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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-07-28 · 30 (28.7.1905) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
30 (28.7.1905)
Date
1905-07-28
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seile 466 Dr. JBlocb s Mlocbens^drlN. Str. 30 daß ihm, dessen Namen das erste hebräische Druckwerk') trägt, der Begründer der neueren, voraussetzungsfreirn jüdischen Forschung, Leopold Zunz, sein erstes Meisterwerk gewidmet hat. Nach diesem Zuschnitt erhielt Raschi in der Folge von Männern, die Zunz' Arbeit erweiterten, verti flen und berichtigten, wie Bloch und Weiß, ein Gewand aus dem ihm eigentümlichen Stoffe, der Sprache seiner Werke. Fast verklungenes Lob fand nun frischgestimmte dankbereite Saiten und immer lauteren Widerhall. Wesentlich neue Töne, um Raschi als „Parschandatha", den Erläuterer des Schriftwortes, zu preisen, dürften sich freilich kaum noch finden. Wohl hat man es zu allen Zeiten hie und da an Verständnis für Zweck und Tragweite seiner Arbeit fehlen lassen.') Auch an ihm hat das eine Geschlecht ungern das vermißt, was ihm vom nächsten schon herben Tadel würde zugezogen haben. Doch Raschi hätte zu seinem Ruhme der Anerkennung b) der zuständigsten Beurteiler des Mittelalters wie der Neuzeit* 2 3 4) entrateu können. Das unbestrittene Verdienst allein, daß er seinen Glaubensgenossen bis auf den heutigen Tag der beliebteste und fast ausschließliche Dolmetsch des Bibelwortes und die Vor-, ja oft Grundlage. der späteren Schrifterklärer geworden, daß er außerdem durch die Mittlerschaft eines Nicolaus Lyra 5), des Lehrers Reuchlins, Luther stark beeinflußt und das Verständnis des Alten Testaments in deutschen christlichen Kreisen nicht unwesentlich gefördert hat 6 7 8), sichert ihm für alle Zeiten einen Ehrenplatz in der Geschichte der Schriftforschung. Nicht umsonst mußten vor Raschi's Leistung die Arbeiten seiner Vorgänger?) wie Nachfolger zurücktreten. Gerade der Grundzug seines Werkes, der ihm so oft als Fehler vorgehalten worden und den ausznmerzen er selbst noch geplant haben soll, brachte seinen Kommentar mehr und mehr in Aufnahme. Die Durchsetzung der schlichten Schrifterklärung mit sinnigen Legenden, mit althergebrachter Allegoristerei und jenen Vorstellungen, die später im jüdischen Volksglauben heimisch geworden^) erwies sich in der Folge als das ') Sein Pentateuchkommentar erschien Februar 1475 in Reggio. (Kolophon jetzt in Jew. Enc. X.) 2) Vgl. Zunz Raschi 339, 371 f. Weiß Toledoth Raschi 73. 3) Die Ehrentitel Raschi's bei Zunz 376 Note 8w lassen sich noch vermehren um Rabbenu (Zunz Syn. Poesie 252), Rabban (Binath adam l, 18) und Gaon (Berliner, Peletath Soferim, bebr. Teil S. 3 und Or zaru’a 11, 52), wie Raschi selbst zu Psalm 76, 11 Eliezer b. Jsak nennt. Joief Kimchi nennt Raschi in der Einleitung zum Sefer hagaluj: „unseren Lehrer, den Stolz der Weisen, das Haupt der Kundigen und die Krone der Einsichtigen." Jiak Halevi aus Worms schreibt an Raschi: „Dank Dir ist das Zeitalter nicht verwaist und solcher, die Dir gleichen, möge es viele in Israel geben " Jsak b. Jehuda redet Raschi im Eingang seines Briefes an ihn an: „Dem im Himmel Geliebten und auf Erden Wohlgelittenen, der da beherrscht die Königsschätze (Talmud), um tief in das Verborgensle einzudringen". In Asien und Afrika galt Raschi als „der, welcher die Aug n des Exils erleuchtet", während R. Gerschom als „das Licht des Exils" bekannt ist. Im Sefer ha-chinnukh wird er, ebenso wie Alfasi, bis auf wenige Ausnahmen stillschweigend, benützt. (Vgl. Rosin, ein Gesetzescompeudium 72.) Efodi empfiehlt ihn neben Alfasi und Maimuni wegen der Klarheit und Präzision seines Stiles. (Vgl. Jellinek, Efodi). 4) Vgl. Zun, 376, Weiß i.25. Berliner Raschi VIII Note 6. Levy, Schrifterklä^ung der Nordfranzosen «3 Kronberg Raschi 23, im Einzelnen Spinoza, Mendelssohn, Luzzatto u a. 5) Zunz ö46. Stade, Zrichr. f. älttesi. Wissensch. 1891. Raschi wurde für die deutsche Kirchenvibel, was Kimchi für die englische. — Vgl. u. a. Merx, Arch'v I, 428. — Raschls Kommentar wurde schon 1710—13 von G. Breithaupt übersetzt. — Lyra hieß „der Affe Raschl's", Vgl. Güdemann, Gesch. d. Erziehungsw. I. 15. G) Grätz, Gesch. d Juden VI2, 56. Kronberg 13. 7) So u. a auch des R. Eliezer aus Beaugency. Zunz zählt 46 solcher Nachfolger auf, sogar karäische Autoren 8) Z. B. Raschi zu Richter 18, 5. Ez. 21. 26, vgl R. zu B. mezia 107 b, Jebam. 64 b, Moed qatan 28 a, ferner Kronberg 26, Note 1, D. Joel, Der Aberglauben 98 u. s. (Ueber Traumaberglauben bei Späteren s. Zunz 370. Azulaj, 8ed«w baggodoliw 13 a u. b, 143 a, 176 u. a. m.) Raschi, im Gegensatz zu Jbn Ezra, als nicht abergläubisch, mehr rationalistisch bei Schmiedl, Studien über jüdische Religionsphilosophie 3z2. wirksamste Mittel, die im Bann dieser alten Schriftauslegung befangenen Kreise allmälig für ein nüchternes, sachgemäßes Verständnis der Bibel, worin er selbst unübertroffen, zu gewinnen und zu erziehen. Gerade durch diese Silberadern des Midrasch, die den wasserklaren Quarz des Peschat durchziehen, bleibt Raschi noch heute der Liebling unserer Jugend, wie der stets bewährte Freund des Alters. Raschi teilt das Schicksal des Werkes, welches das Element seines Lebens darstellt. Wie man die Bibel mit den Augen des Jünglings anders liest und anders mit der abgeklärten Reife des Alters, so galt von altersher in Israel als die elementarste Wissenschaft diejenige, die sich auf die Kenntnis des Bibelkommentars Raschi's beschränkte, während immerhin ein berühmter Rabbi es als einen Ruhmestitel hinnahm, Raschi zu verstehen?) Auf Raschi läßt sich im Hinblick auf unser Volk das Wort übertragen, welches Goethe der Bibel widmet: „Je höher die Jahrhunderte an Bildung steigen, desto mehr wird die Bibel zum Teil als Fundament, zum Teil als Werkzeug der Erziehung, freilich nicht von naseweisen, sondern von wahrhaft weisen Menschen benützt werden." Wie die großen Kommentatoren des Aristoteles lange Jahrhunderte hindurch in ausgedehntem Maße an dem Ruhm der Stagyriten Teil hatten, so fällt auf Raschi ein voller Strahl von dem Glanze, der unsere heilige Schrift verklärt. Raschi hat bei seinem Kommentar offenbar ohne odergar wider Vorsatz die Schrift mit den Augen des Talmudschülers, dem die reichen Quellen der Agada fließen, gelesen und gelehrt. Denn hier im Talmudstudium lag der Schwerpunkt seines Denkens und seines Schaffens. Ist er als Schrifterklärer groß und als der getreue Eckhart der jüdischen Jugend der Erzieher seines Volkes geworden, so ist er als Erklärer des Talmud einzig und unentbehrlich. Ueberall hilft er mit wenigen Worten und doch, selbst für die Fassungskraft eines Kindes, niemals zu dunkel. Und überall will er selbst zunächst nur der Schüler seiner Lehrer sein, nur die Ueberlieferuug soll aus ihm sprechen. Und sie läßt ihn selten im Stich. Ein lo jithparesch „non liquet“2) in Raschi zeigt die Lücke an. Nur hie und da kommt die tägliche Erfahrung zu Wortes, so, wenn er die alten Verkehrsverhält-, niste durch die Beziehungen seiner Landsleute zum Kölner Markt beleuchtet oder wenn er zum Lexikographen wird. Was aber Raschi, mehr als der sorgsame Hüter des alten Hortes, aus Eigenem hinzugetan, das weiß jeder, der seinen Scharfsinn aus einem seiner „Kelomar“ hat blitzen sehem Man hat nun wie für Raschi's Bibelexegese so auch für den Talmudkommentar seine eigenen Worte zum Maßstab der Beurteilung gewählt und in ihm nur den Erklärer, den „Konteros" (Kommentarius) schlechthin sehen wollen.4) Und in der Tat hat er auf diesem Felde den reichsten Lorber geerntet5) und im eigensten Verstände des Wortes Schule gemacht. Verwandtschaft stärkte vielfach das Band, welches Meister und Schüler einte. Die fortlaufenden Kommentare, die uns aus diesem Kreise erhalten sind, zeigen uns die Verfasser durchaus in ') Vgl. Güdemann a. a. O. Raschi war nicht all-in das Studium des gewöhnlichen Hausvaters, der allwöchentlich seinen Sohn in das Verständnis des laufenden Thoraabschnittes einführte; auch berühmte Gaonim und Jeschiwaleiter trugen den Jüngern den Raschi-Kommentar zur Bibel vor. So R. Ezechiel Landau in Prag. Vergl. RGA I. Jore dea Nr. 7. *) z. B. Keth.bboth 17a. 3) So erzählt Raschi (zu Berakhot), er habe noch gesehen, wie man die Lesung des Thoratextes mit dem Finger markiert habe. 4) So Josef Kara (vgl. Levy >4, Nosin R88L1 72), Josef Bechor Schor (Levy 21, Bacher, die jüdische Bibelexegese 41), Kimchi (Kronberg 28), Jbn Ezra (Zunz 339, Kronberg 28), Abravanel, Eini. z. d. Prophet, pr u. a. m. 5) Vgl. Jsak Companton (ed. Weiß, Wien 1891) p. 16. Frankel, Hodeget. in Mischnam 329°, 330, 331, 338. Weiß Raschi 66, 100, 135.

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