Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 30 (28.7.1905)
- Date
- 1905-07-28
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Kr. 30. Dr. Bloch’s I«Isr>m»<XXII; Centrslvrgan für die gessmmien Interessen des Iudenthum». m B. ft. PostspsrcÄffen-Lurl Clearing-Vrrkrhr Nr. 610.876. Aedaction und Administration^ S Wien IX/1, Verggassr Nr. 39. Talaphon Nr. 14.847. - - ■ -=3* Wie«. 28. Juli 1903. - - Erscheint jeden Freitag. -.V - Brief-Adresse: Wien, IX/1» Berggaffe 38. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wie». &- »rrugsPrri» sstr Srsterrrtch; Halbjährig 8 Krone«. Einzelexemplare 50 Heller, Für'» Ansland: Halbjährig 10 Krone». Banzjährig 20 , Anzeigen: Die 4mal gespaltene 'rtitzeile 24 Heller. «- Jnbalt: Leitartikel: Zum Raschi-Jubiläum. — Sind wir noch Zionisten? — Vom Jahrmarkt des Lebens: Der Zionistenkongreß in Basel. Ueber die jüdische Arbeiterbewegung in Rußland. Lesefrüchte. Christliche Wirtschaftsgeschichte im Mittelalter. „Der Talmud in Japan". — Korrespondenzen: „Kaiser Franz Josefs-Ferienheim". Arische „Wohltätigkeits-Vereine". Berlin, Breslau. Jüdische Dörfer in Deutschland. Wie Ludwig Traube Professor wurde. Ein Pariser Ghetto. Der Emanzipationskampf der russischen Juden Die Schreckensherrschaft in Odessa. Die offiziellen Lügen der russischen Regierung. Das unantastbare Asylrecht in England. Rew-Dork. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zugunsten der Chewra-Kadischa. Wien. Ein antisemitischer Volksvertreter. Wiener-Neustadt, Schattmannsdorf, Trebitsch, Nikolsburg, Rokycan. Hilfsverein der Deutschen Juden. Der Dreschgraf an der Arbeit. — Feuilleton: Aus finstern Zeiten. — Literatur — Briefkasten. — Inserate. D«m Kaschi-Iudila««. Etwas über Raschis Einfluß auf die spätere hebräische Literatur. Von Dr. Max Grunwald. „Schon in der Amoräerzeit war es Brauch, daß Jahr für Jahr am Todestage des Lehrers die Schüler an seinem Grabe mit dem übrigen Volke sich zu einer akademischen Feier vereinigten". So berichtet Raschi zu Jebamot 122 nach einer gaonäischen Quelle. Wir rüsten uns in diesen Tagen, Raschi selbst zu feiern. Nicht eine einfache Jahrzeit, die achthundertste Wiederkehr seines Todestages gilt es zu begehen. Nicht sein Grab freilich wird den Schauplatz der Feier bilden. Wie von den persönlichen Momenten dieser überragenden Erscheinung zumeist, weiß auch von Raschis Grab bisher nur der Mythos zu berichten. Man hat es, auf Josef ha-Cohen gestützt und durch Bayle (Dictionnaire, Art. Isaacites) bestärkt, bis in das achtzehnte Jahrhundert hinein auf dem sagenumsponnenen alten Prager Friedhof gesucht *), genau so, wie man, nach Buxtorfs Vorgang, seine Wiege nach Lunel verlegt hat. Berichtet doch noch Brum (La veritable Religion des Hollandais 224), er habe zu Bordeaux Juden gesehen, welche „Raschi zu Ehren nach Lunelle reisten, um den Ort zu sehen, an dem dieser große Mann entstanden ist und von welchem er den Namen (Jarchi) trägt." Wir brauchen, um Raschi zu feiern, nicht sein Grab zu suchen. Er ruht im Herzen seines Volkes. Selbst eine Zeit, wie die unsere, welche in verdächtiger Ungeduld ihren Helden schon zu Lebzeiten Denkmäler zu setzen sich beeilt und das Auffrischen einer Berühmtheit, die nicht von heut oder gestern sich herschreibt, mit Mißtrauen aufnimmt, kann doch an einer Erscheinung, wie Raschi, nicht achtlos vorübergehen. Die acht Jahrhunderte haben dem Strahlenglanz seiner einzigartigen Volkstümlichkeit die Leuchtkraft nicht gemindert, ') Vgl. Grunwald, Aus d. Hamb. Stadtbibliothek in Monatsschr. XLI, S. 361. heute noch ist sein Name in jedem altjüdijchen Hause auf dem weiten Erdenrund heimisch und hochgehalten. Wie kein Zweiter hat er die Seele des jüdischen Volkes und ihre innersten Regungen erlauscht; wie kein Zweiter hat er auf die jüdischen Massen erziehlich eingewirtt. Der jüdische Geist lebt und webt in Raschi, wie im Denken und Empfinden jedes Juden sich getreu das Bild der Seele Raschis spiegelt. Darin wurzelt seine Größe. „Jeder große Mann hat sein Material schon bereit gefunden und seine Kraft beruhte lediglich in seiner Uebereinstimmung mit seinem Volke und in der liebevollen Verwendung dieses schon fertigen Materials." Was Raschi zur populärsten Erscheinung unseres gesamten nachbiblischen Schrifttums macht — in dieser Volkstümlichkeit fast ohne Gleichen in dcr Weltliteratur — ist die im besten Sinne populäre Form seiner Schrifterklärung. Ein Raschbam, ein Josef Karo, die Raschi zu verbessern glaubten, indem sie das gemütliche Element, den Midrasch, ausmerzten, sie fanden den Weg zum Herzen ihres Volkes ebenso wenig, wie die spanischen Exegeten, welche nicht ausschließlich für ein jüdisches Publikum schreiben, sondern die Schrift auch in den Augen der Umwelt rechtfertigen wollten. Sie alle find ganz oder zum Teil für lange Zeit aus dem Gesichtskreis des Volkes geschwunden, sie mußten erst aus dem Staub der Bibliotheken gegraben werden und leuchten noch heute kaum über den Bereich der Gelehrtenzelle hinaus. Raschi hingegen stand zu allen Zeiten mitten im pulsierenden Leben, im vollen Sonnenlicht der Volksgunst. Der Genius seines Volkes führte ihm die Feder. Er verstand es, wie man mit dem Herzen philosophirt. Er fühlte deutlich im eigenen Herzen, daß den Juden nüchtern wissenschaftliche Behandlung seines Kleinods ebenso kalt läßt, wie er hellhörig jeden fremden Ton ablehnt, der ihm die klare Schlichtheit des Gotteswortes, des Vertrauten seiner Kindheit, trübt. Die Sterne der Kindesträume müssen noch am dämmernden Abend» Himmel seines Alters schimmern. Und so ziert Raschi den Zugang zum Heiligtum nicht mit den stolzen Sphinxen fremder Philosopheme, er umpflanzt es mit den Lieblingsblumen aus jüdischer Muttererde. Auch der äußerlichsten Geschichtsbetrachtung wird es mehr als ein Spiel des Zufalls bedeuten müssen,