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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1905-07-21 · 29 (21.7.1905) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
22 (1905)
Issue
29 (21.7.1905)
Date
1905-07-21
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 29 Dr. JBlocb’s MocbenscbrM. Seite 457 Bachrach gehörte damals zu den Studierenden an dem ehemaligen Piaristen-Gymnasium. Die frommen, geistlichen Lehrer, die zu jener Zeit an dieser Anstalt wirkten, die Patres Mathia — dem auch I. I David in einer Novelle aus der Hanna ein Denkmal gesetzt — Boruvka, Wessely, der erst im Vorjahre im hohen Alter verstarb, vor allem aber der Rektor Athanasius Mayer, schätzten die jüdischen Schüler ob ihres Fleißes und ihrer Sittlichkeit. Bis 4 Uhr Nachmiitags saßen wir auf der Schulbank, dann gings mit dem Talmudfoliantcn zu Reb Jokef Presser, und gar oft kehrten wir erst in dunkler Nachtstunde nachhause zurück, im Winter uns den Weg durch den hohen Schnee bahnend, der die „Gasse" bedeckte, und den sorgsame Hände nie wegkehrten. Wieder ist also einer eingegangen in die Ewigkeit, dessen Jugend freudlos verging in der Enge der Judengasse. Aber eine Beobachtungkönnen wir machen, es find gerade nicht die Schlechtesten, die aus diesen engbegrenzten Verhältnissen hervorgingen. Die strenge, fast möchte man sagen, beschränkte Zucht des Ghettos hat meist gute Früchte gezeitigt, und es hat sich hundertmal das Bibelwort bewährt: „Gut, wenn der Mann in der Jugend ein Joch trägt." So sei denn dieses Blättchen der Erinnerung dem dahingeschiedenen Polizeirate Leopold Presser, seinem seligen Vater Reb Jokef, unserem Talmudlehrer — gesegnet sei sein Angedenken — aber auch dem vielverlästerten und doch immer wieder zu Ehren gelangenden Ghetto geweiht. Brünn, am 14. Tamus 5665. Dr. Max Grünfeld. Krernsier, 18. Juli. Unter großer Beteiligung der hiesigen Bevölkerung wurde heute um 10 Uhr Vormittags der verstorbene Polizeirat Herr Leopold Presser aus Floridsdorf zu Grabe getragen. Eine Fülle von Kränzen als Zeichen der größten Verehrung und Liebe, die der Dahingeschiedene bei Lebzeiten genoß, bedeckte den Sarg. Nach Absingung der rituellen Sterbegebete vom Oberkantor Adolf Reichard hielt Rabbiner Dr. Frankl- Grün dem Verstorbenen einen von allen Anwesenden warm empfundenen Nachruf, in dem er seinen bescheidenen Lebenswandel, seine Charakterstärke, seine Anhänglichkeit und Treue gegenüber seiner Familie und Vaterstadt besonders hervorhob. Auch der Kultusvorstand unter Führung des Kultusvorstehers Herrn Ignaz Knöpfelmacher hatte an der Trauerfeier teilgenommen. Mit einem Trauerchoral schloß die erhebende Feier. Slatina. Am 1. August l. I. begeht unsere Kultusgemeinde eine seltene Feierlichkeit. Unser hochverehrter Präses vollendet sein 70. Lebensjahr. Zugleich sind es 42 Jahre, seitdem Herr Salamon Deutsch als Präses der hiesigen Kultusgemeinde vorsteht. Wenn Jemand von seinen 70 Lebensjahren 42 dem Gemeinwohle opfert, ist dies an und für sich schon ein Verdienst. Wenn aber Derjenige zugleich der Begründer derselben Kultusgemeinde ist, welcher er 42 Jahre als Präses vorsteht, und die Kultusgemeinde mit nur einigen, an Zahl ganz unbedeutenden Mitgliedern gründete, ohne wie immer geartete jüdische Institutionen zu besitzen, und selbe Kultusgemeinde dann im Laufe seines Wirkens mit allen nötigen Institutionen ausstattete, und als angesehene, wohl organisierte Kultusgemeinde in leitender Stellung sehen kann, ist ja ein solch seltenes Ereignis, daß es verdient, den weitesten Kreisen zur Kenntnis gebracht zu werden. Der Ausschuß versendet dementsprechend folgende Einladung zur Feierlichkeit: Zur Ehrung des 70. Geburtstages, so auch des 42. Jahres eifrigen und opfervollen Wirkens veranstaltet diese Kultusgemeinde am 1. August 1905 ihrem Präses Herrn Salamon Deutsch eine Jubiläum s- Feierlichkeit, zu welcher Ew. Wohlgeb. höflichst geladen werden. — Programm: 1. Um 10 Uhr vormittags feierlicher Gottesdienst im Tempel der Kultusgemeinde; 2. Um halb 11 Uhr außerordentliche feierliche Generalversammlung; 3. um 1 Uhr nachmittags Bankett im „Hotel Gerstmann". — Für das Bankett wird rechtzeitige Anmeldung erbeten. Ausschuß der israelitischen Kultusgemeinde. Dügujdely. Das 50jährige Jubiläum der israelitischen Realschule in Vägujhely ist nicht ohne Sang und Klang verstrichen. Freilich fehlten die üblichen Festreden, das Festessen u. s. w., aber eine Feier wurde trotzdem veranstaltet, wenn auch keine alltägliche. Es ist Brauch und Sitte im Judentums, bei freudigen Anlässen fromme, wohltätige Werke zu veranstalten. In diesem Sinne feierten auch wir das Jubiläum der Realschule. Herr Rabbiner Dr. Philipp Rosenberg, Reli" gionslehrer an der Realschule, gründete für unsere Realschüler eine hebräische Lehranstalt, in welche» außer Pentateuch und Propheten Talmud, hebräische Sprache und jüdische Geschichte vorgetragen wird. Diese Lehrgegenstände sind nicht obligatorisch und nur die sich freiwillig Meldenden nehmen an dem Unterricht teil. Wohl erhielten die Realschüler einen dreistündigen wöchentlichen Religionsunterricht, also um eine Stunde wöchentlich mehr als an anderen Mittelschulen, aber ein erwünschtes Lehrziel wurde auch mit diesem Plus nicht erreicht. Jene Eltern, welche für ihre die Mittelschule besuchenden Söhne neben einer religiös-moralischen Erziehung einen gründlichen und umfassenden Unterricht in den hebräischen Lehrgegenständen erstrebten, fanden in unserer Realschule nicht das, was sie suchten. Von nun an wird den Wünschen der geehrten Eltern, welcher Richtung sie auch angehören mögen, vollkommen entsprochen. Wer an dem erweiterten hebräischen Unterricht nicht teilnehmen will, der erhält einen wöchentlich 3stündigen Religionsunterricht. Zwang wird nicht ausgeübt. Den Unterricht an der hebräischen Lehranstalt erteilt ein tüchtiger hebräischer Schulmann» der nach modern-pädagogischer Lehrweise Vorgehen wird. Die tägliche Unterrichtszeit beträgt 3 Stunden. Rückbeförderung russischer Jude» in die Heimat. Frankfurt a. M. Seit einigen Monaten kann man auf dem hiesigen Hauptbahnhofe häufiger als früher beobachten, daß Scharen von russischen Juden in ihre Heimat zurückbefördert werden. In den letzten Tagen find wiederum neunzig Personen von diesem Schicksal ereilt worden. Wie es heißt, fallen diese Auswanderer in Bingerbrück in die Hände der preußischen Polizei. Die Schiffsahrtsgesellschasten transportieren die Leute nur dann, wenn für jeden einzelnen ein Minimum von Barmitteln nachgewiesen werden kann, das 400 Mark für einen Erwachsenen, 200 Mark für ein Kind beträgt. Das kann in den meisten Fällen nicht geschehen, denn die große Mehrzahl der Leute ist vollkommen besitzlos; sie haben kaum mehr, als was sie auf dem Leibe tragen, höchstens einige Lebensmittel. Frankfurt ist der Sammelpunkt der Armen, deren Rückfahrt nach dem Osten am Montag oder Donnerstag vor sich geht. Bon hier aus werden sie zunächst nach Myslowitz befördert und von dort nach Kattowitz. Die Leute werden von der Polizei als Strafgefangene überwacht und befördert; die Fahrt geschieht in „Schubwagen", die wie Waggons vierter Klasse gebaut find. Die kleinen Fenster find mit Eisenstäben versehen; nur wenig Luft und Licht kann in den Raum eindringen. Der „Schubwagen" ist in Einzelzellen geteilt, in denen zwei bis drei Personen Unterkunft finden. Der Transporteur hat eine besondere Kabine. Die Eingangstüren an den Stirnwänden werden sofort nach der „Verladung" geschlossen. Der Transport bis zur Grenze dauert etwa sechs Tage, denn die Züge, denen diese „Schubwagen" zugeteilt werden, machen keine Schnellfahrten, und mit dem Anschluß hat man es auch nicht besonders eilig. Fürchterlich find die Qualen, denen die Leute namentlich an Tagen tropischer Hitze in den engen Räumen ohne genügende Lüftung ausgesetzt find. Exzesse gegen Juden. Aus Warschau wird dem „Slowo Polskie" berichtet, daß in Jozesowa im Gouvernement Pulawy während des stark besuchten Wochenmarktes der Pöbel auf dem Ringplatze eine Eisenhandlung erbrach und mit hier geplünderten Eisenstäben sodann Kaufläden und Wohnungen der Juden überfiel. Mehr als zweihundert Wohnungen und hundert Geschästsläden wurden ver-

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