Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 30 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 476 Dr. LLocb's Mocdenscbritt. Nr 30 Erst nach dem Gewitter wurde der Gottesdienst in einem anderen Lokale fortgesetzt. Es ist ein Wunder Gottes zu nennen, daß kein größeres Unheil entstanden ist." Trebitsch Mit Schluß des heurigen Schuljahres ist der hiesige Oberlehrer Adolf Freund nach mehr als 40jähriger Dienstzeit in den Ruhestand getreten. Mehr als drei Dezennien seiner gesamten Dienstzeit verbrachte er in Trebitsch an der Schule der Jsraelitengemeivde. Sein rastloser Berufseiker und seine segensreiche Tätigkeit wurden in der am 3. Juli abgehaltenen Bezirkslehrerkonferenz vom Bezirksschulinspektor PlaLek besonders gewürdigt. Von der hierortigen Lehrerschaft wurde Oberiebrer Freund wegen seiner Kollegialität und seines gewinnenden Wesens jederzeit hochgeehrt. 1896 wurde er zum Ehrenmitgliede des hierortigen Lehrervereins ernannt. Die Schlußseier gestaltete sich zu einer Ovation für den Jubilar. Die Gemeindevertretung, der Ortsschulrat, das Damenkomitee, Abordnungen mehrerer Vereine und viele Damen und Herren hatten sich eingefunden, um ihre Sympathien für den Jubilar zum Ausdrucke zu bringen. Bürgermeister Adolf S u b a k. der stellvertretende Obmann des Schulrates. Berthold Subak und Dr. S. Pollak schilderten die Verdienste, die der Jubilar sich um Schule und Gemeinde erworben, und beglückwünschten ihn. Mehrere von den Anstaltsschülern vorgetragene, auf die Feier Bezug habende Deklamationen fanden großen Beifall. Nachdem noch eine Schülerin der zweiten Klaffe im Aufträge des Damenkomitees zur Bekleidung armer Schulkinder dem Jubilar Dank gesagt und ihm eine Blumenspende überreicht hatte, entwarf Lehrer Konate'k ein getreues Bild von Oberlehrer Freunds Wirken als Mensch, Lehrer und Kollege und drückte dem Scheidenden in seinem und seiner Kollegen Namen den Dank aus. Mit einer Dankrede des Jubilars und mit der Absingung der Volkshymne fand die würdige Feier ihr Ende. NikolSburg. (Ehrung.) Am Schluffe des verfloffenen Schuljahres waren fünfunddrcißig Jahre verstrichen, während welcher Herr Lehrer Bernhard Krakauer eine überaus segensreiche Tätigkeit an der fünfklassiaen Volksschule der hierortigen Jsraelitengemeinde entfaltet hat. Seine eminenten pädagogischen Fähigkeiten, die er sowohl beim Unterrichte der profanen Gegenstände, sowie nicht minder als Religions- und Talmudlehrer bekundete, der jugendliche Enthusiasmus, den er in Ausübung seines schwierigen und verantwortungsvollen Berufes in stets unverminderter Weise entwickelte, sowie seine seltene Bescheidenheit sicherten ihm die Liebe und Verehrung seiner zahlreichen Schüler, von denen viele heute hochgeachtete gesellschaftliche Positionen einnehmen, sowie die wärmsten Sympathien der Mitglieder der hiesigen Gemeinde. Diese allgemeine Hochachtung und Wertschätzung, deren sich Herr Krakauer zu erfreuen hat, fand am verflossenen Samstag ihren sichtbaren Ausdruck in einer prachtvoll ausgestatteten Adresse, die dem verehrten Lehrer anläßlich seines Uebertrittes in den dauernden Ruhestand von einer Deputation der Gemeindevertretung mit Herrn Bürgermeister Moriz A b e l e s an der Spitze, einer Abordnung des Ortsschulrates, geführt vom Obmanne Franz Deutel, in Anwesenheit des Herrn Rabbiners Ehrwürden Dr. M. Lew in, sowie des Herrn Kullusvorstehers Philipp K o b n überreicht wurde. Der Obmann des Ortsschnlrates Herr Franz Deutsch richtete an den Jubilar eine warmempfundene Ansprache, in welcher er dessen verdienstvolles Wirken in der Schule hervorhob, worauf die Adresse in ihrem Wortlaute verlesen wurde. Rabbiner Dr. L e w i n gratulierte gleichfalls, gab jedoch gleichzeitig seiner Freude darüber Ausdruck, daß Herr Krakauer auch fernerhin seine wohlbewährte Kraft in den Dienst des Religionsunterrichtes zu stellen gesonnen sei. Tiefgeiührt dankte der Jubilar, der in allzugroßer Bescheidenheit sich jede prunkvolle Festivität verbeten batte, für die ibm dargebrachte Ovation. Möge es dem wackeren Jugendbildner von einer gütigen Vorsehung beschieden sein, eine ungezählte Reihe von Jahren die wohlverdienten Früchte seiner segens. reichen Wirksamkeit im Kreise seiner Angehörigen genießen zu dürfen. Rokyeau (Böhmen). (Diamantene Hochzeit.) Samstag, den 29. Juli d. I. feiert Herr Leopold Lederer mit seiner Gattin Rosa das seltene Fest der diamantenen Hochzeit. Die Jubilare sind noch sehr rüstig und erfreuen sich einer geistigen Frische. In Anbetracht der allgemeinen Achtung und Wertschätzung, deren sich das Greisenpaar erfreut, dürfte es von Verwandten und Freunden aus Nah und Fern beglückwünscht werden. Hilfsverein der Deutsche« Jude«. Der Hilfsverein der Deutschen Juden, der zur Linderung der ersten dringenden Bedürfnisse 3000 Mk. nach Shitomir gesandt hatte, hat jetzt eine weitere Summe von 20.000 Mk. dorthin überwiesen. 10.000 Mk. davon sind eine gemeinsame Spende des Hilfsvereins der Deutschen Juden, der Großloge für Deutschland VIII. U. O. B. B. und des Hilfskomitees für die notleidendenden osteuropäischen Juden in Frankfurt a. M. und 10.000 Mk. wurden dem Hilfsverein der Deutschen Juden von dem London Committes of the Deputies of the British Jews freundlichst zur Verfügung gestellt. Ferner hat der Hilfsverein für die durch Feuersbrunst heimgesuchten Gemeinden in Daugi und Bakscht in Rußland 900 Mk. bewilligt. Der Dreschgraf an der Arbeit. Am 21. Juli abends wurde in Berlin eine Versammlung des Grafen Pückler aufgelöst. Graf Pückler richtete diesmal seine Angriffe gegen die jüdischen Professoren, Privatdozenten, Theaterdirektoren und Bankiers. Dann machte er Mitteilung, daß er sich vom politischen Leben zurückziehen werde, falls seine Agitation gegen das Judentum nicht ernst aufgefaßt würde. Die antisemitische Bewegung sei schon 25 Jahre alt und habe noch nichts erreicht, man hätte eben nicht die richtigen Mittel angewendet, die Judenfrage sei nur mit dem Knüttel zu lösen. Als Graf Pückler dann zur Plünderung der jüdischen Warenhäuser aufforderte, erhob sich der Polizeihauptmann und erklärte die Versammlung für geschlossen. Feuilleton. Aus finstern Zeiten. Eine Erzählung aus dem jüdischen Leben Galiziens vor fünfzig Jahren. Von Nathan Samuely. Dreizehntes Kapitel. Die ganze Nacht und den Vormittag des nächsten Tages lag die arme Rachele in einem völlig bewußtlosen Zustande in der Wohnung der Nachbarin. Das hatte sie in der Tat wenig zu bedauern. War ihr ja dadurch ein Anblick erspart, vor dem mir noch jetzt graut, wenn ich mich daran erinnere. Sie sah nämlich nicht, wie der Totengräber kam, um das tote Kind abzuholen, wie er es mit rohen, läppischen Händen aus der Wiege hob, es wie ein Knäuel zusammenkollerte und in seinen schmutzigen Korb steckte, mit welchen er, wie ein wahrer Bote der Hölle, die Gasse hinunterrannte. Erst gegen Abend schlich Rachele ins Zimmer. Mit geisterhaften, glotzenden Augen spähte sie im Zimmer umher und dann trat sie mit unheimlicher Gebärde vor mich hin. „Vater, wo ist mein Goldele?" fragte sie mit hohler, tonloser Stimme. „Dein Goldele", erwiderte ich und die heißen Tränen rollten mir die Wangen hinunter, „Dein Goldele ist im Himmel." „Im Himmel", wiederholte sie und kein Wort kam weiter über ihre Lippen. Still ließ sie sich auf einen Fußschemel nieder, barg den Kopf in ihre Hände und saß ohne nur ein Wort zu sprechen. Keine Träne feuchtete ihre Augen, kein Seufzer hob ihre Brust. Dabei war sie gefügig wie ein willenloses Kind. Sie aß, wenn wir ihr Essen vorsetzten, sie trank, wenn sie dazu aufgefordert wurde, sie legte sich ins Bett, stand auf, tat Alles, was wir von ihr verlangten. Mm sechsten Tage überreichte mir der Briefträger ein Schreiben für Rachele.. Die Schriftzüge verrieten mir, daß es von Jankele kam. „Rachele! Hier hast Du einen Brief von Deinem Manne", sagte ich, ihr das Schreiben überreichend. Sie starrte mich an und ließ dasselbe schlaff in ihren Schoß fallen. „Von Jankele einen Brief", wiederholte ich, indem ich das Schreiben von ihrem Schoß aufhob und geöffnet ihr nahe vor die Augen hielt. Da zuckte es plötzlich wie Leben in ihrem Gesichte und die Starrheit ihrer Glieder wich einem Schauer, der wie ein elektrischer Strom durch ihr ganzes Wesen fuhr. Rasch, mit ungeahnter Hast, nahm sie mir den Brief aus den Händen.