Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 30 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021602-3021633--14681-3039404- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Nr. 30 Seite 477 zrt*. ,^-C »i—griff i1 ■ BrfcüLJwQatJWS»» Dr. Bloch's Wochenschrift. Darauf sah ich sie eine Stunde hintereinander in dem Brief lesen, immer aufs Neue beginnend und mit jedem Male belebten sich ihre Züge mehr. „Jankele fragt, was unser Goldele macht", sagte sie mir eine Stunde später und jäh zeigte sich eine große, blinkende Träne in ihren Augen, welche uns wie der erste Regentropfen in einer Zeit schrecklicher Dürre erschien .. . An demselben Tage schrieb sie an Jankele einen Brief. Er war fast unlesbar, so hatte sie ihn mit ihren Tränen übergossen. Goldele, schrieb sie dem Gatten, schlafe gerade, während sie den Brief schreibe. Gleichfalls an demselben Tage legte sie sich ihre Sachen auf dem Nähtischchen zurecht und begann mit einem Eifer und einer Emsigkeit zu arbeiten, als wollte sie ihre traurigen Gedanken in ein Meer von Arbeit versenken, was ihr jedoch nicht gelingen wollte, denn fast mit jedem Nadelstiche rollte eine Träne aus ihren Augen. Sie sprach äußerst selten und dann nur das Unentbehrlichste. Nur wenn ein Brief von Jankele anlangte, erschien ein Lächeln auf ihren Lippen, ein stilles seliges Lächeln, wie das einer Verklärten. In keinem Brief versäumte Jankele sich nach dem Kinde zu erkundigen, immer blieb ihre Antwort die gleiche, das kleine Goldele schlafe, während sie den Brief schreibe, gar süß und selig. In einem seiner Briefe teilte Jankele mit, daß er bereits eine Schlacht mitgemacht habe, daß er wegen seiner tapferen Haltung dekoriert wurde und im Militärrange eine Stufe höher gestiegen sei. An jenem Tage wollte das selige Lächeln gar nicht mehr von ihren Lippen weichen, es geschah sogar etwas, was uns in dem ersten Augenblicke hoch erfreute, Rachele summte während der Arbeit ein Liedchen vor sich hin. Doch als wir aufmerksamer lauschten, mußten wir erschrecken, denn es war jenes Wiegenliedchen, mit welchem sie ihr Goldele einzuschläfern Pflegte. Das wiederholte sich sehr oft. Mitten in der Nacht, zu welcher Zeit sie meistens noch bei ihrer Arbeit sich wachhielt, klang nicht selten jenes Liedchen gar tief und feierlich zu uns herein. Einmal machte ich eine Wahrnehmung, die mich in noch größere Angst versetzte: Rachele sang wieder während der Arbeit jenes Liedchen und dabei hob und senkte sie ihren rechten Fuß, wie wenn sie eine Wiege schaukeln würde . . . Gerade um. jene Zeit hatten wir die Hände voll zu tun, und es war eine traurige Arbeit, die wir zu verrichten hatten. Der Kriegsschauplatz befand sich nämlich nicht weit von unserem Städtchen, und viele Privathäuser wurden als Spitäler verwendet, die sich jeden Tag mehr mit verwundeten Kriegern füllten, darunter auch viele jüdische, von welchen die meisten ihren gräßlichen Wunden erlagen. Das forderte die ganze Tätigkeit unseres Berufes. Just an einem jener Tage erhieit Rachele ein Schreiben von Jankele, doppelt freudigen Inhaltes: „Ich habe bereits drei Schlachten mitgemacht", teilte er mit, „die Kugeln umsausten von allen Seiten mein Haupt, manche derselben pfiffen hart an meinem Ohr vorüber, aber Gott in seiner Barmherzigkeit hat immer die tödtliche Kugel von mir abgewendet. Wie der Oberst mir heute sagte, ist die beste Anssicht vorhanden, daß ich nächsten Sonntag schon bei dir sein werde. Wie wird es lustig zugehen! Aber du wirst doch, liebe Rachele, dein Versprechen einhalten und mir mit Goldele im Arme entgegenkommen. — Nicht wahr? —" Wie ein neuer Geist kam es über Rachele nach dem Lesen dieses Briefes. Sie schien auf einmal Flügel und tausend Arme erhalten zu haben, so sehr rührte und regte sie sich und flog hurtig im Zimmer umher. Aus allen Winkeln lachte es. Ihre säubernden Hände zauberten in dem kleinen Raume tausend Lieblichkeiten hervor. Natürlich hielt sie ihr Versprechen. Am darauffolgenden Sonntag fing sie schon Frühmorgens an, sich für den Empfang zu schmücken, ganz, wie sie ihm versprochen, in dem schönen weißen Hochzeitskleid, in welchem ihre zierliche, schlanke Gestalt stch doppelt reizend ausnahm. Ich und meine selige Frau schlossen sich ihr an, um mit ihr den Weg weit außerhalb der Stadt zu machen, wo die Transporte der heimkehrenden Soldaten anzulangen pflegten. Rachele strahlte vor Freude, aber in dem Augenblicke, wo sie das Zimmer verlassen sollte, wandte sie bei der Tür den Kopf um und ließ den Blick suchend im Zimmer umherschweisen. „Wem suchst du?" fragte ich. „Mein Goldele", erwiderte sie, während Leichenbläffe ihr Antlitz überflog. „Ich habe ihm ja versprochen, sie mitzunehmen". „Was sprichst du, mein Kind? wies ich sie zurecht, während das rasende Weh mir das Herz zusammenschnürte. Sie erwiderte nicht, sondern strich sich mit der Hand über die Stirn und ging dann stille neben uns her. Der Transport, der uns entgegenkam, war am wenigsten geeignet, die trübe Stimmung Racheles zu zerstreuen .... Große, gedeckte Wagen, die hinter den heimkehrenden Kriegern herraffelten, waren voll mit Verwundeten. Viele, die in strotzender Gesundheit ihr Heim verließen, kehrten als Krüppel zurück, ohne Hände, ohne Füße, mit halbzerriffenen Leibern. Jankele war mit diesem großen Transporte nicht angelangt . . . Rachele wurde seit damals nicht müde, jeden Tag, geschmückt in ihrem Hochzeitskleide, den heimkehrenden Soldaten entgegenzugehen, in der Hoffnung, daß mit ihnen ihr Jankele anlangen werde. Jeden Tag kehrte sie düsterer nach Hause zurück, aber sie versäumte nicht trotzdem Tags darauf sich abermals zu schmücken und denselben Weg zurückzulegen. Es ward uns immer banger, unheimlicher zu Mute. Unterdessen nahm unsere traurige Beschäftigung immer mehr zu, denn mit den heimkehrenden Soldaten zog auch jene Krankheit in die Stadt, die nach jeder Schlacht die blutige Nachlese bildet — die Cholera. Seit jener Zeit brachte meine Frau die Tage und Nächte im jüdischen Krankenhause zu, um teils die Kranken zu pflegen und teils auch die Ausstattung der vielen Toten, die mit jedem Tage sich häuften, zu besorgen. Da geschah es an einem jener Tage, während unser Rachele geschmückt wie immer, sich auf ihren täglichen Gang vorbereitete, daß die Tür ausgeriffen wurde und ein Krankenwärter mit dem Rufe hineinstürzte: „Um Gotteswillen, eilen Sie so rasch Sie können ins Krankenhaus, Ihre Frau liegt im Sterben!" Mehr sah, mehr hörte ich nicht, ich stürzte fort und hinter mir her Rachele ins Krankenhaus . . . „Wo ist meine Frau?" mit diesem Rufe stürmte ich ius Vorzimmer. „In der Totenkammer", war die brutal kurze Antwort. Nicht Füße, sondern Flügel trugen mich hin . . . In der Totenkammer lagen viele Leichen nebeneinander. In meiner Verwirrung konnte ich keine einzige unterscheiden. Alles drehte sich mit mir im Kreise herum und vor meinen Augen lag es wie ein dichter Nebleflor. Da stieß Rachele plötzlich einen furchtbaren, gellenden Schrei aus, der einen Namen nannte, aber es war nicht der meiner Frau, sondern der meines Sohnes: Jankele. Ich packte mich an der Brust und fuhr entsetzt zurück, denn in diesem Augenblick gewahrte ich zwei Leichen — meine Frau zu Füßen unseres Sohnes Jankele. Was mit mir und meiner Rachele den ganzen Tag weiter geschehen ist, weiß ich nicht mehr, ich weiß nur, daß ich an demselben Tage zwei der mir auf Erden Teuersten, mein Weib und mein einziges Kind in den Sterbegewändern gekleidet sah, die ich mit meinen Händen genäht und angesertigt habe. Ich weiß nur, daß ich und Rachele diesen beiden Leichen auf den Friedhof folgten, wo man sie in zwei nebeneinander befindliche Grüfte hinabsenkte. Erst später erfuhr ich das Nähere: Jankele wurde auf seinem Heimwege in einem Treffen mit einer feindlichen Kompagnie tätlich verwundet und als Toter in die Stadt gebracht. Meine Frau, die ihn urplötzlich gewahrte, starb an einem Herzschlag.