Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 22 (1905)
- Issue
- 29 (21.7.1905)
- Date
- 1905-07-21
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3020846-3021602-3021632--14654-3039376- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. SS Dr. Lloeb's MocbenscbrM. Seite 451 die höchsten Stufen zu erklimmen vermochten. In der Tat hat es schon mehrere jüdische Generalstabsärzte gegeben und eine Unzahl von jüdischen Aerzten wurde bereits vom Allerhöchsten Kriegsherrn mit hohen Orden ausgezeichnet. Und warum dennoch die unüberwindliche Aversion? Sie qualifiziert sich als nichts anderes, als eine Kniebeuge vor der herrschenden Strömung, eine Konzession an die Schneider, Liechtenstein, Bielohlawek e tntti quanti, beschämend nicht für die jüdischen Aerzte, sondern für eine Militärverwaltung, die Anspruch erheben will, auf der Höhe der Zeit stehen zu wollen, ihrer Aufgabe voll und ganz gerecht zu werden. Eduard Beer. Eine historische Momentaufnahme. In der illustrierten Presse war dieser Tage eine Momentphotographie reproduziert, auf welcher der seines Amtes als Oberkommandierender der russischen Marine enthobene Großfürst Alexei Alexandrowitsch mit einer Dame der französischen Lebewelt dargestellt wurde. Es ist ein geschichtliches Genrebild. Seine Kaiserliche Hoheit befindet sich in Longchamps bei Paris. Er ist in heiterster Laune und seine pikante Begleiterin lacht aus vollem Halse. Die ganze Gesellschaft, in der sich der Großfürst befindet, amüsiert sich köstlich. Der nebensächliche Umstand, daß unmittelbar vorher die russische Flotte, die der Unfähigkeit und Gewissenlosigkeit des Großfürsten unterstellt gewesen, samt einer Besatzung von vielen Tausenden bei der Insel Tsuschima vernichtet war, hat die heitere Laune des russischen Großadmirals augenscheinlich in keiner Weise beeinträchtigt. Die Zeitungen sind voll von grauenhaften Schilderungen über russische Verwundetentransporte in der Mandschurei. Soldaten mit zerschossenen Gliedern hat man zusammen mit Dysenteriekranken in Viehwagen geworfen; Tag und Nacht ohne Speise, Trank und Verpflegung gelassen. In diesen Eisenbahnwagen haben sich Szenen abgespielt, deren bloße Schilderung den unbeteiligten Leser mit Entsetzen erfüllt. Aber Son Altesse Imperiale s’amuse ä Paris! Der Riesenkörper des russischen Reiches windet sich in revolutionären Zuckungen. Kein Tag vergeht ohne blutige Straßenkämpfe, bald im Kaukasus, bald in Polen, heute in Libau, gestern in Odessa. Aber die Laune des russischen Großfürsten bleibt ungetrübt. Mit vollen Händen streut er in der flotten Pariser Gesellschaft das Geld aus, das er bei der Ausrüstung der russischen Flotte erspart hat, — ein Pendant zu jenem anderen Großfürsten, der an dem Abend, der dem Fall Port Arthurs folgte, an den Spieltischen des Kasinos in Monte Carlo Zerstreuung suchte und fand. Kann man sich etwas Schamloseres vorstellen als diesen moralischen Nihilismus, der kein Gefühl dafür hat, wie maßlos widerwärtig sich das vergnügte Gesicht eines Mitgliedes der russischen Dynastie in dem Jammer des Vaterlandes ausnimmt! Und wie miserabel muß auch diese sogenannte gute Gesellschaft sein, in der sich die Großfürsten herumtreiben! Wäre sie nicht so verlottert, wie sie ist, so würde sie solchen Großfürsten den Zutritt zu ihren Salons verweigern und sie auf die Freudenhäuser niedersten Ranges verweisen. Diese photographische Momentaufnahme könnte als wirksames Titelbild für eine Darstellung der gegenwärtigen russischen Revolution dienen. Die Verkommenheit der Dynastie, der autokratische Uebermut, die unmenschliche Geduld des russischen Volkes — das alles spiegelt sich auf dem lachenden Gesicht des Großfürsten Alexei. The Jewish Encyclopedia, Band X. Kaum find die Dithyramben verklungen, welche den IX. Band dieses Riesenwerkes begrüßten, und schon hat sein Nachfolger seine Karte abgegeben. Mit der peinlichen Pünktlichkeit, mit der Oncle Sam in der New Iork-City seine Wechsel einlöst, erscheint Band auf Band. Ein stattlicher Kraftmesser ein solches Corpus, schon rein äußerlich betrachtet, eine Technik, die ihresgleichen suchen darf. Und nun der Inhalt! 153 reisige Geister mußten sich regen, um diese Leistung auf die Bahn zu bringen. „Das Volk der größten Möglichkeiten" im „Lande der unbegrenzten Möglichkeiten". Nur einer arbeitet schneller. Wenn wir den sel. Kayserling noch unter den Mitarbeitern, die beiden jüngst verstorbenen Rothschild unter den Lebenden aufgeführt sehen, müssen wir eingestehen: der düstere Schnitter hat den Rekord geschlagen. Was bedeutet auch die Zeit? Mit David Philipson in Cincinnati beginnt, mit David Samoscz schließt der Band. Zwischen den beiden Davids ein paar hundert Seiten. Und doch, welch ein Weg von dem Mendelssohnianer zum Cincinatier Rabbi! Manche alte Freunde begegnen uns wieder. Selbst die Polnaaffaire und Ihr Freund Rohling sind nicht vergessen. Wir erfahren zu unserer Ueberraschung, daß der Herr Professor immer noch uns Juden seines Herzens Neigung widmet; daß er im Zionismus die Lösung der Judenfrage erblickt. In der Literatur hätten wir neben Kroner und Delitzsch gern auch Bloch (Akten und Gutachten zum Prozeß Rohling-Bloch) verzeichnet gesehen. Vielleicht nicht mit Unrecht. Von Wiener Bekannten, zum Teil schon Betrauerten, begegnen uns Josef Popper („Phantasien eines Realisten"), Adam Politzer, Francis P2ibram, A. M. Pollak von Rudin, Pollak Ritter von Borkenau, Dr. Mor. Rappaport u. a. Bon Wiener Gelehrten hat Dr. M. G r u n w a l d ausführliche Artikel über „Sprichwörter" und „Prag" beigesteuert. Daß neben Rembrandt Picart, der Meister im jüdischen Genrebild und Vorläufer unseres Oppenheim, ausführliche Würdigung findet, kann nur mit Dank begrüßt werden. Besondere Beachtung verdienen Bachers Beiträge. In dem Artikel „Punktation" zeichnet Bacher mit gewohnter Gewifsenhaftigkeit die Geschichte der Vokalisation des hebräischen Bibeltextes. Wir hören ausführlich über die Quelle der Vocalzeichen, ihre Namen, das babylonische (superlineare) Akzentuationssystem u. s. w. Von „Saadia b. Joseph" liefert Bacher eine treffliche Biographie. Saadja hat dem Judentum durch seine Arbeiten, insbesondere durch seine Abwehr der karäischen Angriffe auf den Rabbinismus gute Dienste geleistet. Der berühmte Gaon erscheint in der Bibelexegese als ein Pionier unter seinen Glaubensgenossen; von hoher Bedeutung für die Folge ist seine ausgesprochene Vorliebe für das schlichte klare Verständnis des Schriftwortes. Doch stellt dieses Verdienst nur eine seiner weitumfassenden Tätigkeit dar. Sein religions-philosophisches Werk „Emunot we deot“ („Glauben und Wissen") hat die jüdische Religionsphilosophie des Mittelalters stark beeinflußt. Kulturhistorisch noch bedeutsamer ist seine arabische Bibelübersetzung. Prof. Bacher sagt von ihr: „Dieses Werk ist von Bedeutung für die Geschichte der Zivilisation; sie ist ein Produkt der Vermählung, welche jüdischer Geist mit arabischer Kultur eingegangen ist, und verdient in dieser Hinsicht ihren Platz neben der Septuaginta und Mendelssohn's Uebertragung der heiligen Schrift in die deutsche Sprache." Sonst find hervorzuheben: S. Kraus „Procurators" u. a., C. Siegfried (auch hier fehlt das wehmütige „Decised") über „Philo", Ludwig Blau über die Phylakterien, I. Löw „Plants", Köhler „Resurrektion" u. a., Regina Neiffer, Eckstein, Margel usw. Wer zählt die Namen! Alles in allem eine gute Gesellschaft, eine achtbare Leistung. Herausgeber und Mitarbeiter find aufrichtig zu beglückwünschen. —X. Dir antisemitische „Wissenschaft" der Schächtheher. (Schluß.) Und derartige Falschmünzerei nennt Herr Stenz »einzig und allein die Wahrheit ermitteln und für sie eintreten"! Aber man höre weiter: Dr. v. Schwartz spricht allen Ernstes, gleichwie dem Physiologen Du Bois-Reymond, so auch dem Pathologen Rudolf