Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 29 (21.7.1905)
- Date
- 1905-07-21
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Sette 458 Dr. Dlocb's Mocbenscbritt Nr. 29 wüstet und zerstört, die Waren auf die Straße geworfen und vernichtet. Die Polizei erwies sich ganz machtlos. Die Ausschreitungen dauerten mehrere Stunden. Erst nachdem Militär requiriert wurde, gelang es, die Ruhe wiederherzustellen. Die Behandlung der Juden in Kiew. Aus Kiew wird berichtet, daß man jetzt zu den in dortigen Spitalern untergebrachten jüdischen Soldaten, welche im gegenwärtigen Kriege verwundet wurden, deren Frauen und. Kinder unter keiner Bedingung zuläßt. In Privatwohnungen veranstalten die Behörden eine förmliche Treibjagd auf die zum Besuche der verwundeten jüdischen Soldaten eingetroffenen Familienangehörigen, denen wegen mangelnder Wohnberechtigung ein längerer Aufenthalt in diesem Rayon nicht gestattet ist. Die verwundeten jüdischen Soldaten, von denen viele mit Tapferkeitsmedaillen ausgezeichnet wurden, wendeten sich ebenso wie ihre Kameraden in Petersburg und Moskau mit einer Beschwerde an den SeUat. Riga. Die hiesigen Israeliten sandten dem Fürsten S. N. Trubetzkoi folgendes Telegramm: „Sehr geehrter Fürst Sergei Nikolajewitsch! In den Tagen unerhörter Prüfungen und Kummers, in der Zeit, wo die Nachricht von einer schweren neuen Ungerechtigkeit unsere Gemüter bedrückt, haben Sie uns einen großen Trost gebracht. Die Männer der Semstwo — gegenwärtig die einzigen gesetzlichen Vertreter des russischen Volkes — haben durch ihre Vermittlung den Wunsch ausgesprochen, daß es in Rußland keine rechtlosen, keine zurückgesetzten, sondern nur sich gleichberechtigt fühlende Staatsbürger geben soll. Wir Hebräer sind in Rußland am meisten zurückgesetzt und aller Rechte beraubt, wir — denen am wenigsten ruffische Bürgerrechte zugestanden werden, wir kämpfen nicht bloß für unser Recht, für unser Wohlergehen, wir stehen auch ein für das Recht und die Ehre des russischen Staatsbürgers überhaupt. Tiefer Kummer erfüllte uns bei dem Gedanken, daß das ruffische Volk unsere Bekümmernis nicht kennt, uns keine hilfreiche Hand entgegenstreckt. In Ihrer Person hat das russische Volk erklärt, daß es unserem Kummer nahe steht, daß in seinem Namen niemand uns kränken und bedrücken soll. Sie haben uns großen Trost gespendet, dafür danken wir aus tiefstem Herzen Ihnen und Allen, in deren Namen Sie geredet haben!" Spanien und die Juden. Bekanntlich bemüht sich der spanische Senator Angel Pulido seit zwei Jahren in Wort und Schrift für eine Aussöhnung der Juden mit Spanien, das sie kurz nach der Entdeckung Amerikas vertrieben hat. Die Bemühungen des Senators wurden am skeptischsten von den Juden selbst ausgenommen. Als neulich der König von Spanien auf ein Schreiben des Kardinal-Erzbischofs Salvador Casanas, der um die Verhinderung der Einweihung einer protestantischen Kirche in Barcelona bat, antwortete, daß er sehr betrübt sei über den neuen Angriff auf den Glauben der Väter und auf die Staatsreligion, und daß er alles, was in seiner Macht liege, tun werde, um diesen zum Scheitern zu bringen, bemerkte der in Paris erscheinende „Univers Jsraelite", daß, wenn das schon Protestanten gegenüber geschehe, man sich leicht denken könne, wie wenig Aussicht auf Erfüllung die Pläne des Senators Pulido bezüglich der Juden haben können. Darauf hat nun der Senator Pulido ein langes Schreiben an die Redaktion des genannten Blattes gerichtet, in welchem er zunächst betont, daß der Brief des Königs keinen anderen Wert habe und haben könne, als den eines privaten Katholiken und daher in einem konstitutionellen Lande, das Glaubensfreiheit garantiere, nicht den geringsten Einfluß haben könne. Außerdem kenne man nicht die Entstehung des Schreibens, dessen Inhalt in Erstaunen setze, da er in Widerspruch stehe mit allem, was man von der Denkweise des jungen Königs wisse, der beständig fein Verlangen kundgebe, daß Spanien frei und fortschrittlich fei. Der Brief, fährt der Senator fort, hat die Liberalen Spaniens zu der energischen Erklärung veranlaßt, daß sie einen Rückfall in religiöse Intoleranz nicht dulden werden, sondern im Gegenteil den Artikel der Verfassung, der von der Glaubensfreiheit handelt, weitherziger angewendet wissen wollen. Wenn die Cortes ihre Sitzungen wieder aufnehmen werden, dann werde die Regierung wegen des königlichen Briefes interpelliert werden und man könne im Voraus versichert sein, diese werden unzweideutig erklären, daß Spanien nicht plötzlich wieder umkehren werde auf seinem Wege zur Zivilisation und Freiheit, die durch Revolutionen und Opfer erworben seien. Auf die Bemerkung des „Univers", daß, wenn schon der Protestantismus in den Augen der spanischen Regierung ein Skandal sei, man sich nicht einbilden dürfe, daß ottomanische und marokkanische Israeliten sich in Spanien werden niederlassen können, antwortet Pulido: Die spanischen Regierungen haben einmal nicht die protestantische Kirche als einen Skandal angesehen, sodann ist das Judentum nicht wie der Protestantismus eine proselytisierende Religion und daß daher die jüdische Religion weniger störend - sein und weniger mit den katholischen Interessen in Konflikt geraten werde. WM Gewiß — so etwa schließt das Schreiben — ist ein großer Teil der Geistlichkeit noch unversöhnlich, aber man kann das nicht von der gesamten sagen, denn hervorragende Bischöfe und Geistliche zollen meiner Kampagne Beifall. Es ist wahr, daß es hier religiöse oder fanatische Geister gibt, die das Vorhandensein anderer Religionen mit Furcht konstatieren und mit Entrüstung tadeln; aber wo gibt es ein Land, in dem nicht Aehnliches vorkäme. Dafür gibt es hier, wo wenigstens tausend Juden wohnen und prosperieren, gar keinen Antisemitismus, und man kann nicht ein einziges Journal nennen, das die Bestimmung hätte, die Juden persönlich oder deren Interessen zu bekämpfen und zu beschimpfen, wie es in Frankreich der Fall ist. Die Tatsache, daß ich einen öffentlichen Feldzug zugunsten der Juden seit zwei Jahren im Parlament, in der Presse und in Schriften führe und daß man mir daraus keinen Vorwurf gemacht hat, beweist unwiderleglich, daß Spanien nicht.ein fanatisches und zurückgebliebenes Land ist, wie man zu behaupten beliebt. Juden und Quäker in England. Aus London wird der „Voss. Ztg." geschrieben: In einem von Henryques, dem gelehrten jüdischen Rechtsgelehrten, verfaßten Buch über die „Rückkehr der Juden nach England" findet man die Bemerkung, daß in vielen vom Parlament zur Zeit des Stuartkönigs Karl II. erlassenen Gesetzen gegen die Nonkonformisten Juden und Quäker auf die gleiche Stufe gestellt wurden. Das mag überraschen, ist aber begreiflich, wenn man die religiösen Strömungen in der Mitte des 17. Jahrhunderts auch nur oberflächlich kennt. Die Juden und Quäker waren vor dem Gesetz Dissidenten, gehörten aber nicht zu den Puritanern, deren Häuptling Cromwell der Anglikaner, d. h. die Anhänger der Staatskirche, verfolgt hatte. Auf der anderen Seite war Karl II. nur dem Namen nach das Haupt der anglikanischen Kirche, denn er hat sich auf dem Totenbett zur katholischen Kirche bekannt, der er im geheimen wohl immer angehörte, während sein Bruder und Nachfolger Jakob II. öffentlich die Katholiken begünstigte und aus seiner Zugehörigkeit zur katholischen Kirche kein Hehl machte, was ihm schließlich die Krone kostete. Nicht zum geringsten Teil hatten es die Quäker und Juden diesem Umstand — dem Katholizismus der letzten Stuart — zu verdanken, daß sie trotz vieler beinahe greifbarer Gegensätze im Glauben und in kirchlicher Gliederung vom Gesetz auf die gleiche Stufe gestellt und gleich behandelt — genauer mißhandelt worden sind. Die Strafgesetze gegen die Quäker wurden im Jahre 1812 abgeschafft> aber die Juden haben bis gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts auf die politische Gleichstellung mit den anderen britischen Staatsbürgern warten müssen, weil man in ihnen Fremdlinge und Nichtchristen sah, die sich im Gegensatz zu den englischen Untertanen befanden. Daß schon im 17. Jahrhundert die Juden als unässirabls g-Ueus angesehen wurden, weil die Kaufleute Londons deren Wettbewerb fürchteten, geht aus einer Eingabe des Lord-Mayor und der Aldermen der City of London hervor, die sich über die „heuschrcckenartige