Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 30 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Ssectr 478 Dr. Dlocv's Mlocvenscbrttt. Nr. 30 So ging die unheimliche, furchtbare Prophezeiung in grausige Erfüllung und mit meinen Händen nähte ich dem einzigen Kinde das Totengewand . . . Und was geschah mit mir dann? Wie ihr sehet, meine lieben Kinder, ich starb nicht, weder dieses schreckliche Unglück, noch die damals wütende Cholera, konnten mir etwas anhaben — ich überdauerte Alles. Wie das möglich war, wie meine schwachen Kräfte dazu ausreichten — nur Gott allein, der uncrforschliche mag es wissen! Und Rachele? Auch sie tötete dieser furchtbare Schlag nicht — unglückliche Menschen sterben nicht so bald, sie müssen früher den Kelch des Leidens bis zum letzten Tropfen auskosten . . . (Schluß folgt.) Literatur. „Mtisrachah". Nach Osten. Eine jüdische Gesellschaftsreise nach Palästina. Reisebericht von W. Reich in Baden bei Wien. Frankfurt a. M. 1905. Der geschätzte Verfasser nennt seine vorliegende Arbeit eine Momentphotographie, wahrscheinlich mit Rücksicht darauf, daß vorliegende Schrift in der kurzen Spanne Zeit verfaßt wurde, während welcher die jüdische Gesellschaftsreise nach dem heiligen Lande eben sich auf der Reise befand. In Wahrheit ist vorliegende Schrift mehr als eine Momentphotographie, inhaltsreicher als so manches Tagebuch, das geistreiche Reisende führen, um die Eindrücke, die sie empfangen, andern mitzuteilen, in der Meinung, sie erwerben sich hiedurch unsterblichen Ruhm. Der Verfasser vorliegenden Schriftchens ist zwar ein objektiver Beobachter, allein dieser Umstand hindert ihn nicht, das Beobachtete und Geschaute mit einer gewissen Wärme mitzuteilen und so den Leser für das heilige Land zu interessieren. Auch die wunden Stellen, an welchen das Judentum in Palästina blutet, berührt der Verfasser, dies tut er. aber mit einem solchen Feingefühl, mit einer solchen Zartheit, daß niemand verletzt wird. Ohne sich beispielsweise für die Institution der Chaluka zu begeistern, versteht es der Verfasser dennoch, einen feinen Unterschied zwischen der gewöhnlichen Bettelei und der Chaluka, welch' letztere neben ihren vielen Schattenseiten auch ihre guten Seiten hat, die der Verfasser rühmend hervorhebt, zu machen. Die Schwierigkeit für den Reiseschriftsteller entsteht dann, wenn er die Stimmung der Reisegesellschaft, deren Reisegefährter er ist, wiedergeben und ein psychologisches Bild von ihr entwerfen will. Auch aus dieser Verlegenheit versteht der Verfasser sich herauszuziehen. Der Tadel, daß man vor lauter Bäumen den Wald nicht sehen konnte, d. h., daß das viele Predigen und Darschenen der Mitreisenden Rabbinen insoferne nicht am Platze war, als dadurch vielfach verhindert wurde, die Lage unserer Brüder im heiligen Lande gründlicher zu erforschen, trifft die Getadelten mit Recht. Im Programm der Gesellschaftsreise war zwar vom Magidos des Dubner Magid nicht die Rede, allein die, welche sich gerne hören und hören lassen, frugen nicht darnach, was programmgemäß und was nicht programmgemäß sei, wenn es galt, vor Jahrhunderten verdaute Speisen in verfälschter Form wieder aufzutischen. Wer irgend ein Interesse hat, zu erfahren, wie es mit der politischen und sozialen Lage unserer Brüder beschaffen ist, und dieses Interesse müßte doch ein jeder Jude bekunden, dürfte es nicht unterlassen, sich Rabbiner Reich's Reisebericht „Misracha" anzuschaffen. Virovitica (Slavonien). Rabbiner Dr. Kaufmann. * * * Frankfurt a. M., den 11. Juli 1905. P. T. Ein Merkchen des Herrn Rabbiner Dr. Reich in Baden „Nach Osten — Eine jüdische Gesellschaftsreise nach Palästina", das mir dieser Tage zu Gesichte kam, enthält am Schluffe „Randbemerkungen", die einer Erwiderung bedürfen. Der Verfasser gibt darin Anschauungen, zum Besten, die leicht irreführen können und die speziell geeignet sind, auf die Reiseteilnehmer aus Frankfurt a. M. ein schlechtes Licht zu werfen. Er behauptet u. a., daß sich ein „Separatismus oft ungünstig geltend machte", und beweist dies durch den Satz: „Da hat sich ein besonderer Tisch gebildet wie im Machsor der Minhag Frankfurt." Eine einfache Anfrage an die Reiseleitung hätte Herrn Rabbiner Reich darüber aufgeklärt, daß dieser „Tisch" — der übrigens Reisende aus verschiedenen Städten Deutschlands und nicht ausschließlich Frankfurter vereinigte, nicht die Folge eines willkürlichen „Separatismus" war — dieser kleine Tisch verdankte seine Entstehung vielmehr der R e i s e l e i t u n g, die, nachdem auf Deck nur Raum für zwei große nnd einem kleinen Tisch bestand, diesen kleineren Tisch einer Gesellschaft von zehn intimeren Bekannten überließ — und daß jeder einzelne dieser zehn Teilnehmer Minhag Frankfurt dem — Minhag Polen vorzog, das, Herr Rabbiner, ist Geschmacksache! Es ist wohl überflüssig auf diesen Punkt näher einzugehen, nachdem — über den Redestrom wenigstens — Sie selbst Klage führen. Und nun Herr Rabbiner, gestatten Sie eine kleine persönliche Randbemerkung. Wer bedachte Sie mit Fleischwaren, Kakes, als Sie gleich auf der ersten Etappe hungernd einer Unbekannten Ihr Leid klagten? Auch dies ist Minhag Frankfurt und es wäre einfach mehr gentlemanlike gewesen, der „ohne Mann reisenden Dame" in diesem Zusammenhänge zu gedenken. Baden bei Wien, den 20. Juli 1905. „Ein Brief, der mich erreichte", — die vorstehende Zuschrift, die mir im Bürstenabzug von der geschätzten Redaktion d. Bl. zugesendet worden ist — beschäftigt sich mit den „Randbemerkungen" zu meiner Broschüre „Nach Osten" in einer Weise, die es mir zur Pflicht macht, mich aufklärend zu äußern. Der anonyme Schreiber dieses Briefes erinnert mich lebhaft an den schielenden Richter, der drei vor ihm erschienene Zeugen zu vernehmen hat. „Wie heißen Sie?" stellt er die Frage an den ersten Zeugen. Sein schielendes Auge ist hiebei auf den nebenstehenden zweiten Zeugen gerichtet. Selbstverständlich antwortet dieser und spricht: „Ich heiße Maier". Erbost wendet sich der Richter an diesen Zweiten mit dem Ausrufe: „Habe ich S i e gefragt!?" Bei dieser Wendung schielt sein Auge auf den dritten nebenstehenden Mann und dieser ruft entrüstet: „Was wollen Sie von mir, Herr Richter, habe i ch denn was gesagt!?" Wie dann die Entwirrung dieses wirklich peinlichen Verhöres geendet hat, darüber schweigt die Geschichte. Wieso nun der Herr Anonymus dazukommt, sich einer „ohne Mann reisenden Dame" anzunehmen, die mit so guter Frankfurter Atzung — nebenbei bemerkt, nicht als „Unbekannte", sondern als sehr fromme Hausfrau wohlbekannt, nicht nur mir, sondern auch noch einigen Mitreisenden — aufgewartet hat, wird mir erst begreiflich, wenn ich mich dieses schielenden Richters erinnere. Es klingt an die Debatte zwischen Richter und Zeugen „habe ich Sie gefragt?" Habe ich denn was gesagt!?" Denn wer den Prospekt durchlieft, in welchem die Namen der einzelnen Mitglieder der Reisegesellschaft verzeichnet sind, wird finden, daß es mehrere Damen ohne männliche Begleitung auf dem Schiffe gegeben hat — warum spricht also gerade — Frankfurt? Es ist auch in meinen „Randbemerkungen" keiner Dame als solche nahegetreten worden, in keiner Weise, die überhaupt geeignet wäre, auf irgend jemanden „ein schlechtes Licht zu werfen", wie der Herr Anonymus sich auszudrücken beliebt, denn es wurde keine andere Konklusion daran geknüpft, als: „Es ist dadurch den Veranstaltungen von gesellschaftlichen Zerstreuungen zuviel konzediert worden". Das ist vielleicht streng gedacht, aber als eine Aeußerung über eine fromme Pilgerfahrt von einem Rabbiner doch begreiflich. Es fehlt also jedem Angriff, sowohl sachlich, als individuell jede Grundlage.