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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-07-28 · 30 (28.7.1905) · page 15

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
30 (28.7.1905)
Date
1905-07-28
Page
– (sequence 15)
Language
German
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Nr. 80 Dr. Blocb 3 MlocbenscvrtN. ocue 479 Was den „Separatismus" betrifft, ist es zur Beurteilung desselben gleichgiltig, ob er durch die Maßnahmen der „R e i s el e i t u n g" entstanden ist oder sonstwie. Daß es sich „unangenehm" geltend gemacht haben muß, ist doch daraus erwiesen, daß beim letzten Abendmahle auf dem Schiffe, einerseits vom Herrn S. aus H., andererseits vom Herrn Sz. aus Bp. Versöhnungstoaste von „Tisch" zu „Tisch" gehalten werden mußten, um als Brüder und Schwestern in Israel „vereint" auseinandergehen zu können und Abschied ohne Mißton genommen werden konnte. Wo Rauch ist, muß auch Feuer gewesen sein. Ter Hinweis auf den „Minhag Polen", erinnert mich wieder an den schielenden Richter, der beim Apostrophieren der Zeugen sich mit seinen Worten immer an eine falsche Adresse wendet, da ich bekanntlich kein polnischer Jude bin, sondern ein deutscher Oesterreicher, und von meinem berühmten Großvater her — Rabbi Koppel Charis, der mit dem Chatam Sofer und Rabbi Schalom Charif zu dem Dreigestirn zählt, welches die Thora aus Deutschland nach Ungarn brachte — sogar reichsdeutscher Abstammung. Der Name „Reich", den meine Rabbinerfamlie führt, stammt auch nicht von Reich tum her, sondern wurde uns beigelegt, weil wir — wie man dazumal in Oesterreich-Ungarn sich ausdrückte — aus dem Reich stammten. Im Uebrigen muß ich es hervorheben — wenn schon einmal auch das Persönliche berührt wird — haben wir in unserer Reisegesellschaft sehr gebildete, hochbegabte geistreiche polnische Juden gehabt und der spöttische Hinweis auf den „Minhag Polen" zeigt nur wieder, wie gerechtfertigt meine sehr zahme Rüge vom „Separatismus" und vom „Minhag Frankfurt" war. Ungerechtfertigt aber ist der Anonymus bezüglich Frankfurt schon deshalb, weil, wer die Reisebeschreibung „Nach Osten" nicht nur oberflächlich, wenn sie ihm wie Mällig „zu Gesicht kam", sondern aufmerksam liest, finden wird, mit welcher Bewunderung, ja Begeisterung, ich der Leistungen der „Deutschen" und besonders der „Frankfurter" deutschen Juden in Palästina gedenke. Ich werde diesen Ausführungen nichts weiteres mehrhinzufügen, denn — sapienti sat! Rabbiner W. Reich. Galgüczi Abraham, „Der Wunderrabbi". Galgücz 1905. In Fortsetzung des Titels heißt es weiter: „Drama aus dem jüdischen Volksleben im nordöstlichen Ungarn, in einem Vorspiele und vier Aufzügen." Im Inneren des Buches jedoch heißt es auf allen .65 Seiten: „Jeschiwahjünger und Wunderrabbi". Der Verfasser charakterisiert also ein Zweifaches: Die Jeschibah (so möchte ich schreiben) und den Wunderrabbi; die Jeschibah kann existieren und existiert ohne den Wunderrabbi, und der Wunderrabbi kann existieren und existiert ohne die Jeschibab, ja in der Regel existiert eines ohne das andere, während daH, daß sie verbunden wären, wissend, daß der Wunderrabbi dem Talmud abhold ist, als außer der Regel seiend bezeichnet werden muß. Warum saßt der Verfasser dennoch beides zusammen? Nur aus dem Grunde, weil er beides charakterisieren will; dazu ist s in Wunderrabbi, R. Josef Elijahu (Biedersohn; warum steht der Familienname nicht bei den Namen der „Personen des Stückes"?) gar kein Wunderrabbi, wie die anderen, sondern ein biederer, aufgeklärter humaner Mann, der nur durch die Ränke und den Hochmut seiner Frau die widrige Maske eines Wunderrabbi aufgenötigt bekommt und darin auch erliegt. Galgüczi schildert also keinen echten Wunderrabbi, obzwar als Nebenfigur auch ein solcher in seinem Stücke vorkommt, wohl aber sch ldert er eine echte Jeschibah, wie sie noch heute in Ober-Ungarn existieren, mit all dem Elend, all den widerlichen Ränken, all den kleinlichen Plackereien und all dem finsteren Fanatismus, die sich an den Begriff einer solchen Zwerg-Jeschibab knüpfen, denen gegenüber das Heroische der Bachur-Natur, die Tugend des Lernens selbst und der freudige Opfermut im Dienste einer falsch aufgefaßten Sache sich in ebensaviele Zerrbilder verwandeln. Das alles schildert Galgüczi vortrefflich; er ist ein feiner Kenner dieses anachronistischen Lebens und auch ein feiner Schilderer seelischer Vorgänge. Da dem aber so ist, so war es schade, den Wunderrabbi zum Helden zu machen; passender wäre es gewesen, irgend einen Leiter einer Jeschibah, einen, der große Konzeptionen hat, in den Mittelpunkt der Handlung zu stellen, wobei die Jeschibah als solche ohne Störung ins Licht gerückt wäre. So viel und mannigfach und vielseitig zu schildern, wie es unser Verfasser vorhat, läßt sich in die präzisen Dialoge eines Dramas nicht einzwängen. Das zeigt sich am besten darin, daß in dem Stücke Personen und zwar recht viele auftreten, die in dem Personenregister gar nicht genannt sind; der Verfasser macht von ihnen die Gruppen „Mehrere Beisitzer" (will sagen des Vorstandkollegiums), „Bachurim", „Besucher des Wunderrabbi", „Bauern" rc. Die lieblichen Näherinnen, mit denen G a l g ü c z i einige Szenen füllt, figurieren da aar nicht. Ein Drama muß konziser, die Gespräche prägnanter, die Perionen charakteristischer sein, nicht so verschwommen, nicht so in die Breite gehend, nicht so ohne Kette, ohne Verbindung, ohne vorhergehende Bedingungen und nachfolgende Ergebnisse. Wir lassen dem Verfasser, der nun eben ein Dramatiker sein wollte, gern Gerechtigkeit widerfahren, indem wir ihm zuerkennen, daß er ein paar recht gute Charaktere geschaffen hat, so den fanatischen erbgesessenen Bachur Reb Arjeh, den beißenden Satyriker und Skevtiker Chajjim (dieser Figur des Vorspiels entspricht im Drama Perez Lustig, und ein guter Dramatiker hätte eine Person aus ihnen gemacht), die komische Figur des Dienstmädchens Lidy (doch ist die Art, wie diese „lose Dirne" die Bcchurim überrumpelt, wenig lebensgetreu), den Gemeindediener Bereich u. a. Aber die Hauptfigur, der gezwungene Wunderrabbi, ist höchst mangelhaft gezeichnet; was soll denn das für ein Held sein, der sich fast immer leidend, nicht tätig verhält? Dies wäre auch in einem prosaischen Stück ein Fehler, geschweige denn in einem Drama. Kurz, G a l g ü c z i gibt eine feine Zeitschilderung, aber ein schlechtes Drama. Der aufmerksame Leser wird es gleich gewahr, daß hier Zustände des wirklichen Lebens geschildert werden. Aber ist das selbst nicht Kunst genug? Ist es nicht der Ambition höchstes, das Ding in der möglichsten Treue kopiert zu haben? Wozu noch die Tendenz? Ein echtes Kunstwerk hat keine Tendenz. Wenn also G a l g ü c z i schließlich die Aufklärung siegen läßt, den Fanatismus aber unterliegen, so gereicht das seiner Gesinnung zur Ehre, dem Stücke aber ist es ein Ballast. Der Verfasser ist in dem Milieu, das er schildert, durchaus bewandert, und ihm, dem einfachen Lehrer, ist das Maß des hebräischen Wissens, das sich in dem Stücke bekundet, ein Ehrenzeugnis Allein, auch da wäre Einiges zu bemerken; „Schmach und Schamröte" (S. 16) läßt das hebräische im Jargon gebräuchliche eher pah u-busehah dnrchschimmern; warum aber nicht „Schmach und Schande"? Und warum ein anderesmal „Schimpf und Schande" (S. 95)? Die Anekdote des alten Schammai (S. 98) ist nicht quellengemäß, in denen nur von einem Vieh, nicht von Geflügel und Fisch die Rede ist. Die Orthographie der hebräischen Wörter bleibt sich nicht konsequent, so z. B. Luaeh hakudesch (S. 106) neben hakodesch. Bei Kiwe Chajet hätte das Wort „Ohajet." als Schneider wenigstens einmal verdeutscht werden müssen, da das zuni Wesen seiner Rolle gehört. Ueberhaupt glaube ich, daß die Wahl von durchsichtigen Bezeichnungen wie Keserüfalva (Bitterdorf), Biedersohn, H ü l y e s (Tölpel) 2t. allzu witzig ist, als daß sie zu dem Ton des ernsten Stückes passen würde. Dieser Mangel an ästhetischem Sinn macht sich leider auch sonst fühlbar, ein Mangel, den der fleißige Verfaffer durch entsprechende Lektüre leicht wird überwinden können. B u d a p e st. Dr. Samuel Krauß. Der Zionismus im Geiste des Judentums. Von Elias F r i e d m a n n. Dem Titel fehlt die Ergänzung: „Geschrieben von einem Idealisten". Das ideale Ziel des Zionismus kann nur von idealdenkenden Männern mit idealen Mitteln erstrebt und erreicht werden. Ein edles, humanes Ziel verwirklicht unstreitig' jene Gruppe der Zionisten, welche unsere entrechteten und bedrängten Glaubensbrüder in jene Länder kolonisiert, wo ihnen nicht nur der wirkliche Schutz der Gesetze, sondern auch bürgerliche Rechte gewährleistet werden; aber die Flagge deckt die Ware nicht. Zionismus ist das nicht. Dies sollte die Aufgabe der „Alliance", der „Baron Hirsch'schen Stiftung" sein. Der eigentliche, charakteristische Zionismus kann keine andere Aufgabe, als die Kolonisation Palästinas haben. Zur Lösung dieser Aufgabe kann jeder Jude ohne Rücksicht auf seine religiösen, politischen und sozialen Grundsätze mit seinem Scherslein beitragen. Der strengreligiöse Jude wird im Zionismus die Erfüllung seiner andächtigen Gebete und seiner heißen Wünsche seben; der moderne Jude wird damit, wenn er zur Verwirklichung des wahren Zionismus beiträgt, durchaus nicht den Tadel der unpatriotischen Gesinnung auf sich laden. Niemand verlangt von ihm, daß er sein teueres Vaterland verlasse und nach Palästina auswandere. Unsern rechtlosen, unmenschlich behandelten Brüdern wollen wir ein Heim bereiten. Die Wiedererrichtung des jüdischen Staates darf aber, nach dem Verfaffer, nur auf streng religiös-moraltscher Basis erfolgen; deshalb wählt er auch zum Motto: Zion wird durch Recht erlöst und ihre Bekehrten durch Tugend. Der Zionismus darf die religiöse Basis nicht verlassen. Die Religion soll nicht äußere Verzierung, sondern Grundmauer und Gebälke des zu errichtenden jüdischen Staates sein. Diese Idee führt der Verfasser in schwungvollen, begeisterten Ausdrücken des weiteren aus. So mancher Leser wird den Verfaffer einen „Idealisten" nennen, dem jeder praktische Sinn fehlt; wir vergessen es jedoch nicht, daß nur Idealisten die Wegweiser und Bahnbrecher der Menschheit waren und daß die große Menge erst nach langer, langer Zeit das von den Idealisten ansgesteckte Ziel als erstrebenswert erkannte. Dieser vorzüglichen Schrift leisten Abbruch die heftigen, beleidigenden Ausfälle gegen das Rabbinerseminar in Budapest und das moderne Judentum. Schmähungen haben noch nie zur Bekehrung Andersdenkender geführt. Trotz dieses Nachteiles kann diese Schrift bestens empfohlen werden.

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