Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 30 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 30 Dr. Dlocb's Mlocbenscdrlrr, Seile 471 Polen und Armeniern befinden, von liberalen Semstwoleuten. Studenten, Gymnasiasten, Aerzten, Schriftstellern, Lebrern. Jntellektnellen überhaupt-. Gegen alle diese Leute wird das Volk aiifgehetzt, sie alle werden als die schlimmsten Feinde des Vaterlandes bezeichnet. Und wir sehen auch, daß wir jetzt nicht nur Judenexzesse haben, sondern auch schreckliche Niedermetzelungen der Armenier auf dem Kaukasus, empörende Ueberfälle auf Gymnasiasten in Kursk und Pikow, einzelne Uebeifälle auf Studenten, besonders in den Univeisitälsstädten. Manche Aerzte und Lehrer mutzten ihre Stellen verlassen infolge der feindlichen Stimmung der Bauern, wie z. B. im Gouvernement Saratow. Die mündliche und schriftliche Agitation der Regierung gegen die Juden hat sich also kolossal entfaltet. Und doch muß konstatiert werden, daß die Wirkung dieser kolossalen Agitation nicht allzu stark ist. denn die Judenexzesse standen in k inem Verhältnis dazu, und in sehr vielen Städten, wo die Agitation gegen die Juden von den Poliz^iagenten sehr arg getrieben wurde, ist sie dank der starken jüdischen Arbeiterorganisation völlig mißlungen. Gehen wir zu der Frage über, wie sich bei den jetzigen Exzessen die jüdische Bevölkerung verhält, insbesondere die Arbeiterschaft. In den Achtziger-Jabren war von den Juden außer in Warschau und noch einigen Städten überhaupt gar kein Widerstand geleistet worden. Die Inden versteckten sich in den Kellern, vor ihren Augen wurde ihr L>ab und Gut zerstört, ihre Nächsten getötet oder verwundet, ihre Frauen und Töchter vergewaltigt. Das Schreckliche dabei waren nicht nur alle diese Gräuel, sondern nicht minder, daß dagegen kein Widerstand geleistet wurde, daß die Leute sich wie Kälber hinschlachten ließen. Einen besonderen Vorwurf kann man selbstverständlich den Leuten daraus nicht machen; denn man konnte damals von den dreimal geknechteten jüdischen Bürgern Rußlands nicht verlangen, daß sie dasselbe Maß von Menschenwürde besäßen wie diejenigen, die in der Atmosphäre der politischen Freiheit und bürgerlichen Gleichberechtigung anfgewachsen sind. Um >o mehr müssen wir aber den Umschwung bewundern, der in den letzten Jahren eingetreten ist. Wie bekannt, existiert schon seit mebr als 15 Jahren die Arbeiterbewegung innerhalb der Juden in Rußland. Seit dem Jahre 1897 hat sich der „Allgemeine jüdische Arbeiterbund" gebildet, der mit jedem Jahre an Stärke und Bedeutung zunimmt und der zurzeit unstreitbar zu den mächtigsten Faktoren des russischen Ges llscbaftslebens gehört. Der „Bund" hat seine Tätigkeit in den größten wie in den mittleren Städten bis in die kleinsten jüdischen Flecken entfaltet. Diese Bewegung mußte selbstverständlich das geistige Niveau der Arbeiterichaft heben Es entstand in derselben ein starkes Drängen nach Wissen, es bildete sich ein großes Interesse an verschiedenen gesellschaftlichen Fragen heraus, am Leben und an den Einrichtungen der westeuropäischen Länder. Jeder Schritt der Bewegung mußte durch harten Kampf erobert werden, und diese Schule war es, die den Juden, der ehemals vor jedem Polizeihut zitterte, zu einem Bürger im vollen Sinne des Wortes erzogen hat. Und diese Tätigkeit des „Bundes" war es, die revolutionierend auch auf die verschiedenen Schichten der jüdischen Bourgeoisie wirkte, was auch von dem größten Teile der letzteren offen zugegeben wird. Dies zeigt am besten die Tatsache, daß sie den „Bund" unterstützen, und das ist auch sehr verständlich, denn wenn sie auch das Endziel desselben - den Sozialismus — nicht teilen, so verstehen sie ganz gut, daß das nächste Ziel, zu dem der „Bund" strebt — die Erkämpfung einer Verfassung ans demokratischer Grundlage, die politische und bürgerliche Gleichberechtigung — dem ganzen jüdischen Volke zugute kommen wird. Dieser Umschwung in dem Leben des jüdischen Volkes mußte selbstverständlich sein Selbstbewußtsein imd seine Menschenwürde heben. Die traditionelle Furchtsamkeit war verschwunden, und daher ist es kein Wunder, daß der jüdische Proletarier eher sein Leben als seine Ehre hingibt. Der Selbstschutz kommt jetzt auf den Plan, und fast in jeder Stadt, wo die Flamme der Jndenkrawalle aufloderte, war er tätig. Kischinew war die einzige größere Stadt, wo die Arbeiterorganisatlon keinen tätigen Selbstschutz organisiert hatte. Und das ist zu erklären erstens dadurch, daß die Arbeiterbewegung dort sehr schwach war, zweitens weil Militär und Polizei auf brutalste Weise jeden Widerstand der Juden niederdrückte. Aber dann folgte Homel, wo der Krawall schon nicht so ganz unerwartet kam. Dort war ein sehr tätiger Selbstschutz organisiert. Alle Augenzeugen stimmen überein, daß, wenn das Militär nicht auf der Seite der Krawallhelden gewesen wäre, die letzteren sicherlich eine vollständige Niederlage erlitten hä ten. Und trotz dieses Verhaltens des Militärs war die Zahl der getöteten und verwundeten Krawallleute fast dieselbe wie bei den Juden. Der Krawall dehnte sich nur auf ein paar Straßen aus. und der größte Teil der Stadt war gerettet. Besonders heldenmütig haben in der letzten Zeit die Mitglieder des Selbstschutzes in Schitomir gekämpft. Ol.ne den Selbstschutz wäre es dort zu einem zweiten Kischinew gekommen; die Zahl der zerstörten und beraubten Wohnungen ist einfach minimal, aber es war eine förmliche Schlacht zwischen der organisierten Bande und dem Selbstschutz. In Brest-Litowsk, wo die Regierungsbeamten die Reservisten gegen die Juden aufbetzten (es ist festgestellt, daß vorher unter ihnen entsprechende Broschüren von Polizisten verteilt wurden) und wo die Reservisten ebenfalls Flinten bei sich hattm, hat der Selbstschutz das Unglück lokalisiert und den größten Teil der Stadt vor der Plünderung gerettet. Auch diese Stadt kann mit Kummer, aber zugleich mit stolz auf ihre 3 Toten und über 30 Verwundeten blicken. Eine große Bedeutung bat bei der jetzigen Lage des Judentums der geistige Umschwung, der sich in der christlichen Bevölkerung vollzogen hat. Früher konnte dank einer gewissenlosen Agitation den christlichen Volksmassen wirklich eingepaukt werden, daß die Inden nur Wucherer, Ausbeuter und Betrüger seien. Jetzt aber, wo er zusammen mit dem Juden arbeitet, zusammen mit ihm lebt, wo auf Schritt und Tritt die Solidarität zum Ausdruck kommt, und besonders, wo er den schreckenlosen Kampf des jüdischen Proletariats mit der Regierung vor Augen hat, da mußte auch bei dem christlichen Arbeiter eine neue Ansicht über das Judentum überhaupt entstehen Daun aber wird dank der aufklärenden Arbeit auch der christlichen Bevölkerung immer klarer, daß die verbrecherische Regi. rung, um die Aufmerksamkeit vom wahren Schuldigen abuilenken, die christliche Bevölkerung gegen die jüdische aufzuhetzen sucht. Es wird immer klarer. wer der wahre Volksfeind ist. Lesefrüchte. „Denn die Christen sind weder durch Heimat, noch durch Sprache, noch durch äußerliche Bräuche von den übrigen Menschen unterschieden. . . Sie wohnen in der eigenen Heimat, aber nur wie Beisassen; sie beteiligen sich an allem als Bürger und lassen sich alles recht sein wie Fremde. Jede Fremde ist ihnen Vaterland und jedes Vaterland eine Fremde!" Der Brief an Diognetos. Kap. V. (Uralte christliche Schrift, vielleicht vor Justinus) Christliche Wirtschaftsgeschichte im Mittelalter. Die Juden waren des heiligen römischen Reiches Kammerknechte und wurden demgemäß als Hörige und Unfreie angesehen. Es kann daher nicht wundernehmen, daß die Fürsten skrupellos über Personen und Vermögen ihrer hörigen Kammerknechte verfügten. So wurde 1221 in Bvziers der reiche Benjamin an die Tochter des Untergrafen als Aussteuer verschenkt; 1290 schenkte Eduard 1. seinen Bruder Edmund in London den Juden Aron. Ebenso selbstherrlich verfügten die Fürsten über die jüdischen Vermögen. Besonders gern erließen sie ihren christlichen Untertanen die Schulden, die sie bei den Juden hatten. „Um des Seelenheiles seines Vaters", willen erließ Ludwig IX. von Frankreich allen jüdischen Schuldnern ein Drittel ihrer Schulden. Selbst von den bereits bezahlten Summen mußten die Juden ein Drittel wieder herausgeben. Desgleichen befahl er, daß Christen nicht jüdischer Schulden wegen verhaftet, noch ihr Eigentum mit Beschlag belegt werden durfte. In Deutschland waren es besonders Ludwig der Bayer Karl IV. und Wenzel, die jederzeit bereit waren, auf diese billige Weise ihre christlichen Schuldner aus den Händen der jüdischen Gläubiger zu befreien. 1341 erließ Ludwig der Bayer dem Kloster Waldsassen die Schulden, die es bei den Juden von Eger hatte. 1343 erließ derselbe Ludwig dem bis über die Ohren an Kolmarer und Schlettstadter Juden verschuldeten Ulrich von Württemberg die aufgenommenen Beträge, was Karl IV. dem Eberhard von Württemberg 1341 nochmals bestätigte. Die Kolmarer und Schlettstadter Juden waren aber nicht ohne weiteres bereit, dem Kaiser zu gehorchen. Sie warben Söldner, rückten nach Württemberg und pfändeten und raubten die unglücklichen Bauern aus, die also auch in diesem Falle, wie immer, die Suppe, die andere eingebrockt, auslöffeln mußten. 1349 „bezahlte" auf diese Weise Markgraf Rudolf von Baden durch Erlaß Karls I V. die Bären, die er in Straßburg angebunden hatte. Am ärgsten machte es 1390 Kaiser Wenzel. Er trieb das Judenprellen im Engros, aber nur dann, wenn er von der Beute einen hübschen Batzen abbekam. So erließ er dem Herzog Friedrich von Bayern feine jüdischen Schulden gegen eine Zahlung von fl. 15.000. Ebenso-