Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-07-28 · 30 (28.7.1905) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
30 (28.7.1905)
Date
1905-07-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3020846-3021602-3021633--14674-3039397
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seit- 470 Dr. Bloch's Wochenschrift. Nr. 30 mühseligen, vergeblichen Unterhandlungen anzuerkeunen gezwungen war, als er mit dem Ugandaprojekt vor die Oeffentlichkeit trat. Diese Tat zeugte von Mannesgröße; selbst die Skeptiker mußten nun zugeben, daß eine Tat geschehen war, die wohltuend abstach von dem literarischen Bergekreisen und von den von nationalem Pathos geschwellten Redefluten der vielen, vielen volksbeglückenden Neomakkabäeru. — „Uganda", das berufen schien, die bisher skeptisch abseits stehenden Massen des Judentums den politisch-wirtschaftlichen Fragen näher zu bringen, wirkte auf die Zione-Zionisten, also diejenigen, die nun fast mit der Vehemenz der Gegnerschaft ihre Zion-Alleinherrschaft in die Welt schrieen, keineswegs als Erlösungswort. — Und schon sehen wir den in der jüdischen Geschichte stets wiederkehrenden Parteigeist sein Haupt erheben. Mit dem Fanatismus eines jeden Rassen-Nationalismus werden nun — wie früher die Nichtzionisten — die Ugandisten und die noch extremeren Territorialisten, die in konsequenter Weise in jedem erreichbaren Stück Lande in rein utilitarischen Erwägungen ihr Neu-Zion errichten wollen, als falsche Zionisten, als schlechtere Nationaljuden literarisch befehdet und aus der Exekutive verbannt. Und ist es nicht ein Zeichen der Zeit und für die in einer Umwandlung begriffene Bewegung symptomatisch, daß aus dem Lager der Zionisten selbst Stimmen laut werden, aus denen der Feinhörige bereits das Leitmotiv vernimmt, die Frage: „Sind wir noch Zionisten"? Erst jüngst ließ sich in der „Oesterreichischen Wochenschrift" ein gewählter, oder gar delegierter Zionist vernehmen, der dartat, daß der Zionismus eigentlich in den „Chowewe Zion" ausgemündet sei, was eigentlich ein verschämtes Einbekennen des Bankbruches der Bewegung ist. Denn „Chowewe Zionismus", die Kolonisation Palästinas, die planmäßige Besiedelung des Landes wurde seit jeher geübt und die politische Tat des Zionismus bestand ja eben in dem Novum über die Grenzen einer philanthropischen Bewegung hinausschreitend durch das „eigene Land" den wirtschaftlich Verarmten aufzuhelfen. Da nun Herzl s. A. selbst nach vielen vergeblichen Unterhandlungen, einen „Charter" und damit Besitzanrecht von der Türkei zu erlangen, sich veranlaßt sah, „sein" Zion zu opfern, sollte das nicht für die Epigonen ein Fingerzeig sein, daß Zion — sagen wir verhüllt — in „absehbarer" Zeit nicht erreichbar ist. Ist nun die Erreichung der „rechtlich gesicherten Heimstätte" nicht wichtiger, wenn es gilt, den Versuch zu wagen, die Judennot, die ja doch in erster Reihe zur Idee des Jude n-, nicht eines Zionstaates den Anstoß gegeben, auf neue, radikale Weise zu beheben? Ob dies gelingen und nicht gleichwie Zion eine schöne Utopie bleiben wird, wird die Zukunft lehren. Es wäre jedoch ein nie wieder gut zu machendes Unrecht, die sich in unserer Geschichte zum erstenmale darbietende Gelegenheit über eigen Land und Boden als Nation verfügen zu dürfen, das ureigenste große Verdienst Theodor Herzl's von uns zu weisen und Zionisten, richtiger Chowewe-Zionisteu bleiben zu wollen. Sonst müssen wir annehmen, daß dem Zionismus vor der eigenen Herrlichkeit bange geworden ist in dem Momente, wo er durch die Gunst der Geschichte in die Möglichkeit versetzt wird, das große Problem nationaler Staatengründung uüd -bildung in der Praxis tatsächlich zu verwirklichen. Wer bei der gegenwärtigen Lage der Juden die so oft in die Welt posaunte, mit den Pfennigen der Aermsteu aufgebaute Hilfsaktion jetzt aä ealonäas graecas zu vertagen wagt, ist sich entweder der übernommenen Verantwortung nicht bewußt oder bezweifelt, nahe am Ziele, die nationale staatenbildende Kraft der jüdischen „Nation". Ist es die Furcht vor einem zweiten Fiasco, daß, „die Geister die ich rief" . . . .? Wir hegen nicht diesen Kleinmut. Denn so wie der Zionismus sich der geschichtlichen Notwendigkeit unterwerfen mußte und zum Herzlianismus mit erweitertem Territorialprogramm wurde, so werden, um das gewonnene Land zu behaupten, die Zionisten zu Juden, zu wahren Nationaljuden werden, für die ihr Staat nicht bloß das politisch - volkswirtschaftliche Refugium bedeutet, sondern eine eminente Existenzbedingung für ihr weiteres nationales und religiöses Leben und Fortdauern in der Geschichte. Prüfen wir, in welchem Maße der „Volksstamm ohne Land" die nationale Kraft jüdischen Wesens in sich erhalten hat, um auch außerhalb Zions eine neue Zionsfeste aufzurichten, zeigen wir erst in einem politisch-jüdischen Gemeinwesen, ob und wie weit wir noch „Nation" geblieben sind. Ja, sind wir überhaupt noch Juden? Dies führt uns zur Frage des Misrachismus. Listorleus. Vom Zabrmarkrt des Lebens. Der Zionistenkongreff in Basel. Die zum Kongreß bereits eingetroffenen Delegierten verteilen sich auf die einzelnen Länder wie folgt: auf Rußland mehr als 500, auf Deutschland 32, Oesterreich-Ungarn 41, England 40, Frankreich 5, Italien und die Schweiz je 6, Rumänien 24, Holland, Belgien, Serbien und Bulgarien je 4, Nordamerika 40, Südafrika 30, Palästina 8, Argentinien, China, Australien, Neuseeland je einer. Die Sozialisten beschlossen, mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln in den Kongreß einzudringen. Kürzlich fand in der zweitgrößten Halle des Kasinos eine russische Vorkonferenz statt. Die russischen Delegierten teilen sich in „reine Palästinenser" und in solche, die auch die Erwerbung eines anderen, außerhalb Palästinas liegenden Territoriums für die Besiedelung der Juden befürworten, in die sogenannten „Territorialisten". Da erstere in der Mehrheit sind und die ansehnliche Minorität vergewaltigen wollten, kam es zu lärmenden Szenen und einer regelrechten Obstruktion seitens der Minderheit. Die fünfhundertköpfige Versammlung konnte zu keinem Resultat gelangen und ging unverrichteter Dinge auseinander. Max Nordau, Zangwill, Jasinowsky und Mandelstamm sind ebenfalls „Territorialisten". Uejber die jüdische Arbeiterbewegung in Ruffland schreibt der Berliner „Vorwärts": Wie bekannt ist, sind im Anfänge der Achtziger-Jahre Exzesse gegen die Juden in vielen Städten Rußlands vorgekommen. Damals haben an den Exzessen verhältnismäßig große Massen der Bevölkerung, besonders der Bauern teilgenommen. Es genügte eine sehr oberflächliche Agitation seitens einiger aus Petersburg gesandter Polizeiagenten, um die unwissenden und ausgebeuteten Volksmassen gegen die Juden aufzuhetzen. Daher war es auch der Negierung möglich, diese Exzesse als eine „Volksbewegung gegen die jüdischen Wucherer und Ausbeuter" darzustellen. Unter ganz anderen Verhältnissen spielen sich die Exzesse der letzten Zeit ab. Die letzten zwanzig Jahre sind nicht umsonst vorübergegangen für Rußland. Das Niveau der Volksmassen, besonders in den Städten, hat sich wesentlich gehoben, eine starke Arbeiterbewegung ist entstanden und ein richtigeres Verständnis der verschiedenen sozialen Lebensereignisse greift immer mehr um sich. Man erinnere sich nur an Kischenew: eine spezielle Zeitung wurde dort herausgegeben, die die Massen in diesem Sinne bearbeitete („Bessarabetz" von Kruschewan), es mußte ein spezieller Beamter (Baron Löwendal) mit einer ganzen Bande kleinerer Polizeibeamten sich längere Zeit vorher in der Stadt niederlassen, um diese schreckliche Judenmetzelung zu organisieren, und am Ende hatte nur ein sehr kleiner Teil der friedlichen Bevölkerung an den Exzessen teilgenommen; nicht nur alle Anführer, sondern auch ein überwältigender Teil der Krawallhelden überhaupt bestand aus Polizeiagenten, Spitzeln und Vertretern der sogenannten „schwarzen Bande" des städtischen Gesindels, unterstützt von einigen Geschäftsantisemiten und dergleichen. Einen Judenkrawall jetzt zu organisieren, ist beiweitem nicht so leicht wie vor 20 Jahren. Man denke sich nur, was für eine Unmasse von Flugblättern und Broschüren, die gegen die Juden aufhetzen und zu Gewalttätigkeiten auffordern, jetzt erscheint. Die Zahl solcher Flugblätter kann vielleicht nach Millionen gezählt werden, dabei die verstärkte mündliche Agitation, die von Geistlichen, Polizeioffizieren, Spitzeln usw. getrieben wird. Man sucht in den Flugblättern die Inden als „Blutsauger" des russischen Volkes darzustellen, als Feinde des Zaren, des Vaterlandes und der orthodoxen Kirche, als Leute, die die Japaner mit ihrem Gelde gekauft haben, die die Konstitution nur erstreben, um mit Hilfe des Parlaments alles in ihre Hände zu bekommen, das Volk noch stärker aussaugen zu können. Es verdient aber erwähnt zu werden, daß in den meisten dieser Flugblätter die Juden nicht allein figurieren, sondern sich in der Nachbarschaft von

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.