sie von beiden zu halten haben. Sie wissen, daß ihr Kampf für sich zugleich ein Kampf für Freiheit und Menschlichkeit ist, und damit ist ihnen eine Richtschnur an die Hand gegeben, die sie nicht in die Irre leiten kann. Gin Krief aus Argentinien. Buenos-AireS, Juni 1905. Au Dr. Bloch's O ester r. Wochenschrift Wien. Fast zwei Monate habe ich auf Verlangen der Kolonistenbevölkeruug in Mauricio und Clara zugebracht und bin nun in der günstigen Lage, meinen jüngsten Bericht zu ergänzen. Mauricio, das einzige gelungene Kolonisationswerk der „Jca" in Argentinien, umfaßt ein Territorium von zirka acht Quadrat-Leguas und ist von etwa 200 Familien bewohnt, die sich eines allgemeinen Wohlstandes erfreuen. Zufrieden mit den Errungenschaften ihrer schweren aber reichlich lohnenden Arbeit, herrscht ausnahmsweise daselbst eine kategorische Harmonie zwischen der Administration und den Ansiedlern. Nach Mauricio zu urteilen, hat die „Jca" sich der hohen Aufgabe einer jüdischnationaleu Landwirtschaftsausbildungsanstalt gewachsen und das ungerechterweise als Krämervolk verrufene Judentum als bildungsfähiges Bauernelement erwiesen. Mauricio genießt den besten Ruf einer gut geordneten, auf der Höhe der praktischen Oekonomie stehenden Kolonie. Auch hier ging es anfänglich wie bei jedem neuen großen Unternehmen zu. Die ersten fünf Jahre waren miserabel. Zirka 1000 Haushaltungen befanden sich auf demselben Landstrich, auf welchen nur 200, in Gruppen von je 4 und 6 Häusern, eine reale Existenz gefunden haben. Mißerfolge haben die Pariser Gencraldirektion zur Ueberzeugung gebracht, daß kleiner Bodenbesitz in Argentinien den Landmann nicht ernähren kann, daher erweiterte sie allmählich die Landeskonzession auf den Minimalstand von 100 Hektaren, so daß es den fleißigen Kolonistenhänden gelingen konnte, eine Kolonie zur Blüte zu bringen, die mancher Kolonialgesellschaft als Muster dienen kann. Auch die heraugewachsene Jugend der Kolonie Mauricio wurde selbständig installiert und auf diese Weise ist es der „Jca" gelungen, die bescheidenen Ansprüche der jüdischen Bauern zu erfüllen, was zur Folge hatte, daß keine Reibereien zwischen der Verwaltung und der Bevölkerung entstehen konnten, denn die meisten Zänkereien fließen aus einer ungenügenden Nahrungsquelle. Die wohlhabenden Kolonisten in Clara und Moisesville waren von jeher eifrige Verteidiger der „Jca", nur den hungernden Magen der weit größten Zahl der Clara und Moisesviller Kolonisten vermochte das Ackerbauideal nicht zu sättigen. Die gut situierte Kolonie Mauricio besitzt keine Synagoge; Gottesdienst wird in der Regel in Privathäusern abgehalten, Versammlungen, falls diese den Direktoren behagen, finden im Schulgebäude statt, doch sind die räumlichen Verhältnisse für eine größere Volksversammlung untauglich. Die Bevölkerung unterhält ein vorzügliches rituelles Bad und ein kleines Hospital. Vier Wvhltätigkeitsvereine mit zusammen 200 Mitgliedern bestehen daselbst, die über genügende Mittel verfügen, um etwaigen Unterstützungsbedürftigen hilfreich unter die Arme zu greifen. Das religiös-sittliche und Familienleben in Mauricio ist ein wahrhaft mustergiltiges. Das Gros der Bevölkerung besitzt kein jüdisches Wissen, doch gibt es zehn bis fünfzehn Männer der jüdischen Wissenschaft, die wegen ihres tugendhaften Vorlebens der Verehrung Aller sich erfreuen und somit die Autorität besitzen, die Leitung und die Ueberwachung der geistigen Institutionen des Judentums zu handhaben. Es ist leicht, ein großes Werk zu kritisieren, überschwer, zu berichtigen, d. h., neue Ziele zu schaffen und Wege zum anzustrebenden Endziel zu zeichnen, fällt nicht so leicht, wie die theoretische Bemängelung praktischer Schöpfungen, und man tut daher Unrecht, wollte mau alle „Jca"-Unternehmungen mißlungen heißen, weil anfänglich in Ermanglung der nötigen Erfahrungen Fehler gemacht wurden, für die die „Jca" als Kolonialgesellschaft nicht verantwortlich gemacht werden kann und darf. Das einzig Fatale an dem mißlungenen Unternehmen war lediglich der Umstand, daß dem Gesamtpersonal der „Jca" in Argentinien agronomische Fachkenntnisse fehlten. Man denke sich einmal ein recht komisches Ackerbauministerium, bestehend, sage und schreibe, aus verkrachten Theologen, überspannten Moralphilosopheu, bankerottierten Bahnbauingenieuren und abgedankten Normalschullehrern, das die Kolonisationsarbeiten leitet, und man wird bald herausfinden, daß nicht die „Jca" als Kolonisationsgesellschaft ihrer hohen Mission unzulänglich ist, sondern daß das argentinische.Verwaltungspersonal nicht immer tauglich für ein solches Kulturwerk war. Die Tochterkolonie von Mauricio, St. Thomas, die jüngste Ansiedlung in der Provinz Buenos-Aires, liegt in nächster Nähe der Bahnstation, besitzt 40 Haushaltungen, bestehend aus den Kolonistenkindern. Es geht ihnen vorzüglich; diese sind die Erstlinge der heranreifenden Naturbauerngeneration; ihre Eltern waren zum Teil in Rußland Kaufleute gewesen und hatten einen schweren Kampf, ihrer

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