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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-07-28 · 30 (28.7.1905) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
30 (28.7.1905)
Date
1905-07-28
Page
– (sequence 10)
Language
German
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<?f te 474 Är. Dlocb's Mocbenscbrtkt. Nr. 30 Jüdische Dörfer in Deutschland. Während es in Rußland und Oesterreich eine große Anzahl von Städten und Dörfern gibt, in denen die Inden die Mehrheit der Einwohner bilden, dürfte ein solcher Ort in Mitteldeutschland eine Seltenheit und deshalb der Erwähnung wert sein. Es ist das Dorf Rhina in der Provinz Hessen-Nassau, das (nach der Volkszählung vom 1. Dezember > 9< 0) unter 569 Einwohnern 297 Juden zählt. Der Grund für den hohen prozentualen Anteil der Juden dürfte darin zu suchen fein, daß die Juden in Hessen früher nur ein örtlich sehr beschränktes Wohnrecht hatten und daß gerade die Ritterschaft, zu der der Ort Rhina gehörte, den Juden zum Wohnen freigegeben war. Im Gemeinderate zu Rhma sind unter 12 Mitgliedern 9 Juden. Orte, in denen die Juden ein Drittel der Gesamtbevölkerung ausmachen, gibt es übrigens in Deutschland mehrere; wir nennen z. B. Rexmgen (Württemberg) mit 387 Juden unter 1080 Einwohnern. Battenhausen (Württemberg) mit 229 Juden unter 677 Einwohnern. Gailingen (Baden) mit 666 Juden unter 1702 Einwohnern. Kl. Eichholzheim (Baden) mit 74 Juden unter 223 Einwohnern. Es ist bemerkenswert, daß alle diese Orte in Süddeutschland liegen. In den preußischen Ostprobinzen, insbesondere in Polen, in denen es früher Orte mit sehr dichter jüdischer Bevölkerung gab, existiert unseres Wissens heute kein Ort mehr, in dem der Anteil der Juden unter der Gesamtbevölkerung 20 Prozent erreicht. Die relativ stärkste jüdische Bevölkerung dürften, wie die Zeitschrift für jüdische Statistik feststellt, in der Provinz Posen die Orte Janowitz mit 223 Juden unter 1566 Einwohnern und Kempten mit 1059 Juden unter 5718 Einwohnern aufweisen, was einem Prozentsätze von 14-24 bezw. 18-52 entspricht Wie Ludwig Traube Professor wurde. In der „Münch. Medizinischen Wochenschrift" veröffentlicht Hofrat Dr. Joh. Merkel-Nürnberg einen Aufsatz über Johann Lukas Schönlein, den Begründer der modernen Medizin. Schönlein wurde 1833 von der bayerischen Regierung seines Amtes als Professor an der Würzburger Universität entsetzt, ging dann nach Zürich und wurde 1840 als Leibarzt Friedrich Wilhelms IV. nach Berlin berufen. König Friedrich Wilhelm IV. von Preußen und sein Leibarzt Schönlein, zwei sehr geistreiche Männer und Duzfreunde, ließen oft töte-ü-tete beim Wein Geist und Witz sprühen. Es war um die ersten Fünfziger-Jahre, als Schönlein seinen ersten Assistenten und Privatdozenten Traube als Referent im Ministerium zum außerordentlichen Professor vorschlug. Der König bemerkte, als er den Akt unterzeichnen sollte, am Rande: „Niemals, weil Jude!" Schönlein verhielt sich ruhig, ließ es sich aber angelegen sein, bald wieder ein Symposion zu provozieren. Als sich Se. Majestät in heiterster Sektstimmung befand, sprang Schönlein aus, angeblich zu einem Krankenbesuch gerufen, und in höchster Eile legte er noch ein Schriftstück vor mit den Worten: Unterschreibe diese Kleinigkeit, daß ich dich morgen nicht behellige!" Der König, ohne sich weiter zu informieren, Unterzeichnete. Es war das Dekret für Traube, dessen Wortlaut am nächsten Tag in den Blättern zu lesen war: als außerordentlicher Professor der propädeutischen Klinik an der Berliner Universität. Der König, weit entfernt, erzürnt zu sein, lachte über die Schalkhaftigkeit seines Leibarztes. So wurde Traube, der sich um die physiologische Richtung der Medizin besonders verdient machte, klinischer Lehrer. Ein Pariser Ghetto. In Paris besteht ein eigenartiges Judeuviertel, dessen kosmopolitische Bewohner jeden Tag anwachien und aus allen Teilen der Erde anlangen, meist aus Rußland, Polen, Galizien. Ihre ganze Habe besteht aus einem Schnupftuch, in das die wenigen Habseligkeiten gebunden sind, die sie ihr eigen nennen. Wo man in einem oder zwei Zimmerchen zu sieben oder acht bereits auf winzigen Matratzen auf dem Fußboden schläft, findet sich auch noch Platz für einen Neuangekommenen, der am nächsten Tage manchmal noch einen Kameraden heranschleppt. Dieses Ghetto, das sich sozusagen frei gebildet hat, ohne daß es jemals Ketten abschlossen, wie in Rom, befindet sich, wie das Zionistenorgan „Jüd. Rundschau", mitteilt. am äußersten Ende des Marais-Viertels mitten im Herzen des alten Paris. Die Seine zieht an der einen Seite den Schlußstrich mit ihrem Wasserbande. Auf den meisten der kleinen Schenken sieht man hebräische Inschriften. Man hört hier fast alle Sprachen, hauptsächlich deutsch und russisch, wenig französisch. Ohne jeden Zwang, lediglich auf Grund der Stammeszusammengehörigkeit, hat sich hier seit langem inmitten des Seinebabels eine jüdische Bevölkerung isolieren können, die das Hauptkontingent der Hausierer auf den jahraus jahrein um Paris herumziehenden Jahrmärkten und auf den Rennplätzen stellt. Und die sind natürlich am Tage tn alle vier Winde zerstreut und kommen erst spat nachts heim. Was daheim sitzt, das sind Mützeuarbeiter, Schneider und Kürschner. Das sind die drei hauptsächlichsten Gewerbe, die in diesem Viertel ausgeübt zu werden scheinen. Nur wenige Kneipwirte gehören nicht dem jüdischen Stamme an. Uebrigens fehlt es auch hier nicht an solchen, die wie ihre Kollegen vom Montmartre den Verbrechern nächtlichen Unterschluof gewähren oder ihre Kasse mit den reichen Erträgnisien des Mädchenhandels füllen. Die algerischen Inden trifft man hauptsächlich in einer Bar der Rue Franoois Miron, deren Besitzer gerade kerne zärtlichen Gefühle für sie hegt. Sie machen wenig Lärm, aber sie sitzen phlegmatisch in ihrem Winkel, rollen ihre Zigaretten mit gelbem Tabak und trinken — nichts. Die jüdische Kolonie des Marais ist die älteste und charakteristischeste von Paris. Sie erneuert sich unausgesetzt. Es ist ein ewiges ruheloses Wandern. Der Emanzipationskampf der russischen Juden. Es hat sich in Petersburg eine besondere Organisation gebildet, der Verein zur Emanzipation der Juden in Rußland, und dieser Verein hat nach allen Städten des von Juden bewohnten russischen Gebietes folgenden Aufruf gesandt: Nach den Informationen, die uns aus sicherer Quelle zugegangen sind, schließt der Vorschlag, betreffend die Einberufung von Volksvertretern, der dem Ministerkomitee zur Prüfung vorliegt, die jüdische Bevölkerung von jeder Teilnahme an der konstituierenden Versammlung aus. Als Grund für diese Ausschließung wird die Tatsache angeführt, daß die die Juden beschränkenden Gesetze noch nicht aufgehoben seien. Und obgleich der ministerielle Vorschlag zur Basis hat das Reglement der Semstwos von 1864, das hinsichtlich der Juden keinerlei Beschränkung enthält, wird eine, die einzige, Beschränkung dieses Reglements von 1864 zum Nachteil der Juden gemacht und beraubt sie nicht nur des Rechtes der Wählbarkeit, sondern auch des Rechtes, Wähler zu sein. Es ist kaum nötig, hinzuzufügen, daß, wenn dieser Entwurf Gesetz geworden ist, die Juden endgiltig auf die Stufe von Parias hinabgedrückt sein werden, und er demnach einen sehr ernsten Angriff auf die moralischen und materiellen Interessen der russischen Juden enthält. Aus diesem Grunde und nach reiflichster Prüfung der durch diesen Entwurf für die Juden geschaffenen Lage haben wir beschlossen, mit allen möglichen Mitteln zu warnen und auf der Hut zu sein. Außerdem aber wäre es wünschenswert, daß von diesem Augenblicke an die Juden ihre Ansicht über den Regierunasentwurf in Kollektiverklärungen kundgäben durch in öffentlichen Versammlungen gefaßte Resolutionen, durch Telegramme an die Zeitungen der Hauptstadt usw. Angesichts der außerordentlichen Bedeutung der Frage bitten wir Sie ohne jeden Verzug Versammlungen und Vereinigungen zu organisieren und in Resolutionen und Tagesordnungen die Ansichten der jüdischen Bevölkerung hinsichtlich des der Beratung des Ministerkomitees unterliegenden Entwurfs bekannt zu geben. Wir erwarten mit Ungeduld ihre Antwort und die Mitteilung der Resolutionen und Tagesordnungen. Das Bureau der Vereinigung, für die Emanzipation der Juden in Rußland. Eine große Anzahl jüdischer Körperschaften har denn auch sehr energische Kollektivproteste an die großen Zeitungen in Petersburg gerichtet. Die Schreckensherrschaft in Odessa. Von einer mit den russischen Verhältnissen sehr vertrauten Persönlichkeit erhalten wir nachstehende Mitteilungen über die gegenwärtige Situation in Odessa: Nach den aus Odessa einlangenden Nachrichten gestalten sich die Verhältnisse im Gouvernement Odessa' immer unerträglicher. Schwer lastet auf der gesamten Bevölkerung die eiserne Faust des Pazifikators Grafen Jgnatiew. Ein ganzes Heer von Agents provocateurs wurde sowohl in der Stadt Odessa selbst als in der Umgebung aufgeboten, um die Bevölkerung zu Exzessen gegen die Juden zu haranguieren. Graf Jgnatiew ist seit jeher als Befürworter der Judenverfolgungspolitik bekannt, und es unterliegt keinem Zweifel, daß die offizielle Judenhetze, die jetzt im Gouvernement Odessa neuerdings in Szene gesetzt wird, in erster Reihe auf seinen Einfluß zurückzuführen ist. Bezeichnend ist übrigens, daß der Graf, als er vor einigen Tagen in Jelisawetgrad weilte, die notablen Juden der Stadt zu sich berief, um ihnen mitzuteilen, er sei entschlossen, die ganze Stadt einfach zu demolieren und nicht einen Stein auf dem anderen zu lassen, wenn die jüdische Jugend fortfahren sollte, die revolutionären Elemente zu unterstützen. Dem „Standard" wird gemeldet: Die Verhaftungen, die in den letzten beiden Tagen in den intelligenten Bevölkerungs-

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