Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 29 (21.7.1905)
- Date
- 1905-07-21
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Sette 462 Dr. J5iocb s MocbenscDrltt. Nr. LS die Frau des roten Wölfele, welche alle Vornehmen der Gemeinde zum „guten Orte" hinausbegleiteten — sie war ja des Regierers Weib. Dem Zuge voran gingen zwei Synagogendiener mit großen Almosenbüchsen in den Händen, die sie jedesmal mit dem Rufe crklingcln ließen: „Wohltätigkeit geht ihr voran!" Beim unheimlichen Klange dieser Sammelbüchsen trat mir das Bild jenes Weibes vor die Seele, die auf der Bahre lag, wie sie mit ihren Schlüsseln herumklingelte, um den Jammerschrei der Armen zu übertönen, ganz wie ich sie vor erst einigen Wochen lebend vor mir gesehen habe . . . Hinter der Bahre ging der Gatte, der Regierer, der, wie es sich gebührt, den Kopf trauernd auf die Brust gesenkt hielt. Als er mich unter den vielen verzweifelten Eltern erblickte, hob er flüchtig den Kopf empor und — so schien es mir wenigstens — seine Augen blitzten wieder in jener giftigen Schadenfreude auf, wie ich sie schon so oft bei ihm gewahrte und dabei kamen seine scharfen spitzen Zähne zum Vorschein. Eine Meile hinter der Stadt wurde für kurze Zeit Halt gemacht, um den Eltern Gelegenheit zu geben, sich von ihren Kindern zu verabschieden. Das war ein Weinen, ein Jammern, wie es die Umgegend noch nie gehört hat. Was hätte ich in diesem Augenblicke meinem Jankele sagen können? Tie Zunge lag mir wie ein Stück Blei im Munde. Nun lagen wir uns in den Armen und auch dies war uns lange nicht gegönnt. Die Trompeten gaben das Signal zum Aufbruche. „Grüße meine Rachele!" Mit diesem Rufe riß sich Jankele aus meinen Armen und schon stand er, das Gewehr geschultert, in Reih und Glied unter den vielen Andern, die mit ihm abmarschierten. Mit Pauken- und Trompetenlärm setzte sich die unendliche Reihe von Menschen in Bewegung und zog wie ein brausendes Meer an uns vorüber. Ich sah durch meine Thränen, die mir den Blick trübten, wie durch einen Nebelschleier jene riesige Menschenreihe in eine Querstraße einbiegen, dann hinter einem Bergabhange verschwinden, auf dem auffteigenden Bergwege wieder auftauchen, im Zickzack sich krümmen und da meinen Blicken immer mehr entschwinden, bis ich nur noch einen Wald von Gewehren und aufgepflanzten Bajonetten sich fortbewegen und endlich auch diesen aus dem Gesichtskreise verschwinden sah. Gebrochenen Herzens kehrte wieder die große, verzweifelte Menschenmenge, die Eltern, Frauen und Kinder, nach Hause zurück. Werden sie ihre Teuren Wiedersehen, diese armen, armen Menschen? . . . Der Himmel gab keine Antwort, nur der Herbstwind pfiff unheimlich über die kahlen Bäume hin, die wie Verzweifelte ihre starren Arme vor sich hinstrecken .... Der Wind trieb die welken Blätter auf, daß sie in der Luft emporwirbelten und manches von diesem dürren Laub flog mir ins thräncnfeuchte Gesicht. In diesem Augenblick dünkte mir jedes welke Blatt ein Brief, geschrieben und zugesendet von der grausen Hand des Todes. „Geteilte Leiden, halbe Leiden", rief es plötzlich hinter mir mit kecker, kräftiger Stimme. Ich sah mich um und gewahrte einen Mann von riesigem Körperbau, mit gebräuntem Antlitze, der ein Schurzfell vor der Brust trug, unler welchem er beide Hände versteckt hielt. Ich erkannte bald, daß er von Beruf Schuster sei. „Ergeben Sie sich, edler Freund, nur nicht so sehr dem Schmerze", fuhr er fort, als ich mich nach ihm umsah, und brachte zugleich aus seinem Schurzfelle eine Hand mit einer Flasche Branntwein hervor. „L’ehajim!"*), rief er mir zu und reichte mir die Flasche, „machen Sie nur einen Schluck aus dem da, der ist in Zeiten der Not ein guter Gesellschafter, den man nicht gering achten darf. Trinken Sie nur zu, alter Freund!" In der Tat, ich hatte einen solchen Labetrunk in diesem Augenblick nötig. Ich nahm von ihm die Flasche und schlürfte iu langen, gierigen Zügen. „Nicht wahr", sagte er, als ich ihm die Flasche zurückgab, „der hebt den gesunkenen Mut? Auch mir haben sie den Sohn geraubt, einen wackern, arbeitstüchtigen Burschen, der mir die *) Zur Gesundheit 1 ganze Werkstatt geleitet hat, und dabei haben sie mich früher gerupft, die Elenden! ..." „Wie meinen Sie das?", fragte ich. „Wie ich das meine? Die Geschichte ist verteufelt einfach, sie haben mir den letzten Sparpfennig abgenommen!" „Wieso?" „Das sollen Sie hören. Vorerst kam ich zum roten Wolf, aber der war nicht zu Hause und sein Weib, die jetzt ins Grab beißen wird, überklingelte mein Geschrei mit ihren Schlüsseln.. Ich kam das zweitemal und fand wieder nur sie allein, aber diesmal hörte sie mich schon an, weil ich mit zwei guten Fürsprechern gekommen bin. „Fürsprechern" wiederholte ich neugierig. „Ja, Fürsprecher, die ihre ganze Teilnahme erregten, weil sie eben bestanden in zwei großen fetten Gänsen, die sie mir gerührt aus den Händen nahm und mir alles Gute versprach." „Und was geschah?" „Was ist geschehen" — ein zweiter Vorsteher bekam Wind von meiner Unterredung mit der Frau des roten Wölfele, und als er mir begegnete, befahl er mich zu sich nach Hause, denn er habe etwas sehr Wichtiges mit mir betreffs meines Sohnes zu sprechen. Natürlich verstand ich bald, was er meinte, und kam zu ihm, beladen mit einem Zuckerhut und einigen Pfunden Kaffee. Die Gabe wurde gnädig angenommen und ich ging mit leichten Händen und leichtem Herzen nach Haufe . ." „Und nach allem wurde Ihr Sohn assentiert." „Nein, noch nicht — denn es hatte noch der dritte Vorsteher mit mir sehr Wichtiges betreffs meines Sohnes zu sprechen, und ich bereitete mich natürlich auch für dieses Gespräch gehörig vor, indem ich meinen neuen Talis in Versatz gab und dafür einen großen Truthahn kaufte, mit welchem ich vor dem Angesichte des dritten Regierers erschien." „Nun hatten Sie das Versprechen aller drei Regierer.." „Der Dritte war der freundlichste, denn er wog ganz gerührt den Truthahn in seinen Händen und sagte mir, ich wöge nur getrost meinen Sohn auf dem Assentplatz erscheinen lassen, es werde schon Alles recht fein — und es war auch recht. Es fehlte nämlich, wie alle drei Regierer mir später beteuerten, nur ein Mann zum Kontingent, und da ließen sie meinen Sohn assentieren." „Und haben Sie sie darüber nicht zu Rede gestellt?" „Ich tat noch eins darüber und schrie auf offener Straßer als sie mir begegnet sind, ihnen zu: „Ihr Ganewim, Ihr Rozehem"*), habt Ihr mir den Sohn assentiert, warum habt Ihr noch das Letzte von mir geraubt und gegaunert?!!" Aber sie haben mir darauf gar nichts erwidert, sondern ließen mir zwei Stunden später die Antwort zukommen durch zwei Polizeileute, die mich verhaftet haben, weil ich die Herren Regierer mit solchen ihnen in der Wirklichkeit gebührenden Titeln aufgerufen habe." „Ist dieser Sohn Ihr einziger?" fragte ich ihn. „Nein, ich habe noch zweie, aber diese sind noch kleine Fliegenfänger, die nur den Mund öffnen, wenn sie essen, oder nach essen rufen. Aber was läßt sich tun? Man muß sich zu helfen wissen und die Hauptsache ist, daß man sich nicht gräme! Kommt so eine Sorge einem ins Herz, dann ist das hier ein gutes Austreibungsmittel" dabei zeigte er auf seine Flasche — „das da spült alles weg. Nur wacker gehalten, alter Freund, man lebt nicht ewig und die Zaris**) währen nicht ewig. Lechajim, Freund!" Mit diesen Worten hielt er mir die Flasche hin, und nachdem ich einen Schluck gemacht und er selber einen herzhaften Zug aus der Flasche gemacht, reichte er mir zum Abschiede die Hand und schlug sich in eine andere Gaffe. Ihm ist es leicht, zu trösten, dachte ich, weiter fortschreitend, — hat denn auch er einen Jankele zum Sohne? . . . Ich befand mich gerade vor dem Hause des roten Wölfele. Scharenweise strömten die Leute, um den verwitweten Regierer *) Ihr Diebe, Ihr Mörder. **) Die Beiden.