Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 29 (21.7.1905)
- Date
- 1905-07-21
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 456 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Nr. 29 k o l o n i e n finden sich aber leider nicht die hinreichenden Mittel. Die Schulküchen gewähren nur einer unzureichenden Zahl von Kindern eine bescheidene Ausspeisung und das nur im Winter. Brauchen denn aber die Kinder im Sommer keine Nahrung? Die jüdischen Ferienkolonien bringen gegen 500 Kinder aufs Land. Es gibt aber zirka 12.000 notorisch arme jüdische Schulkinder. Wo sollen sich die in der lungenfeindlichen Wiener Luft Zurückbleibenden erholen? Der obgedachte ärztliche Befund sei eine Mahnung an den Kultusvorstand und an alle, die ihre eigenen Kinder nähren und Pflegen können, der Hygiene unserer armen jüdischen Kinder einen hinreichenden Obolus zu widmen. Judaeus. Der Zioniftenkongretz tritt am 27. Juli in Basel zusammen. Die ausgegebene Tagesordnung lautet: 1. Eröffnung des Kongresses, 2. Trauerrede: Dr. Max N o rd a u. 3. Wahl des Bureaus. 4. Rechenschaftsbericht des A.-K. Referent: Architekt O. M a r m o r e k. 5. Bericht der P.-K. (Palästina-Kommission). Referenten: Prof. Dr. O. Marburg und Dr. S o s k i n. 6. Nationalfonds, Referent: Direktor I. Kremenezky. 7. Organisationsstatut. Referent: Dr. O. Koke sch. 8. Propaganda und Agitation. Referent: Rechtsanwalt S. Gronemann. 9. Eventualia. 10. Neuwahl. Wie wir seinerzeit mitteilten, war auf der letzten Tagung des zionistischen Aktionskomitees (neben den Herren Professor Warburg-Berlin und D. Wolfsohn-Köln) Herr Dr. Max Nordau- Paris für die künftige Leitung der Bewegung ausersehen worden und hatte sich nach vielem Zögern, das durch seinen Gesundheitszustand veranlaßt war, zur Annahme der Kandidatur bereit gefunden. Aber schon bald darauf, am 20. Juni, fah Nordau, daß er sich zuviel zugemutet hatte und teilte dem Wiener Aktionskomitee mit, daß er leider gezwungen sei, seine Kandidatur zurückzuziehen. — Das zur Veröffentlichung im Partei-Organ, der „Welt", bestimmte Schreiben erschien jedoch nicht und Nord au's nochmalige kategorische Aufforderung an den Redakteur des Blattes wurde ebenfalls erst in der vierzehn Tage später (!) erscheinenden Nummer des Blattes abgedruckt, nachdem die in Warschau erscheinende hebräische Tageszeitung „Hazefirah" vor einigen Tagen bereits eine bittere Beschwerde Nordau's publiziert hatte. Daß der präsumtive Führer der Partei von seiten ihrer ausführenden Organe so wenig respektiert wird, gibt zu denken. Er schreibt dem Redakteur der „Welt" am 30. Juni: Am 20. d. M. (Juni) schrieb ich Herrn Oskar Marmorek, mit der Bitte, es dem Aktionskomitee mitzuteilen, meine Gesundheit habe sich seit meiner Rückkehr aus Karlsbad derartig verschlechtert, daß ich mein wider klarste Ueberzeugung bedingt und provisorisch gegebenes Versprechen, mich als eines der drei Mitglieder des leitenden Ausschuffes zur Wahl stellen zu lassen, zu meinem tiefsten Bedauern zurücknehmen müsse. Ich empfahl zugleich, an meiner Stelle Herrn Joseph Eowen in die Kandidatenliste aufzunehmen. Zu meinem Erstaunen habe ich weder die übliche Empfangsbestätigung meines Briefes empfangen noch die Tatsache meines Rücktrittes von der Kandidatur in der „Welt" angezeigt gefunden. Mit dieser Unterlaffung kann ich mich nicht einverstanden erklären. Ich halte es für schädlich, dem Kongreffe Ueberraschungen in Personenfragen zu bereiten. Eine Ueberraschung aber wäre es, wenn ihm erst in letzter Stunde, fast am Wahltage selbst, würde eröffnet werden, daß die ihm bekanntgegebene Liste der Bewerber eine Aenderung erfahren habe. Ich bitte Sie deshalb, hochgeehrter Herr, die Ihnen hier mitgeteilten Tatsachen in der nächsten Nummer der „Welt" gütigst veröffentlichen zu wollen. ... Es scheint nämlich, daß von mir unbekannter Seite eine sehr überflüssige, weil gegenstandslose Hetze gegen mich und meine Wahl ins Werk gesetzt wird, und ich möchte, daß genau festgestellt sei, daß mein schmerzlicher Entschluß lediglich durch meinen Gesundheitszustand bedingt und vor dem ersten Anzeichen jener Hetze gefaßt und dem Aktionskomitee angekündigt wurde. . . . Dagegen scheint Dr. Max Nordau auf das Präsidium des Kongresses nicht verzichtet zu haben. Auf eine diesbezügliche Auflage des in Wilna erscheinenden hebräischen Tagblattes „Hasman" kam die Antwort: Nie an Präsidiums-Entsagung gedacht. Gruß. Nordau. Der achthundertjährige Todestag Raschis. Am 1. August (29. Tamus) werden es achthundert Jahre, daß R. Salomon b. Jsak (Raschi genannt) das Zeitliche gesegnet. Aus diesem Anlasse erschien: Ha - Orah, Ritualwerk, Rabbi Salomo ben Jsaac (Raschi) zugeschrieben. Erster Teil herausgegeben nach einer Handschrift des Rabbi Chaim Joseph Dawid Asulai, mit Vergleichungen der Lesearten, Verbesserungen und Zusätze anderer drei Handschriften im Besitze der Alliance Jsraelite Paris und der Bodlejana in Oxford (cod. 563 und 564), sowie der Excerpte, die der Editor des Sefer Ha-Pardes aus einer Handschrift hinzufügte. Zweiter Teil nach obenerwähnter Oxforder Handschrift (cod. 563.) Mit Anerkennungen nebst einer ausführlichen Einleitung versehen von Salomon Buber, Lemberg. Die Herausgabe dieses Werkes ist eine würdige und verdienstliche Tat anläßlich der achthundertjährigen Erinnerungsfeier Raschis. Das Werk ist durch jede Buchhandlung und bei dem Herausgeber kais. Rat Salomon B u b e r in Lemberg erhältlich. Kais. Rat Salomon B u b e r hat auch die Gründung einer Raschi-Stiftung angeregt, deren jährliche Erträgnisse zur Förderung eines vom Kuratorium dieser Stiftung zu bestimmenden literarischen Zweckes' verwendet werden sollen. Gönner und Freunde der jüdischen Literatur werden nicht verfehlen, zur Ehre Raschis die Aktivierung einer solchen Stiftung mit einem Geldbeitrag zu unterstützen. Polizeirat Presser. Der Tod des Polizeirates Leopold Presser, des Bezirksleiters von Floridsdorf, läßt gar wehmütige Erinnerungen in unserem Geiste auftauchen, es sind die Erinnerungen an das ehemalige Ghetto der mährischen Erzbischofstadt K r e m s i e r, in dem Presser, als der Sohn des Talmudlehrers Reb Jokef Presser, das Licht der Welt erblickte. Viele meiner Mitschüler am Kremsierer Gymnasium, die dort in den Sechziger- und Siebziger-Jahren des vorigen Jahrhunderts studierten, werden sich des gestrengen Talmudisten erinnern, in dessen enger Stube wir an einem großen Tisch zusammengepfercht in enger Pein saßen, und wo uns zuerst die Lehren von der Bezah schenoldoh be Jom tow und schnaim ochsim betallis vermittelt wurden. Manchen Nasenstüber hat es da abgesetzt und durch manchen nicht gerade sanften Rippenstoß sollten die etwas allzuscharfen talmudischen Deduktionen den, wenn auch klassisch geschulten, aber für diese Dialektik nicht ganz zugänglichen Hartschädeln beigebracht werden. Wenn wir am Ende des Schuljahres, in der heißen Sommerszeit, zu Reb Jokef kamen und ihm unsere Zeugnisse vorwiesen, pflegte er zu sagen: „Jetzt werden wir alle diese Dummheiten (er meinte Latein, Griechisch und Mathematik rc.) lassen und Thora lernen. Thora war für ihn. gleichbedeutend mit Talmud; eine andere Wissenschaft kannte er nicht. Und dies waren unsere Ferien, Talmudstudium im heißen Stübchen, während Reb Jokef mit der unvermeidlichen, aber nie brennenden Pfeife im Munde, mit gewichtigem Schritte einherging und neben mancher Handgreiflichkeit auch hie und da Kosenamen wie „Du Wassergoi" u. a. dem Begriffstützigen zuteil werden ließ. Aber er war ein herzensguter Mensch dabei, der für die kärglichste Belohnung tagelang sich mit uns mühte. Er hatte gerade keinen Ueberfluß und doch unterstützte er arme Schüler, wo er nur konnte. Seine Gattin, wenn ich nicht sehr irre, hieß sie Deborah, hausierte, während Reb Jokef unterrichtete, in den hannakischen Dörfern, mit buntem Kram und von den hannakischen Schönen vielbegehrtem Flitter. Eine Tochter begleitete sie, den schweren „Pack" auf dem Rücken schleppend. Tempi passati, doch wer möchte diese Zeiten zurückwünschen? In diesem Milieu wuchs der so früh verschiedene Polizeirat Presser in seiner Kindheit auf und Reb Jokef hätte es nie geahnt, daß sein Sohn zu dieser Stellung gelangen werde. Freilich war der Verstorbene schon als Knabe von eisernem Fleiße und seltener Pflichttreue. Der allzufrühe Tod Leopold P r e s s e r's wird gewiß alle seine Mitschüler am Kremsierer Gymnasium tief erschüttern. Auch Regierungsrat Dr. Adolf